Jakob Nolte hat Gorkis „Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble radikal überschrieben. Laura Linnenbaum inszeniert eine schwarze Komödie, in der verarmte Akademiker zwischen Verlockung, Ehekrise und dem Traum vom Gärtnern ihre Würde verhandeln.
Auf der Probebühne des Berliner Ensembles herrschte ein paar Wochen vor der Aufführung ein wildes Durcheinander. Schauspieler testeten die Klangqualität der Laternenpfähle, kletterten an ihnen hinauf, probierten verschiedene Gläser am Festtagstisch, neben dem ein Apfel auf dem schwarzen Boden lag, rot wie die wenigen Akzentfarben, die Roskamps Requisiten vom Asphalt abheben, suchten in mehreren Anläufen nach dem richtigen Maß für Lisas (Lili Epply) melancholische Trauer – Pauls Schwester, deren Kind vor zwei Jahren starb, will Gedanken beitragen und wird von den anderen übertönt. Auch die feinen Unterschiede der Aussprache, die sich später als soziale Marker durch den Abend ziehen, formten sich in diesen Wochen erst. Was beim späten Probenbesuch wie ein Findungsprozess ohne klare Richtung wirkte, hatte sich am Premierenwochenende im Neuen Haus, in dem der Geruch von Orangensaft bis in die Reihen drang, zu einem verdichteten Theaterabend mit einer zeitgenössischen Adaption gefügt.
Maxim Gorki verfasste „Kinder der Sonne“ 1905 in der Peter-und-Paul-Festung, inhaftiert nach dem Petersburger Blutsonntag. Das am Kommissarschewskaja-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführte Stück hat Jakob Nolte in die bundesdeutsche Gegenwart geholt, wo es eine Sehnsucht nach Ordnung trifft, die viele bewegt. Bei allzu offensichtlichen Bewertungen ist dennoch Vorsicht geboten.
Gorki radikal überschrieben
Jakob Nolte, 1988 in Barsinghausen geboren, hat Gorkis Stück nicht aktualisiert, sondern einer Kernsanierung unterzogen. Unter der Regie von Laura Linnenbaum, dramaturgisch begleitet von Amely Joana Haag, feierte die Neufassung am 21. Februar 2026 im Neuen Haus des Berliner Ensembles ihre Uraufführung – zwei Stunden und zehn Minuten ohne Pause, neun Figuren auf Daniel Roskamps rotierender, laternengesäumter Drehbühne, auf der niemand bemerkt hat, dass Ostern ist. Aus zaristischen Aristokraten wurden prekäre Berliner Akademiker, aus dem herrschaftlichen Anwesen ein Mietshaus am Stadtrand, das der Vermieter an Investoren zu veräußern droht.
Im Programmheft bilanziert Nolte lakonisch: „Das Stück zu schreiben, hieß das Stück zu streichen.“ Doppelt so viele Sätze seien gefallen, wie übriggeblieben seien.
Verlockung, Ehe und Gärtnern
Hinter dem Galgenhumor verhandelt diese Intellektuellendämmerungskomödie die großen Fragen der Menschen. Marc Oliver Schulze spielt einen fantastischen Paul Fürst, Literaturwissenschaftler und Dozent, und verleiht dem leisen Widerstand der Figur gegen die Zumutungen des Abends eine beiläufige Gravität. Paul Fürst, gespielt von Marc Oliver Schulze, ist Literaturwissenschaftler und Dozent, seine Frau Jelena (Pauline Knof) arbeitslos. Als die Unternehmerin Melanija Schmitt, gespielt von Bettina Hoppe mit der ganzen drängenden Energie einer Frau, die genau weiß, dass Kapital jedes Problem zu lösen vermag, dem zögernden Dozenten ein pekuniär betörendes Angebot macht – einen Bulli, einen Hund, ein sorgenfreies Leben –, steht plötzlich die uralte Frage im Raum, ob eine Verlockung anzunehmen sei oder ob die einmal getroffene Entscheidung zur Ehe ihren eigenen, stillen Wert behält. Der Ehemann widersteht. Nils Lund dagegen, ein Künstler modernen Typus (Jannik Mühlenweg), ergibt sich dem Sog des Kapitals kampflos: Er malt das Porträt seiner Gönnerin zweimal in gleicher Anlage, verbringt die Abende mit stundenlangem Kurzvideokonsum und verengt seinen Blick dabei Scroll um Scroll – eher leer als einfältig. Zuletzt übernimmt er gemeinsam mit Melanija das Haus.
Am Ende des Abends offenbart Paul beiläufig, er habe sich beim Straßen- und Grünflächenamt beworben. „Professor, als Gärtner?“ Es ist der stille Höhepunkt der Inszenierung, der Rückzug des Geisteswissenschaftlers ins Handgreifliche. Alle Intellektuellen wollten insgeheim Gärtner werden, heißt es dann, und einer erinnert daran, dass auch Jesus Christus nach der Auferstehung als solcher erschienen sei.
Klasse und Vorurteil
Die schärfste Szene des Abends gehört dem Handwerker Roman Gauner (Maximilian Diehle). Von den Akademikern als Rechtsradikaler verdächtigt – Berufsschulabschluss, keine Busse auf dem Land –, entpuppt er sich als Leser von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ und zerlegt dessen zyklischen Geschichtsdeterminismus treffender als seine Ankläger es je vermöchten. Der Zuschauer, der dem Verdacht womöglich gefolgt ist, findet sich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Nolte verhandelt die Klassenfrage auch über Feineres – selbst die Aussprache des Wortes Kaffee, ob als bildungsbürgerliches Kafé, als betontes Káffee oder im Regiolekt mit kurzem Schluss-e als Kaffe, wird im Stück zur sozialen Kennung.
Bescheidenheit als Ausweg
Überraschend milde endet das Stück trotz aller Sezierung. Paul und Jelena haben über die Monate, die zwischen den Akten verstreichen, ihr Leben geordnet, pragmatisch und leise: Er bewirbt sich beim Grünflächenamt, sie macht eine Fortbildung zur Lehrerin. Was Maslow als Sicherheitsbedürfnisse beschrieb, können sich selbst die Angehörigen der wohlhabenden Mittelschicht in dieser Stadt kaum noch leisten – Nolte verortet diesen Befund sehr konkret in der Berliner Gegenwart. Der Wunsch nach einem geregelten, bodenständigen Leben mag im geisteswissenschaftlichen Milieu fremd wirken, fast spießbürgerlich. Doch die Bescheidenheit, die Paul am Schluss annimmt, berührt, weil sie die Dichotomie von akademischem Anspruch und gelebter Wirklichkeit nicht auflöst, sondern aushält. Das Leben muss im Heute gelebt werden, man kann es nicht aufheben.
Linnenbaum wies bei darauf hin, die Begegnungsräume der Intellektuellen und Kunstschaffenden auf der Bühne sei genau jene, die das Stück gemacht habe und die es sich anschaue. Dass die Inszenierung keinen Standpunkt außerhalb der eigenen Klasse findet, ist dabei nicht ihr Mangel, sondern ihre schärfste ideologiekritische Pointe. 121 Jahre nach Gorki steht auf der Bühne des BE kein Proletariat mehr vor dem Tor. Es klingelt aber nun nur noch der Vermieter.