Im Innenhof des Berliner Ensembles sprüht ein Wassersprüher einen kühlenden Nebel in die warme Sommerluft – und tut was er kann. Im Parkett des Saals im Großen Haus gelingt das Kühlen weniger. Es ist stickig, staubig und irgendwie schwül. Ein Mitarbeiter des Theaters tritt im weißen Oberteil vor die Bühne und teilt mit: Eine Schauspielerin sei ausgefallen und eine hochkarätige Zweitbesetzung werde den Abend möglich machen. Das Publikum ist erwartungsvoll, wobei die Erwartung der Grundton der Vorstellung sein wird.
Kaserne, Kostüm, Konsequenz
Mateja Koležnik, bislang vor allem im angelsächsischen Stoff zuhause, inszeniert Tschechow wie einen ausgeleuchteten Fernsehfilm. Das Bühnenbild von Klaus Grünberg und die Kostüme von Ana Savić-Gecan erzählen eine eigene Geschichte und tragen die Inszenierung. Die Geschichte ist in eine statische graue Kaserne verlegt, in der allerhand liebevoll arrangiertes Detail zu sehen ist. Sogar der Wasserhahn funktioniert und speit hin und wieder ungewollt einen Schwall in das staubige Porzellanbecken.

Zunächst kippt Irinas leuchtend grünes Kleid die Akte ins Graubraun, die Militärfarben nehmen jedoch stetig die Kostüme ein. Keine Szene ohne ein neues Kostüm oder wenigstens andere Schuhe an den Füßen der Figuren. Wenn das Statisten-Dutzend in wohl endlosen Kolonnen die Mobilmachung gen Polen zeigt und dabei einen Rabatz veranstaltet, bei dem man sich kurz um die Schauspieler sorgt, hat der Abend seine stärksten Momente. Was Koležnik nicht entfaltet, ist eine Klassenanalyse: Die Unfähigkeit dieser Schwestern zu handeln bleibt psychologisch unerklärt, wo das Material verlangt, dass der Zuschauer sie als strukturelles Produkt ihrer Schicht begreift, nicht als Leute mit schlichtem Pech.
Die Geschichte, in der niemand handelt und alle auf etwas warten, das nicht kommt, erinnert unweigerlich an Becketts „Warten auf Godot“ – wobei Tschechows Stück den Theaterkundigen als milderer, noch hoffnungsvoller Vorgänger bekannt ist. Wer russische Literatur jener Epoche tiefer erkunden will, dem empfiehlt sich das gerade ebenfalls am Berliner Ensemble gespielte „Kinder der Sonne“ nach Maxim Gorki, das einen ähnlichen Zeitraum der russischen Geschichte ausleuchtet, dabei aber mit mehr Übertragungsleistung zum Publikum arbeitet.
Epply leuchtet, Nest erlischt
Lili Epply spielt die Irina mit Jugendlichkeit und Präsenz, und der strahlende Beginn ihres Bogens gehört zum Besten des Abends. Jannik Mühlenweg gibt den Baron solide, ohne an frühere Leistungen anzuknüpfen, während Maximilian Diehle, körperlich wie geschaffen für den düsteren Soljony, seltsam hinter sich bleibt. Tilo Nest als Tschebutykin spielt, als wolle er den Nihilismus seiner Figur selbst verkörpern. „Ein Baron mehr oder weniger, ist auch egal“, sagt die Figur. Der Satz sitzt, nicht weil er gespielt wird, sondern weil er zufällig stimmt.
Daraus lässt sich deduzieren, woran der Abend leidet: Wo einzelne Rollen aufleuchten, fehlt dem Ganzen der verbindende Impuls. Der Handlung zu folgen gelingt auch von guten Plätzen aus nur mit Mühe, und die Sitznachbarn kamen hinterher zu ähnlichen Urteilen. Die Langeweile ließe sich als Absicht lesen, das Stück handelt schließlich vom Warten. Uninspiriert war der Abend trotzdem.
Das Kostüm und die Kulisse affizieren den Zuschauer in „Drei Schwestern“, während die Inszenierung hinter den Möglichkeiten des Kulturraums des Stücks zurückbleibt. Wer Bühnenbild und Kostüm als eigenständige Kunst schätzt, findet hier lohnende Anschauung. Wer den Stoff sucht, den Tschechow hergibt, Figuren, die packen, oder die russische Seele, die hinter dem Text liegt, ist anderswo besser aufgehoben.
Das Berliner Ensemble inszeniert auf höchstem Niveau, das darf man bei aller Kritik nicht vergessen. Zugleich hat es die Tradition, dass das Haus für alle zugänglich sein muss, was ein großer Schatz für die ganze Region ist.
