Brecht
Mit leeren Händen: Der Lebenslaus des Boxers Samson-Körner
Im Neuen Haus des Berliner Ensembles steht ein Mann in Unterhose vor einem großen reflektierenden Lichtschirm, die den Mond darstellen soll – man muss das wissen, um es zu sehen – mal gleißend kalt, mal sepiawarm.
Oliver Kraushaar spricht und spielt Paul Samson-Körner, deutschen Schwergewichtsmeister der Zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und erklärten Freund Bertolt Brechts – wobei das Wort Freundschaft etwas seltsam anmutet, wenn man bedenkt, dass Brecht das gemeinsam mit Elisabeth Hauptmann begonnene Prosafragment schlicht abbrach, als Samson-Körners Karriere zu Ende war. So war Brecht wohl, wie wir aus anderen Berichten aus seinem Umfeld wissen. Dennis Krauß hat dieses Fragment als Uraufführung auf die Bühne gebracht.
Berufswunsch bodenständig
Was Kraushaar erzählt, ist eine Autobiografie in Stichworten: Zwickau, Berufswunsch Elektroniker und Angebot als Bierkutscher, Hamburg, Schiff, Cardiff, Gefängnis. Dort ein fettleibiger Wärter, der sich nicht bewegen will, Karten spielt und die Insassen zu explizieren Zurschaustellungen animiert. Die Insassen hätten an der „Pfeife“ nagen müssen, womit der gleichgeschlechtliche, damals unsittliche Umgang gemeint war. Brecht scheut das nicht. Die Sprache verhandelt alles auf der Zwischenebene – metaphorisch, bildhaft, ökonomisch.
Sport ist kein Spiel
Boxen, so Samson-Körner, sei kein Sport wie andere Sportarten. Etwa spiele man Fußball, boxen spiele man hingegen nicht. Mit steigender Popularität verschlechtere sich außerdem der Sport – das Publikum komme nur noch zur Unterhaltung, nicht mehr zum Verstehen. In der gleichen Zeit entstand der waghalsige uns todbringende Motorsport.
Kraushaar kleidet sich im Laufe des Abends an: Habenichts, Boxer, Mann im Anzug mit Krawatte und benutzen Einstecktuch. Nach seinem ersten Kampf bringt er seiner Freundin ein Veilchen mit – nicht die Blume, sondern das Schlagmal im Gesicht. Die Lady nimmt es still. Es rührt von seinem ersten Boxkampf, den er machte, um 20 Pens zu sparen und die junge Freundin zu beeindrucken, mit der er bisher nur auf dem Korridor seines Seemannshotels verkehrte.

Unvermittelt kommt eine Aussage über die Liebe, dass sie einen etwas tun lasse, das er gar nicht unbedingt wolle. Ein herzenswarmer Einschub, der umso mehr trifft, weil er so schnell wieder geht. Es geht im Text und Stück eben um die zwei Seiten einer Medaille.
Das Stück ist nach einer Stunde spielendem Einmann-Vortrag unvollendet, der Text nicht – kurzweilig im besten Sinn. Kraushaar trägt es mit Präzision. Ein kurzer Textaussetzer wird von der Souffleuse so schnell aufgefangen, dass er bei der Menge der Silben kaum zählt.
Glück hat man nur ein Mal
Was bleibt, ist ein Satz aus der Arbeiterbewegung, der heute schwerer wiegt als damals: Das Glück hat man einmal im Leben – und vielleicht ein zweites Mal, ein bisschen weniger. Samson-Körner hatte es. Er kam aus Zwickau, fand einen Freund namens Brecht, eine Streuscheibe Mond und einen Ring, in dem alles zählte. Wer heute erbt – das Glück, den richtigen Namen zu tragen, den richtigen Moment erwischt – steht auf einem anderen Blatt. Schauen Sie sich das Stück ruhig an, aber haben Sie keine Scheu vor der Abscheu.
