Orte verschwinden

Mönche müssen im Erzbistum Berlin weichen

Mönche müssen im Erzbistum Berlin weichen

Bekanntlich wuchs ich in Berlin auf und habe auch einige Orte, die mir etwas bedeuten. Viele sind schon längst verschwunden oder haben an Bedeutung verloren – so ist das KaDeWe von gar keinem Interesse mehr für mich, aber der Alexanderplatz, liebevoll schlicht Alex genannt, hat enorm an Bedeutung gewonnen. Das Katharinenstift in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg verschwindet.

Verschwinden durch Verkauf. Ein Ort, der mir immer schon bewusst war und dann zeitweise auch sehr viel Raum in meinem Alltag eingenommen hatte, ist das Ensemble um das Katharinen-Stift in der Greifswalder Straße. Eine kleine unscheinbare Kirche, einst mit dem Namen St. Gertrud und heute unter Mater Dolorosa firmierend, versteckt hinter einer Hausreihe von Arbeiterwohnungen in der Greifswalder Straße. Man kann die güldenen, in einem Bogen angebrachten Buchstaben gut von der Straßenbahn aus sehen.

Dieser Ort verschwindet. Das habe ich vor einigen Wochen bei einer Maiandacht erzählt bekommen und war erschüttert, wie das passieren kann. Das Erzbistum Berlin hat den Verkauf des 1896 errichteten historistisch-neugotischen Klosterkomplexes an eine private Kunsthochschule beschlossen. Wie hoch der Verkaufspreis ist, ist nicht bekannt, aber die Kirche selbst verschwindet. Damit auch ein kultureller Raum. Ich kann durchaus verstehen, dass hier auch wirtschaftliche Belange eine Rolle spielen und der Erhalt vielleicht unwirtschaftlich ist. Allerdings ist die Kritik an der römischen Kirche vor allem kapitalistischer Natur und besonders im Osten von Berlin ist die Vergangenheit von einem hoffnungsvollen Überstehen solcher Belange gekennzeichnet. Die Kirche in Ost-Berlin war immer schon mit Hoffnung, Trost aber auch kämpferischer Überwindung verknüpft.

Enteignung der Hoffnung

Natürlich könnte man nun argumentieren, dass es ja noch die Kathedrale gäbe, die nur etwa 20 Minuten entfernt ist, oder auch entlang der Ringbahn noch ein paar Kirchen existieren. Aber das offene und tägliche Angebot an diesem Platz ist besonders. Mit der Schließung gibt es in der ganzen Gegend eigentlich keine offene katholische Kirche mehr in Prenzlauer Berg – ein Stadtteil mit über 165.000 Einwohnern. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, wie Marx es einst formulierte – nur dass hier nicht der Fortschritt, sondern der schnöde Mammon das Verdampfen besorgt.

Oft bin ich nach getaner Arbeit nach Hause gegangen, habe mein Abendessen vorbereitet und bin dann schnell ins Katharinenstift zur Abendmesse gegangen, um danach erst zu essen. Es war ein fester Bestandteil meiner Abende – ob nun zwischen Feierabend und Abendessen noch schnell zur Messe zu gehen wirklich bedeutend ist, weiß ich nicht, aber es bedeutete mir eben etwas.

Verwandlung der Menschen

Man muss auch die Herz-Jesu-Priester bedenken, die ich nun auch schon länger kenne. Sie leben einen ganz unprätentiösen Dienst an den Menschen. Da wird auch mal eine Messe mit einer Jogging-Buxe unter der Casel gehalten. Die Priester, die dort leben und ihr Leben zu einem Dienst am Stadtviertel machen, machen das auch ziemlich einzigartig: Gott bei Gagarin, Hochbeete in der Nachbarschaft, Haustier- und Kuscheltiermessen haben einen Zugang für Menschen geschaffen, der jetzt fehlt und für schnödes Geld verkauft wird, wie das Erzbistum lieblos in einer Pressemitteilung online verlautbart.

Es scheint auch nicht, als wäre eine echte Abwägung der Bedeutung des Ortes passiert. Das Erzbistum betont in seiner Mitteilung, dass „die Handlungsfähigkeit im Kernbereich kirchlicher Tätigkeit“ erhalten werden müsse und der „Einsatz von Kirchensteuermitteln“ reduziert werden soll. Dass die Herz-Jesu-Priester, die dort ihr Kloster haben, es auch auf so knappe Weise gesagt bekommen haben, die Gemeinde, die sich um diesen Ort kümmert, es per Mitteilung erfahren hat, lässt tief über die Art und Weise blicken, wie die katholische Kirche, das Erzbistum als Behörde oder Institution handelt. Manchmal frage ich mich, warum bei dieser Art des Miteinanders überhaupt noch Leute auf dem Lohnsteuerzettel angeben „rk, römisch-katholisch“.

Was das Kapital alles kann

Pater Mönch schafft es nun nicht mehr, die Messe am Sonntagabend zu feiern. Das ist ein Verlust! Es ist ein Verlust für Prenzl’berg, den Norden von Friedrichshain, Mitte und alle Menschenseelen, denen diese Abendmesse durch schwere Zeiten geholfen hat. Jeder, der hier seinen Glauben bewahren oder wiederfinden konnte, wird nun ein leises Stöhnen der Traurigkeit in die Welt lassen.

Jedes Mal, wenn die Stimme in der Straßenbahn „Hufelandstraße“ oder „Am Friedrichshain“ sagt, werden viele Menschen aus dem Fenster blicken und nichts mehr sehen – bloß noch eine private Kunsthochschule, ein weiterer entwidmeter Lifestyleort. „Und da ist kein Mann über ihr, und das ist das Schlimme“, sang Barbara bei Brecht – hier ist kein Gott über den Geschäften, und das ist das Schlimme an dieser Stadt. Die Hoffnung auf eine bessere Stadt, ein erfüllteres Leben wird versiegen und sich in verkarstete Bitterkeit kehren.

Logik der Verwertung

Das Erzbistum begründet seine Entscheidung mit der Notwendigkeit, „den Einsatz von Kirchensteuermitteln für den Betrieb und die Erhaltung von Immobilien auf deutlich weniger eigengenutzte Flächen zu konzentrieren“. In seiner Pressemitteilung schreibt das Erzbistum sogar: „Das Katharinenstift, der 1896 errichtete historistisch-neugotische Klosterkomplex mit der Kirche Mater Dolorosa, ist nach wie vor ein lebendiger Ort katholischer Kirche“.

Lebendiger Ort – bis zur Schließung. Die Sprache der Verwaltung offenbart ihre Kälte: Was gestern noch lebendig war, wird heute zur Kostenposition. Ein Ort, der Menschen zusammenbrachte, wird zur Immobilie. Berlin wird um einen authentischen Ort ärmer – nicht spektakulär, nicht mit großen Schlagzeilen, sondern leise und unwiederbringlich. Das ist der Preis einer Stadt, die nicht mehr weiß, was sie bewahren will.

Dieser Text wurde am 14. Juli 2025 in Berlin veröffentlicht.
Patrick Pehl
Profilbild von Patrick Pehl
Patrick Pehl spielte eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung der Berateraffäre im Bundestag, insbesondere als führender Chronist des Untersuchungsausschusses. Als freier Journalist begleitete er den Ausschuss intensiv und berichtete umfassend über jede Sitzung. Pehl ist bekannt für seine detaillierte Parlamentsberichterstattung und hat sich den Spitznamen "Mister PUA" (Parlamentarischer Untersuchungsausschuss) verdient. Er initiierte auch einen Podcast zur Berateraffäre, in dem er die Entwicklungen des Ausschusses einem breiteren Publikum zugänglich macht. Seine Arbeit erfordert ein tiefes Verständnis der politischen Strukturen, das er durch jahrelange Erfahrung erlangt hat.