Die Politikarbeiter der Hauptstadt sind aus der U-Bahn in die Büros gequollen, die Morgenlagen in den politischen Büros laufen noch nicht, aber es ist ein Geraune in den Ohren der Büroangestellten in Berlin-Mitte. Durch die Membranen der Kopfhörer schnattern mit journalistischer Inbrunst Silben, die zu Worten geformt sind, aber wenig Inhalt transportieren. Wie eine Zwölftonmusik aus Nonsens.
Es ist Viertel nach acht – beziehungsweise viertel neun. Während ich über die Wiese am Kanzleramt gehe, höre ich Paul Ronzheimers gestrige Einschätzung zur aktuellen Regierungskrise. Was er da vor sich hin spekuliert, weiß ich längst besser – aus der Tagesschau-App, die ich vor fünf Minuten überflogen habe. Die Informationslage dort ist präziser, die Faktenlage aktueller. Und das ist das eigentliche Problem dieser Podcast-Ära: Die Simulation von Information hat die Information selbst abgelöst. Eigentlich standen vor allem Podcasts mal für tiefere Informationen, ein Beispiel dafür war lange Zeit etwa „Lage der Nation“ oder auch „The Daily“ – aber die Spekulationspodcaster haben die Zeitenwende vollbracht.
Und bei aller Kritik ist mir die zwickmühlenhafte Situation im Hauptstadtjournalismus durchaus bewusst. Weniger Personal, immer schnellere Zyklen, Politiker mit eigenen Publikationskanälen. Aber gibt man sich dem einfach bloß unreflektiert hin, bemerken die Rezipienten das irgendwann auch und der Stern verglüht. Medien leben vom Vertrauen auf die Belastbarkeit von Informationen.
Schnell online, aber keine Zeit
Die vorgeblich tagesaktuellen Analyse-Podcasts der Hauptstadt-Journalisten versprechen Tempo und Tiefe zugleich – in Wahrheit liefern sie keines von beiden. Was gestern Abend als brandaktuelle Analyse in die Mikrofone gesprochen wurde, ist zum Zeitpunkt des Hörens bereits Vergangenheit. Die Hosts haben keine Zeit zum Nachdenken. Es ist eine merkwürdige Choreographie: Während die Spekulationspodcaster ihre Spekulationen in einem Duktus vortragen, der Seriösität und Informiertheit suggeriert, wissen ihre Hörer oft schon mehr und bemerken wie dünn und wertlos die Informationslage aus den Podcasts ist.

Das Geschwindigkeitsversprechen entpuppt sich immer öfter als Luftnummer – statt fundierter Einordnung gibt es Infomüll, der direkt ins Hirn gesäuselt wird. Falsche Verknüpfungen werden gemacht, Zusammenhänge konstruiert, wo keine sind. Die Schnelligkeit bedingt das spekulative Reden, aber sie rechtfertigt es nicht. Zumal die intrikaten Verästelungen politischer Entscheidungen sich nicht im Sekundentakt entwirren lassen.
Spekulationspodcaster und ihre Blasen
Besonders absurd wird es, wenn sich die Spekulationspodcaster – oder Podcast-Bros – gegenseitig zu Gast laden – da interviewt der Table-Podcaster Michael Bröcker den Ronzheimer-Podcaster, der wiederum beim Politico-Podcast auftaucht. Ein selbstreferenzieller Kreislauf, in dem sich die immer gleichen Stimmen die immer gleichen Vermutungen zuspielen. Wer nach Substanz sucht: Fehlanzeige. Das hat auch schon Stefan Schulz heraus gefunden.
Ein exemplarisches Beispiel lieferte Ronzheimers Gespräch mit Angelika Hellemann über die SPD-Strategie. Was als Insideranalyse angekündigt wurde, entpuppte sich als Ratespiel zweier Menschen, die ihre Unwissenheit mit umso größerer Emphase vortrugen. Die Spekulationspodcaster bewegen sich stark in Richtung KI-Slop.
BILD.de informativer als der Podcast
Die Ironie ist messerscharf: Ausgerechnet die Website der BILD-Zeitung hat mittlerweile oft mehr Substanzielles beizutragen als ihre eigenen Podcast-Stars. Während die Online-Redaktion Meldungen verifiziert und einordnet, produzieren die Audio-Prominenten Spekulationen am Fließband – das Stammpersonal der Podcasts scheint sich in einer Parallelwelt zu bewegen, in der Vermutungen als Erkenntnisse gelten und Hörensagen als Recherche.
Ronzheimers Schalten aus der ganzen Welt sind symptomatisch für dieses Phänomen. Als ostdeutscher Hörer, geprägt von einer gewissen Skepsis gegenüber großspurigen Gesten, irritiert mich besonders die Diskrepanz zwischen Aufwand und Ertrag seiner Reisen. Ob beim Trump-Putin-Treffen oder bei anderen historischen Ereignissen – es wirkt, als hätte Ronzheimer selber vor Ort in Anchorage bloß den CNN-Livestream auf dem iPhone geschaut, statt vor Ort wirklich etwas zu sehen. Der Medienmillionär aus dem Kreuzberger Büroturm hat wohl vor Ort nicht so viel Zeit gehabt, um sich richtig einzufinden – er sagt es in seinem Podcast selbst, dass er die Zeitzonen nutzen will, um ein bisschen zu ruhen und dann den Anschein zu erwecken, ausgeschlafen genug für das Programm seines Mediums zu sein. So kommt es dazu: Kein richtiges Stimmungsbild, keine Reportage, keine Einblicke. Nur die belanglose Bemerkung, dass ihn Einheimische in einem Wohnwagen gegenüber seinem Hotel skeptisch beäugten – würde ich wohl auch, wenn ein mutmaßlicher deutscher Millionär plötzlich in einem mäßig annehmbaren Hotel in meiner Stadt auftauchen würde.
Wohlverdiente Hängematte
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz bereits Texte schreibt und Analysen erstellt, stellt sich die Frage: Welchen Mehrwert bieten Podcaster, deren Hauptprodukt Spekulation ist? Wenn das Kerngeschäft darin besteht, Unwissen in seriösem Tonfall zu verpacken, können das Algorithmen vermutlich billiger und möglicherweise sogar besser. Vielleicht ist es Zeit, die Spekulationspodcaster in die wohlverdiente Hängematte zu schicken. Die Hörer würden nichts verlieren – außer der Illusion, informiert zu sein.