Politiker haben ein Bild von sich und eine Vorstellung, wie sie wirken wollen – als Journalist ist das nicht immer zu durchbrechen. Mit interessanten Fotos kann man aber eine relevante journalistische Geschichte erzählen und eine Schere zwischen Text und fotografischem Subtext gezielt nutzen. So kann Journalismus Relevanz jenseits der Sehgewohnheiten erzeugen.
Ein Politiker vor grauer Steinwand – kennt jeder. Aber ein Verteidigungsminister, der verteidigt? Ein Hero-Shot, der Persönlichkeit zeigt statt Amtswürde? Für meine „Spitzengespräche“-Reihe arbeite ich bewusst mit Max Hartmann, einem Fotografen, der normalerweise Musiker auf Konzerttouren mit Zehntausenden Live-Besuchern begleitet. Diese unkonventionelle Herangehensweise bricht Sehgewohnheiten und schafft Aufmerksamkeit.

Bild-Text-Schere als journalistisches Instrument
Die Diskrepanz zwischen Pose und Realität wird zur Nachricht. Mit einer geschickten Wahl der Bildunterschrift lässt sich eine bewusste Bild-Text-Schere nutzen, um zu markieren, wie sich ein Akteur gern zeigt – aber vielleicht hinter der Kamera eigentlich war. Diese Spannung zwischen visueller Inszenierung und textlicher Einordnung schafft journalistische Mehrwerte jenseits reiner Illustration.
Medien brauchen Alleinstellungsmerkmale
Zum Beispiel behandeln agrarpolitische Interviews meist fachspezifische Themen wie die Zuckersteuer oder Pflanzenschutzmittel. Doch das Fachgebiet ist breiter: Lohnpolitik betrifft landwirtschaftliche Unternehmer genauso wie die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Die visuellen Zugänge zu diesen komplexen Materien sind jedoch beschränkt, während sich die medialen Darstellungskonventionen in immer engeren Bahnen bewegen und dabei die spezifischen Anforderungen politischer Kommunikation nur unzureichend abbilden. Klassische Motive wären Abgeordnete auf Traktoren oder bei Stalleinweihungen – generische Bilder für spitze Themengebiete.

Ein Fachmedium erreicht vielleicht Zehntausende, während regionale Tageszeitungen Hunderttausende Auflage machen. In der deutschen Demokratie zählt am Ende Masse. Also brauchen Fachmedien ein Alleinstellungsmerkmal, um politische Aufmerksamkeit zu erhalten. Hier spielen besondere Fotos eine entscheidende Rolle.
Geben und Nehmen: Besondere Fotos als Eintrittskarte

Politiker sind Menschen und wollen sich schmeichelhaft dargestellt sehen. Ein professioneller Hero-Shot kann die Eintrittskarte für ein einstündiges Gespräch sein – Zeit, die bei der begrenzten Agenda eines Ministers schwer zu bekommen ist. Gleichzeitig transportieren diese Fotografien auf der Metaebene Informationen: Stimmung, Emotion, Persönlichkeit.
Dirk Wiese, heute Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, gilt als harter Hund, der pragmatische Machtpolitik umsetzt. In seinem Büro aber hängen mit Wachsmalstift gemachte Bilder seines Kindes. Diese wurden während des Kinderbesuches beim viel beschäftigten Vater in Berlin gemacht. Diese private Wand offenbart eine weitere Ebene des Politikers jenseits seiner öffentlichen Rolle, etwas das in einem Foto aufgegriffen und erzählt werden kann, ohne den fachlichen Anspruch eines Textes oder Interviews zu beeinträchtigen.
Max Hartmanns Erfahrung als Musikfotograf zeigt sich in der Inszenierung: Wie möchte sich der Akteur selbst zeigen? Mit geschickten Bildunterschriften kann man sogar eine Bild-Text-Schere nutzen, um die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität zu markieren. Journalistische Fotografie bleibt Journalismus, nicht Public Relations.
Aufmerksamkeitsstärke durch visuelle Innovation
Diese einzigartigen Fotografien sind Assets für Instagram, LinkedIn oder Website-Auftritte – nicht das immer gleiche Pressefoto aus der Abgeordneten-Mediathek. Die Zwischentöne sind ein Desiderat, welches ein guter, aber fachfremder Fotograf einbringt – ein Aspekt, den Politiker oft unterschätzen, obwohl sie 60% ihrer Arbeitszeit für Selbstdarstellung aufwenden. Fotos können ein Medium aufmerksamkeitsstärker und damit einflussreicher machen.