Berliner Kulturszene

Rückblick auf die Spielzeit 2025/2026

Vor der Vorstellung von „Jewgeni Onegin“ in der Komischen Oper in Berlin.

Die Spielzeit 2025/2026 neigt sich dem Ende und immer mehr Häuser verfallen in den sommerpäuslichen Ruhebetrieb. Die Klimaanlagen fressen die knappen Megawattstunden der Dunkelflaute, während die Wasserwerke der Hauptstadt zur Genügsamkeit beim Duschen aufrufen. Das ist eine gute Gelegenheit, um zurück auf die vergangene Spielzeit zu blicken. Dreiunddreißig Abende, achtundsechzig Stunden in Berlins Aufführungsorten.

Tagelang hat mich das Bühnenbild von „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ verfolgt, im positivsten Sinne, bis in den Schlaf hinein. Am 6. und 7. Juni 2026 saß ich im Großen Haus des Berliner Ensembles, Frank Castorfs Inszenierung nach Erich Kästner, und begriff, weshalb ein Roman, den ich kurz zuvor noch einmal gelesen hatte und der mir auf dem Papier seltsam handlungsarm vorkam, auf der Bühne zu einem Sog werden kann. Zwischen September 2025 und Juli 2026, also über eine komplette Spielzeit hinweg, habe ich in Berlin 33 Vorstellungen besucht, an vier Institutionen (Berliner Ensemble, Staatsballett Berlin, Komische Oper Berlin, Staatsoper Unter den Linden), verteilt auf neun verschiedene Säle, vom Großen Haus des Berliner Ensembles über die Tischlerei der Deutschen Oper bis zum Schillertheater. Das sind rund 68 Stunden reine Saalzeit, zehn davon mit Pause unterbrochen, der Rest in einem Zug. Der Sommer naht, die Spielzeit läuft aus, und was bleibt, ist neben müden Beinen vor allem der Eindruck einer erstaunlichen Vielfalt.

Diese Vielfalt hat allerdings ihren Preis, im doppelten Sinn des Wortes. Wer, wie ich, ohne Berlin-Pass oder Studierendenstatus unterwegs ist, zahlt für dieselbe Vorstellung ein Vielfaches dessen, was Studierenden oft fast hinterhergeworfen wird, was der Sache mitunter merkwürdigerweise ihre Bedeutung nimmt, statt sie zu erhöhen. Kulturelle Teilhabe in dieser Stadt bleibt, jenseits der Ermäßigungstabellen, ein Desiderat, das einen eigenen Text verdient hätte, hier aber nur als Randnotiz stehenbleiben soll.

Theater

Der Löwenanteil der Spielzeit spielte sich, folgerichtig, im Sprechtheater ab, mit 24 Besuchen und rund 55 Stunden Gesamtdauer. Darunter zwei Ausnahmen: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ und „Kinder der Sonne“ habe ich, aus unterschiedlichen Gründen, jeweils zweimal gesehen. Die Aufführung des „Hauptmann von Köpenick“ war eigentlich eine Ersatzaufführung vor der Premiere – also eher eine Generalprobe. Dadurch war der große Saal fast leer und diese szenische Lesung von Max Hopp, die durch seine Frau Doris Decker musikalisch untermalt wird, wirkte somit ganz anders.

„Kinder der Sonne“ wird im Theater als „Kinder der Sonne von Jakob Nolte nach Maxim Gorki“, Regie führt Laura Linnenbaum, ein Stück, das seine Corona-Zeit-Entstehung nicht verleugnet.

Stück Inszenierung Spielstätte Dauer Rollen
Antigone Johan Simons Großes Haus, BE 02:00 3
Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Max Lindemann Neues Haus, BE 01:20 1
Christiane Paul liest: Marzahn Mon Amour Tobias Kruse (Einrichtung) Großes Haus, BE unbekannt 1
De Profundis Oliver Reese Großes Haus, BE 01:50 1
Die Dreigroschenoper Barrie Kosky Großes Haus, BE 03:00 27
Drei Schwestern Mateja Koležnik Großes Haus, BE 01:55 11
Fabian oder der Gang vor die Hunde Frank Castorf Großes Haus, BE 04:45 11
Felix Krull Alexander Eisenach Großes Haus, BE 01:30 5
Der Hauptmann von Köpenick Max Hopp Großes Haus, BE 01:55 1
Hedda Heiki Riipinen Neues Haus, BE 02:30 5
„Heroes" (Alexander Scheer singt David Bowie) Steffen Sünkel (Konzeption) Großes Haus, BE 01:45 5
K. Barrie Kosky Großes Haus, BE 03:10 8
Kinder der Sonne Laura Linnenbaum Neues Haus, BE 02:10 9
Kleiner Mann – was nun? Frank Castorf Großes Haus, BE 05:00 7
Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner Dennis Krauß Neues Haus, BE 01:00 1
Mein Name sei Gantenbein Oliver Reese Großes Haus, BE 01:45 1
Mutti, was machst du da? Axel Ranisch Neues Haus, BE 01:50 7
Panikherz Oliver Reese Großes Haus, BE 02:00 4
Sturm auf Berlin Marie Schwesinger Neues Haus, BE 01:40 5
Tod eines Handlungsreisenden Max Lindemann Neues Haus, BE 02:10 5
Was ihr wollt Antú Romero Nunes Großes Haus, BE 03:00 10
Ein wenig Licht. Und diese Ruhe. Dennis Nolden Neues Haus, BE 01:45 1

Tanz

Siebenmal führte mich der Weg in die Tanzsparte, mit knapp sieben Stunden Gesamtdauer, deutlich kompakter als das Sprechtheater.

Stück Entität Choreografie Spielstätte Dauer
Fearful Symmetries Staatsballett Berlin Christian Spuck Staatsoper Unter den Linden 01:40
Minus 16 / SAABA Staatsballett Berlin Ohad Naharin / Sharon Eyal, Gai Behar Deutsche Oper 2:00
Mokka-Hits und Milchbar-Träume Komische Oper Berlin Axel Ranisch und Adam Benzwi Schiller Theater 02:25
Schwanensee Staatsballett Berlin klassisch Staatsoper unter den Linden 2:50
Wunderkammer Gastspiel Staatsballett Marcos Morau Schiller Theater 01:10

Unterhaltung

Zwei Opernabende, gut sechs Stunden, komplettieren meine kleine Bilanz.

Stück Inszenierung Spielstätte Entität Dauer
Chowanschtschina Claus Guth Staatsoper Unter den Linden Staatsoper Unter den Linden 03:30
Jewgeni Onegin Barrie Kosky Schiller Theater Komische Oper Berlin 02:50

Was hängen blieb

Fünf Abende ragen aus der Bilanz heraus, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Bei «Fabian oder der Gang vor die Hunde» war es weniger der Stoff selbst, den ich als Roman eher blass empfunden hatte, als die Opulenz der Bühnenfassung, die den Text dekonstruiert und ihm zugleich wortgetreu bleibt, eine Gratwanderung, die auf einem erstaunlich kompakten, gerade dadurch aber vielseitig bespielbaren Bühnenbild gelingt, das mehrere Ebenen der Zerlegung gleichzeitig sichtbar macht, ohne dass eine davon die andere erschlägt.

Zu „Fearful Symmetries“ komme ich über einen persönlichen Umweg. Meine bald Angetraute hat mich dem klassischen Tanz nähergebracht, einer Kunstform, die, nüchtern betrachtet, oft ihrem eigenen Selbstzweck dient. Bei Christian Spucks Choreografie des modernen Tanzklassikers aber greifen Musik und Bewegung so ineinander, dass sich Machtverhältnisse regelrecht abbilden lassen, Aufbegehren, Unterwerfungsversuch, und die Beharrlichkeit, die am Ende doch einen gewissen Erfolg evoziert. Dass sich das, was auf der Bühne verhandelt wird, für jedermann erschließt, auch wenn die Institution Staatsoper unter den Linden selbst eher elitär wirkt, gehört zu den kleinen Dichotomien dieser Spielzeit.

Der Doppelabend „Minus 16 / SAABA“ hat mich gespalten zurückgelassen. Sharon Eyals „SAABA“ hat mich mit seiner Kostümierung und der Art, wie die Tänzer:innen darin geführt werden, streckenweise regelrecht affiziert, im unangenehmen Sinn, dennoch bleibt die tänzerische Präzision überzeugend. Ohad Naharins „Minus 16“, immerhin schon 1999 am Nederlands Dans Theater II uraufgeführt, wirkte auf mich dagegen eher infantil, ein Stück, das seine Zielgruppe wohl eher unter frisch nach Berlin gezogenen Twens findet als bei mir, was der über ein Vierteljahrhundert alten Choreografie nicht ganz gerecht werden mag.

„Was ihr wollt“ in der Fassung von Antú Romero Nunes bleibt ein Vergnügen, das keiner großen Worte bedarf, seine Wirkung stellt sich unmittelbar ein.

Kinder der Sonne“ schließlich, das ich sowohl als Probe im Februar als auch als reguläre Vorstellung im April gesehen habe, verhandelt, geprägt von seiner Entstehung während der Corona-Zeit, die Reibung zwischen einer abgehobenen Akademiker-Schicht im Berliner Südwesten, irgendwo zwischen Grunewald und Nikolassee, und den sogenannten einfachen Leuten, deren feinsinnige Gedanken das Stück ausdrücklich nicht geringschätzt. Treue, Zugehörigkeit, Klassenmobilität, all das wird zwischen den Paaren verhandelt, ohne dass am Ende ein eindeutiges Urteil steht.

Neben den Vorstellungen selbst standen in dieser Spielzeit auch rund ein halbes Dutzend Theaterworkshops, angeregt durch eine Freundin, die mich zur Teilnahme ermutigt hat. Es ging um Performance, um Risiko auf der Bühne und im eigenen Auftreten, um allerlei Methoden, die man als Zuschauer sonst nie zu sehen bekommt. Der Probenbesuch bei „Sturm auf Berlin“ lief davon unabhängig, war aber, in seiner Mischung aus Nervosität und Konzentration kurz vor der Premiere, eine ganz eigene Schule des Sehens.

Rückschau

Ganz so schlimm, wie man es während und nach der Amtszeit von Joe Chialo (CDU) befürchtet hatte, ist es um die Berliner Kultur nicht gekommen. Gut ist die Lage deshalb noch lange nicht. Chialo trat im Mai 2025 wegen der Kürzungen im Kulturhaushalt zurück, seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson musste das Amt inzwischen ebenfalls wieder räumen, im Zusammenhang mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft bei Fördergeldern, der dritte Senatsrücktritt unter Kai Wegner (CDU) seit dessen Amtsantritt 2023. Dazu kommt ein oft zu elitärer Personenkreis an den Häusern selbst und ein residuelles, aber hartnäckiges Desiderat an Angeboten für Menschen in der Rushhour des Lebens, gemeint sind Eltern, bei denen Geld und Zeit gleichermaßen knapp sind und ein Theaterbesuch keine Selbstverständlichkeit ist. Dass dabei Singles und kinderlose Paare eher außen vor bleiben, kann ich, bei aller Kritik, gut aushalten.