# Patrick Pehl
> Patrick Pehl beobachtet Berlin: Kritiken zu Sprechtheater und Tanz, Kolumnen zur Stadt und Texte über Technik als Infrastruktur des öffentlichen Lebens.
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## Pages
### Interviews
URL: https://patrick-pehl.de/interessante-persoenlichkeiten-politik-im-interview/
Last updated: 2025-09-26T08:06:06.000Z
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Als politischer Journalist führe ich Interviews mit Abgeordneten im Bundestag, Regierungsmitgliedern und Entscheidern aus vielen Bereichen. Diese Sammlung zeigt eine Auswahl zu Agrarpolitik, dem Bundeshaushalt, EU-Subventionen, der Bundeswehr und aktuellen Themen. Weitere Interviews erscheinen regelmäßig in Fachmedien
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25\. September 2025
## **Esra Limbacher**, SPD
Sprecher Seeheimer Kreis
Esra Limbacher ist SPD-Fraktionsvorstand im Bundestagfür Bauen, Landwirtschaft, Klima und Umwelt. Der mächtige Seeheimer möchte pragmatische Lösungen für das Land erwirken.
[„Das Thema darf nicht stiefmütterlich behandelt werden“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-agrarwirtschaft-darf-nicht-stiefmuetterlich-behandelt-werden-153373?ref=patrick-pehl.de)

25\. August 2025
## **Martina Englhardt-Kopf**, CSU
Parlamentarische Staatssekretärin BMLEH
Die neue Regierung verspricht Landwirten weniger Bürokratie und mehr Geld. Doch während EU-Agrarmittel gekürzt werden und der Bundeshaushalt schrumpft, wachsen die Finanzierungslücken. Wie geht's weiter mit den Euro-Milliarden?
[„Digitalisierung ist eines meiner Projekte“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-martina-englhardt-kopf-digitalisierung-ist-eines-meiner-projekte-152705?ref=patrick-pehl.de)

30\. Juli 2025
## **Christian Moser**, CSU
Umweltpolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe
Mit dem Umweltrecht kann man viel bewegen – das weiß der Jurist aus Bayern und bemüht sich um Jagdrecht, Baurecht und die Rahmensetzung für die Regulierung des Agrarsektors.
[„Umweltpolitik gibt die Regeln für die Landwirtschaft vor“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraech-zur-umweltpolitik-umweltpolitischer-sprecher-moser-152096?ref=patrick-pehl.de)

17\. Juli 2025
## **Nora Seitz**, CDU
Sächsische Abgeordnete im Wahlkreis Chemnitz
Die Fleischerin und Bundestagsabgeordnete Nora Seitz über den Widerspruch zwischen Mindestlohnpraxis und lohnpolitischen Forderungen – und warum aus ihrer Sicht vor allem der Staat profitiert.
[Lohnkosten: Vom Mindestlohn profitiert der Staat](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-lohnpolitik-nora-seitz-beim-mindestlohn-profitiert-vor-allem-der-staat-152069?ref=patrick-pehl.de)

22\. Mai 2025
## **Steffen Bilger**, CDU
Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU Bundestagsfraktion
Bilger war Staatssekretär und Mitglied im Fraktionsvorstand der CDU/CSU Bundestagsfraktion – wie ist es von der Fachpolitik zur strategischen Steuerung einer Fraktion zu wechseln? Ich spreche mit dem Politiker über seine Rolle im Bundestag und die Herausforderungen für einen pietistischen Christen in der Spitzenpolitik.
[Zwischen Teppichhändlern und Taktik](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-steffen-bilger-151097?ref=patrick-pehl.de)

4\. Juli 2025
## **Johannes Steiniger**, CDU
Sprecher für Agrar- und Ernährungspolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
Der Mathelehrer aus der Pfalz führt die agrarpolitischen seiner Fraktion und will eine neue EU-Agrarpolitik – ohne Bevormundung und mit weniger Subventionen. Unternehmer sollen keine Sachbearbeiter sein. Wie geht das zusammen – EU-Milliarden trotz mehr Eigenverantwortung?
[Heimat, Hauptstadt, große weite Welt](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraech-johannes-steiniger-setzt-auf-starke-landwirte-und-kooperation-151877?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Dirk Wiese**, SPD
Mitglied des Fraktionsvorstandes der SPD im Bundestag
Der Bundestag verspricht einen gewaltigen Umbruch zu vollziehen, denn nicht nur das Wahlrecht ist geändert, sondern auch die Arithmetik des Parlaments wird sich wohl grundlegend verändern. Mit Dirk Wiese spreche ich über fachliche Fragen, wie das Grundstücksverkehrsgesetz, den Agrardiesel, leben auf dem Land und Gentechnik.
[Ein Budget für die EU und die Verteidigung der GAP](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzenpolitiker-im-interview-dirk-wiese-wir-muessen-die-gap-im-eu-budget-verteidigen-116964?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Anton Hofreiter**, Grüne
Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union (Europaausschuss)
Wie wird die Zukunft der EU-Agrarpolitik aussehen? Anton Hofreiter spricht als Vorsitzender des Europaausschusses im Bundestag über Klimawandel, die Integration der Ukraine in den EU-Markt und Herausforderungen für europäische Landwirte. Welche Reformen braucht die GAP?
[Keine Flächen-Subvention für große ukrainische Betriebe](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzenpolitiker-im-az-gespraech-anton-hofreiter-117808?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Franziska Kersten**, SPD
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
So lief es hinter den Kulissen der *Arbeitsgruppe Umwelt und Landwirtschaft* bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD 2025\. Verhandlungsstark, sachkundig und mit klarer Vision für die Zukunft: Franziska Kersten leitete die SPD-Verhandlungsgruppe.
[„Ich will den Haushalt vertikutieren“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-otto-fricke-ich-will-den-haushalt-vertikutieren-114258?ref=patrick-pehl.de)

15\. Mai 2025
## **Dorothea Störr-Ritter**
Nationaler Normenkontrollrat
Der Nationale Normenkontrollrat (NKR) ist das unabhängige Kontrollgremium der Bundesregierung für Bürokratieabbau. Er prüft neue Gesetzentwürfe auf ihre Folgekosten für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung – noch bevor sie beschlossen werden. Dorothea Störr-Ritter ist seit 2011 Mitglied des Rates und Berichterstatterin für das Landwirtschaftsministerium.
[Bürokratie – Was muss sich ändern?](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-buerokratie--was-muss-sich-aendern-150747?ref=patrick-pehl.de)

13\. Februar 2025
## **Christian Dürr**, FDP
Fraktionsvorsitzender FDP-Bundestagsfraktion
Dürr ist FDP-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, fordert wettbewerbsfähiges und nachhaltiges Wirtschaften – ohne Überregulierung und mit neuen Technologien. Im Interview mit Patrick Pehl kritisiert er die ausufernde Bürokratie, verteidigt den Abbau von Subventionen und fordert mehr unternehmerische Freiheit.
[„Unsere Landwirte sind die besten der Welt“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/bundestagswahl-2025-unsere-landwirte-sind-die-besten-der-welt-117304?ref=patrick-pehl.de)

15\. Dezember 2023
## **Albert Stegemann**, CDU
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Albert Stegemanns einzigartige Doppelperspektive beleuchtet Themen wie EU-Fördermittel, die Bio-Strategie und die Milchwirtschaft mit einer Klarheit und Leidenschaft, die nur ein Praktiker bieten kann. Stegemann ist Milchviehmeister mit eigenem Hof und Bundestagsabgeordneter in herausgehobener Position.
[„Vier Milliarden Euro und einen Schluck mehr“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/interview-mit-albert-stegemann-vier-milliarden-und-gerne-ein-schluck-mehr-fuers-tierwohl-110143?ref=patrick-pehl.de)

15\. August 2024
## **Otto Fricke**, FDP
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Otto Fricke ist dienstältester Liberaler im Bundestag. Er kennt die Finessen der Mittelvergabe wie kaum ein anderer und ist im regelmäßigen und engen Austausch mit Finanzminister Christian Lindner. Er gilt als Architekt des Haushalts der Bundesregierung von Olaf Scholz und nahm sich in Berlin Zei, um über ein wichtiges Phänomen zu sprechen: Die Versteinerung des Haushalts.
[„Ich will den Haushalt vertikutieren“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-otto-fricke-ich-will-den-haushalt-vertikutieren-114258?ref=patrick-pehl.de)

17\. Mai 2024
## **Christina Stumpp**, CDU
CDU Bundesvorstand für Agrar- und Ernährung
Die CDU hat sich nach 17 Jahren ein neues Grundsatzprogramm gegeben, wittert Morgenluft und führt die Sonntagsumfragen an. Welche Positionen wurden in der Fachgruppe erstritten und wie ist das Zielbild für kommende Legislaturen?
[Christina Stumpp erklärt die Grundsätze der CDU](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/christina-stumpp-erklaert-die-grundsaetze-der-cdu-laborfleisch-steuern-und-ernaehrungssouveraenitaet-112655?ref=patrick-pehl.de)

19\. April 2024
## **Albert Stegemann**, CDU
Agrarpolitischer Sprecher der Unionsfraktion
Die CDU möchte gern eine steuerfreie Gewinnrücklage und die Tarifglättung für Einzelunternehmer bewirken. Nach einer Plenardebatte im Deutschen Bundestag zur Zukunft der Lebensmittel in Deutschland bat ich zum Gespräch und traf Albert Stegemann in seinem Büro in Berlin.
[Steuerfreie Gewinnrücklage und Tarifglättung](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/union-hat-steuerplaene-fuer-landwirte-wir-wollen-eine-steuerfreie-gewinnruecklage-und-die-tarifglaettung-112194?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Zoe Mayer**, Grüne
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Die Grünen-Politikerin aus Karlsruhe ist Sprecherin für Tierpolitik in ihrer Bundestagsfraktion. Sie will Transporte verbessern, Ernährungspolitik machen und den Bürgerrat gut nutzen. Wer ist Zoe Mayer?
[Zoe Mayer will Politik für Tiere machen](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-otto-fricke-ich-will-den-haushalt-vertikutieren-114258?ref=patrick-pehl.de)

23\. August 2024
## **Franziska Kersten**, SPD
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Die SPD-Politikerin Franziska Kersten fordert im Gespräch ein Umdenken in der Agrarpolitik. Die ehemalige Landgesellschafts-Chefin plädiert für eine digitale Agrardatenplattform und innovative Konzepte zum Wassermanagement.
[Franziska Kersten meint „Junglandwirteförderung muss sich am Humankapital ausrichten“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/dr.-franziska-kersten-im-az-interview-junglandwirtefoerderung-muss-sich-am-humankapital-ausrichten-114276?ref=patrick-pehl.de)

22\. Dezember 2023
## **Susanne Mittag**, SPD
Ernährungssprecherin SPD im Bundestag
In der Ausgabe 51+52.2023 der agrarzeitung spreche ich mit der SPD-Agrarsprecherin udn Ex-Polizistin Susanne Mittag über neue Genomische Techniken und deren ethischen Herausforderungen für die deutsche Agrarpolitik.
[Innovationen, Nachhaltigkeit und globale Auswirkungen](http://www.dfv-infonet.de/dfvarchiv/zeitschriften/data2/ED/2023/51-52/Gesamt%5F2023-51-52%5FAZ.pdf?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Gero Hocker**, FDP
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Er ist einer dieser opportunistischen Politiker, die ihre Heimat in Berlin vertreten und schlicht das meiste heraus holen wollen – dabei ist es ihm wichtig, dass etwas passiert. Wie macht Gero Hocker Umwelt- und Agrarpolitik machen?
[„Ich will den Haushalt vertikutieren“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-otto-fricke-ich-will-den-haushalt-vertikutieren-114258?ref=patrick-pehl.de)

7\. Februar 2025
## **Silvia Breher**, CDU
Stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU und Sprecherin für ländliche Räume
Im Bundestagswahlkampf 2025 habe ich Silvia Breher aus Niedersachsen im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin getroffen, um über die Herausforderungen und Perspektiven der deutschen Landwirtschaft zu sprechen. Sie fordert mehr Unterstützung für Frauen auf Höfen, eine klare Zukunftsstrategie für Junglandwirte und dringend notwendige Reformen im Bau- und Umweltrecht.
[„Deutschland muss wieder den Ton in der EU angeben!“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/interview-zur-bundestagswahl-2025-silvia-breher-cdu-im-interview-117273?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2019
## **Kay Gottschalk**, AfD
Haushaltspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion
Er war mal bei der SPD, hat sich dann aber inhaltlich verändert. Nun nutzt er die Möglichkeiten einer neuen Partei – der AfD – und will Wirtschaftspolitik und Geldpolitik mitgehalten. Darum versucht er auch aufzuklären was bei Wirecard passiert ist.
[„Ich will den Haushalt vertikutieren“](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-otto-fricke-ich-will-den-haushalt-vertikutieren-114258?ref=patrick-pehl.de)

29\. November 2019
## **Siemtje Möller**, SPD
Verteidigungspolitikerin
Siemtje Möller ist erst vor Kurzem in die SPD gekommen und nun schon im Bundestag. Gemeinsam mit Dennis Rohde (SPD) will sie die Missstände im BMVg (Berateraffäre) unter Ursula von der Leyen aufklären.
[Siemtje Möller zur Berateraffäre](https://berateraffaere.de/podcast/interview-siemtje-moeller-spd/?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Dennis Rohde**, SPD
Haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion
Der haushaltspolitische Sprecher der SPD im Bundestag Dennis Rohde ist Jurist und mag die Arbeit im Wahlkreis nach eigenen Aussagen viel lieber als die im Bundestag. Ob er ein Ministeramt anstrebt hat er uns im Interview verraten.
[Dennis Rohde zur Berateraffäre](https://berateraffaere.de/podcast/sommerinterview-dennis-rohde/?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Wolfgang Hellmich**, SPD
Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Bundestags
Mit dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses Wolfgang Hellmich (SPD) sprach ich über die Komplexität im System der Beschaffung bei der Bundeswehr und warum man sich offenbar eine Menge unreifer Produkte verkaufen lässt.
[Ausschussvorsitzender Wolfgang Hellmich im Gespräch](https://berateraffaere.de/podcast/wolfgang-hellmich/?ref=patrick-pehl.de)

23\. Januar 2025
## **Tobias Lindner**, Grüne
Haushaltspolitiker der Grünen-Bundestagsfraktion
Es geht in dieser Episode um die wiederkehrenden Fragen nach den politischen Zielen. Außerdem fragte Patrick Pehl nach einer möglichen Regierungsbeteiligung. Will Lindner Staatssekretär werden?
[Will Tobias Lindner Staatssekretär werden?](https://berateraffaere.de/podcast/sommerinterview-tobias-lindner/?ref=patrick-pehl.de)
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Last updated: 2026-05-21T15:43:41.000Z

**Texte**
# Ausgewähltes,
Gedanken, Notizen
*Journalismus lebt von Beobachtung, Analyse und Einordnung. Auf dieser Seite versammle ich aktuelle Texte – manche nah an der Tagesaktualität, andere mit längerem Atem. Hier erscheinen Essays, Kommentare und Berichte, die berufliche Recherche mit persönlicher Perspektive verbinden. Die neuesten Beiträge stehen oben, thematische Schwerpunkte ordnen sich darunter. Ein Archiv journalistischer Arbeit – stets im Wandel.*
[Lesen ](#blogartikeluebersicht)[Podcast ](https://patrick-pehl.de/podcast/)[Abonnieren](https://patrickpehl.substack.com/?ref=patrick-pehl.de)
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### Podcast
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Last updated: 2025-04-10T10:14:54.000Z

**Patrick Pehl**
# Podcast
Ein Podcast ist ein wunderbar nahbares Medium und ich mag es die Wirkung gesprochener Worte zu erforschen. Außerdem habe ich bereits 2014 mit meinem Produktionslabel begonnen professionell Podcasts zu produzieren – als Auftragsarbeit und auch für eigene Projekte. Darum ist es mir weiterhin ein Anliegen Podcasts zugänglich zu halten und das Medium zu benutzen. Hören Sie gern zu!
Apple Podcasts [Spotify ](https://open.spotify.com/show/7wHzmFLI84xdsdPpEmuHtG?si=43adb836f8f14f0d&ref=patrick-pehl.de)[Blog ](https://patrick-pehl.de/)[Über Pehl](https://patrick-pehl.de/ueber-mich/)
*Zwischen DDR-Beton und den aufstrebenden Stadtlandschaften des neuen Berlins entdeckt Patrick Pehl die sich auffächernden Feinheiten der Hauptstadt Berlin. Mit kleinteiligem Scharfsinn und literarischer Finesse schreibt er das ikonografische Porträt einer Stadt im ständigen Umbruch – eine Auseinandersetzung von politischer Dynamik und kultureller Renaissance, das er wie kein anderer als Chronist zu erfassen vermag.*
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## Alle Episoden
### Stadtansicht
URL: https://patrick-pehl.de/stadtansichten/
Last updated: 2025-03-18T10:33:17.000Z
Berlin. Die Stadt ist durch individuelle Ansichten geprägt. Jeder Bewohner wandelt sie von innen heraus und im Äquivalent verändert sie ihre Bewohner. Jeder Tag ist von Gleichbleiben, jedoch auch Veränderung gezeichnet – im Leben eines Einzelnen bringt die Metropole in weltbewegender Lage historische Szenen hervor, die Großes ins Werk setzen.
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## Wohnkomplex Alexanderplatz
Der unsanierte Wohnplattenbau in der Münzstraße schmiegt sich an einem Sonnabendvormittag ans Haus des Berliner Verlags (HdBV)
*2\. März 2024*

## Strausberger Platz
Der Straußberger Platz ist ein Ort, an dem die taktischen Atomraketen des Warschauer Paktes noch am 7\. Oktober 1989 bei der jährlichen Ehrenparade entlang fuhren. Heute ist er eine verschlafene Anwohnerinsel.
*5\. Mai 2023*
[](https://patrick-pehl.de/straussberger-platz-am-5-mai-2023-mit-blick-auf-den-alexanderplatz-fernsehturm-und-park-inn-hotel/)
## Brutalistische Verlagshausrealität II
Am internationalen Frauenkampftag stemmt sich die nüchterne die Fassade des HdBV ins morgendliche und nelkengerötete Sonnenlicht
*8\. März 2024*

## VDBV im Abendlicht nach Sonnenuntergang
Das Verlagshaus des Berliner Verlages ist einer der ikonischen Bauten in Berlin derzeit ist der Blick frei vom Alexanderplatz, es überragt das Ensemble noch mit seinem Schriftzug und wies zu Ost-Zeiten den alternativen Weg zum ND.
*2\. Oktober 2023*
[](https://patrick-pehl.de/haus-des-berliner-verlag-am-01-10-2023/)
## Wohnkomplex mit Aussicht
Beginn des Wohnkomplex-Bandes „Bumerang“ am Platz der Vereinten Nationen vom Volkspark Friedrichshain aus gesehen. Die Bewohner blicken auf den Park und eines der damals höchsten Gebäude der Stadt.
*5\. Mai 2024*
[](https://patrick-pehl.de/pdvn-05-05-2024-ohne-titel/)
## Sputnik an einem Maiabend 2022
Moskau in Berlin?
14\. *Mai 2022*
[](https://patrick-pehl.de/sputnik-am-cafe-moskau-karl-marx-allee-berlin-an-einem-maiabend-2022-patrick-pehl-2022-2048x1386/)
### Datenschutzerklärung
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Last updated: 2026-06-05T19:45:42.000Z
Stand: Juni 2026 — patrick-pehl.de
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### Über mich
URL: https://patrick-pehl.de/ueber-mich/
Last updated: 2026-06-12T23:00:15.000Z
Hier in den Nichtorten des Regierungsviertels entstehen die Geschichten hinter den Schlagzeilen. Zwischen Ausschusssitzungen und Hintergrundgesprächen dokumentiere ich, wie Politik funktioniert. In diesen Fluren entwickeln sich Ideen, die später umgesetzt werden – häufig ein langwährender Prozess.
Seit über einem Jahrzehnt dokumentiere ich die Mechanismen deutscher Fachpolitik aus Berlin. Parallel dazu beschäftige ich mich seit langem mit den gesellschaftlichen Implikationen von Informationssystemen — mit der Frage, wie technische Infrastrukturen Wissen organisieren, Öffentlichkeiten strukturieren und politische Kommunikation prägen. Derzeit fokussiere ich mich auf die Berichterstattung zur Gesundheitspolitik und Regulierung der gesetzlichen Sozialversicherung im Gesundheitssektor für einen großen, in Berlin ansässigen Verlag. Zuvor verantwortete ich als Hauptstadtkorrespondent der dfv Mediengruppe die Berichterstattung über Politik in der gesamten Verlagssparte für mehrere Publikationen. Meine Schwerpunkte lagen in der parlamentarischen Berichterstattung, insbesondere zu Agrarpolitik – einem Politikfeld, in dem die EU-Kompetenz zentral ist und die Umsetzung auf föderalen Ebenen in Deutschland vollzogen wird. Diese journalistische Querschnittsleistung erforderte den Überblick über komplexe, Mehrebenenprozesse. Während der Corona-Pandemie war ich als Redakteur für Politik & Wirtschaft für ein Fachmedium im pharmazeutischen Marktsegment tätig.
Seit 2014 produziere ich Podcasts zu politischen Themen – eine Expertise, die meine multimediale Herangehensweise prägt. Diese Affinität für narrative Strukturen verbindet sich mit meiner Leidenschaft für die darstellende Kunst.
## Komplexe Politik durch Menschen verstehen
**Politik wird von Menschen gemacht** – und über Menschen verstanden. Komplexe Sachverhalte erschließe ich über Personen, ohne dabei die sachliche Fundierung zu vernachlässigen. Während die parlamentarischen Mechanismen ihre ritualisierte Choreographie abspulen, entstehen in den Zwischenräumen des Regierungsbetriebs jene Nuancen politischer Willensbildung, die das eigentliche Substrat demokratischer Entscheidungsfindung bilden. Um diese Ambiguität sichtbar zu machen, bediene ich mich erzählerischer Mittel und magazinartiger Aufbereitung. Mein Ziel ist eine multiperspektivische Aufbereitung und Darstellung der Debattenräume und -teilnehmer.
Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich meist in scheinbaren Nebensächlichkeiten. Die Zeit nach der politischen Wende in den 90er Jahren war prägend und regte mein Interesse an der Welt an. Ich wuchs in typischer Umgebung auf – einst begehrte Wohnumgebung, dann abgeschlagen. Man lehrte mich aufmerksame Beobachtungen alltäglicher Phänomene zu machen, um in der schneller werdenden gesellschaftlichen Umgebung zu reüssieren.
Fotodokumentarisch arbeite ich bewusst mit Künstlern aus politikfernen Bereichen – Musikfotografen, die internationale Popstars begleiten, oder Modefotografen. Ein Verteidigungsminister, der verteidigt, verschafft keine Aufmerksamkeit. Ein Politiker, der in seinen Dienstwagen flieht, sagt mehr aus als einer, der sich hinter einem Pult versteckt.

*Patrick Pehl geht auf der Otto-von-Bismarck-Allee im Berliner Regierungsviertel auf das Paul-Löbe-Haus zu. Im Hintergrund ist der Marie-Elisabeth-Lüders-Steg am Ufer der Spree. © Max Hartmann 2025*
## Wer, Was und Wie – Prozesse analysieren
**System schlägt Intuition.** Meine Herangehensweise folgt einem klaren Schema: Zunächst identifiziere ich alle Akteure eines Themenfeldes. Anschließend ergründe ich in Interviews deren Motivationen – was will diese Gruppe, diese Person? Im dritten Schritt analysiere ich das Vorgehen mit dem Hintergrundwissen über deren Ziele. Maximalforderungen interessieren mich weniger als Selbstzweck, sondern als Indikator für echte Interessen. Die entscheidende Frage lautet: Meinen sie, was sie sagen?
Im Desperat der Hauptstadt suche ich das Besondere, die in sich verwobenen Einzelteile der Politik. Handlungen verraten meist mehr über Absichten als Verlautbarungen. Zeitlinien helfen dabei, Zwischenschritte und versteckte Zwischenziele zu erkennen.
## Multimediale Expertise aus Podcast-Erfahrung

*Im Gespräch lassen sich die Absichten von Menschen und ihren Auftraggebern erkennen. © Max Hartmann 2024*
**Podcasts haben meine journalistische Grundlage geprägt.** Die Podcast-Produktion hat meine journalistische Methodik fundamental geprägt. In langen Gesprächen lerne ich, die Bedeutung einzelner Aussagen herauszufiltern und Metaebenen der Kommunikation zu erschließen. Ein Podcast ist technisch komplex und inhaltlich anspruchsvoll: von der strukturierten Recherche über die Gesprächsführung bis zur Distribution — und zunehmend auch in der nachgelagerten Arbeit mit Metadaten, Verschlagwortung und der maschinell gestützten Erschließung von Inhalten. Daten wollen kuratiert, kontextualisiert und planvoll neu zusammengebracht werden; das ist keine rein technische, sondern eine genuin journalistische Aufgabe.
Diese multimediale Herangehensweise ermöglicht es mir, Wissen intelligent zu verknüpfen: Ein Podcast-Gespräch wird zum Artikel, zum Social-Media-Format, zum Aufsatz. Im Regierungsviertel kennt man mich als „Mr. PUA" – meine intensive Begleitung parlamentarischer Untersuchungsausschüsse zu Berateraffäre, PKW-Maut und Wirecard-Skandal hat diese Reputation begründet.
## Berliner Werdegang
**Von Ost-Berlin über Hamburg zurück nach Prenzlauer Berg.** In Ost-Berlin aufgewachsen, führte mich der Wehrdienst für zwei Jahre in die Region Hamburg – eine prägende Zeit, die meinen Blick für unterschiedliche politische Kulturen schärfte. Als Teil der Wendegeneration bin ich in einem kulturell diversen Umfeld sozialisiert, in dem Bildung hoch geschätzt wurde und vielfältige kulturelle Berührungspunkte existierten. Der Verfall ganzer Stadtteile ging einher mit der dynamischen Transformation anderer Bezirke im Zentrum Berlins. Zurück in Berlin begann ich meine journalistische Laufbahn in Prenzlauer Berg, wo ich als Freiberufler und Selbstständiger erste medienschaffende Schritte wagte.
Diese Jahre der Selbstständigkeit lehrten mich, wirtschaftlich zu denken und gleichzeitig redaktionelle Unabhängigkeit zu wahren. Wer als freier Journalist überlebt, lernt schnell: Qualität verkauft sich, Beliebigkeit nicht.
## Theaterbühne als politische Erklärung
**Die Bühne erklärt das Parlament.** Politik ist Theater, und Theater offenbart Politik. Meine Verbundenheit mit der darstellenden Kunst – als Mitglied im Freundeskreis des Berliner Ensembles und des Staatsballetts Berlin – schärft meinen Blick für die performativen Aspekte politischer Inszenierung. Zwischen Bühne und Plenarsaal bestehen mehr Parallelen, als den Akteuren bewusst ist: Hier wie dort geht es um Glaubwürdigkeit, Timing und die Kunst, komplexe Botschaften verständlich zu vermitteln.
Ideen werden in den Parlamenten erdacht, um ihre Umsetzung dann in den Ministerien zu vollziehen. Politik begeistert, Kleinigkeiten sind großartig.


*Patrick Pehl in einer braunen Lederjacke mit zwei Äpfeln und Unterlagen auf Papier im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. © Max Hartmann 2025*

*Gute Vorbereitung ist alles. Unterwegs zu Terminen. © Max Hartmann 2025*

*Patrick Pehl im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. © Max Hartmann 2025*
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#### Transparenzhinweise
Ich bin Mitglied im Verein der *Bundespressekonferenz* (BPK), außerdem bin ich Mitglied der Verwertungsgesellschaften *VG Bild-Kunst* und der *VG Wort*. Zusätzlich bin ich Mitglied im *Freundeskreis des Berliner Ensembles* und partizipiere indirekt am *Freundeskreis des Staatsballetts Berlin*.


*© Isabella Hoffmann*
### Ausgewähltes, Gedanken, Notizen
URL: https://patrick-pehl.de/ausgewaehltes-gedanken-notizen/
Last updated: 2025-03-13T12:16:11.000Z
Journalismus lebt von Beobachtung, Analyse und Einordnung. Auf dieser Seite versammle ich aktuelle Texte – manche nah an der Tagesaktualität, andere mit längerem Atem. Hier erscheinen Essays, Kommentare und Berichte, die berufliche Recherche mit persönlicher Perspektive verbinden. Die neuesten Beiträge stehen oben, thematische Schwerpunkte ordnen sich darunter. Ein Archiv journalistischer Arbeit – stets im Wandel.
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## Kolumnen
## Das Theater
### Leitlinien
URL: https://patrick-pehl.de/leitlinien/
Last updated: 2026-06-05T11:51:11.000Z
## PUBLIZISTISCHE GRUNDSÄTZE
### Integrität, Loyalität und absolute Verschwiegenheit
Grundsätze der Journalistischen Arbeit sind mir selbstverständlich und begleiten mich bei meiner täglichen Arbeit. Sie ergeben sich aus dem Pressekodex, manche Grundsätze sind mir jedoch besonders wichtig. An oberster Stelle steht immer die Achtung der Menschen mit denen ich arbeite. Gleich darauf folgt die Wahrheit der Berichterstattung. Sorgfältige Recherche und Schutz von Informationsquellen ergeben sich selbstredend aus den vorgenannten Grundsätzen. Die Unterstützung starker Verschlüsselung, ob nun in Emails oder auf Festplatten, sie ergibt sich im Schluss daraus von allein.
In unseren bewegten Zeiten gibt es Begehrlichkeiten von staatlichen Stellen, welche noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Das Zurverfügungstellen von Recherchematerial ist eine Schwelle die nicht übertreten werden darf. Journalisten sind keine Strafverfolger oder deren Handlanger.
„Mache Dich nie mit einer Sache gemein.“, dieser alte und dennoch sehr aktuelle Spruch sollte jedem in der Presse Tätigen ein Grundsatz sein, so auch mir. Das Verfolgen einer Agenda ist somit während der Berichterstattung ausgeschlossen. Transparenz kann einer Tendenz entgegen wirken. Presseschaffende dürfen eine Haltung haben, genau wie eine Meinung, jedoch müssen Presseschaffende diese offen kenntlich machen.
## DAS ALLUMFASSENDE IST MIR WICHTIG
Ein Teil von mir ist mein katholisches Herz. Ich lebe und liebe den Katholizismus. Dieses Fundament prägt mich und meine Arbeit. An diesem grundlegenden Wertesystem richte ich auch meine unternehmerische Tätigkeit aus, denn als Freiberufler bin ich auch selbstständiger Unternehmer. Ich bekenne mich zu meiner ethischen Verantwortung.
Besonders berührt mich die Enzyclica [*Pacem in terris*](https://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf%5Fj-xxiii%5Fenc%5F11041963%5Fpacem.html?ref=patrick-pehl.de).
### Patrick Pehl – Journalist & Politikbetrachter aus Berlin
URL: https://patrick-pehl.de/patrick-pehl-journalist-politikbetrachter-aus-berlin/
Last updated: 2026-07-08T12:14:41.000Z

## Patrick Pehl
Ein Leben mit Beobachtungen in Berlin.
Seit mehr als 10 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Bereichen Politik und Gesellschaft. Im deutschen Bundestag bin ich wie ein Fisch im Wasser.
Als Journalist verfolge ich den parlamentarischen Zustand der Berliner Republik, seine Rituale, seine stillen Entscheidungen abseits des Plenarsaals – und wie digitale Netze politische Kommunikation verändern, wer dabei den Anschluss verliert. Die Bühnen dieser Stadt gehören zum selben Beobachtungsfeld und dazu kommt ein Verständnis für IT.
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[  Kultur Theater und Bühnen Ein prägnanter Einblick in die aktuellen Strömungen und textlichen Inszenierungen der Saison. Weiterlesen ](https://patrick-pehl.de/DEIN-BEITRAGS-LINK-1/) [  Berlin Die Stadt Berlin ist eine Metropole im Wandel und trotz der Tatsache, dass ich sie seit meiner Kindheit gut kenne, entdecke ich vertraut geglaubte Orte immer wieder neu. Manchmal entwickelt sich daraus ein tiefes Verlagen mehr zu entdecken. Mancher Ort ist technisch, mancher kühl und funktional, manch ein Ort bringt warme Härte mit sich. Weiterlesen ](https://patrick-pehl.de/stadtansichten/) [  Technik Informatik und Informationszeitalter Wie digitale Infrastrukturen und technologische Paradigmen unsere Diskurse lenken. Weiterlesen ](https://patrick-pehl.de/DEIN-BEITRAGS-LINK-3/)
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## Berliner Fernsehturm
Der Fernsehturm ist der Fixstern in der Stadt und begleitet seine Bewohner durch Tag und Nacht, von Frühjahr bis Winter.
[Stadtansicht Fernsehturm](https://patrick-pehl.de/stadtansichten-fernsehturm)
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## ****Setzen wir es um**
Zusammen lassen wir ihr Projekt real werden. Rufen Sie mich an oder schreiben Sie eine Mail!
[Kontakt aufnehmen](https://patrick-pehl.de/kontakt)
### Impressum
URL: https://patrick-pehl.de/impressum/
Last updated: 2026-06-05T11:56:18.000Z
_No content available._
### Berliner Fernsehturm
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Last updated: 2026-06-05T12:03:17.000Z
Text
### Patrick Pehl
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Last updated: 2026-07-16T11:30:59.000Z

## Patrick Pehl
****Berlin. Ich beobachte die Stadt, in der ich lebe.**
Geschehen auf der Bühne und digitale Technik liegen näher beieinander, als es zunächst scheint: Informatik und Kunst bilden die Welt ab. Informatik ordnet was eine Gesellschaft weiß, Kunst stellt es dar.
[Das beschäftigt mich](#)
Seit mehr als 10 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Bereichen Politik und Gesellschaft sowie den Auswirkungen von Informationstechnik auf ebenjene.
Als Journalist verfolge ich den parlamentarischen Zustand der Berliner Republik, seine Rituale, seine stillen Entscheidungen abseits des Plenarsaals. Ich betrachte wie digitale Netze politische Kommunikation verändern, wer dabei den Anschluss verliert und Vorteile erringt. Aus Interesse verfolge ich die Theaterbühnen und klassischen Tanz in der Hauptstadt Berlin – meiner Heimatstadt.
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## Berliner Fernsehturm
Der Fernsehturm ist der Fixstern in der Stadt und begleitet seine Bewohner durch Tag und Nacht, von Frühjahr bis Winter.
[Stadtansicht Fernsehturm](https://patrick-pehl.de/stadtansicht-fernsehturm)
Hier sollte eigentlich eine kluge Version der Hauptthemen / Kategorien stehen. Aus der Stadt Berlin (Kolumne), Berliner Bühnen, Technik (Verdrahtet)
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## Meine Stadt, unser Gespräch.
Hinterlasse mir eine Nachricht und wir kommen in den gemeinsamen Austausch.
[ Nachricht senden](mailto:ghost%5Fkontakt@patrick-pehl.de)
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## Posts
### Handlebars und CSS: Was leichtfällt und was fehlt
URL: https://patrick-pehl.de/ghost-migration-handlebars-und-css-was-leichtfaellt-was-fehlt/
Last updated: 2026-07-10T04:32:33.000Z
**Seit mehr als 15 Jahren lief diese Domain mit Wordpress. Seit einigen Wochen läuft hier das Publishing-System Ghost und ich habe eine Menge Erfahrungen gemacht. Was der Blick über den Tellerrand bewirkt beschreibe ich in dieser Artikelstrecke – kulturell, kognitiv und technisch.**
Gestaltung war für mich nie das Beiwerk zur Technik, sondern integral. Ein Publishingsystem soll Texte tragen, und wie es das tut, entscheidet darüber, ob jemand bleibt oder weiterklickt. Bei Ghost hat mich überrascht, wie sehr das System dieser Haltung entgegenkommt, denn der saubere DOM-Tree und die schlanke Template-Sprache nehmen einem genau die Reibung, an der man unter WordPress oft scheitert heraus. Aus den Anforderungen, die ich [zu Beginn der Strecke](https://patrick-pehl.de/migration-zu-ghost-erfahrungen-vom-abschied-motivation/) benannt habe, ist so ein Gestaltungsgerüst geworden, und dieser Weg von der Bedingung zur Form soll nun Thema dieses Teils sein.
## Anspruch zu Form
Den Anfang machte eine Entscheidung gegen die Üppigkeit vieler Seiten. Mein Ansatz ist ein klarer einfacher Aufbau, angelehnt an Programmhefte. Kein komplexer zweispaltiger Kopf mehr, der Rechenzeit im Browser kostet und einfach unglaublich komplex in der Darstellung mit CSS wurde. Stattdessen ist es eine zentrierte Textachse von 920 Pixeln Lesebreite, in die der Inhalt ruhig fällt.
Spannung entsteht nicht durch Dekor, sondern dadurch, dass Bilder und Videos über die Textbreite behutsam hinausragen, in Ghosts eigenen Maßen für breite und randlose Medien. Das Blog bleibt bewusst auf Text gebaut, ohne verspielte Elemente wie seitwärts scrollende Artikelreihen, die ich für eine modische Sackgasse halte.
Allerdings ist interessant, wohin mich dieser Purismus geführt hat. Zurück zu einer Idee, die ich vor gut zehn Jahren hatte und mit Feuereifer umgesetzt hatte: Abgerundete Ecken über `border-radius`. Heute heißt das „Card-Design“ und ich nutze es natürlich viel rücksichtsvoller als damals – hoffentlich. Eine Zeitlang habe ich sie gemieden, inzwischen sind sie fast verpönt, weil man sie mit der glatten Bildsprache künstlicher Intelligenz assoziiert.
Ich habe mich dennoch für sie entschieden, und zwar aus einem pragmatischen Grund, nämlich arbeitet Ghost an vielen Stellen mit Karten, und ich wollte mir die Arbeit nicht dadurch erschweren, dass ich gegen das Card-Design anbaue, statt es aufzunehmen. Man wird ja schließlich reifer und kann auch mal etwas annehmen.
Die runden Ecken finden sich nun an Bildern, an den Karten der Übersicht, an den Schaltflächen, und sie geben dem Ganzen eine ruhige Verwandtschaft. In den Footer habe ich eigene Felder eingebaut.
## Schrift mit Haltung
Bei der Typografie wird die Verbindung von Anspruch und Technik am deutlichsten. Ich kombiniere [Crimson Pro](https://fonts.bunny.net/family/crimson-pro?ref=patrick-pehl.de) für den Fließtext mit Plus Jakarta Sans für Überschriften und Navigation, beide sind variable Schriften. Vorher stand Poppins an der Stelle von Plus Jakarta Sans, und ich finde Poppins gefälliger, doch sie ist nicht variabel, hätte mehrere Schnitte und damit mehrere Verbindungen zwischen Client und Server erzwungen. Gerade weil ich starke Fettungen brauche, fiel die Wahl auf den variablen Schnitt, der den ganzen Gewichtsbereich aus einer Datei bedient. Beide sind zudem als Google-Schriften verbreitet, was die Chance erhöht, dass sie im Zwischenspeicher des Nutzers schon vorliegen, doch ausgeliefert werden sie ausschließlich von meinem eigenen Server, nicht von Google Fonts oder einem Drittdienst.
## Eindruck vor technischen Ladezeiten
Eine technische Feinheit, auf die ich einigen Wert lege, betrifft das Ladeverhalten. Ich habe bewusst auf den Wert `swap` im Font-CSS verzichtet. Dieser zeigt den Text sofort in einer Ersatzschrift und tauscht ihn aus, sobald die eigene Schrift geladen ist, was einen sichtbaren Sprung im Layout erzeugt, der Fachausdruck ist FOUT – also *Flash of Unstyled Text*. Mir ist dieser Sprung lästiger als eine kurze Verzögerung, also nehme ich das Gegenteil in Kauf: Der Text bleibt zunächst unsichtbar, bis die Schrift da ist, und erst wenn moderne Browser nach etwa drei Sekunden die Geduld verlieren, zeigen sie die Seite mit der Ersatzschrift an. Dies ist ein guter Kompromiss aus meiner Sicht und ich habe also längere Ladezeit gegen gestalterische Kontrolle getauscht.
Ausschlaggebend war noch vor einigen Jahren das Smartphone bei schlechter Verbindung – in der U-Bahn, auf dem Land – doch hat sich dieser Anwendungsfall entschärft, weil selbst die günstigen Mobilfunktarife inzwischen erstaunlich gut tragen.
Geblieben ist der Vorsatz, die Zugänglichkeit sauber umzusetzen, weshalb die ARIA-Attribute, die Bedienhilfen für assistive Technik, ordentlich gesetzt sind und die Bewegungseffekte über `prefers-reduced-motion` abschaltbar bleiben.
## Farbe und ihre Grenzen
Bei den Farben habe ich mich zurückgenommen, deutlich gegenüber meinem früheren Schwarz-Gelb. Das Gelb ist mit einem weinenden Auge fast verschwunden und lebt nur noch in dezenten Akzenten, geblieben ist mein Petrol, ein tiefes Blaugrün. Gerade dieses Petrol ist schwierig zuverlässig anzuzeigen, weil es ein im RGB-Raum recht spezifischer Ton ist, und damit beginnt ein Lehrstück über die Grenzen der Bildschirmfarbe.
Gewünscht hätte ich mir ein leuchtendes Signalorange, Pantone 021 C, ein Ton, den ich so sehr mag, dass ich ihn mir sogar als Futter in die Anzüge nähen lasse.

Farbkarte mit Pantone Orange 021 C (links) und RAL 2005 Leuchtorange (rechts). Das gewünschte Signalorange: leuchtend auf der Farbkarte, ernüchternd auf den meisten Displays.
An diesem Orange bin ich gescheitert, und zwar nicht wegen oder mit Ghost, sondern an der Physik der Bildschirme. Leuchtende, stark gesättigte Farben geben die wenigsten Displays verlässlich wieder, weil jedes Panel einen anderen Farbraum abdeckt. Schon auf meinen sieben Apple-Geräten erscheint der Ton leicht verschieden, zwar nahe beieinander, aber nicht gleich. Und auf einem Dell- oder Sony-Bildschirm geriet alles durcheinander. Zu viele Parameter beeinflussen einen so speziellen Wert, und weder der RGB-Raum noch das HSL-Modell retten ihn.
Aus dieser Erfahrung halte ich mich nun im kontrastreichen, robusten Bereich auf, wo die Farbe trägt und mich nicht enttäuscht oder gar in Entsetzen bringt. Es ist die unscheinbarste, aber vielleicht lehrreichste Lektion des ganzen Projekts, dass das Web seine Farben auch im Jahr 2026 immer noch nicht garantieren kann.
Die Überschriften der zweiten Ebene habe ich mit einem Schereffekt versehen, der sich beim Scrollen aufrichtet, verbunden mit einer Veränderung der Farbintensität, und auch das bleibt für Nutzer mit reduzierter Bewegungspräferenz aus. Auf den Links liegt der Text-Scramble-Effekt, eine dezente Animation, die ich aus meinem alten Theme herübergerettet habe.
## Wo Ghost an Grenzen stößt
Nicht alles ließ sich lösen, und ich will die offenen Stellen so klar benennen wie die gelungenen. Für ausgewählte Artikel habe ich einen eigenen Beitragsstil als Handlebars-Template gebaut. Das ist in etwa wie eine PHP-Template-Datei in Wordpress. Ich brauche ein *Dossier-Layout*, das ich nicht auf jeden Text ausrolle, aber bei manchen Themen für lohnend halte. Dort rendere ich das Aufmacherbild mobil im Querformat, auf dem Desktop im Hochformat, und genau hier zeigt sich eine Schwäche von Ghost. Es fehlt der definierte Fokuspunkt in Bildern, mit dem WordPress den wichtigen Bildausschnitt markieren konnte, sodass ein automatischer Beschnitt immer richtig zentriert ist. Ghost kennt das nicht.
Um den Header interessant zu gestalten, bei gleichzeitiger einfacher Wartung, behelfe mir mit einem künstlerischen Griff: Dasselbe Bild liegt ein zweites Mal im Hintergrund. Da es die gleiche Datei wie das Feature-Image /Artikelbild ist, muss die Datei nur einmal geladen werden, spart also Traffic. Dort, im Hintergrund ist es in voller Breite, stark per CSS weichgezeichnet, mit einem Schatten nach unten links, einer feinen Kontur und einem Verlauf, was dem Aufmacher Tiefe gibt und den ungenauen Ausschnitt verzeiht.
```html
```
Ein Restproblem bleibt der Kontrast über so unterschiedlichen Bildern, doch dafür wird sich eine Lösung finden.
Eine Lücke aber bleibt offen und ärgert mich. Das *Drop Cap*, der große Schmuckbuchstabe am Absatzanfang, war mir gestalterisch immer wichtig, und ich habe es nicht sauber in Ghost zum Laufen gebracht. Die naheliegende Regel über das erste Zeichen des ersten Absatzes scheitert daran, dass mein einleitender Absatz gefettet ist, und Ghosts Editor bietet über die Oberfläche keine Möglichkeit, einem Absatz eine eigene Klasse zu geben. Die Auswege, die das System lässt, laufen alle darauf hinaus, Code in ein kleines Eingabefeld zu schreiben, und das lehne ich für den redaktionellen Alltag ab. Das *Drop Cap* bleibt damit ungelöst, und ich benenne es als das, was es ist, eine Grenze des Systems, kein Versäumnis der Mühe.
Verwandt damit ist die schon erwähnte fehlende Medienverwaltung. Im Frontend gibt es bei mir durchaus ein Feld für den Bildnachweis, die Anzeige funktioniert. Was fehlt, ist die zentrale Verwaltung dieser Nachweise, eine Mediathek, in der sich Urheber und Lizenz pflegen lassen, wie ich sie mir in WordPress aufwendig eingerichtet hatte. Für jemanden mit großem Bildarchiv ist das mehr als eine Lappalie.
## Ein Wort zum Wandel
Beim Bauen ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Gestaltung von Websites in den letzten Jahren verlangsamt hat. Vieles ist moderner geworden, im Kern aber hat es sich angeglichen, und einen merklichen Anteil daran trägt irgendwie Apple mit der Formensprache seiner Betriebssysteme.
Ein eigentümliches Gegenphänomen ist der [Neo-Brutalismus](https://patrick-pehl.de/), der die Seiten in eine [Ästhetik der 2000er](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/) zurückführt, die ihtor
rerseits die Neunziger zitiert, vereinfacht und doch grell und bunt. Darüber ließe sich ein eigener Artikel schreiben, und vielleicht tue ich das einmal.
[Migration von Wordpress zu Ghost: Technische GrundlagenDer Umzug von Wordpress zu Ghost ist nicht ganz einfach. Wo die Problemstellen liegen, schreibe ich in dieser Serie nieder. Aber diesmal geht es um die technischen Grundlagen.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/ghost-auf-eigenem-server-mein-technisches-fundament/)
## Vorerst: Fazit der Migration
Bleibt die Frage, für wen sich dieser Wechsel lohnt. Für mich war er richtig, weil ich wieder publizieren wollte und nicht verwalten, weil mir die kleinere Angriffsfläche und das abgeschaltete PHP Ruhe geben, und weil Ghost beim Gestalten erstaunlich wenig im Weg steht. Wer schreibt, einen klaren, schnellen Auftritt will und bereit ist, Betrieb und Sicherung selbst zu verantworten, wird hier glücklich. Abraten würde ich jenen, die eine pflegeleichte Mediathek brauchen, die ihre Inhalte in Kategorien mit eigenständigen Übersichten ordnen wollen, oder die einen festen Podcast-Workflow haben, denn an diesen Stellen verlangt Ghost Kompromisse oder externe Lösungen. Und wer das tägliche Aktualisieren im Container scheut, sollte den Weg über die Ghost-CLI gleich mitdenken, den ich für mich als nächsten Schritt vorgesehen habe.
Am Ende ist dieser Umzug weniger eine technische als eine grundsätzliche Entscheidung gewesen, die alte Frage, wie viel Hand man selbst am eigenen Werk behalten will. Ghost gibt mir mehr davon zurück, als WordPress es zuletzt tat, und nimmt mir dafür an anderer Stelle Bequemlichkeit. Diesen Tausch gehe ich gerade gerne ein. Jedoch ist mir bewusst was noch fehlt.
### Rückblick auf die Spielzeit 2025/2026
URL: https://patrick-pehl.de/spielzeit-2025-2026-mein-rueckblick-berlin-2026/
Last updated: 2026-07-13T12:24:33.000Z
**Die Spielzeit 2025/2026 neigt sich dem Ende und immer mehr Häuser verfallen in den sommerpäuslichen Ruhebetrieb. Die Klimaanlagen fressen die knappen Megawattstunden der Dunkelflaute, während die Wasserwerke der Hauptstadt zur Genügsamkeit beim Duschen aufrufen. Das ist eine gute Gelegenheit, um zurück auf die vergangene Spielzeit zu blicken. Dreiunddreißig Abende, achtundsechzig Stunden in Berlins Aufführungsorten.**
Tagelang hat mich das Bühnenbild von „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ verfolgt, im positivsten Sinne, bis in den Schlaf hinein. Am 6\. und 7\. Juni 2026 saß ich im Großen Haus des Berliner Ensembles, Frank Castorfs Inszenierung nach Erich Kästner, und begriff, weshalb ein Roman, den ich kurz zuvor noch einmal gelesen hatte und der mir auf dem Papier seltsam handlungsarm vorkam, auf der Bühne zu einem Sog werden kann. Zwischen September 2025 und Juli 2026, also über eine komplette Spielzeit hinweg, habe ich in Berlin **33 Vorstellungen** besucht, an **vier Institutionen** ([Berliner Ensemble](https://www.berliner-ensemble.de/spielplan?ref=patrick-pehl.de), [Staatsballett Berlin](https://www.staatsballett-berlin.de/index.html?ref=patrick-pehl.de), Komische Oper Berlin, Staatsoper Unter den Linden), verteilt auf **neun** verschiedene Säle, vom Großen Haus des Berliner Ensembles über die Tischlerei der Deutschen Oper bis zum Schillertheater. Das sind rund **68 Stunden** reine Saalzeit, zehn davon mit Pause unterbrochen, der Rest in einem Zug. Der Sommer naht, die Spielzeit läuft aus, und was bleibt, ist neben müden Beinen vor allem der Eindruck einer erstaunlichen Vielfalt.
Diese Vielfalt hat allerdings ihren Preis, im doppelten Sinn des Wortes. Wer, wie ich, ohne Berlin-Pass oder Studierendenstatus unterwegs ist, zahlt für dieselbe Vorstellung ein Vielfaches dessen, was Studierenden oft fast hinterhergeworfen wird, was der Sache mitunter merkwürdigerweise ihre Bedeutung nimmt, statt sie zu erhöhen. Kulturelle Teilhabe in dieser Stadt bleibt, jenseits der Ermäßigungstabellen, ein Desiderat, das einen eigenen Text verdient hätte, hier aber nur als Randnotiz stehenbleiben soll.
### Theater
Der Löwenanteil der Spielzeit spielte sich, folgerichtig, im Sprechtheater ab, mit **24 Besuchen** und rund **55 Stunden** Gesamtdauer. Darunter zwei Ausnahmen: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ und „Kinder der Sonne“ habe ich, aus unterschiedlichen Gründen, jeweils zweimal gesehen. Die Aufführung des „Hauptmann von Köpenick“ war eigentlich eine Ersatzaufführung vor der Premiere – also eher eine Generalprobe. Dadurch war der große Saal fast leer und diese szenische Lesung von Max Hopp, die durch seine Frau Doris Decker musikalisch untermalt wird, wirkte somit ganz anders.
„Kinder der Sonne“ wird im Theater als „[Kinder der Sonne von Jakob Nolte nach Maxim Gorki](https://patrick-pehl.de/kinder-der-sonne-vom-professor-zum-gartner/)“, Regie führt Laura Linnenbaum, ein Stück, das seine Corona-Zeit-Entstehung nicht verleugnet.
| Stück | Inszenierung | Spielstätte | Dauer | Rollen |
| --------------------------------------------- | --------------------------- | --------------- | --------- | ------ |
| Antigone | Johan Simons | Großes Haus, BE | 02:00 | 3 |
| Aufzeichnungen aus dem Kellerloch | Max Lindemann | Neues Haus, BE | 01:20 | 1 |
| Christiane Paul liest: Marzahn Mon Amour | Tobias Kruse (Einrichtung) | Großes Haus, BE | unbekannt | 1 |
| De Profundis | Oliver Reese | Großes Haus, BE | 01:50 | 1 |
| Die Dreigroschenoper | Barrie Kosky | Großes Haus, BE | 03:00 | 27 |
| Drei Schwestern | Mateja Koležnik | Großes Haus, BE | 01:55 | 11 |
| Fabian oder der Gang vor die Hunde | Frank Castorf | Großes Haus, BE | 04:45 | 11 |
| Felix Krull | Alexander Eisenach | Großes Haus, BE | 01:30 | 5 |
| Der Hauptmann von Köpenick | Max Hopp | Großes Haus, BE | 01:55 | 1 |
| Hedda | Heiki Riipinen | Neues Haus, BE | 02:30 | 5 |
| „Heroes" (Alexander Scheer singt David Bowie) | Steffen Sünkel (Konzeption) | Großes Haus, BE | 01:45 | 5 |
| K. | Barrie Kosky | Großes Haus, BE | 03:10 | 8 |
| Kinder der Sonne | Laura Linnenbaum | Neues Haus, BE | 02:10 | 9 |
| Kleiner Mann – was nun? | Frank Castorf | Großes Haus, BE | 05:00 | 7 |
| Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner | Dennis Krauß | Neues Haus, BE | 01:00 | 1 |
| Mein Name sei Gantenbein | Oliver Reese | Großes Haus, BE | 01:45 | 1 |
| Mutti, was machst du da? | Axel Ranisch | Neues Haus, BE | 01:50 | 7 |
| Panikherz | Oliver Reese | Großes Haus, BE | 02:00 | 4 |
| Sturm auf Berlin | Marie Schwesinger | Neues Haus, BE | 01:40 | 5 |
| Tod eines Handlungsreisenden | Max Lindemann | Neues Haus, BE | 02:10 | 5 |
| Was ihr wollt | Antú Romero Nunes | Großes Haus, BE | 03:00 | 10 |
| Ein wenig Licht. Und diese Ruhe. | Dennis Nolden | Neues Haus, BE | 01:45 | 1 |
### Tanz
Siebenmal führte mich der Weg in die Tanzsparte, mit knapp sieben Stunden Gesamtdauer, deutlich kompakter als das Sprechtheater.
| Stück | Entität | Choreografie | Spielstätte | Dauer | | | | | | |
| ------------------ | ----------------------- | ------------------------------------- | --------------------------- | ----- | | ------------------------------ | -------------------- | ---------------------------- | ---------------- | ----- |
| Fearful Symmetries | Staatsballett Berlin | Christian Spuck | Staatsoper Unter den Linden | 01:40 | | | | | | |
| Minus 16 / SAABA | Staatsballett Berlin | Ohad Naharin / Sharon Eyal, Gai Behar | Deutsche Oper | 2:00 | | Mokka-Hits und Milchbar-Träume | Komische Oper Berlin | Axel Ranisch und Adam Benzwi | Schiller Theater | 02:25 |
| Schwanensee | Staatsballett Berlin | klassisch | Staatsoper unter den Linden | 2:50 | | | | | | |
| Wunderkammer | Gastspiel Staatsballett | Marcos Morau | Schiller Theater | 01:10 | | | | | | |
### Unterhaltung
Zwei Opernabende, gut sechs Stunden, komplettieren meine kleine Bilanz.
| Stück | Inszenierung | Spielstätte | Entität | Dauer |
| ---------------- | ------------ | --------------------------- | --------------------------- | ----- |
| Chowanschtschina | Claus Guth | Staatsoper Unter den Linden | Staatsoper Unter den Linden | 03:30 |
| Jewgeni Onegin | Barrie Kosky | Schiller Theater | Komische Oper Berlin | 02:50 |
## Was hängen blieb
Fünf Abende ragen aus der Bilanz heraus, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Bei „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ war es weniger der Stoff selbst, den ich als Roman eher blass empfunden hatte, [als die Opulenz der Bühnenfassung](https://patrick-pehl.de/teufelspakt-schlemihl-frank-castorf-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-am-berliner-ensemble-persoenliche-annaeherung/), die den Text dekonstruiert und ihm zugleich wortgetreu bleibt, eine Gratwanderung, die auf einem erstaunlich kompakten, gerade dadurch aber vielseitig bespielbaren Bühnenbild gelingt, das mehrere Ebenen der Zerlegung gleichzeitig sichtbar macht, ohne dass eine davon die andere erschlägt.
Zu „Fearful Symmetries“ komme ich über einen persönlichen Umweg. Meine bald Angetraute hat mich dem klassischen Tanz nähergebracht, einer Kunstform, die, nüchtern betrachtet, oft ihrem eigenen Selbstzweck dient. Bei [Christian Spucks Choreografie des modernen Tanzklassikers](https://patrick-pehl.de/fearful-symmetries-christian-spuck-staatsballett-berlin/) aber greifen Musik und Bewegung so ineinander, dass sich Machtverhältnisse regelrecht abbilden lassen, Aufbegehren, Unterwerfungsversuch, und die Beharrlichkeit, die am Ende doch einen gewissen Erfolg evoziert. Dass sich das, was auf der Bühne verhandelt wird, für jedermann erschließt, auch wenn die Institution *Staatsoper unter den Linden* selbst eher elitär wirkt, gehört zu den kleinen Dichotomien dieser Spielzeit.
Der Doppelabend „Minus 16 / SAABA“ hat mich gespalten zurückgelassen. Sharon Eyals „SAABA“ hat mich mit seiner Kostümierung und der Art, wie die Tänzer:innen darin geführt werden, streckenweise regelrecht affiziert, im unangenehmen Sinn, dennoch bleibt die tänzerische Präzision überzeugend. Ohad Naharins „Minus 16“, immerhin schon 1999 am Nederlands Dans Theater II uraufgeführt, wirkte auf mich dagegen eher infantil, ein Stück, das seine Zielgruppe wohl eher unter frisch nach Berlin gezogenen Twens findet als bei mir, was der über ein Vierteljahrhundert alten Choreografie nicht ganz gerecht werden mag.
„Was ihr wollt“ in der Fassung von Antú Romero Nunes bleibt ein Vergnügen, das keiner großen Worte bedarf, seine Wirkung stellt sich unmittelbar ein.
„[Kinder der Sonne](https://patrick-pehl.de/kinder-der-sonne-vom-professor-zum-gartner/)“ schließlich, das ich sowohl als Probe im Februar als auch als reguläre Vorstellung im April gesehen habe, verhandelt, geprägt von seiner Entstehung während der Corona-Zeit, die Reibung zwischen einer abgehobenen Akademiker-Schicht im Berliner Südwesten, irgendwo zwischen Grunewald und Nikolassee, und den sogenannten einfachen Leuten, deren feinsinnige Gedanken das Stück ausdrücklich nicht geringschätzt. Treue, Zugehörigkeit, Klassenmobilität, all das wird zwischen den Paaren verhandelt, ohne dass am Ende ein eindeutiges Urteil steht.
Neben den Vorstellungen selbst standen in dieser Spielzeit auch rund ein halbes Dutzend Theaterworkshops, angeregt durch eine Freundin, die mich zur Teilnahme ermutigt hat. Es ging um Performance, um Risiko auf der Bühne und im eigenen Auftreten, um allerlei Methoden, die man als Zuschauer sonst nie zu sehen bekommt. Der Probenbesuch bei „Sturm auf Berlin“ lief davon unabhängig, war aber, in seiner Mischung aus Nervosität und Konzentration kurz vor der Premiere, eine ganz eigene Schule des Sehens.
## Rückschau
Ganz so schlimm, wie man es während und nach der Amtszeit von Joe Chialo (CDU) befürchtet hatte, ist es um die Berliner Kultur nicht gekommen. Gut ist die Lage deshalb noch lange nicht. Chialo trat im Mai 2025 wegen der Kürzungen im Kulturhaushalt zurück, seine Nachfolgerin Sarah Wedl-Wilson musste das Amt inzwischen ebenfalls wieder räumen, im Zusammenhang mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft bei Fördergeldern, der dritte Senatsrücktritt unter Kai Wegner (CDU) seit dessen Amtsantritt 2023\. Dazu kommt ein oft zu elitärer Personenkreis an den Häusern selbst und ein residuelles, aber hartnäckiges Desiderat an Angeboten für Menschen in der Rushhour des Lebens, gemeint sind Eltern, bei denen Geld und Zeit gleichermaßen knapp sind und ein Theaterbesuch keine Selbstverständlichkeit ist. Dass dabei Singles und kinderlose Paare eher außen vor bleiben, kann ich, bei aller Kritik, gut aushalten.
### Sicherheit, Anmeldung und der Ernstfall
URL: https://patrick-pehl.de/ghost-migration-sicherheit-anmeldung-und-der-ernstfall/
Last updated: 2026-07-04T02:51:40.000Z
**Seit einigen Wochen läuft diese Website nicht mehr mit Wordpress, sondern mit dem Publishingsystem Ghost. Meine Erfahrungen beim Umzug lege ich in dieser Artikelreihe dar. Diesmal geht es mir um die Vorkehrungen für den Ernstfall und den Versuch ein paar Security-Best-Practices umzusetzen.**
Über Sicherheit zu schreiben, ohne das eigene System zu entblößen, ist ein schmaler Grat. Ich gehe ihn in diesem Artikel bewusst, denn die lehrreichsten Momente der [Migration zu Ghost](https://patrick-pehl.de/tag/migration-zu-ghost/) waren nicht die gelungenen Konfigurationen, sondern die Stellen, an denen etwas auf dem Spiel stand. Zwei davon schildere ich. Den Mailserver, der über die bloße Erreichbarkeit des Systems entscheidet, und den Tag, an dem ich beinahe ein Bildarchiv von fünfzehn Jahren verloren hätte. Sicherheit zeigt ihren Wert selten im Alltag, fast immer erst in der Ausnahme.
## Der Mailserver entscheidet
Ghost setzt für die Anmeldung im Verwaltungsbereich auf einen per E-Mail zugestellten Link, den Magic Link. Das klingt nach Komfort, ist in der Konsequenz aber eine unterschätzte Abhängigkeit und ich selbst bin kein großer Fan von Seiten, die das machen.
Wer sich einloggen will, braucht einen funktionierenden Zustellweg, und klemmt dieser Weg, steht man vor dem eigenen System wie vor einer verschlossenen Tür, deren Schlüssel im Briefkasten liegt, den man gerade nicht öffnen kann. Aus dem Nebenschauplatz wird so die tragende Säule, und genau darin liegt die Dichotomie dieser Komfortlösung: Sie erleichtert den Alltag und schafft im selben Zug einen einzelnen Punkt, an dem alles hängt.
Genau hier lag mein anfänglicher Widerwille. Lange hatte ich mich gegen einen eigenen Mailbetrieb entschieden, denn der Aufwand für eine saubere Konfiguration ist hoch und für einen reinen Grundbetrieb kaum zu rechtfertigen. Nun führte kein Weg daran vorbei. Postfächer anlegen, die kryptografischen Signaturen für Domain und Versand einrichten, also jene Mechanismen, die einer empfangenden Gegenstelle belegen, dass eine Nachricht wirklich von meiner Domain stammt und nicht gefälscht ist. Die Server-Verwaltung hat mir viel abgenommen, die Verantwortung bleibt. Ein Mailserver, der zur Anmeldevoraussetzung wird, muss dauerhaft sauber laufen, sonst sperrt er im Zweifel den eigenen Betreiber aus. Was ich mir sparen wollte, habe ich mir damit erst recht eingehandelt, und diesmal an der empfindlichsten Stelle.
Aus einem zweiten Grund hadere ich. Die Anmeldung per E-Mail ist nicht die Zwei-Faktor-Methode, die ich bevorzuge. Ich arbeite lieber mit einer modernen Authentifizierungs-App, früher der Google Authenticator, heute der in das Apple-Ökosystem integrierte Passwort App. Ein zweiter Faktor, der über das Postfach läuft, fühlt sich weniger sicher und weniger souverän an, weil die Kette nur so stark ist wie das Postfach, an dem sie hängt. So habe ich am Ende eine zusätzliche Komponente am Hals, die ich nie betreiben wollte, und sie ist nicht einmal jene, die ich für die beste hielte.
## Sichern, bevor es brennt
Der zweite Strang ist die Sicherung. Ein verbreiteter Reflex bei Containern lautet, einfach ein Abbild des laufenden Standes festzuhalten, in Docker über den Befehl `docker commit`. Das ist trügerisch, denn ein solches Abbild erfasst weder die eingehängten Datenverzeichnisse, in denen Inhalte, Themes und Konfiguration liegen, noch die Umgebungsvariablen, die das System zur Laufzeit braucht. Man hält also genau das Falsche fest und wiegt sich in einer Sicherheit, die keine ist. Tragfähig ist ein anderer Dreiklang: ein Archiv des Datenverzeichnisses, ein Datenbankabzug und eine dokumentierte Notiz der Laufzeitkonfiguration, übertragen auf ein getrenntes Ziel.
```bash
# Tragfaehige Sicherung statt 'docker commit':
# 1) Datenverzeichnis archivieren
tar -czf ghost-data-$(date +%F).tar.gz /pfad/zu/ghost-data
# 2) Datenbank abziehen
mysqldump --single-transaction ghost_db > ghost-db-$(date +%F).sql
# 3) Auf ein getrenntes Ziel uebertragen
rsync -a ghost-data-*.tar.gz ghost-db-*.sql backup-ziel:/sicherung/
```
Diese Disziplin klingt nach Pflichtübung, bis der Tag kommt, an dem sie sich auszahlt.
## Der Tag des Schreckens
Dieser Tag kam, und der Fehler war meiner. Beim Vorbereiten einer Testumgebung löschte ich über den Dateimanager versehentlich einen Ordner, und plötzlich war das Bildverzeichnis leer, rund zweitausenddreihundert Dateien, etwa zehn Gigabyte, das gesammelte Bildgut vieler Jahre. Der erste Moment ist ein Sturz; oder: ein kurzer, kalter Schreck. Gerettet hat mich nicht Heldenmut, sondern Vorsorge. Auf meinem Rechner im Büro lag noch ein älterer Stand des Dateisystems, und aus dem ursprünglichen WordPress-Pfad ließ sich der Bestand per `rsync` zurückholen, mit Filtern gegen die alten Größenvarianten, sodass nur die Originale zurückwanderten. Beide Datenbanken waren ohnehin unversehrt. Aus dem Sturz wurde Erleichterung, und aus der Erleichterung eine Lehre.
[Migration von Wordpress zu Ghost: Technische GrundlagenDer Umzug von Wordpress zu Ghost ist nicht ganz einfach. Wo die Problemstellen liegen, schreibe ich in dieser Serie nieder. Aber diesmal geht es um die technischen Grundlagen.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/ghost-auf-eigenem-server-mein-technisches-fundament/)
Denn so gut es ausging, der lokale Bürostand ist keine Strategie, er war Glück, und Glück ist im Betrieb die schlechteste aller Sicherungen. Langfristig führt kein Weg an einer ernsthaften Lösung vorbei, einem eigenen Netzwerkspeicher oder einer gemieteten Storage-Box beim Hoster, für die ich bereit sein muss, etwas mehr zu zahlen, denn Redundanz ist selten kostenlos und ihr pekuniärer Preis fällt immer vor dem Ernstfall an, nie danach. Lange hatte ich ein in den Server integriertes Komplettbackup beim alten Anbieter, und im Grunde steht sogar der Umzug der physischen Maschine im Raum. Dass ich ihn nur zögernd erwäge, liegt an meinen Beharrungskräften, die in solchen Dingen beträchtlich sind.
Das parallel weiterlaufende WordPress gehört in dieses Kapitel, denn es war im Ernstfall mehr als ein nostalgisches Anhängsel. In jenem Pfad lagen die Originaldateien, aus denen ich den Bestand zurückgewann. Was als Versicherung gedacht war, hat sich zwischenzeitlich bewährt – wenn auch bloß kurz.
## Was man beachten sollte
Zur Grundsicherung des Servers breite ich hier nichts Konkretes über meine Maschine aus, das wäre unklug und niemandem dienlich, doch ein Verzicht auf Namen ist nicht dasselbe wie Verschleierung. Das Bekannte und zu oft Vernachlässigte gilt weiter: nicht benötigte Dienste und Module abschalten, offene Zugänge schließen, soweit der Betrieb es erlaubt, und Werkzeuge zur Angriffserkennung einsetzen, wie etwa Fail2Ban gegen automatisierte Anmeldeversuche oder eine Endpoint-Lösung von der Art eines CrowdStrike, beide so verbreitet, dass ihre bloße Nennung kein Detail über meine Konfiguration preisgibt. Ein Ghost-spezifischer Punkt verdient ausdrückliche Erwähnung, weil er selten fällt und viel bewirkt: Mit Ghost lässt sich PHP vollständig abschalten, das System braucht es nicht. Damit entfällt ein großer, über Jahre gewachsener Angriffsvektor, den man von WordPress notgedrungen mitschleppt, und dieser eine Verzicht ist ein stiller, aber gewichtiger Sicherheitsgewinn.
### „Drei Schwestern“ warten im Berliner Ensemble. Wir auch.
URL: https://patrick-pehl.de/drei-schwestern-tschechow-berliner-ensemble-kritik/
Last updated: 2026-07-03T09:55:39.000Z
**Im Innenhof des Berliner Ensembles sprüht ein Wassersprüher einen kühlenden Nebel in die warme Sommerluft – und tut was er kann. Im Parkett des Saals im Großen Haus gelingt das Kühlen weniger. Es ist stickig, staubig und irgendwie schwül. Ein Mitarbeiter des Theaters tritt im weißen Oberteil vor die Bühne und teilt mit: Eine Schauspielerin sei ausgefallen und eine hochkarätige Zweitbesetzung werde den Abend möglich machen. Das Publikum ist erwartungsvoll, wobei die Erwartung der Grundton der Vorstellung sein wird.**
## Kaserne, Kostüm, Konsequenz
Mateja Koležnik, bislang vor allem im angelsächsischen Stoff zuhause, inszeniert Tschechow wie einen ausgeleuchteten Fernsehfilm. Das Bühnenbild von Klaus Grünberg und die Kostüme von Ana Savić-Gecan erzählen eine eigene Geschichte und tragen [die Inszenierung](https://patrick-pehl.de/die-privilegierten-und-ihr-blinder-fleck-drei-schwestern-am-be/). Die Geschichte ist in eine statische graue Kaserne verlegt, in der allerhand liebevoll arrangiertes Detail zu sehen ist. Sogar der Wasserhahn funktioniert und speit hin und wieder ungewollt einen Schwall in das staubige Porzellanbecken.
[„Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble: Tschechow für unsere ZeitMateja Koležnik verlegt Tschechows Jahrhundertdrama in eine Militärkaserne – und trifft den Nerv der Gegenwart. Mit Constanze Becker, Bettina Hoppe und Lili Epply. Am Berliner Ensemble bis Juli 2026.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/die-privilegierten-und-ihr-blinder-fleck-drei-schwestern-am-be/)
Zunächst kippt Irinas leuchtend grünes Kleid die Akte ins Graubraun, die Militärfarben nehmen jedoch stetig die Kostüme ein. Keine Szene ohne ein neues Kostüm oder wenigstens andere Schuhe an den Füßen der Figuren. Wenn das Statisten-Dutzend in wohl endlosen Kolonnen die Mobilmachung gen Polen zeigt und dabei einen Rabatz veranstaltet, bei dem man sich kurz um die Schauspieler sorgt, hat der Abend seine stärksten Momente. Was Koležnik nicht entfaltet, ist eine Klassenanalyse: Die Unfähigkeit dieser Schwestern zu handeln bleibt psychologisch unerklärt, wo das Material verlangt, dass der Zuschauer sie als strukturelles Produkt ihrer Schicht begreift, nicht als Leute mit schlichtem Pech.
Die Geschichte, in der niemand handelt und alle auf etwas warten, das nicht kommt, erinnert unweigerlich an Becketts „Warten auf Godot“ – wobei Tschechows Stück den Theaterkundigen als milderer, noch hoffnungsvoller Vorgänger bekannt ist. Wer russische Literatur jener Epoche tiefer erkunden will, dem empfiehlt sich das gerade ebenfalls am Berliner Ensemble gespielte „[Kinder der Sonne“ nach Maxim Gorki](https://patrick-pehl.de/kinder-der-sonne-vom-professor-zum-gartner/), das einen ähnlichen Zeitraum der russischen Geschichte ausleuchtet, dabei aber mit mehr Übertragungsleistung zum Publikum arbeitet.
## Epply leuchtet, Nest erlischt
[Lili Epply](https://patrick-pehl.de/tag/lili-epply/) spielt die Irina mit Jugendlichkeit und Präsenz, und der strahlende Beginn ihres Bogens gehört zum Besten des Abends. Jannik Mühlenweg gibt den Baron solide, ohne an frühere Leistungen anzuknüpfen, während Maximilian Diehle, körperlich wie geschaffen für den düsteren Soljony, seltsam hinter sich bleibt. Tilo Nest als Tschebutykin spielt, als wolle er den Nihilismus seiner Figur selbst verkörpern. „Ein Baron mehr oder weniger, ist auch egal“, sagt die Figur. Der Satz sitzt, nicht weil er gespielt wird, sondern weil er zufällig stimmt.
Daraus lässt sich deduzieren, woran der Abend leidet: Wo einzelne Rollen aufleuchten, fehlt dem Ganzen der verbindende Impuls. Der Handlung zu folgen gelingt auch von guten Plätzen aus nur mit Mühe, und die Sitznachbarn kamen hinterher zu ähnlichen Urteilen. Die Langeweile ließe sich als Absicht lesen, das Stück handelt schließlich vom Warten. Uninspiriert war der Abend trotzdem.
Das Kostüm und die Kulisse affizieren den Zuschauer in „Drei Schwestern“, während die Inszenierung hinter den Möglichkeiten des Kulturraums des Stücks zurückbleibt. Wer Bühnenbild und Kostüm als eigenständige Kunst schätzt, findet hier lohnende Anschauung. Wer den Stoff sucht, den Tschechow hergibt, Figuren, die packen, oder die russische Seele, die hinter dem Text liegt, ist anderswo besser aufgehoben.
Das [Berliner Ensemble](https://patrick-pehl.de/tag/berliner-ensemble/) inszeniert auf höchstem Niveau, das darf man bei aller Kritik nicht vergessen. Zugleich hat es die Tradition, dass das Haus für alle zugänglich sein muss, was ein großer Schatz für die ganze Region ist.
### Ghost auf eigenem Server: Mein technisches Fundament
URL: https://patrick-pehl.de/ghost-auf-eigenem-server-mein-technisches-fundament/
Last updated: 2026-07-03T09:55:54.000Z
**Seit mehr als 15 Jahren lief diese Domain mit Wordpress. Seit zwei Wochen läuft das Publishing-System Ghost und ich habe eine Menge Erfahrungen gemacht. Was der Blick über den Tellerrand bewirkt beschreibe ich in dieser Artikelstrecke – kulturell, kognitiv und technisch.**
Wie bereits berichtet, habe ich mich in einem [längeren Prozess dazu entscheiden](https://patrick-pehl.de/migration-zu-ghost-erfahrungen-vom-abschied-motivation/) Wordpress zumindest in Frage zu stellen und ein anderes System zum Publishing zu nutzen. Meine Erfahrungen schreibe ich in dieser Strecke auf.
## Schnelle Ergebnisse mit Docker
Um schnell Ergebnisse zu erzielen, habe ich den offiziellen Docker-Container von Ghost hochgefahren, eingerichtet und ganz eigene Probleme gehabt. Der Wechsel vom dateibasierten WordPress in einen Container war für mich überraschend und ungewohnt zugleich, und ich will gar nicht verschweigen, dass mein nächstes Ziel bereits feststeht: Der Übertrag der Daten zur [Ghost-CLI](https://ghost.org/publishers/?ref=patrick-pehl.de), also weg vom Container. Zum Ausprobieren war Docker gut, doch wohl fühle ich mich damit nicht. Das soll diesen Teil aber nicht bestimmen, denn zunächst geht es darum, wie das System heute tatsächlich läuft und auf welchem Unterbau. Ein Technik-Artikel.
Der Server arbeitet auf Ubuntu, die Datenbank ist eine MariaDB, kein MySQL, und davor sitzt ein Nginx als Webproxy. Sicher ließe sich diese Konstellation verbessern, aber man arbeitet mit dem, was man hat. PHP ist gar nicht erst installiert, was Angriffsfläche und Pflegeaufwand zumindest an dieser Stelle senkt. 16 GByte Arbeitsspeicher stehen bereit, davon gestehe ich Ghost drei zu, darunter rechnet eine moderne AMD-EPYC-Server-CPU – ausgelastet wird das System also so gut wie nie. Auf ein Content Delivery Network, etwa von Cloudflare, habe ich vorerst bewusst verzichtet, weil die vorhandene Architektur genug abfängt, der Nginx-Cache großzügig greift und ich die Datenbankabfragen so klein wie möglich halte. Hoffentlich gelingt das auch mit Ghost.
## Speicher als Dauerthema
Das eigentliche Dauerthema ist der SSD-Speicherplatz. Über fünfzehn Jahre haben sich Mediendateien angesammelt, Fotografien, kleinere Videos und vor allem umfangreiche Audioarchive, und dieser Bestand wächst. Platzmangel gab es zwar bisher nicht wirklich, aber ständig ein Backup auf dem Server zu haben ist viel. Ungefähr die Hälfte des Serverspeicherplatzes ist belegt, und das sollte jetzt mitgedacht werden, genau wie deutsche asymmetrische Internetleitungen, die große Datenmengen einfach zu einem Problem machen.
Hinzu kommt, dass die Migration den Bestand vorübergehend verdoppelt hat, weil die Mediendateien jetzt zweifach vorliegen – einmal im Wordpress und einmal als Kopie in Ghost. Hier hat es geholfen nur die Originale aus dem Wordpress zu kopieren, was in meinem Fall aber auch ein riesiger Datenberg ist.
Am Ende sind es trotzdem rund 50 GByte Medien, eben alles, was über die Jahre nicht verlorengegangen ist. Wer so plant, muss auch die Sicherungen entsprechend handhaben, doch das gehört in [einen anderen Teil](https://patrick-pehl.de/ghost-teil3).
# Modernes Medienhandling
Beim [Bildhandling zeigt Ghost](https://docs.ghost.org/admin-api/images/overview?ref=patrick-pehl.de) eine seiner angenehmen Seiten. Die benötigten Größen erzeugt es nämlich bei Bedarf über die eigene API, sodass im Theme keine aufwendigen Größendefinitionen mehr zu hinterlegen sind. Diese Entlastung empfinde ich als echten Mehrwert.
Ich habe für meine Archive immer die größtmögliche, detailreichste Speicherart gewählt, meist verlustfrei komprimiert, in den letzten Jahren verlustfrei komprimiertes WebP. Ob dieser Schritt unterm Strich wirklich etwas bringt, bleibt eine Grundsatzfrage. Entscheidend ist für mich ein anderer Punkt: Aus WordPress habe ich nur die Originaldateien übernommen, nicht die dort zusätzlich erzeugten Größen, und so kann Ghost aus der bestmöglichen Vorlage seine Ableitungen errechnen. Und das macht Ghost enorm schnell. Weil diese Ableitungen in einer eigens angelegten Ordnerstruktur liegen und nicht im gewöhnlichen Bildverzeichnis, lässt sich dort auch großzügig aufräumen. Beim erstmaligen Besuch geht die Auslastung natürlich nach oben, aber das ist nicht weiter schlimm.
## Wenn der Upload stockt
Ein erwartbares Problem tritt beim gleichzeitigen Hochladen vieler hochauflösender Bilder auf, und manche meiner Originale messen dreißig Megabyte und mehr. Als ich meinen Cache-Warmer gestartet habe, ist Ghost beim ersten Versuch jedoch gescheitert, weil ich zu wenig Arbeitsspeicher zur Verfügung gestellt habe.
Der gesamte Server wurde für einige Minuten träge. Bemerkenswert ist, dass ich ihn dabei nie selbst neu starten musste, Ghost hat sich jedes Mal von allein wieder eingefangen. Unter WordPress führte vergleichbare Last durchaus zu Abbrüchen, in deren Folge Bilddateien fehlten, die ein Skript in meinem Theme regelmäßig prüfen und bei Bedarf neu erzeugen musste. Diese selbstgebaute Reparaturmechanik kann ich mir nun sparen – wieder ein Fallstrick weniger.
Der Cache-Warme ist einfach gestrickt. Er lädt die aktuelle Sitemap mit *CURL* und ruft jede Seite einmal mit niedriger Priorität ab, was zugleich die Erzeugung der Bildableitungen anstößt. Zwei Fliegen mit einer klappe: Der Cache ist da und die Bilder werden regelmäßig geprüft und bei Bedarf erstellt.
```
bash
#!/usr/bin/env bash
# cache-warmer: ruft jede URL der Sitemap einmal ab und stoesst dabei die Erzeugung der responsiven Bildgroessen an.
set -euo pipefail
SITEMAP="https://example.tld/sitemap.xml"
curl -s "$SITEMAP" \
| grep -oE '[^<]+' \
| sed -E 's#?loc>##g' \
| while read -r url; do
curl -s -o /dev/null \
-A "Mozilla/5.0 (iPhone; CPU iPhone OS 17_0 like Mac OS X)" \
"$url"
sleep 1
done
```
Den Abruf erledigt ein Cronjob, der gezielt einen mobilen User-Agent vorgibt, damit auch die mobilen Bildvarianten entstehen. Hier könnt man optimieren, indem man den User von Googles Pagespeed Insights nutzt.
## Ist Ghost schneller?
Ehrlich bleiben muss man beim Ertrag: Der Geschwindigkeitsgewinn im Browser des Endnutzers fällt gegenüber dem alten WordPress nicht dramatisch aus. Google Page Speed liefert je nach Seite stabil über den Tag etwa siebzig Punkte. Das ist solide, aber kein Triumph, denn der Weg war vorher ähnlich.
## Die offenen Baustellen
Bei aller Zufriedenheit gibt es Fehlstellen, und drei davon wiegen für mich schwer.
### Bilderverwaltung schwer gemacht
Enorm schwer wiegt für mich die fehlende Mediathek. Ghost kennt keine zentrale Medienverwaltung im Sinne der WordPress-Bibliothek, die Dateien leben in einer Ordnerstruktur, die ich selbst diszipliniert benennen muss, solange ich kein externes Verwaltungssystem dafür etabliere. Für jemanden, der ein großes Bild- und Audioarchiv pflegt, ist das spürbar und unübersichtlich.
### Meine Podcasts
Die zweite Fehlstelle betrifft die Podcasts. Ich habe mir über die Jahre eine recht elaborierte Distributionsumgebung für Podcasts aufgebaut, und auch wenn ich sie nicht mehr so intensiv nutze, hänge ich emotional daran. Ghosts Kompatibilität mit Podcast-Feeds ist begrenzt, und so stehe ich vor der Entscheidung, ob ich das Hosting auslagere oder weiter selbst betreibe.
### Seitenstruktur
Die dritte Umstellung ist struktureller Natur. Ich bearbeite im Kern drei große Themenfelder, die ich unter WordPress über Kategorien in saubere Silos sortiert und für strukturierte Ausgaben sowie die Benutzerführung genutzt habe. Ghost kennt nur Tags, keine Kategorien, und ob ich damit auf Dauer gut zurechtkomme, weiß ich noch nicht. Dynamische Landingpages, die diese Themenfelder eigenständig zusammenführen, habe ich in Ghost bislang nicht umgesetzt, und ich werde noch herausfinden müssen, wie sich das sinnvoll lösen lässt.
### Sicherheitsstandards per 2FA und Mailserver
Bleibt der Punkt, der mich zu Beginn am meisten Mühe gekostet hat, der Mailserver. Lange hatte ich mich bewusst gegen einen eigenen Mailserverbetrieb entschieden, weil der Konfigurationsaufwand hoch und für kaum zu rechtfertigen ist. Ghost zwingt mich nun dazu, weil die Anmeldung über einen per E-Mail zugestellten Link erfolgt. Postfächer anlegen, die kryptografischen Signaturen für Domain und Mailserver einrichten, hier hat mir die Plesk-Serververwaltung viel abgenommen. Hier würde ich mir eine moderne TOTP-Integration wünschen. Da ist auch mehr als eine Fußnote, doch dazu werde ich in den kommenden Tagen mehr aufschreiben. Wenn der Mailserver klemmt ist der Zugriff nicht nur erschwert.
### Mit leeren Händen: „Der Lebenslauf des Boxers Samson-Körner“
URL: https://patrick-pehl.de/mit-leeren-handen-der-lebenslaus-des-boxers-samson-korner/
Last updated: 2026-07-02T10:28:07.000Z
**Im Neuen Haus des Berliner Ensembles steht ein Mann in Unterhose vor einem großen reflektierenden Lichtschirm, die den Mond darstellen soll – man muss das wissen, um es zu sehen – mal gleißend kalt, mal sepiawarm.**
Oliver Kraushaar spricht und spielt [Paul Samson-Körner](https://de.wikipedia.org/wiki/Paul%5FSamson-K%C3%B6rner?ref=patrick-pehl.de), deutschen Schwergewichtsmeister der Zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und erklärten Freund [Bertolt Brechts](https://patrick-pehl.de/tag/brecht/) – wobei das Wort *Freundschaft* etwas seltsam anmutet, wenn man bedenkt, dass Brecht das gemeinsam mit Elisabeth Hauptmann begonnene Prosafragment schlicht abbrach, als Samson-Körners Karriere zu Ende war. So war Brecht wohl, wie wir aus anderen Berichten aus seinem Umfeld wissen. Dennis Krauß hat dieses Fragment als Uraufführung auf die Bühne gebracht.
## Berufswunsch bodenständig
Was Kraushaar erzählt, ist eine Autobiografie in Stichworten: Zwickau, Berufswunsch Elektroniker und Angebot als Bierkutscher, Hamburg, Schiff, Cardiff, Gefängnis. Dort ein fettleibiger Wärter, der sich nicht bewegen will, Karten spielt und die Insassen zu explizieren Zurschaustellungen animiert. Die Insassen hätten an der „Pfeife“ nagen müssen, womit der gleichgeschlechtliche, damals unsittliche Umgang gemeint war. Brecht scheut das nicht. Die Sprache verhandelt alles auf der Zwischenebene – metaphorisch, bildhaft, ökonomisch.
## Sport ist kein Spiel
Boxen, so Samson-Körner, sei kein Sport wie andere Sportarten. Etwa *spiele* man Fußball, boxen spiele man hingegen nicht. Mit steigender Popularität verschlechtere sich außerdem der Sport – das Publikum komme nur noch zur Unterhaltung, nicht mehr zum Verstehen. In der gleichen Zeit entstand der waghalsige uns todbringende Motorsport.
Kraushaar kleidet sich im Laufe des Abends an: Habenichts, Boxer, Mann im [Anzug mit Krawatte](https://patrick-pehl.de/anz-ge-ein-gef-hl-eine-hommage-an-die-sch-nheit-im-grauen-des-lebens/) und benutzen Einstecktuch. Nach seinem ersten Kampf bringt er seiner Freundin ein Veilchen mit – nicht die Blume, sondern das Schlagmal im Gesicht. Die Lady nimmt es still. Es rührt von seinem ersten Boxkampf, den er machte, um 20 Pens zu sparen und die junge Freundin zu beeindrucken, mit der er bisher nur auf dem Korridor seines Seemannshotels verkehrte.
[Metaphysik am Rummelplatz: Molnárs „Liliom“ am Berliner Ensemble 2024Wie viel Erlösung steckt in einem Gewalttäter? Die neue Liliom-Inszenierung am Berliner Ensemble erkundet metaphysische Räume zwischen Jahrmarkt und Jenseits. Eine Kritik zur Premiere – mit Fokus auf Schuld, Reue und Terézia Moras Neuübersetzung.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/)
Unvermittelt kommt eine Aussage über die Liebe, dass sie einen etwas tun lasse, das er gar nicht unbedingt wolle. Ein herzenswarmer Einschub, der umso mehr trifft, weil er so schnell wieder geht. Es geht im Text und Stück eben um die zwei Seiten einer Medaille.
Das Stück ist nach einer Stunde spielendem Einmann-Vortrag unvollendet, der Text nicht – kurzweilig im besten Sinn. Kraushaar trägt es mit Präzision. Ein kurzer Textaussetzer wird von der Souffleuse so schnell aufgefangen, dass er bei der Menge der Silben kaum zählt.
## Glück hat man nur ein Mal
Was bleibt, ist ein Satz aus der Arbeiterbewegung, der heute schwerer wiegt als damals: Das [Glück](https://patrick-pehl.de/teufelspakt-schlemihl-frank-castorf-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-am-berliner-ensemble-persoenliche-annaeherung/) hat man einmal im Leben – und vielleicht ein zweites Mal, ein bisschen weniger. Samson-Körner hatte es. Er kam aus Zwickau, fand einen Freund namens Brecht, eine Streuscheibe als Mond und einen Ring, in dem alles zählte. Wer heute erbt – das Glück, den richtigen Namen zu tragen, den richtigen Moment erwischt – steht auf einem anderen Blatt. Schauen Sie sich das Stück ruhig an, aber haben Sie keine Scheu vor der Abscheu.
### Ein langer Abschied von Wordpress
URL: https://patrick-pehl.de/migration-zu-ghost-erfahrungen-vom-abschied-motivation/
Last updated: 2026-06-26T07:58:14.000Z
**Seit mehr als 15 Jahren lief diese Domain mit Wordpress. Seit zwei Wochen läuft das Publishing-System Ghost und ich habe eine Menge Erfahrungen gemacht. Was der Blick über den Tellerrand bewirkt beschreibe ich in dieser Artikelstrecke – kulturell, kognitiv und technisch.**
Diese Website läuft seit einigen Tagen auf Ghost, nicht mehr auf WordPress. Das alte, historisch gewachsene WordPress existiert weiter als Versicherung und ich pflege die Datenbank. Von Ghost erhoffe ich mir ein stabiles, einfaches und performantes System, das womöglich auch auf schwacher Hardware seinen Dienst leisten kann. In dieser kleinen Artikelstrecke in eigener Sache möchte ich meine Erfahrungen, meine Motivation und die konkreten Problemfälle des Systemumstiegs dokumentieren, naheliegenderweise in eben jener Publishingumgebung.
WordPress ist nicht schlecht, ein gutes Drittel des Internets läuft darauf, große Medienseiten nutzen es. Gleichzeitig hat es eine Generation von Internetnutzern geprägt. Ich bin dieser Software bis heute dankbar, aber irgendwann verschiebt sich der Fokus. Ich wollte wieder publizieren und nicht vorrangig die Software verwalten. Ob das klappt, wird sich zeigen – ich habe sie ja noch, meine alte Datenbank.
## Wartung in den Feature Creep
Es war kein Tag, an dem ich beschloss, WordPress sei schlecht, es war eher eine Erosion. Hinzu kam eine wiederkehrende Sorge um die Angriffsfläche. Plugins, Themes und WordPress selbst sind über die Jahre unübersichtlich geworden, und die Multidomain-Umgebung tut ihr Übriges. Ich habe einen verseuchten Datenbestand selbst erlebt, einen Einbruch, der nicht nur Daten zerstörte, sondern auch die Reputation der Domain beschädigte. Über ein veraltetes Theme, ein nachlässig gewartetes Plugin kann viel passieren, und ich habe mir früh angewöhnt, immer eine Ebene unterhalb der eigentlichen WordPress-Instanz abzusichern.
Die Datenbank trägt inzwischen gute fünfzehn Jahre auf dem Buckel, und ich bin selbst überrascht, wie lange ich damit schon ununterbrochen im Netz unterwegs bin und die verschiedensten Publikationen verwirklicht habe, mal mit größerer, mal mit geringerer Intensität. Genau diese Verbundenheit ist der Grund, warum die alte Installation nicht verschwindet. Sie läuft als Sicherung weiter, sie trägt noch andere Seiten, und wenn mich die Lust packt, für ein Projekt etwas Neues aufzusetzen, steht das bewährte System bereit. WordPress ist der eingängige Standard, mit dem auch andere schnell arbeiten können, die örtliche Kirchengemeinde, eine Person mit einer Idee, ein Spaßprojekt an einem Wochenende.
## Fehlende Grundfunktionen
Was mich über die Jahre zermürbt hat, ist weniger ein Mangel als ein Zuviel. Bestimmte Grundfunktionen, finde ich, sollte ein Publishingsystem von sich aus mitbringen, statt sie an verwaiste Drittanbietersoftware auszulagern. Das einfachste Beispiel ist die elementare Suchmaschinenoptimierung. Metadaten sind enorm wichtig, und ich verstehe nicht recht, weshalb ich für diese wenigen statischen Felder ein Plugin wie *Rank Math* oder *Yoast* benötige, so bewusst mir ist, dass diese Werkzeuge weit mehr leisten als die bloße Verwaltung von Open-Graph- und Google-Metadaten. So aber sammeln sich die Plugins, eines für die Bildkompression, eines für die Sicherheit, eines fürs Caching. Vieles habe ich in meinem eigenen Theme selbst implementiert, doch dadurch wuchs das Child-Theme zu einer eigenen, schwer beherrschbaren Komplexität heran.
Ghost nimmt mir an dieser Stelle viel ab, wenngleich es andere Probleme mitbringt, etwa die fehlende Medienverwaltung. Das System ist übersichtlich und einfach, und es entlastet auch bei der Arbeit am eigenen Theme. Der DOM-Baum, den Ghost erzeugt, ist erstaunlich sauber und damit leicht zu gestalten. Den Anstoß, es wirklich noch einmal zu versuchen, gab ein Video der Redaktion c’t 3003 über leichtgewichtige Bloggingsysteme. Es hat mich affiziert, weil es einen Gedanken bestätigte, den ich ohnehin mit mir herumtrug, und weil es den Wechsel leichter erscheinen ließ, als er sich am Ende erwies. Also startete ich eine Testumgebung, fuhr Ghost in einem Docker-Container hoch und begann, mein bestehendes WordPress-Theme Stück für Stück zu adaptieren. Bei der Gelegenheit entfernte ich angesammelten Spaghetti-Code. Nach etwa zwei Wochen stand eine erste Beta.
## Ghost im Abstahierungswahn
Erwartet hatte ich ein leichtgewichtiges, schnelles und gut wartbares System, das mir Arbeit abnimmt, schließlich ist genau das die Versprechung. Diese Erwartung wurde bis zu einem gewissen Punkt enttäuscht. Ich verstehe, dass auch hier eine eigene Komplexität herrscht, und bin doch nicht ganz sicher, ob sich der Aufwand in jeder Hinsicht lohnt. An einer Stelle reibt es spürbar, am Betrieb im Container. Ein echtes Unbehagen will ich das nicht nennen, denn Docker ist keine schlechte Umgebung, ressourcensparsam und zuverlässig, und vermutlich unterm Strich die vernünftige Wahl. Was mich stört, ist anderes. Ich sorge mich, dass mit einem Container Mühe verlorengehen kann, die Automatisierung bleibt mühsam, und es fehlt die maschinenlesbare Wahrheit einer einzigen Konfigurationsdatei, weil die entscheidenden Größen als Umgebungsvariablen im Verborgenen liegen.
Am deutlichsten zeigt sich das an den Aktualisierungen. Ghost bringt für die Docker-Installation keine eigene, im Bedienpanel sichtbare Update-Routine mit, anders als die Ein-Klick-Aktualisierung, die man von WordPress kennt. Aktualisiert wird auf der Kommandozeile, und nach jedem Upgrade müssen die Umgebungsvariablen wieder stimmen. Eine saubere Automatisierung dieses Vorgangs habe ich nicht hinbekommen, was womöglich sicherer ist, aber fehleranfällig bleibt, denn ein Zahlendreher oder ein vergessener Paketstand genügt, und etwas geht kaputt. Wo ein automatischer Aktualisierungsweg fehlt, muss man sich regelmäßig kümmern, Befehle präsent halten, immer wieder hineinschauen, statt das zu tun, wofür das System eigentlich da ist. WordPress löst das eingängiger, weil die Aktualisierung dort sichtbar im Verwaltungsbereich liegt. Aus dem Container herauszufinden bleibt darum ein Vorhaben, das ich weiterverfolge. Genau dieses widerspenstige Verhältnis zwischen Komfort, Kontrolle und Eigenständigkeit zieht sich, das nehme ich jetzt schon vorweg, als roter Faden durch die ganze Strecke, von der Infrastruktur über die Sicherheit bis zur Gestaltung, und es ist am Ende kein technisches, sondern ein Haltungsproblem, die alte Frage, wie viel Hand man selbst am eigenen Werk behalten will.
Eine ältere Enttäuschung gehört hierher, weil sie meine Skepsis erklärt. Vor einigen Monaten habe ich für jemanden ein WordPress aufgesetzt, nicht zum ersten Mal, mit dem Versprechen, das sei leicht zu bedienen und leicht zu warten. Als ich dann wieder in der Plugin-Kette steckte und am Ende doch Dinge erklären musste, die schlicht nicht zugänglich sind, war ich von meinem eigenen Versprechen ein wenig desillusioniert.
## Web auf Wordpress, Wordpress im Web
Diese Verbundenheit mit dem Web reicht weit zurück. Nächtelang saß ich in meinem Berliner Jugendzimmer an den ersten Seiten, und bis heute mag ich statische, formwandlerische Dateiformate, weshalb mein liebstes Format für Texte ausgerechnet Markdown ist, das ich in Editoren wie iA Writer oder iA Presenter pflege. Strukturierte Daten haben stets eine eigentümliche Anziehungskraft auf mich ausgeübt, schon als Jugendlicher bildete ich die umliegenden Fahrpläne von Bussen, Straßenbahnen, S-Bahnen und Regionalzügen in einer Access-Datenbank ab, ein aus heutiger Sicht unsinniges, aber lehrreiches Unterfangen.
Meine Schulpräsentationen versah ich früh mit Sprungmarken und internen Verweisen, baute in Textverarbeitung und Präsentationsprogramm meine eigenen One-Pager und legte im Wirtschaftskundeunterricht eine kleine Projektwebsite an. Damals war das die Neugier eines Jungen, heute klingt es erstaunlich fortschrittlich. Von dieser Neugier ist nichts verlorengegangen, sie hat nur ihren Gegenstand gewechselt, und dass ich nun ein klares, ehrliches und beherrschbares System suche, ist die folgerichtige Fortsetzung eines halben Lebens am Rechner. Ghost ist für mich der nächste Versuch, diese Neugier mit jener Souveränität zu versöhnen, die ich nie aufgeben wollte.
### Der Teufelspakt in „Fabian“ am Berliner Ensemble
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Last updated: 2026-06-25T12:07:53.000Z
Eine *persönliche Annäherung an Frank Castorfs Kästner-Inszenierung am Berliner Ensemble – über Ausgestoßene, Schattentausch und Schönheiten und die Schönheit.*
**Als ich das erste mal in einem Frank-Castorf-Stück saß, war ich verloren. Es war ein anderes Stück, ein anderes Jahr, ein anderer innerer Reifegrad. Zu viel, zu lang, zu dicht – und das Stück wartete nicht auf mich. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ war anders.**
Die Barfrau hantiert mit dem Lippenstift. Die Spitze herausgedreht, malt auf den Lippen der von Sina Martens gespielten Barfrau und schreibt grobschlächtig in Schreibschrift auf einer diagonalgekachelten Spiegelfläche. *Die Orgie kann beginnen.* Castorf macht diesen Satz zur ersten Szene. Am Ende dürstete es mich nach mehr, und ich dachte: Wenn mich danach so dürstet, ist es wohl gut. Das Berliner Ensemble [hat diese Inszenierung fast fünf Jahre im Spielplan gehabt](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde?ref=patrick-pehl.de). Ich habe sie mehrfach gesehen und jedes Mal mehr gefunden.
Meine Begleitungen sahen das teils anders, das gehört dazu.
## Zuschauerkunst
„Brecht ging es nicht nur um eine Entwicklung der Schauspielkunst. Es ging ihm um eine Entwicklung der Zuschauerkunst“, erklärt Castorf in einem Interview. Das hätten wir vergessen. Wir sitzen im Theater und erwarten, dass etwas mit uns geschieht, passiv, konsumierend, als ob Kunst ein Dienstleistungsgewerbe wäre. Castorf liefert keine Dienstleistung, sondern stellt Anforderungen.

Revolutionäre Freiheit? Clara de Pin wechselt stetig die Figuren. © Matthias Horn
Diese Anforderungen sind nicht willkürlich. Sie entstehen aus dem Material. Kästners Roman – erschienen 1931 in der zensierten Fassung, die Urfassung erst 2013 zugänglich – hat, wie sein Autor selbst mit einer gewissen Genugtuung festhielt, keine Handlung. Das Buch verliert nichts außer einer mit 270 Mark im Monat dotierten Anstellung, kein Perlenkollier, kein Gedächtnis, keine befriedigende Auflösung. Das war so die Absicht. Castorf nimmt diesen Satz ernst – und widerlegt ihn auf der Bühne, indem er das scheinbar Handlungslose zu einem vollständig erzählten Abend macht, der sich befriedigend schließt, ohne die Absicht des Romans zu verraten. Aus meiner Sicht ist das außergewöhnlich und zeugt von des Regisseurs Können – und dem Vermögen eines ganzen Theaterbetriebs dies umzusetzen.
Zuschauerkunst bedeutet in diesem Fall, man muss bereit sein, eine Szene nicht zu verstehen, einen Verweis zu verpassen, eine Figur zu verlieren – und trotzdem im Strom zu bleiben, weil der Strom trägt, auch wenn man den Grund nicht sieht. Das ist zuweilen anstrengend.
[Peter Schlemihls Schattenkauf in Castorfs „Fabian“Am Sonntag war die Dernière von Frank Castorfs Inszenierung Fabian oder Der Gang vor die Hunde nach Erich Kästners Fabian am Berliner Ensemble – am Berliner Ensemble. Das soll als Anlass dienen, noch einmal auf die Figur des Landstreichers zu blicken – die Castorf mit Chamissos Peter Schlemihl besetzt. Eine Dekonstruktion derPatrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/peter-schlemihls-schattenkauf-in-castorfs-fabian/)
## Das Bühnenbild als Stadt
Aleksandar Denić baut nicht nur einen Bühnenraum, er baut Berlin in einen Kulissenwürfel auf der Drehbühne des Großen Hauses – außen die Stadt, innen die Menschen, die in ihr verschwinden. Klandestine Handlungen und Gespräche, die sich fast biedermeierlich verstecken.
Die Außenfassade ist ein Dokument. Oben das leuchtende UfA-Rautensignet. Darunter Reklame im Stil der Dreißiger des vergangenen Jahrhunderts, hell, einfarbig und modelliert. An der Außenwand die große Blechreklame: eine Revuetänzerin aus dem Berlin der Dreißiger, überlebensgroß und flach wie ein Wandplakat, mit einem Gelenk an der Hüfte und einem an der Brust – sie bewegt die Arme auf und ab, mit einer Mechanik, die aussieht, als wäre die Figur einmal an einem Haus gehangen und hätte dort ihre Botschaft in die Straße getanzt.

Viel zu erleben: Der tottraurige Exzess in den Berliner Mietskasernen. © Matthias Horn
Innen: die Bar mit Spiegelflächen und Lichterkette, ein Klavier, das seinen Platz auf der Drehscheibe mit allem anderen teilt. Oben auf der Plattform das Stammlokal, wo der Kartoffelsalat kommt und der Mostrich diskutiert wird. Und das Zimmer – seine Wände in grüner, geknöpfter Polsterung, die Felder mit Knöpfen abgeteilt, ein eisernes Bett, eine Lampe, die warm und gleichgültig brennt – wechselt seinen Inhaber mit derselben Beiläufigkeit, mit der es seinen Zweck wechselt: Molls Schlafzimmer, in dem die Triebe ihre Festtage feiern – mit allem, was dazugehört: Fleisch, Wein, Lachen, das sich nicht entscheiden kann, ob es Schmerz ist –, weil es Castorf weniger um den Niedergang einer Republik geht als um den unveräußerlichen Antrieb der Kreatur, die in ihr lebt, dann Battenbergs Studio, in dem Nacktheit Verfahren ist und kein Effekt, dann Fabians Bad, in dem ein Mensch sich zu waschen versucht, während draußen die Welt weiterläuft. Ort des Verbrechens, Ort des Vergehens an Menschen und ihren Begierden.
Die Live-Kamera macht Nähe möglich, die auf der Bühne nur angedeutet wäre – das Gesicht im Moment seiner Entblößung, plötzlich überdeutlich auf dem LED-Panel. Ich bemerkte nach einer Weile, dass ich nicht mehr wusste, wohin ich schauen sollte: auf die Bühne oder auf das Bild der Bühne. Das ist kein Problem. Das ist der Punkt.
## Berlin, das seinen Aggregatzustand verändert hat
Jakob Fabian stolpert mit seinem wohlhabenden Freund Stephan Labude durch das Berlin der frühen Dreißiger. Kneipen. Cabarets. Künstlerateliers. Das fiebrige Nachtleben einer Stadt, die sich bis zur Bewusstlosigkeit amüsiert – und dabei nichts spürt außer dem Amüsement selbst. Es ist Eskapismus, Körperkapitalverzehr als Libertinage verkleidet – eine sexuelle Marktwirtschaft der Großstadt, die ihre Akteure erschöpft, ohne es einzugestehen. Kästner schaut zu und urteilt nicht laut. Er urteilt durch die Form: durch das Fehlen von Notwendigkeit in allem, was geschieht.

Was bringt die Vergnügungssucht? Alles schon gesehen in dieser Stadt? © Moritz Haase
Fabian wohnt bei einer Witwe. Das ist der Wohnungsmodus der Dreißiger: möbliertes Zimmer, Hauswirtin, ein fettiges Telefon beim Fleischer Rarisch um die Ecke. Und bringen Sie mir noch eine halbe Kalbsleber mit – aber ohne Flechsen, jene Sehnen und Bindegewebsstränge, die der Metzger herausschneidet. Diese Witwen gibt es nicht mehr. Die Hauswirtinnen sind verschwunden. Dafür haben weltumspannende Techkonzerne die Stadt neu möbliert – Booking.com, Airbnb, das Zimmer auf Zeit. Man wohnt heute wieder möbliert. Kästners Berlin ist nicht vergangen. Es hat seinen Aggregatzustand verändert.
Ich saß im Zuschauerraum des Großen Hauses und dachte, dass ich diese Stadt kenne. Nicht das historische Berlin von 1931 – das kenne ich nur aus Büchern. Aber das Prinzip.
## Was man spürt, wenn man die Schichten kennt
Beim ersten Besuch kannte ich die Chamisso-Schicht nicht. Engels in Manchester nicht. Ich wusste nicht, dass der Landstreicher, der in Fabians Wohnung eindringt und [dessen Schatten aufkauft](https://patrick-pehl.de/peter-schlemihls-schattenkauf-in-castorfs-fabian/), dreifach codiert ist: als Peter Schlemihl, als Manchesterkind des Frühkapitalismus, als Mann ohne bürgerlichen Ort, dessen fehlender Schatten Voraussetzung ist für das, was er vorhat. Ich sah eine Figur mit breitkrempigem Hut und Nadelstreifen, die Kartoffelsalat bestellte und nach Mostrich fragte. Das reichte vollständig.
Beim zweiten Besuch verstand ich mehr. Nicht mehr Vergnügen – ein anderes. Der Unterschied ist der zwischen dem Lesen eines Texts in einer Sprache, die man nur bruchstückhaft kennt, und dem Lesen in der Muttersprache. Derselbe Text. Ein anderes Erlebnis.
Dieser Abend hat Schichten. Kästners Roman ist eine. Darunter: Engels in Manchester, Marx, und der Teufel – nicht als Metapher, sondern als religiöses Konstrukt, das mitten in eine materialistische Theorie hineingestellt wird. Das Geschäft im Kern der Inszenierung ist ein Teufelspakt, und Castorf lässt das stehen. Er wuchs in Ost-Berlin auf, kennt das politische Rotlicht von innen – jene Grundfarbe der DDR-Ideologie, die in Schulen und Volksbildung eingesetzt wurde wie Tinte. Jetzt zeigt er es neben dem anderen: Weimar, Körper, Begehren. Dieselbe Farbe. Anderer Stoff.
Wer die Schichten kennt, liest tiefer. Wer sie nicht kennt, sieht trotzdem das Stück. Beides stimmt. Walter Benjamin hatte 1931 geschrieben, Kästner stehe „links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen überhaupt“. Das ist eine Diagnose, die trifft. Und sie trifft nicht nur Kästner.

Madita Mannhardt und [Clara De Pin](https://patrick-pehl.de/tag/clara-de-pin/) in der Welt der Nachtclubs. © Matthias Horn
[Anna Wohlfarth](https://annawohlfarth.de/?ref=patrick-pehl.de) sitzt am Klavier – manchmal im Zentrum, manchmal dreht die Drehbühne sie weg ins Abseitige, als wäre auch sie eine Figur der Handlung, nicht nur ihre Begleiterin. Während der großen Nacktszene wird sie in die Kantine geschickt. Am Ende spielt [Clara De Pin](https://www.claradepin.fr/?ref=patrick-pehl.de) einige Minuten. Wohlfarth als Gewissen, das nicht zusehen soll.
## Das Laken, der Handel, die Aufschrift
Die stärkste Szene des Abends ist die stillste. Fabian ([Marc Hosemann](https://www.berliner-ensemble.de/marc-hosemann?ref=patrick-pehl.de)) und Cornelia Battenberg im Zimmer. Ein weißes Laken – gestärkt, kalt, beim leisesten Zug rauschend wie etwas, das gegen sich selbst protestiert – als Projektionsfläche und räumlich-zeitliche Verschiebung: Das Laken zeigt, ohne Berlin zu verlassen, was morgen in Cornelias Welt geschehen wird. Cornelias Blick geht nach innen. Fabians fordert mit gleichgültig-geiler Beharrlichkeit ein, was er für beschlossen hält. Klinisch und intim auf einmal.
Unmittelbar danach beginnt der Chamisso-Text. Der graue Mann möchte höflich den wunderschönen Schatten kaufen. Top. Der Handel gilt.
Cornelia wird sich beim Produzenten Makart verkaufen, macht die Augen zu, denkt an eine ärztliche Untersuchung, dann ist es vorbei. Das Laken bekommt danach die Aufschrift in Blutrot: UfA. Es wird an die Blechreklame gehängt. Der Eimer daneben ist verbeult. Clara De Pin trägt das mit einer Konzentration, die alle Aufmerksamkeit auf den Dialog zieht. Nacktheit als Verfahren. Nicht als Effekt.
## Weckerlin
Dann ist da Weckerlin. Der Universitätsassistent, der Labude – Fabians besten Freund, Denker, in Castorfs Lesart die mephistophelische Seite Fabians – mit einer falschen Nachricht in den Tod schickt: Die Habilitation sei abgelehnt. Eine Lüge. Gravitätisch, beiläufig, tödlich. Labude erschießt sich, und Castorf zeigt ihn tot im Arbeitszimmer, während das Leben außerhalb weiterläuft. „Handlungen haben Folgen“, sagt Fabian. „*Im Kleinen und im Großen.*“ [Castorf](https://patrick-pehl.de/tag/frank-castorf/) inszeniert ein [Moralgericht](https://patrick-pehl.de/blog/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/). Der Satz ist kein Kommentar. Er ist ein Urteil.
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Dann gibt es diesen Moment, kurz vor dem Ende. Clara De Pin, stehend, zunächst die Hände vor der Scham – und die 1994 Geborene spricht auf Französisch. Charles Baudelaire, „[Les Bons Chiens](https://fr.wikisource.org/wiki/Les%5FBons%5FChiens?ref=patrick-pehl.de)“ (Die guten Hunde): das Lob der herrenlosen Hunde, der Ausgestoßenen, der Armen, die keine Schoßhunde sind. Stunden lang hat das Stück gezeigt, wie Körper getauscht werden, wie Nacktheit Preis ist. Jetzt ist sie das Gegenteil. Am letzten Absatz nimmt De Pin die Hände weg. Kein Tausch mehr und kein Käufer. „Et toutes les fois que le poète endosse le gilet du peintre, il est contraint de penser au bon chien, au chien philosophe, à la beauté des femmes très mûres.“ Wenn der Dichter die Rolle des Malers anzieht, muss er an den philosophischen Hund denken – und an die Schönheit sehr reifer Frauen. Kurz danach spricht die Bardame über junge Kerle, die ihr das Bordell verpetzt hätten und über die Bomber der „neuen Freunde“, die den Rest erledigt haben. In der Pause beim ersten Besuch saß neben mir in der Loge eine Frau, die noch nie Castorf gesehen hatte. Sie fand das Stück gut – ohne Vorbereitung, ohne Vorwissen. Ich habe ihr empfohlen, *Fabian* zu lesen. Vielleicht hat sie es getan.
## Nachhause
Fast fünf Stunden. Eine Pause. Und es war genau richtig lang – das sage ich nicht beiläufig. Lange war ich jemand, der bei Castorf innerlich zu früh ausgestiegen wäre. Inzwischen verstehe ich: Die Länge ist das Argument. Wer nach zwei Stunden geht, hat den Vorhang gesehen. Nicht das Stück.
Es war kurz vor Mitternacht, ein Sonntagabend. Ich bin zu Fuß gegangen – Friedrichstraße, Unter den Linden, Alexanderplatz, Richtung Friedrichshain. Irgendwo zwischen Alex und der nächsten U-Bahn-Station doch noch in die Bahn. Die Feierwut ist noch in der Stadt. Aber es ist züchtiger geworden. Das Stück affiziert nach. Das ist keine Kleinigkeit.
## Vorbereitung ist der Mehrwert
Ich möchte diesen Abend empfehlen, aber hinzufügen, dass eine Vorbereitung ihn verbessert und die lange, tiefe Freude erhöht. Wer unvorbereitet kommt, sitzt leicht in einer Überforderung, die sich nicht auflöst. Allein die Lektüre des Buches wird schon sehr viel Verwirrung auflösen und erleichtern. Die chronologisch verworrenen Fragmente sind in sich verständlich, doch muss man sich einlassen. Chamisso muss man nicht kennen, aber wer ahnt und bereit ist, die Figur zu beachten, hat große Erlebnisse.
Hat man die Investition getätigt, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Abend nachwirkt und die Erlebnisse sich verlängern. Nun müssen wir uns wohl fragen, ob wir einen Schneeball zertreten wollen. Kästner schrieb 1950: „Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“ Darum lohnt es sich genau zuzusehen.
Man sitzt und schaut und die Bühne dreht sich und Schlemihl hat keinen Schatten mehr der Lippenstift hantiert und die Orgie kann beginnen Fabian ertrinkt das Kind schwimmt und Kästner stand auf dem Opernplatz mit der Faust in der Tasche und sah zu die Blechreklame bewegt die Arme immer noch.
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*Fabian oder Der Gang vor die Hunde.* Regie: Frank Castorf. Bühne: Aleksandar Denić. Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Sounddesign: William Minke. Dramaturgie: Amely Joana Haag. Mit: Margarita Breitkreiz, Frank Büttner, Clara De Pin, Andreas Döhler, Marc Hosemann, Jonathan Kempf, Madita Mannhardt, Sina Martens, Wolfgang Michael, Anna Wohlfarth. Berliner Ensemble, Großes Haus. Premiere: 12\. Juni 2021\. Aufführungsdauer: 4 Std. 45 Min., eine Pause.
### Peter Schlemihls Schattenkauf in Castorfs „Fabian“
URL: https://patrick-pehl.de/peter-schlemihls-schattenkauf-in-castorfs-fabian/
Last updated: 2026-08-10T08:25:05.000Z
Am Sonntag war die Dernière von Frank Castorfs Inszenierung *Fabian oder Der Gang vor die Hunde* nach Erich Kästners Fabian am Berliner Ensemble – am [Berliner Ensemble](https://patrick-pehl.de/frank-castorf-am-berliner-ensemble-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-theaterkritik/). Das soll als Anlass dienen, noch einmal auf die Figur des Landstreichers zu blicken – die Castorf mit Chamissos Peter Schlemihl besetzt. Eine Dekonstruktion der Schlemihl-Figur und ihrer marxistischen Schichten.
Das Buch nun hat keine Handlung und keinen architektonischen Aufbau und keine sinngemäß verteilten Akzente und keinen befriedigenden Schluss. Kästner schrieb das selbst, mit einer Genugtuung, die man als Trotz lesen kann. Es war die Absicht.
## Kästner: Diagnose ohne Therapie
1931 erschien *Fabian. Die Geschichte eines Moralisten* – zensiert, die politisch und sexuell provokantesten Passagen gestrichen, der eigentliche Titel vom Verlag abgelehnt. Die Urfassung *Der Gang vor die Hunde* erschien erst 2013, 82 Jahre nach der Entstehung. Castorf spielt mit der vollständigen Version und dem Wissen um die Lücke.
Jakob Fabian, Germanist, Werbetexter: Er irrt durch das Berlin der frühen Dreißiger wie ein Biologe durch ein Seuchengebiet, der selbst krank ist. Er sieht die Anomie der Stadt, das [triebhafte Nachtleben](https://patrick-pehl.de/teufelspakt-schlemihl-frank-castorf-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-am-berliner-ensemble-persoenliche-annaeherung/), die sexuelle Marktwirtschaft, den Eskapismus, der sich als Lust verkleidet – und er greift nicht ein. Walter Benjamin nannte das 1931 in *Linke Melancholie* ein Symptom. Die Kritik sei meisterlich, schrieb er, aber von ihrer revolutionären Funktion entkoppelt. Kästner stehe „links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen überhaupt“.
> Amüsiert euch lieber, statt die Menschheit zu erlösen. Das Leben muss noch vor dem Tod erledigt werden.
Kästner hat das gewusst. Er war kein naiver Optimist. Er war ein präziser Diagnostiker, dem die Diagnose genügte. „Amüsiert euch lieber, statt die Menschheit zu erlösen. Das Leben muss noch vor dem Tod erledigt werden.“ Der Satz sitzt als Aussage, nicht als Frage.
## Der Schatten, der Teufel und das Kapital
Adelbert von Chamisso veröffentlichte *Peter Schlemihls wundersame Geschichte* 1814\. Peter Schlemihl begegnet einem grauen Mann und verkauft ihm seinen Schatten. Als Gegenleistung erhält er einen Glückssäckel – einen Beutel, aus dem man jederzeit zehn Goldstücke nehmen kann, die sich stets erneuen. Der Schattenlose wird aus der Gesellschaft ausgestoßen. Kein Stand. Keine Zugehörigkeit. Das Geld nützt ihm nichts, weil er keinen Ort mehr hat, an dem Geld zählt.
Castorf legt diese Geschichte im [altehrwürdigen Schiffbauerdamm-Theater unter Kästner](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde?ref=patrick-pehl.de). Der Landstreicher, den Fabian in seiner Wohnung aufnimmt, ist Schlemihl.
Der graue Mann ist der Teufel – nicht als Metapher, sondern als religiöses Konstrukt. Ein Teufelspakt. Castorf lässt das stehen, auch wenn er gleichzeitig eine materialistische Theorie aufruft, die Religion als Opium des Volkes verwirft. Das ist die Spannung: Die Transaktion des Abends ist eine marxistische – Eigentum, Entfremdung, Klasse – und zugleich eine teuflische. Widerspruch ohne Auflösung.
[Frank Castorf über Kästners “Fabian” - Der Flaneur auf seiner letzten ReiseNach mehreren pandemiebedingten Verschiebungen feiert Frank Castorfs Inszenierung von Erich Kästners “Fabian” am Berliner Ensemble Premiere. Den Regisseur haben das Aphorismenhafte des Stoffs und die Anklänge an Baudelaire interessiert.Deutschlandfunk Kulturist enttäuscht von Castorfs Inszenierung \[AUDIO\]](https://www.deutschlandfunkkultur.de/frank-castorf-ueber-kaestners-fabian-der-flaneur-auf-seiner-100.html?ref=patrick-pehl.de)
Der Schatten ist keine moralische Kategorie, sondern in der Wahrheit ihrer Metaphyse eine ökonomische Kategorie.
## Engels in Manchester
Friedrich Engels war vierundzwanzig, als er nach Manchester kam. Im väterlichen Textilbetrieb beschäftigt, sah er die Industrialisierung am Körper des Arbeiters und schrieb *Die Lage der arbeitenden Klasse in England* – 1845, entstanden im Betrieb, der ihn finanzierte. Das [Peterloo-Massaker](https://de.wikipedia.org/wiki/Peterloo-Massaker?ref=patrick-pehl.de) vom 16\. August 1819 liegt als historisches Koordinatensystem im Hintergrund: St. Peter's Field Manchester, 60.000 Demonstrierende, berittene Polizei mit Säbelhieben.
Der Schlemihl-Landstreicher war dort. Er trägt Skizzen für eine Webstuhlanlage in seiner geflickten Tasche. Millionenwerte, sagt er. Er baut Maschinen, die er „Kanonen“ nennt. Er fährt nach Russland – ein Mann ohne bürgerlichen Ort, dem der fehlende Schatten Voraussetzung ist, nicht Defizit. Ob man in ihm Lenin erkennt, der im April 1917 im versiegelten Zug aus Zürich nach Petrograd reiste, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Was nicht überlassen bleibt: „Wahrhaftig, rotes Blut, so unterschreiben Sie.“ Das ist der Teufelspakt in seiner direktesten Form. Castorf gibt ihm keinen Kommentar.
## Max Hopp und die Dernière
Wolfgang Michael spielte den Landstreicher in den regulären Vorstellungen. Für die Dernière sprang Max Hopp ein – er hatte bereits an der Volksbühne unter Castorf gearbeitet. Kein Lückenbüßer. Eine eigene Lesart derselben Figur.
Hopp ist in Köpenick geboren und spielt derzeit am Berliner Ensemble den Hauptmann von Köpenick. Dass er an diesem letzten Abend aus Fabians Schrank trat und sagte „Hallo, ick bin der Maxe aus Köpenick“ – das war kein Text. Das war Biografie.
## Das Bühnenbild
Aleksandar Denić baut einen Würfel auf der Drehbühne des Großen Hauses. Außen die Stadt, ihre Reklame, das leuchtende UfA-Rautensignet. Innen mehrere Räume: Molls Schlafzimmer mit geknöpfter grüner Polsterung, Battenbergs Studio, Fabians Bad. Derselbe Raum, andere Funktion, anderer Mensch. An der Außenwand die große Blechreklame einer Revuetänzerin – ein Gelenk an der Hüfte, eines an der Brust, die Arme in Bewegung. Sie sieht aus, als wäre sie mal an einem Haus gehangen.
Die Live-Kamera macht Intimität sichtbar, die auf der Bühne nur behauptet werden könnte. Die Montage ist chronologisch aufgebrochen. Jede Szene vollständig für sich. Die Chronologie ist ein Angebot, kein Gesetz.
## Kartoffelsalat
Die Schlüsselszene für das Verständnis des Schlemihls ist komödiantisch. Der Tisch steht erhöht, im Hintergrund das Nachtblau der Bühne. Schlemihl – breiter Nadelstreifen, breitkrempiger Hut, das Nadelstreifentuch als Koppel über dem Jackett – bekommt Kartoffelsalat mit Wienern. Er möchte mehr. Er fragt nach Mostrich. Fabian greift zur Spritzflasche. Der Gast nimmt auch noch das Bier.
Frust erzeugt Dummheit. Fabian, der Moralist, der die Verhältnisse analysiert, weiß nicht, wie er mit einem Mann umgeht, der einfach mehr will. Das ist keine Kritik an Fabian. Es ist eine Bestandsaufnahme.
## Irene Moll und ihr Mann aus dem Rheinland
An einer Wohnungstür steht ein Name: Hetzer, Heidi Hetzer. „Warum sind denn zwei Betten in deinem Schlafzimmer, Marietta?“ Irene Moll (Madita Mannhardt) ist in ihrem Schlafzimmer nicht allein. Ihr Mann, Dr. Felix Moll, war in der Provinz – im Rheinland, Weißwein und Kölner-Dom-Postkarte im Gepäck. Er hat angerufen. Sie ist nie ans Telefon gegangen.
Irene Moll muss sich nicht verkaufen. Das ist ihr Stand. Cornelia Battenberg schon. Das ist ihrer.
## Das Laken und die Aufschrift
Die stärkste Szene des Abends ist die stillste. Fabian (Marc Hosemann) und [Clara De Pin](https://www.claradepin.fr/?ref=patrick-pehl.de) als Cornelia Battenberg. Ein weißes Laken – gestärkt, schwer, beim Bewegen rauschend – trennt die Zuschauenden vom Geschehen und zeigt, ohne Berlin zu verlassen, was morgen in Cornelias Welt geschehen wird. Cornelias Blick schließt sich. Fabians fordert mit gleichgültig-geiler Beharrlichkeit ein, was er für seinen Teil hält.
Unmittelbar danach beginnt der Chamisso-Text: Der graue Mann bittet höflich um den Schatten. Top. Der Handel gilt. Das Laken bekommt die Aufschrift in Blutrot: UfA. Es wird an die Blechreklame gehängt. Der Eimer daneben ist verbeult.
## Baudelaire
Früher im Abend rezitiert Clara De Pin auf Französisch Baudelaires «Lesbos» aus den *Fleurs du Mal* – im Original: „Mère des jeux latins et des voluptés grecques, / Lesbos, où les baisers languissants ou joyeux, / Chauds comme les soleils, frais comme les pastèques...“ Das Gedicht wurde 1857 von der französischen Justiz zensiert. Es lobt die lesbische Liebe gegen alle bürgerliche Ordnung. Die kanonische deutsche Fassung stammt von Stefan George: „Mutter latinischer spiele und griechischer wonnen / Lesbos wo küsse bald freudig bald schmachtend gelind / Frisch wie die reifen pasteken und heiss wie die sonnen.“ Castorf setzt beides nebeneinander – das Verbotene und die Bühne, die kein Verbot kennt.
## Weckerlin
Stephan Labude erschießt sich aufgrund einer Lüge. Dr. Weckerlin, ein akademischer Assistent an derselben Universität, hatte ihm mitgeteilt, seine Habilitation sei abgelehnt worden. Sie war angenommen.
Der Abend nennt das beim Namen. „War das nur ein Scherz?“ / „Ich habe es nicht unabsichtlich getan. Ich habe dich treffen wollen, nicht töten, aber verwunden.“ / „Der talentlose Konkurrent hat sich am Begabten gerecht.“ / „Ich habe zum Spaß auf dich gezielt und abgedrückt, und aus der ungeladenen Pistole ein tödlicher Schuss gedrungen.“
„Handlungen haben Folgen“, sagt Fabian und ergänzt: „Im Kleinen und im Großen.“ Der Satz ist kein Kommentar, er ist ein Urteil! Castorf inszeniert ein [Moralgericht](https://patrick-pehl.de/blog/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/).
## Terminkalender, nicht Heroismus
Was der Abend leistet, ist die Rückgewinnung eines Romans, der durch seine zensierte Fassung und seine politische Vereinnahmung doppelt verdeckt war – als Anti-Faschismus-Parabel einerseits, als harmloser Kästner-Stoff andererseits. Castorf zeigt, dass *Fabian* weder das eine noch das andere ist. Die Triebhaftigkeit, die Begierden, die unzweifelhaft unschönen Seiten: das ist das Zentrum.
Nachtkritik.de [schrieb](https://www.nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/berlin-brandenburg/berlin/berliner-ensemble/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-berliner-ensemble-frank-castorf-erich-kaestner?ref=patrick-pehl.de) zur Premiere: „Wie eigentlich immer beim späten Frank Castorf stellt sich die Frage, was das Viele, Lange und Laute kann, bevor alles endgültig zu viel, zu lang und zu laut wird. Beim Fabian am Berliner Ensemble lautet die Antwort: Eine ganze Menge.“
Kästner schrieb 1950: „Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“ Castorf inszeniert das als Frage, nicht als Antwort. Die Frage lautet nicht: Was hätte man tun sollen? Sie lautet: Wann? Und die Antwort ist dieselbe, die Kästner gab: Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.
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*Fabian oder Der Gang vor die Hunde.* Regie: Frank Castorf. Bühne: Aleksandar Denić. Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Sounddesign: William Minke. Dramaturgie: Amely Joana Haag. Mit: Margarita Breitkreiz, Frank Büttner, Clara De Pin, Andreas Döhler, Marc Hosemann, Jonathan Kempf, Madita Mannhardt, Sina Martens, Wolfgang Michael, Anna Wohlfarth, Max Hopp. Berliner Ensemble, Großes Haus. Premiere: 12\. Juni 2021\. Dernière: 7\. Juni 2026\. Aufführungsdauer: 4 Std. 45 Min., eine Pause.
### Fearful Symmetries: Tanz um den goldenen Ball
URL: https://patrick-pehl.de/fearful-symmetries-christian-spuck-staatsballett-berlin/
Last updated: 2026-07-01T10:47:57.000Z
**Christian Spuck inszeniert an der Staatsoper Unter den Linden einen spektakulären Doppelabend – George Balanchines „Symphony in C“ und seine eigene Uraufführung zu John Adams.**
Was bleibt, wenn die Musik aufhört? Am Anfang von Christian Spucks „[Fearful Symmetries](https://www.staatsballett-berlin.de/spielplan/stueck-detail/stid/fearful-symmetries/303.html?ref=patrick-pehl.de#a%5F597)“ steht die Stille, und in sie hinein wird ein goldener Ball aufgenommen. Eine Tänzerin betrachtet ihn als das, was er den ganzen Abend bleiben wird: Ein interessantes Objekt, an dem sich alles entzündet.
Spuck, Intendant des Staatsballetts Berlin, hat seine jüngste Uraufführung am 30\. Mai 2026 um dieses Requisit herum aufgebaut – und wer aus dem Theater kommt, erkennt schnell, dass hier nicht erzählt, sondern komponiert wird. Dass also an die Stelle einer Handlung, wie sie das Handlungsballett von „Schwanensee“ bis „Onegin“ mit Libretto und Figurenpsychologie vorhält, eine Dramaturgie tritt, die ihre Spannung allein aus der Konstellation der Kräfte, dem Rhythmus der Auftritte und der Wiederkehr eines einzigen Motivs gewinnt.
## Um welche Begierde wird gestritten?

© Staatsballett/Carlos Quezada
Dieses Motiv ist der Ball, und mit ihm die Begierde. Spuck stellt ein höfisches Quartett aus Archetypen auf die Bühne, eine Königin, einen Liebhaber, einen Narr und einen Alchemist. Sofort liest man sie als Widersacher, kostümiert in elisabethanischer Pracht mit schimmernden Goldeffekten. Ihm gegenüber agiert ein Corps de Ballet in moderner Straßenkleidung, die aufwändig von der Kostümbildnerin Emma Ryott gemacht wurde. Das Corps umspielt, unterläuft und schließlich überrennt die vier gleichsam einer Revolution. Die Pointe der zwei Gruppen liegt offen, denn auf der einen Ebene die erstarrte, in Rollen gegossene Macht der Wenigen, auf der anderen Ebene das individuelle Kollektiv, das sie trägt, instruiert und am Ende instrumentalisiert.
Wenn sich die goldenen Bälle über die Bühne ergießen und bis ins Parkett gespielt werden, ist die Herrschaft nicht mehr Sache der Krone. Sie verteilt sich, dezentral. Man möchte zu gern wissen, ob diese Kugeln abgezählt sind und eine Zahl bedeuten – schon die Frage gehört zur Wirkung des Abends. Leider konnte mir das [nicht einmal der RBB](https://www.radiodrei.de/themen/theater/rezensionen/2026/06/staatsballett-berlin-fearful-symmetries.html?ref=patrick-pehl.de) beantworten.
Worum gestritten wird, lässt Spuck offen, und das ist seine Klugheit: Der Ball ist das [Objekt der Begierde](https://linasittig.de/staatsballett-berlin-fearful-symmetries-von-christian-spuck/?ref=patrick-pehl.de), und die Begierde ist die Macht – über eine Welt, eine Ideologie, die Deutungshoheit, ein Land.



Eindrücke des Premierenabends von „Fearful Symmetries“, gegeben vom Staatsballett Berlin und inszeniert von Christian Spuck. © Patrick Pehl
## 1988 komponiert wie die Dreißiger
Getragen wird all das von der Musik. John Adams komponierte „Fearful Symmetries“ 1988, im Sog seiner Oper „Nixon in China“, als postminimalistische Klangmaschine aus mutiertem Blech, Saxophonquartett und Synthesizer: ein motorisch schlagender Puls, der nicht rast und doch unerbittlich schnell bleibt und den Tanz drängt.
Adams nannte das seine «travelling music», Musik wie eine Fahrt über eine städtische Landschaft – und tatsächlich öffnet sich ein urbaner Bildraum. Man sieht Fritz Langs «Metropolis», die schwarzweiße Großstadtunterhaltung der dreißiger und vierziger Jahre, in Tanz übersetzt. Dass die Partitur diese Welt zitiert, ohne ihr zu entstammen, schärft meinen Eindruck. Es ist die im Aufbau befindliche Metropole selbst, gewissermaßen eine Stadt, die sich errichtet.
Von dort ist es ein assoziativer Schritt zu Brecht und Weill, zu „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, jenem [dialektischen Musiktheater](https://patrick-pehl.de/tag/dreigroschenoper/) über eine Stadt, die auf Geld und Gier gegründet ist. Der Gedanke fügt sich nicht als Gegensatz, sondern als Fortschreibung: Auch hier regiert das goldene Objekt, auch hier ist die Pracht eine Fassade, hinter der die Verhältnisse liegen.

© Staatsballett/Carlos Quezada
## Echter Synthie-Klang aus dem Graben
Dass diese Klangwelt überhaupt so körperlich wird, ist das Verdienst der Staatskapelle Berlin unter Paul Connelly. Für den authentischen Sound wurden eigens alte Synthesizer beschafft – ein Aufwand, dessen Notwendigkeit sich bezweifeln lässt, handelt es sich doch um digitale Geräte, die man heute emulieren könnte. Die Wirkung jedoch gibt dem Aufwand recht: Die Synthesizer-Spieler hatten im Graben heftig zu tun, und es war eine eigene Freude, den Blick aus dem Rang hinabschweifen zu lassen, dorthin, wo eine große Energie heraufdrang.
Am stärksten aber affiziert mich die Präzision. Während die Haupthandlung im Vordergrund läuft, bewegt sich das Corps de Ballet dahinter in einer zweiten Schicht, in eigener Metrik, rhythmisch gegen den Vordergrund versetzt. Das Bild, das sich aufdrängt, ist mechanisch: ein Motor, dessen Zylinder gleichmäßig, aber mit variabler Drehzahl arbeiten, während die so erzeugte Kraft, übersetzt durchs Getriebe, ein zweites Rad in anderer Geschwindigkeit dreht. Dass das Staatsballett diese Gleichzeitigkeit zweier Tempi nahezu fehlerfrei auf die Bühne bringt, ist die eigentliche Sensation des Abends.
[Peter Schlemihls Schattenkauf in Castorfs „Fabian“Am Sonntag war die Dernière von Frank Castorfs Inszenierung Fabian oder Der Gang vor die Hunde nach Erich Kästners Fabian am Berliner Ensemble – am Berliner Ensemble. Das soll als Anlass dienen, noch einmal auf die Figur des Landstreichers zu blicken – die Castorf mit Chamissos Peter Schlemihl besetzt. Eine Dekonstruktion derPatrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/peter-schlemihls-schattenkauf-in-castorfs-fabian/)
Tänzerisch ist er ein Triumph. Polina Semionova, die ich Wochen zuvor in „Schwanensee“ am Ende ihrer Mittel geglaubt hatte, beweist das Gegenteil: Sie hangelt sich mit der Verrücktheit der Atlantikmetropole an ihrem Partner empor, in einer Tanz-Akrobatik, die der klassische Tanz sonst beargwöhnt und die hier vollkommen am Platz ist. Weronika Frodyma als Königin, vergleichsweise spät in ihrer Laufbahn, ist von atemberaubender Schnelligkeit; ihr Kostüm allein wäre eine eigene Besprechung wert.
## Der Gleichschritt der Mächtigen
Die eigentliche Dynamik des Abends ist ein Widerstreit der Klassen, der sich über die halbe Stunde langsam aufbaut. Auf der einen Seite die Mächtigen, die vier Archetypen, ganz mit sich selbst und den Reibereien innerhalb ihrer Klasse beschäftigt; auf der anderen das geschäftige, kraftvolle Kollektiv des Corps de Ballet, das man als das Volk lesen kann – oder als die Jugend, die von unten nachrückt. Die Tänzerinnen und Tänzer betreten die Bühne stets in Riegen, ein schlichtes Mittel, das hier trefflich sitzt.
Was die Mächtigen zunächst nicht bemerken: dass sich hinter ihrem Gezänk ein selbstbewusstes, anfangs noch ungeordnetes Kollektiv formiert. Einzelne Figuren treten als Demisolisten hervor, präsentieren sich kraftvoll und stehlen den Archetypen nicht nur die Szene, sondern verdrängen sie. Erst spät scheint den Mächtigen zu dämmern, dass sie handeln müssen – und sie finden sich in einem Gleichschritt der Macht zusammen, symmetrisch, gemeinsam, und drängen das Umspülen des Kollektivs ein Stück weit zurück.
Währenddessen schiebt sich der Hintergrund, jene gedrehte Fotografie vom Landwehrkanal, unmerklich weiter ins Bild und verändert die Wahrnehmung des Raums. Nicht die Stadt wächst nach oben, sie senkt sich von oben herab – wobei man bedenken muss, dass diese Stadt die Verkörperung der Freiheit und der Vielen ist. Dass ausgerechnet die Solisten, die Mächtigen, nicht jugendlich besetzt sind, während eine fantastische [Haruka Sassa](https://www.staatsballett-berlin.de/kompanie/personen-detail/peid/haruka-sassa/2000510.html?ref=patrick-pehl.de) in den langen Hosen und eine ausdrucksstarke Yuka Matsumoto – von geradezu magnetischer Bühnenpräsenz – die Kraft, die Jugend, die mentale Stärke und eine gewisse Attraktivität des Kollektivs verkörpern, ist kein Zufall.
Es geht ums Urbane, Schatten und künstliches Licht gezeichnet. Gegen Ende senkt sich ein Scheinwerfer in die Cadrage. Im halbseidenen Schatten, formiert sich das eigentliche Ereignis. Das Kollektiv, die neue Generation, das die Aufmerksamkeit des Betrachters verdient. Spuck aber führt den Blick nach vorn und zieht uns, ganz wunderbar, am Nasenring.
Eine Szene verdichtet das Prinzip: Die Königin greift sich, als Zeichen ihrer Willkür, ein Mitglied des namenlosen, gesichtslosen Kollektivs, dirigiert es mit ihrem Stock – und der Angewiesene fügt sich, tänzerisch. Hier wird Choreografie zur Analyse sozialer Strukturen, lesbar wie ein Text. Spuck hat etwas Großartiges geschaffen: ein Bild von Macht und Mächtigen, von Strukturen und vom Aufbau unserer postmodernen Welt. Es ist nicht meisterlich, nicht meisterhaft und auch kein Meisterstück. Es ist das Werk eines Meisters.
## Stimmhafter Atem nach dem Kampf um die Welt
Und dann das Ende, das keines ist. Die Musik verstummt, doch der Tanz hört nicht auf. Das moderne Paar tanzt in die Stille hinein weiter – eine Stille, die nicht gebrochen, sondern vom lauten Atem der beiden überlagert wird. Hier, im hörbaren Körper, liegt die eigentliche Pointe: Wenn alle Symmetrie und alle Musik fort sind, bleibt die Anstrengung.
Die Premierenfeier im Apollosaal versammelte danach das gesamte Ensemble, an die fünfzig Tänzerinnen und Tänzer, dazu Techniker, Werkstätten, die Gäste der Staatlichen Ballettschule und ein Premierenpublikum aus Stadtprominenz, Angehörigen und Lehrern. Die Staatsoper Unter den Linden von ihrer elitären Seite, was den Mahagonny-Gedanken für den Betrachter ungewollt grundiert.
Spuck selbst löste im Übrigen dort das Rätsel des Bühnenbilds auf, denn der schlichte Hintergrund sei nichts als eine gedrehte Fotografie, aufgenommen „irgendwo am Landwehrkanal“. Manchmal, sagte er, sei die Erklärung einfach.
### Die Privilegierten und ihr blinder Fleck: „Drei Schwestern“ am BE
URL: https://patrick-pehl.de/die-privilegierten-und-ihr-blinder-fleck-drei-schwestern-am-be/
Last updated: 2026-06-25T14:57:55.000Z
**Tschechows „Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble: Mateja Koležnik inszeniert das Vorkriegsdrama als Kasernenstück – beklemmend aktuell. Constanze Becker, Bettina Hoppe und Lili Epply spielen die Schwestern.**
Am Berliner Ensemble ist Anton Tschechows „Drei Schwestern“ seit dem 23\. April 2026 in [einer Inszenierung](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/drei-schwestern?ref=patrick-pehl.de) der slowenischen Regisseurin Mateja Koležnik im Großen Haus zu sehen. Das Bühnenbild von Klaus Grünberg zeigt Stahlwände, Telefone mit Kabel, Schwarz-Weiß-Monitore, eingebettete rote Knöpfe. Es ist nicht das Landgut, auf dem das Stück eigentlich gedacht ist, sondern eine belebte und sehr geschäftige Kaserne. Die Militärkapelle spielt am Ende des Stücks – und die Frauen stehen allein.
[„Drei Schwestern“ am Berliner Ensemble: Kaserne ja, Figuren neinMateja Koležnik inszeniert Tschechow am Berliner Ensemble überzeugend in Szene und Kostüm, lässt aber die Charakterarbeit vermissen. Lili Epply als Irina leuchtet, der Abend insgesamt nicht.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/drei-schwestern-tschechow-berliner-ensemble-kritik/)
## Tschechow im Exil
„Drei Schwestern“ wurde 1900 geschrieben und am 31\. Januar 1901 am Moskauer Künstlertheater uraufgeführt. Seitdem gehört es zum festen Repertoire europäischer Bühnen. Das Künstlertheater spielte damals internationale Dramatik des Realismus und Naturalismus – Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann. [Das Haus](https://de.wikipedia.org/wiki/Tschechow-Kunsttheater%5FMoskau?ref=patrick-pehl.de) trägt mittlerweile den Namen Tschechows. Der Autor bestand zeitlebens darauf, eine Komödie geschrieben zu haben, aber Stanislawski inszeniert die Uraufführung 1901 schon als Elegie – ein Streit, den Koležnik 125 Jahre später zugunsten des Autors entscheidet. Das Schauspiel verhandelt in vier Akten einen Zeitraum von etwa vier Jahren: Die Handlung schreitet nicht voran, sie brennt ab. Tschechow schrieb es krank auf der Krim. Die Sehnsucht der Schwestern nach Moskau – der Ort, an dem das Leben endlich beginnt – war seine eigene, er lebte auf der Halbinsel im Exil. Das Berliner Ensemble hat mit Koležnik eine Regisseurin verpflichtet, die Europa nicht vom Zuschauerraum aus kennt, sondern aus dem ehemaligen Jugoslawien – einem Kontinent also, auf dem der Krieg nicht Abstraktion, sondern gelebte Realität war. „Drei Schwestern“ ist Koležniks fünfte Arbeit am Berliner Ensemble, sie inszenierte beispielsweise 2024 „[Die schmutzigen Hände](https://patrick-pehl.de/geometrie-des-zweifels-die-schmutzigen-haende-sartre-berliner-ensemble/)“ von Jean-Paul Sartre.
## Die Figuren
Olga, die Älteste, arbeitet aufopferungsvoll als Lehrerin und leidet darunter, ohne zu wissen warum. Mascha, die Mittlere, ist gefangen in einer lieblosen Ehe mit ihrem früheren Lehrer und verliebt sich in den verheirateten Oberstleutnant Werschinin – leidenschaftlich, zwecklos, unvermeidlich. Wer diese emotionalen Zustände kennt, weiß, wie es ausgeht: die Anhimmelung, die Intensität, dann die Erschöpfung. Es hilft bekanntlich nicht. Tschechow urteilt nicht – er beobachtet. Irina, die Jüngste, glaubt, Arbeit sei der Schlüssel zum Glück, und arbeitet nie. Ihr Bruder Andrej verspielt das Erbe, das den Umzug nach Moskau ermöglichen sollte. Was dieses Kollektiv – die Schwestern, ihre Angehimmelten, die Offiziere, die kommen und gehen – eint, ist eine ausgeprägte Binnenkohäsion. Das ist die Tendenz einer Gruppe, sich ausschließlich auf ihre eigenen Rituale und Mitglieder zu beziehen und Außenimpulse zu filtern, bis die Realität nicht mehr wahrgenommen werden kann oder will. Daraus lässt sich deduzieren, warum niemand handelt: Die Gruppe ist vollständig mit sich selbst beschäftigt.

Liebe trifft auf Erwartungen, das Leben auf die Gegenwart. © BE/Jörg Brüggemann
Die Verbindung zu Samuel Beckett von Tschechow her ist naheliegend. Die Untätigkeit, die „Drei Schwestern“ prägt und das ständige Abwarten oder die Sehnsucht nach dem Ort, der nie erreicht wird, hat Beckett 1952 in „Warten auf Godot“ zum Inhalt erhoben. Moskau und Godot sind die gleiche Verheißung. Sie sind als Idee existent, aber nicht als Realität.
Lili Epply, in der Inszenierung als Irina zu erleben, benennt den Mechanismus: „Ich glaube, dass es gerade in Krisenzeiten, die jeder wahrscheinlich unterschiedlich spürt und zulassen kann, menschlich ist, eher klein zu denken, also nicht revolutionär. Man zieht sich umso mehr ins Private zurück und beruft sich auf Gewohnheiten, die man kennt. Man sucht die Sicherheit im Detail.“ Was für ihre Figur gilt, beschreibt Epply als Grundmuster. Der Rückzug ins Private sei keine Schwäche, sondern Überlebensstrategie. Die habe Tschechow beschrieben, Beckett zu Ende gedacht und Koležnik ins europäische Heute übersetzt.
## Kaserne statt Landgut
Tschechow schrieb „Drei Schwestern“ als Vorahnungsdrama über eine Gesellschaft, die ihren eigenen Untergang nicht sieht. Koležnik überträgt das ins europäische Heute. Sie ist Jugoslawin und erschüttert davon – nach eigener Aussage –, wie lange Menschen brauchen, ihr Umfeld und die Geschehnisse zu erkennen. Sogar im Krieg richten sich Menschen ein und passen sich an. Im Original hält sich das Militär im Hintergrund: Koležnik holt es nach vorne. Grünbergs Bühne präsentiert sich in durchgehendem Grauton – Kartenmaterial an den Wänden, schlagwortartige Visualisierungen, die militärische Planungslogik evozieren und den Raumzustand eines Landes unter Alarmbereitschaft festschreiben. Soldaten tragen Munitionskisten über die Bühne, Alarmsirenen schneiden in die Monologe. Diese Parallelhandlung läuft durch das gesamte Stück.




Detailaufnahmen vom Bühnenbild und aus der Kulisse © Patrick Pehl
## Ruhe im Unfrieden
Das Ensemble trägt diese Last mit bemerkenswerter Intensität. Constanze Becker gibt der Mascha eine Präsenz, die den Abend dominiert – in einem Stück, das eigentlich keine Hauptfigur kennt. Bettina Hoppe zeigt Olga als Frau, die das Konventionelle nicht als Wahl, sondern als letzte Struktur begreift. Lili Epply spielt Irina – die steilste Entwicklung aller Figuren, vom strahlenden Idealismus zur emotionalen Starre. Maximilian Diehle gibt dem Soljony eine toxische Stille, die im letzten Akt tödlich wird. Jannik Mühlenweg spielt Tusenbach, den aufrichtigsten Mann auf der Bühne, dessen Aufrichtigkeit ihn das Leben kostet.

Ein Ereignis wirft seine Schatten, können wir es erkennen oder sind wir mit der Selbstbeschäftigung ausgelastet? © BE/Jörg Brüggemann
Es geht hier nicht um Helden. Die gebildete, polyglotte Intelligenzija ist vollständig handlungsunfähig – gefangen in jener Anomie, die Émile Durkheim als Zustand beschrieb, in dem die Bindung an gesellschaftliche Normen verloren geht, ohne dass Neues an ihre Stelle tritt, kein Orientierungspunkt, kein Handlungsimpuls. Was zu Tschechows Zeiten der Adel war, ist heute die äußerst privilegierte mittel- und westeuropäische europäische Mittelschicht. Was als persönliches Unglück erscheint, ist klassenstrukturelles Versagen: Wer diese Vorteile nie erarbeiten, sondern nur erben musste, bemerkt deren Wegfall erst, wenn Natascha bereits die Möbel umgestellt hat. „Wenn wir es nur wüssten!“ – Olgas letzter Satz – klingt im Frühjahr 2026 wie eine echte Frage. Hier empfiehlt sich das gerade ebenfalls am Berliner Ensemble gespielte Stück „[Kinder der Sonne](https://patrick-pehl.de/kinder-der-sonne-vom-professor-zum-gartner/)“ zu nennen.
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Die Textfassung stammt von der Filmemacherin Angela Schanelec nach einer Übersetzung von Arina Nestieva – ein seit 2005 etablierter Standardtext, der dem nüchternen Ansatz gut dient. Moskau bleibt das Desiderat dieses Stücks – der metaphysische Wunsch nach einem anderen Leben, der sich in einer realpolitisch zementierten Welt einrichten muss, und dort, naturgemäß, nicht gedeiht.
### „Kinder der Sonne“ Vom Professor zum Gärtner
URL: https://patrick-pehl.de/kinder-der-sonne-vom-professor-zum-gartner/
Last updated: 2026-07-06T10:50:14.000Z
**Jakob Nolte hat Gorkis „Kinder der Sonne“ am Berliner Ensemble radikal überschrieben. Laura Linnenbaum inszeniert eine schwarze Komödie, in der verarmte Akademiker zwischen Verlockung, Ehekrise und dem Traum vom Gärtnern ihre Würde verhandeln.**
Auf der Probebühne des [Berliner Ensembles](https://patrick-pehl.de/tag/berliner-ensemble/) herrschte Wochen vor der Aufführung ein wildes Durcheinander. Schauspieler testeten die Klangqualität der Laternenpfähle, kletterten an ihnen hinauf, probierten verschiedene Gläser am Festtagstisch, **neben dem ein Apfel auf dem schwarzen Boden lag, rot wie die wenigen Akzentfarben, die Roskamps Requisiten vom Asphalt abheben,** suchten in mehreren Anläufen nach dem richtigen Maß für Maß für Lisas ([Lili Epply](https://patrick-pehl.de/tag/lili-epply/)) melancholische Trauer – Pauls Schwester, deren Kind vor zwei Jahren starb, will Gedanken beitragen und wird von den anderen übertönt. Auch die feinen Unterschiede der Aussprache, die sich später als soziale Marker durch den Abend ziehen, formten sich in diesen Wochen erst. Was beim späten Probenbesuch wie ein Findungsprozess ohne klare Richtung wirkte, hatte sich am Premierenwochenende im Neuen Haus, in dem der Geruch von Orangensaft bis in die Reihen drang, zu einem verdichteten [Theaterabend mit einer zeitgenössischen Adaption](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/kinder-der-sonne?ref=patrick-pehl.de) gefügt.
Maxim Gorki verfasste „Kinder der Sonne“ 1905 in der Peter-und-Paul-Festung, inhaftiert nach dem [Petersburger Blutsonntag](https://de.wikipedia.org/wiki/Petersburger%5FBlutsonntag?ref=patrick-pehl.de). Das am Kommissarschewskaja-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführte Stück hat Jakob Nolte in die bundesdeutsche Gegenwart geholt, wo es eine Sehnsucht nach Ordnung trifft, die viele bewegt. Bei allzu offensichtlichen Bewertungen ist dennoch Vorsicht geboten.
## Gorki radikal überschrieben
Jakob Nolte, 1988 in Barsinghausen geboren, hat Gorkis Stück nicht aktualisiert, sondern einer Kernsanierung unterzogen. Unter der Regie von Laura Linnenbaum, dramaturgisch begleitet von Amely Joana Haag, feierte die Neufassung am 21\. Februar 2026 im Neuen Haus des Berliner Ensembles ihre Uraufführung – zwei Stunden und zehn Minuten ohne Pause, neun Figuren auf Daniel Roskamps rotierender, laternengesäumter Drehbühne, auf der niemand bemerkt hat, dass Ostern ist. Aus zaristischen Aristokraten wurden prekäre Berliner Akademiker, aus dem herrschaftlichen Anwesen ein Mietshaus am Stadtrand, das der Vermieter an Investoren zu veräußern droht.
Im Programmheft bilanziert Nolte lakonisch: „Das Stück zu schreiben, hieß das Stück zu streichen.“ Doppelt so viele Sätze seien gefallen, wie übriggeblieben seien.
## Verlockung, Ehe und Gärtnern
Hinter dem Galgenhumor verhandelt diese Intellektuellendämmerungskomödie die großen Fragen der Menschen. Marc Oliver Schulze spielt einen fantastischen Paul Fürst, Literaturwissenschaftler und Dozent, und verleiht dem leisen Widerstand der Figur gegen die Zumutungen des Abends eine beiläufige Gravität. Paul Fürst, gespielt von Marc Oliver Schulze, ist Literaturwissenschaftler und Dozent, seine Frau Jelena ([Pauline Knof](https://patrick-pehl.de/tag/pauline-knof/)) arbeitslos. Als die Unternehmerin Melanija Schmitt, gespielt von Bettina Hoppe mit der ganzen drängenden Energie einer Frau, die genau weiß, dass Kapital jedes Problem zu lösen vermag, dem zögernden Dozenten ein pekuniär betörendes Angebot macht – einen Bulli, einen Hund, ein sorgenfreies Leben –, steht plötzlich die uralte Frage im Raum, ob eine Verlockung anzunehmen sei oder ob die einmal getroffene Entscheidung zur Ehe ihren eigenen, stillen Wert behält. Der Ehemann widersteht. Nils Lund dagegen, ein Künstler modernen Typus ([Jannik Mühlenweg](https://patrick-pehl.de/tag/jannik-muhlenweg/)), ergibt sich dem Sog des Kapitals kampflos: Er malt das Porträt seiner Gönnerin zweimal in gleicher Anlage, verbringt die Abende mit stundenlangem Kurzvideokonsum und verengt seinen Blick dabei Scroll um Scroll – eher leer als einfältig. Zuletzt übernimmt er gemeinsam mit Melanija das Haus.
Am Ende des Abends offenbart Paul beiläufig, er habe sich beim Straßen- und Grünflächenamt beworben. „Professor, als Gärtner?“ Es ist der stille Höhepunkt der Inszenierung, der Rückzug des Geisteswissenschaftlers ins Handgreifliche. Alle Intellektuellen wollten insgeheim Gärtner werden, heißt es dann, und einer erinnert daran, dass auch Jesus Christus nach der Auferstehung als solcher erschienen sei.
## Klasse und Vorurteil
Die schärfste Szene des Abends gehört dem Handwerker Roman Gauner (Maximilian Diehle). Von den Akademikern als Rechtsradikaler verdächtigt – Berufsschulabschluss, keine Busse auf dem Land –, entpuppt er sich als Leser von Oswald Spenglers „[Untergang des Abendlandes](https://de.wikipedia.org/wiki/Der%5FUntergang%5Fdes%5FAbendlandes?ref=patrick-pehl.de)“ und zerlegt dessen zyklischen Geschichtsdeterminismus treffender als seine Ankläger es je vermöchten. Der Zuschauer, der dem Verdacht womöglich gefolgt ist, findet sich mit eigenen Vorurteilen konfrontiert. Nolte verhandelt die Klassenfrage auch über Feineres – selbst die Aussprache des Wortes *Kaffee*, ob als bildungsbürgerliches *Kafé*, als betontes *Káffee* oder im Regiolekt mit kurzem Schluss-e als *Kaffe*, wird im Stück zur sozialen Kennung.
Das im Berliner Südwesten angesiedelte Stück, geprägt von den Nachwirkungen der Pandemie, spiegelt dabei dieselben Abhängigkeiten und Bedürfnisse auf beiden Seiten der Klassengrenze – Treue und Zugehörigkeit verhandeln die Akademiker in Grunewald nicht weniger verzweifelt als der Handwerker, der bei ihnen die Mischbatterie tauscht. Stereotype werden aufgemacht und nach einigen Szenen wieder eingerissen, das Stück fördert so ein Verständnis zwischen den Personengruppen, das keiner von ihnen didaktisch aufzwingt.
## Bescheidenheit als Ausweg
Überraschend milde endet das Stück trotz aller Sezierung. Paul und Jelena haben über die Monate, die zwischen den Akten verstreichen, ihr Leben geordnet, pragmatisch und leise: Er bewirbt sich beim Grünflächenamt, sie macht eine Fortbildung zur Lehrerin. Was Maslow als Sicherheitsbedürfnisse beschrieb, können sich selbst die Angehörigen der wohlhabenden Mittelschicht in dieser Stadt kaum noch leisten – Nolte verortet diesen Befund sehr konkret in der Berliner Gegenwart. Der Wunsch nach einem geregelten, bodenständigen Leben mag im geisteswissenschaftlichen Milieu fremd wirken, fast spießbürgerlich. Doch die Bescheidenheit, die Paul am Schluss annimmt, berührt, weil sie die Dichotomie von akademischem Anspruch und gelebter Wirklichkeit nicht auflöst, sondern aushält. Was sich hier vollzieht, ist eine stille Klassenmobilität nach unten, die sich allerdings nicht als Abstieg anfühlt: Paul und Jelena wirken in ihrer neuen Betätigung komfortabel, beinahe glücklich miteinander, als hätte erst der Verzicht auf den akademischen Status die Beziehung befreit. Das Leben muss im Heute gelebt werden, man kann es nicht aufheben.
Linnenbaum wies bei darauf hin, die Begegnungsräume der Intellektuellen und Kunstschaffenden auf der Bühne sei genau jene, die das Stück gemacht habe und die es sich anschaue. Dass die Inszenierung keinen Standpunkt außerhalb der eigenen Klasse findet, ist dabei nicht ihr Mangel, sondern ihre schärfste ideologiekritische Pointe. 121 Jahre nach Gorki steht auf der Bühne des BE kein Proletariat mehr vor dem Tor. Es klingelt aber nun nur noch der Vermieter.
### Castorfs „Fabian oder der Gang vor die Hunde“ am Berliner Ensemble
URL: https://patrick-pehl.de/frank-castorf-am-berliner-ensemble-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-theaterkritik/
Last updated: 2026-07-04T22:16:21.000Z
Ein Abend, der nicht vergeht: *Seit fast fünf Jahren spielt das Berliner Ensemble „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ – und noch immer findet das Publikum darin sein Heute.*
Die Barfrau hantiert mit dem Lippenstift. Die Orgie kann beginnen. Kästner hat diesen Satz 1931 an den Anfang seines Romans gestellt. Castorf stellt ihn an den Anfang seines Abends: Sina Martens, die Theke, das Rot auf den Lippen. Im Hintergrund läuft das LED-Panel – Schlagzeilen, originalgetreu aus dem Roman: Morde, Giftfunde, die Nachrichten einer Stadt, die sich selbst zerfrisst. Am Ende der Szene ist der Lippenstift verschmiert, die Spitze ruiniert – und was davon übrig ist, fährt gegen die Spiegelfläche, schreibt sich in sie hinein, exzessiv, bis der Exzess selbst zur Botschaft wird.
Wer den Roman kennt, weiß sofort, wo er ist. Wer ihn nicht kennt, wird es lernen. Das Berliner Ensemble spielt seit fast fünf Jahren *Fabian oder Der Gang vor die Hunde* – und wenn mittendrin jemand sagt, *„Jede SMS ist ein Schmerz“*, dann ist das kein Fehler. Es ist ein Fingerzeig, denn das Stück spielt in einer Vergangenheit, aber es meint und [mahnt uns im Heute](https://patrick-pehl.de/teufelspakt-schlemihl-frank-castorf-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-am-berliner-ensemble-persoenliche-annaeherung/).

Die Barfrau (Sina Martens) vor den mit Lippenstift verschmierten Spiegelkacheln. © Matthias Horn
## Nachtleben damals und heute
Erich Kästners Roman erschien 1931 als *Fabian. Die Geschichte eines Moralisten* – zensiert, ohne die politisch und sexuell provokantesten Passagen, mit einem Verleger, der den eigentlichen Titel ablehnte. *Der Gang vor die Hunde* erschien erst 2013 in seiner Urfassung. 82 Jahre nach der Entstehung. Acht Jahrzehnte nach dem 10\. Mai 1933, als Kästner auf dem Berliner Opernplatz stand, die Faust in der Tasche, und zusah, wie sein Buch brannte. Er emigrierte nicht. Er schrieb UFA-Drehbücher unter dem Pseudonym Berthold Bürger – eine Verbeugung vor Brecht, der das Gegenteil getan hatte und in die USA ging.
[Der Teufelspakt in „Fabian“ am Berliner EnsembleEine persönliche Annäherung an Frank Castorfs Kästner-Inszenierung am Berliner Ensemble – über Ausgestoßene, Schattentausch und Schönheiten und die Schönheit. Als ich das erste mal in einem Frank-Castorf-Stück saß, war ich verloren. Es war ein anderes Stück, ein anderes Jahr, ein anderer innerer Reifegrad. Zu viel, zu lang, zuPatrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/teufelspakt-schlemihl-frank-castorf-fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-am-berliner-ensemble-persoenliche-annaeherung/)
Jakob Fabian, Germanist aus Dresden, irrt als melancholischer Beobachter durch das Berlin der späten Weimarer Republik – eine Stadt der Anomie, chimär und selbstverzehrend, die, wie Castorf urteilt, „wie eine metaphysische Operette“ wirkt. Er stolpert mit seinem wohlhabenden Freund Stephan Labude durch Kneipen, Cabarets und Künstlerateliers – durch das fiebrige, triebhafte Nachtleben der frühen Dreißiger, das keiner der Beteiligten wirklich genießt. Hier drängen sich parallelen zu den heutigen Diskursen um Hedonismus und die einhergehende gefühlte Einsamkeit er Großstadtbevölkerung auf. Es ist Eskapismus. Die sexuelle Marktwirtschaft der Großstadt stellt sich dar, künstliche Fassade vor dem Abgrund, und das Buch ist deshalb, obwohl rauschend erzählt, im Kern eine sehr traurige Geschichte. Die Stelle als Werbetexter verliert Fabian in dem Moment, in dem er sich verliebt. Sein bester Freund erschießt sich aufgrund eines absurden akademischen Missverständnisses oder Scherzes. Fabian ertrinkt, während das Kind, welches er retten möchte, ans Ufer schwimmt. Tragisch.
Das Buch habe keine Handlung, schrieb Kästner selbst – außer einer mit 270 Mark im Monat dotierten Anstellung gehe nichts verloren. Man vermutet richtig: Es war die Absicht.

Dr. Laboude und Fabian im Waschzimmer der Hauswirtin. © Matthias Horn
Walter Benjamin hatte 1931 die Diagnose formuliert. In *Linke Melancholie* beschreibt er Kästner als Symptom: politisch unzufrieden, kritisch begabt, aber die Kritik von ihrer Funktion abgelöst, zum Konsumartikel geworden. „Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergnügens“ – das sei „der letzte Schlager dieser Literatur“. Kästner stehe „links nicht von dieser oder jener Richtung, sondern ganz einfach links vom Möglichen überhaupt“. Castorf hat diese Diagnose nicht widerlegt. Er hat sie als Fundament benutzt. Kästner hat es gewusst. Das nennt man Komplizenschaft.
## Schlemihl kam aus Manchester
Über Kästners Stoff legt Castorf Adelbert von Chamissos *Peter Schlemihls wundersame Geschichte* von 1814\. Schlemihl [verkauft seinen Schatten](https://patrick-pehl.de/peter-schlemihls-schattenkauf-in-castorfs-fabian/) für ein unerschöpfliches Glückssäckel – und wird gesellschaftlich ausgestoßen, heimatlos, zum Wanderer. Der Abend ist ein Palimpsest: Chamisso schimmert durch Kästner, Engels durch Chamisso, Lenin durch alle drei. Aus diesem Schichtenbau lässt sich deduzieren, wer der Landstreicher in Fabians Stammrestaurant ist: Schlemihl. Er war in Manchester, wo Friedrich Engels – vierundzwanzig Jahre alt, im väterlichen Textilbetrieb beschäftigt, das industrielle Elend unmittelbar vor den Fenstern – *Die Lage der arbeitenden Klasse in England* schrieb. Er fährt nach Russland, wie Lenin im April 1917 im versiegelten Zug aus Zürich nach Petrograd reiste. Er baut „Kanonen“: Maschinen, die Armeen von Arbeitern ins Unglück stürzen. Das Peterloo-Massaker vom 16\. August 1819 – 60.000 Demonstrierende auf dem St. Peter's Field in Manchester, berittene Polizei mit Säbelhieben – bleibt nicht unerwähnt.

Der Landstreicher, der auf der Couch des Fabian als Onkel wohnt, in Gestalt des Peter Schlemihl. © Matthias Horn
Wolfgang Michael spielt Schlemihl im breiten Nadelstreifen, breitkrempigen Hut, lange Haare – und um die Jacke, als Koppel, ein Streifen desselben Nadelstreifenstoffs. Er posiert vor einer großen, sich drehenden Blechfigur in der Kulisse, einer mechanischen Werbefigur, die sich bewegt und nichts verkauft. Die Blechfigur dreht sich. Der Mann davor hat keinen Schatten. Das ist keine Metapher. Es ist eine Bestandsaufnahme.
Der Tisch steht oben auf der Kulisse – erhöht wie auf einem Podest, im Hintergrund das Nachtblau der Bühne, durchsetzt mit schimmernden, angedeuteten Verlockungen. Schlemihl bekommt Kartoffelsalat mit Wienern. Er möchte mehr. Er bekommt mehr. Er fragt nach Mostrich. Fabian greift zur Spritzflasche – verzweifelt, wütend, machtlos. Dann nimmt der Gast auch noch das Bier. Michael spielt das mit schwermütiger Leichtigkeit, die Figur bewusst in der Schwebe lassend: Landstreicher? Gespenst? Historische Kraft in Menschenkleidung? Die Antwort bleibt aus. Das ist kein Versäumnis, sondern Methode.
## Denić baut eine lukullische Welt
Das Bühnenbild von Aleksandar Denić ist lukullisch: mehrräumig, dicht, auf der Drehbühne des Großen Hauses – Gerüst, Backsteinmauerwerk, eine Bar mit LED-Panel, Herbstlaub auf dem Boden. Ein Projektorstrahl zeichnet im Staub einen Pyramidenstumpf in die Luft. Das Licht wird körperlich. Die Live-Kamera (Videokonzeption: Jens Crull und Andreas Deinert) ist kein Selbstzweck: Das LED-Panel zeigt in Echtzeit, was in einem anderen Bühnenraum geschieht – und was auf der Bühne nur schematisch wäre, wird auf dem Bildschirm intim. Man sieht das Gesicht in dem Moment, in dem es verrät, was es verbergen will.
[„Warum“ von Hans Anselm bei Apple MusicTitel · 2018 · Dauer 7:57Apple Music – Webplayer](https://music.apple.com/de/album/warum/1739068925?i=1739069206&ref=patrick-pehl.de)
Anna Wohlfarth sitzt am Klavier – manchmal prominent in der Mitte der Kulisse, manchmal dreht die Drehbühne sie weg, ins Dunkel, ins Abseitige. Während der großen Nacktszene wird sie in die Kantine geschickt. Am Ende der Aufführung spielt Clara De Pin für einige Minuten. Wohlfarth als Korrektiv, Wohlfarth als Gewissen, Wohlfarth, die nicht zusehen soll. Das hat Gründe, die das Stück selbst benennt.
## Das weiße Laken
Die stärkste Szene des Abends ist die stillste. Fabian (Marc Hosemann) und Cornelia Battenberg im Zimmer. Ein weißes Laken – gestärkt, schwer, beim Bewegen rauschend wie Papier, das keine Körperwärme kennt – trennt die Zuschauenden vom Geschehen. Projektionsfläche und räumlich-zeitliche Verschiebung zugleich: Das Laken zeigt, ohne Berlin zu verlassen, was morgen in Cornelias Welt geschehen wird. Cornelias Blick schließt sich. Fabians fordert mit gleichgültig-geiler Beharrlichkeit ein, was er für seinen Teil hält.
Unmittelbar danach beginnt der Chamisso-Text. Der graue Mann bittet höflich um den wunderschönen Schatten. Top. Der Handel gilt.

Fabian verliebt sich Battenberg, die nun das Angebot ihres Teufels annehmen wird und zum Filmfabrikanten geht. © Matthias Horn
Cornelia wird sich beim Produzenten Makart verkaufen, in München, an einen Mann, über den Castorf im Programmheft anmerkt, wer dabei an einen anderen mit seinem Rollator in New York denkt, liege nicht falsch. Sie macht die Augen zu. Sie denkt an eine ärztliche Untersuchung. Dann ist es vorbei. Das Laken bekommt danach die Aufschrift in Blutrot: UfA. Es wird an die große, sich drehende Blechfigur gehängt. Der Eimer daneben ist verbeult. Wer mehr darin sehen will, sieht mehr.
Was die Szene so unaushaltbar macht, ist die präzise Logik dieser Tugendmarktwirtschaft: Irene Moll, die Juristengattin, muss das nicht. Cornelia, die Juristin, schon. Der Unterschied ist Stand, nicht Charakter. Clara De Pin, Jahrgang 1994, trägt das mit einer Konzentration, die alle Aufmerksamkeit auf den Dialog zieht – Nacktheit als Verfahren, nicht als Effekt. Die Moralbetrachtung, die das Stück dabei anstellt, ist keine sentimentale.
## Handlungen haben Folgen
Und dann ist da Weckerlin. Der Universitätsassistent, der Labude – Fabians besten Freund, Denker, in Castorfs Lesart die mephistophelische Seite Fabians – mit einer falschen Nachricht in den Tod schickt: Die Habilitation sei abgelehnt. Eine Lüge. Gravitätisch, beiläufig, tödlich. Labude erschießt sich, und Castorf zeigt ihn tot im Arbeitszimmer der Wohnung II, während das Leben weiterläuft. „Handlungen haben Folgen“, sagt Fabian. „Im Kleinen und im Großen.“ Castorf inszeniert [ein Moralgericht](https://patrick-pehl.de/blog/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/) – der Satz gewinnt das Gewicht eines Urteils. Keine Entschuldigung. Keine Relativierung.

Der gehörnte Ehemann und Weckerlin fühlen sich gescheitert und zu schwach. © Matthias Horn
## Form als Argument, Krone der Schöpfung
Castorf hat sich dabei von einer Lesart befreit, die dem Roman oft angelastet wurde: *Fabian* als Schrift gegen die extreme Rechte, als direktes politisches Kommentarsystem zur Gegenwart. Das klingt an – natürlich klingt es an. Aber es dominiert nicht. Im Zentrum steht etwas Älteres und Ehrlicheres: die Beobachtung der Triebhaftigkeit, der Begierden des Menschen und seiner unzweifelhaft unschönen Seiten. Kästners Figuren sind keine Märtyrer der Vernunft. Sie sind die Krone der Schöpfung in würdevoller Unwürde – und Castorf lässt sie das vollständig ausleben. Das affiziert auf eine merkwürdige Art: körperlich wach, intellektuell gereizt.

Im Hintergrund das Plakat zu „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino (1992), der bekannt für die Brüche zwischen Bild und Musik. © Matthias Horn
Ein Filmplakat von *Reservoir Dogs* hängt in der Kulisse. Tarantino ist bekannt dafür, beschwingte Musik zu spielen, während seine Protagonisten töten – der Kontrast verstört, weil er die Unterhaltung nicht unterbricht, sondern mit ihr zusammenfällt. Castorf operiert ähnlich. Mit einem Unterschied: Das Theater muss nicht gefallen.
Castorf setzt Zäsuren – plötzliche, harte Brüche im Erwartungsfluss, auch eines erfahrenen Publikums. Die Szenenfolge ist chronologisch aufgebrochen, sodass jede Szene ein Abbild ist, manchmal ein Zerrbild. Das Verfahren ist lapidar. Die Wirkung nicht. Bisweilen lässt er die Schauspielerinnen und Schauspieler den Mechanismus selbst erklären – die Technik wird demontiert und dadurch verdoppelt: Man sieht die Konstruktion und ihre Wirkung gleichzeitig, und die Wirkung bleibt. Zur Premiere [schrieb nachtkritik.de](https://nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/berlin-brandenburg/berlin/berliner-ensemble/fabian-oder-der-gang-vor-die-hunde-berliner-ensemble-frank-castorf-erich-kaestner?ref=patrick-pehl.de): „Wie eigentlich immer beim späten Frank Castorf stellt sich die Frage, was das Viele, Lange und Laute kann, bevor alles endgültig zu viel, zu lang und zu laut wird. Beim Fabian am Berliner Ensemble lautet die Antwort: Eine ganze Menge.“
## Terminkalender, nicht Heroismus
[„Kleiner Mann – was nun?“: Frank Castorf am Berliner Ensemble Patrick PehlFrank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ am Berliner Ensemble spaltet die Gemüter. Eine Kritik über Konzeptkunst, die zur Publikumsverachtung wird, und die Frage, ob Theater noch für sein Publikum da ist.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/berliner-ensemble-frank-castorf-kleiner-mann-was-nun-fallada-kritik-konzeptkunst-und-publikumsverachtung/)
Ein Buch, das laut seinem Autor keine Handlung hat, bekommt auf der Bühne eine: vollständig, befriedigend abgeschlossen, jeder Charakter bekannt, jede Geschichte zu Ende erzählt. Kein Faden bleibt offen. Man geht heraus mit dem Gefühl, dass es genau richtig lang war – weder zu kurz noch ausartend.
Sollte das Stück wieder gespielt werden, ist ein Besuch unbedingt zu empfehlen – aber man sollte nicht unvorbereitet kommen, weil wer Kästner nicht kennt, Chamisso nicht, Castorfs Handschrift nicht zumindest ahnt, in einer Überforderung sitzt, die sich nicht auflöst. Wer sich die Mühe gemacht hat, hat einen Abend vor sich, der nicht müde macht, sondern auflädt, der die Zeit nicht zieht, sondern fliegen lässt. Kästner schrieb 1950: „Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“ Castorf baut das in fast fünf Stunden ein und lässt es als Frage stehen – eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.
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**Fabian oder Der Gang vor die Hunde.* Regie: Frank Castorf. Bühne: Aleksandar Denić. Kostüme: Adriana Braga Peretzki. Sounddesign: William Minke. Dramaturgie: Amely Joana Haag. Mit: Margarita Breitkreiz, Frank Büttner, Clara De Pin, Andreas Döhler, Marc Hosemann, Jonathan Kempf, Madita Mannhardt, Sina Martens, Wolfgang Michael, Anna Wohlfarth. Berliner Ensemble, Großes Haus. Premiere: 12\. Juni 2021\. Dernière: 7\. Juni 2026\. Aufführungsdauer: 4 Std. 45 Min., eine Pause.
### „Was ihr wollt“ im Berliner Ensemble
URL: https://patrick-pehl.de/was-ihr-wollt-am-berliner-ensemble-be-rezension-und-kritik/
Last updated: 2026-06-14T11:39:16.000Z
**Am Berliner Ensemble zeigt Regisseur Antú Romero Nunes seine Version von Shakespeares „Was ihr wollt“. Es wird zum generationenverbindenden Theaterabend, das die Grenzen zwischen Verwechslungsspiel und Insta-Ästhetik verwischt. Mit der Besetzung gelingt dem BE eine präzise und trotzdem zugängliche Inszenierung.**
Die Bühne von Matthias Koch kommt ohne opulente Requisiten aus, stattdessen setzt Nunes auf eine radikal verkörperte Theatersprache: Menschen werden zu lebenden Objekten. Ein Ring „funkelt“ nur durch den Ausspruch des Wortes und die entsprechende Geste, eine Wanduhr manifestiert sich durch Pauline Knof, die hinter dem erstarrten *Malvolio* steht und mit rhythmischem Zungenschnalzen das Ticken der Zeit verkörpert, während warmes Licht die sargähnliche Starre des Haushofmeisters in Szene setzt. Geld wird nicht übergeben, sondern deklariert. Diese Entscheidung für das Handgemachte, für die sichtbare Theatralität, ist keine Verlegenheitslösung, sondern programmatisch – und sie funktioniert bestechend.

Amelie Willberg in „Was ihr wollt“ am Berliner Ensemble als Cesario in Illyrien. © Joerg Brüggemann 2025
Doch Nunes' Inszenierung lebt nicht nur von der reduzierten Bühnenmaschinerie, sondern vor allem von ihren zeitgenössischen Referenzen. Maria, gespielt von Pauline Knof, tritt als Teenage-Influencerin auf, deren Gestik und Sprechweise sofort erkennbar sind – eine Kodierung, die generationsübergreifend funktioniert, wie sich im Publikum zeigt. Olivia (Sebastian Zimmler) erscheint in Schwarz-Weiß-Gewandung als moderner Star, dem die Inszenierung einen klaren Starzuschnitt gibt. Die aus dem Alltag genommenen Musikeinlagen – etwa [„Halt dein Maul“ von Influencerin Evelyn Weigert](https://www.instagram.com/reel/DGWIU0rMoau/?igsh=MXI4dXhxeGtvandtYw%3D%3D&ref=patrick-pehl.de) – durchziehen den Abend als Erkennungszeichen für jene, die sich in den Algorithmen der sozialen Medien bewegen, während sie für andere zu einem überraschenden Moment der Übersetzungsarbeit werden (eine meiner Begleiterinnen musste mir die Referenz erklären – es empfiehlt sich also, sozial divers ins Theater zu gehen).
## Willbergs Präzision und intrikates Beziehungsgeflecht
Im Zentrum dieser turbulenten Verkleidungs- und Verwechslungskomödie steht [Amelie Willberg](https://www.berliner-ensemble.de/amelie-willberg?ref=patrick-pehl.de) als *Viola* und *Cesario*. Willberg ist seit der vergangenen Spielzeit 2023/24 Ensemblemitglied und kürzlich mit dem [hauseigenen Helene-Weigel-Nachwuchspreis ausgezeichnet](https://www.berliner-ensemble.de/magazin/helene-weigel-theaterpreis-fuer-tena-stivicic-und-amelie-willberg?ref=patrick-pehl.de) worden. Sie bringt eine Klarheit und Präsenz auf die Bühne, die fasziniert. Ihre Darstellung der Geschlechterambivalenz ist nicht kokettiert, sondern körperlich präzise durchdacht – jede Geste, jedes Zögern, jede Verschiebung zwischen dem, was Viola ist, und dem, was Cesario vorgibt zu sein, wird sichtbar gemacht. Willberg spielt mit einer Intelligenz, die den Raum nicht dominiert, sondern fruchtbar macht für die Beobachtung. Es ist eine Leistung, die umso beeindruckender ist, als dass Willberg – so beobachtet man bei den Verbeugungen – selbst eine gewisse Zurückhaltung zeigt, fast als könne sie den Applaus nicht ganz annehmen. Diese Bescheidenheit steht in erstaunlichem Kontrast zur Strahlkraft ihrer Bühnenpräsenz.
> Ich wünschte, du wärst so, wie ich dich haben will.
Das [intrikate Beziehungsgeflecht](https://patrick-pehl.de/liliom-ein-gauner-im-fegefeuer-berliner-ensemble-kolumne/), das Shakespeare entwirft – Viola liebt *Orsino* (Oliver Kraushaar), der Olivia liebt, die wiederum Cesario / Viola verfällt – wird von Nunes nicht psychologisiert, sondern als Zirkel der Projektionen inszeniert. „Ich wünschte, du wärst so, wie ich dich haben will“, sagt Olivia zu Cesario. Jede Figur projiziert ihre Sehnsucht auf eine andere, die wiederum woanders hinblickt. Dieser Reigen aus Begehren und Verkennung wird durch Zimmlers zart-verletzliche Olivia ebenso getragen wie durch [Maeve Metelka](https://de.wikipedia.org/wiki/Maeve%5FMetelka?ref=patrick-pehl.de) als aufmüpfiger *Sir Toby Rülps* und Maximilian Diehle als tölpelhafter *Sir Andrew Leichenwang*, der als Nebenbuhler nie eine Chance hat.
## Malvolio-Komplott: Gelbe Socken und Grausamkeit
Shakespeares Stücke sind bekannt dafür, das Publikum zur Komplizenschaft zu verführen – und nirgends geschieht dies brutaler als im Komplott gegen Malvolio. Bettina Hoppe, die seit 2009 mit Intendant Oliver Reese arbeitet, gibt einen Haushofmeister, der von Anfang an im falschen Stück zu stehen scheint. Ihr Malvolio ist kein böswilliger Pedant, sondern jemand, der verzweifelt dazugehören möchte und dabei nicht merkt, dass er bereits ausgeschlossen ist. Die berühmte Szene mit den gelben Strümpfen – dem kleinsten Verkleidungsstück, das man tragen kann – wird bei Hoppe zur Selbstüberwindung, zum Versuch, sich den Extravaganzen der anderen anzupassen. Das schwarze gekreuzte Strumpfband vervollständigt die Travestie, doch statt Komik entsteht hier vor allem Unbehagen. „Sir Tobi, die Mädchen werden sich heute um mich vermassen“, verkündet Malvolio in seiner erotisch-irrtümlichen Verblendung.
Wenn Malvolio inszinatorisch gespielt „in den Sarg“ gelegt wird – physisch erstarrt, von warmem Licht angestrahlt, während Knofs Maria als menschliche Uhr hinter ihm das Ticken der Zeit schnalzt, wird die Grausamkeit des hinterhältigen Spiels der Gruppe deutlich. Wir lachen, ja. Aber wir lachen schuldig. Der letzte Satz Malvolios, der Rache schwört, trifft uns im Publikum. Sollten wir uns schämen? Vielleicht. Oder zumindest erkennen, dass wir ihm ähnlicher sind, als wir wahrhaben wollen.
## Inszenierung für Spaß und Verständigung
Was Romero Nunes mit [„Was ihr wollt“ am BE](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/was-ihr-wollt?ref=patrick-pehl.de) gelingt, ist mehr als eine Aktualisierung eines reichlich alten Klassikers. Es ist eine Inszenierung, die Ernsthaftigkeit und Spaß, Reflexion und Vergnügen nicht gegeneinander ausspielt, sondern ineinander verschränkt.
Die Entscheidung, auf materielle Requisiten weitgehend zu verzichten und stattdessen auf die Verkörperung durch die Schauspieler:innen zu setzen, macht die Konstruiertheit des Theaters sichtbar – und gerade dadurch seine Wahrhaftigkeit. Hier zeigt sich, was gutes [Ensemble-Theater](https://patrick-pehl.de/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/) vermag: eine Vielfalt an Generationen, sozialen Herkünften und Lebensentwürfen zusammenzubringen und durch gemeinsames Lachen und gemeinsames Erschrecken zu verbinden.
### Ökonomie des Mitgefühls: Brechts Bettler-König Peachum über Berlins Straßen
URL: https://patrick-pehl.de/dreigroschenoper-peachum-und-das-mitleid-bettlermafia-monolog-zur-oekonomie/
Last updated: 2026-06-14T11:39:16.000Z
**Mitleid nutzt sich ab – das weiß schon Jonathan Jeremiah Peachum, Bettler-Großunternehmer in Bertolt Brechts Dreigroschenoper. Doch es gibt Leid, das sich nicht abnutzen lässt: transformatives Leid, das einen Menschen dauerhaft verändert. Eine Theaterbetrachtung über Barrie Koskys Inszenierung des Brecht-Klassikers am Berliner Ensemble – und die einprägsame Spielweise Tilo Nests, der Peachums kalte Ökonomie des Elends meisterhaft verkörpert.**
Vor einigen Tagen saß ich wieder im großen Haus des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm. Ich hatte Barrie Koskys [Inszenierung der Dreigroschenoper](https://patrick-pehl.de/tag/dreigroschenoper/) bereits in der vergangenen Spielzeit gesehen, nun war die Besetzung in vielen Rollen gewechselt – Gabriel Schneider gibt den Mackie Messer, andere Partien sind neu besetzt. Doch [Tilo Nest](https://de.wikipedia.org/wiki/Tilo%5FNest?ref=patrick-pehl.de) spielt weiterhin den Jonathan Jeremiah Peachum. Eigentlich hatte ich mir einen bestimmten Platz gekauft, um die Arbeit der Musiker zu beobachten, doch das Theater vollzieht seine Wirkung oft anders als geplant. Diesmal schob sich eine Szene in den Vordergrund, die ich längst zu kennen glaubte: Peachums Monolog über die Ökonomie des Mitleids. Peachum, der Großunternehmer im Bettlergeschäft von London.
Nest gibt dem Peachum eine einfühlsame Schroffheit. Im schwarzen Cordanzug – Dienstkleidung eines Großunternehmers im Bettlergeschäft – steht er vor dem Publikum, streckt den Arm bittend nach vorn, legt einen Dackelblick auf und spricht. Was folgt, ist eine betriebswirtschaftliche Analyse des Mitleids. Peachum erklärt, sein Geschäft sei schwierig, „denn mein Geschäft ist es, das menschliche Mitleid zu erwecken“. Es gebe wenige Dinge, die den Menschen erschütterten, „aber das Schlimme ist, dass sie, mehrmals angewendet, schon nicht mehr wirken.“ Dann der nachdrückliche Kern seiner Theorie: „Der Mensch hat die furchtbare Fähigkeit, sich gleichsam nach eigenem Belieben gefühllos zu machen. So kommt es zum Beispiel, dass ein Mann wohl in seinem Schrecken das erste Mal zehn Pennies zu geben bereit ist, aber das zweite Mal nur mehr fünf Pennies, und sieht er ihn das dritte Mal, übergibt er ihn kaltblütig der Polizei.“
Diese Stelle war mir natürlich bekannt. Nicht umsonst heißt es in der [Kurt-Weill-Vertonung](https://patrick-pehl.de/dreigroschenoper-zuhaelterballade-im-modernen-zeitalter/): „Bettler betteln, Huren huren“ – Alltag im Dreigroschen-Soho. Doch im Nachklang kreisten die Gedanken immer wieder um Peachums Businessplan, denn er beschreibt einen Mechanismus, der erschreckend vertraut wirkt.
### Berliner Straßenbild: Von Großmünzen zu Kupfergeld
Nicht weit vom Berliner Ensemble lässt sich genau das in der Realität beobachten. Von den Medien „[Bettlermafia](https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/bettelmafia-ein-teil-organisierter-kriminalitaet?ref=patrick-pehl.de)“ genannte [Banden machen Schlagzeilen](https://www.dw.com/de/berlin-verbannt-bettelkinder/a-18619307?ref=patrick-pehl.de). Einmal ließ sich beobachten, wie eine ganze Truppe mit einem Kleinbus von der Arbeitsverrichtung als Bettler abgeholt wurde. Tage später, beim Gang durch einen Boulevard in Friedrichshain, fiel ein anderer Bettler auf – wohl obdachlos, vermutlich echt. In der U-Bahn das gleiche Bild: Bemitleidenswerte Gestalten wechseln sich ab, streiten um die besten Plätze in der U8, immer wieder ausgemergelte Menschen, die um einen Groschen bitten.
Der Gewöhnungseffekt, den Peachum beschreibt und den Tilo Nest so einprägsam darstellt, lässt sich erkennen. Bei vielen – oft zugezogenen Stadtbewohnern – gibt es für den ersten Bettler noch eine Großmünze. Nach der nächsten Station wechseln die Bettler, und in den abgenutzten Pappbechern landen keine Großmünzen mehr, sondern Messinggeld. Ein Paar, scheinbar von der Armut in der Hauptstadt überwältigt, gab nur noch, was übrig war: Kupfergeld. Das ist keine besonders neue Beobachtung, aber es überrascht, wie aktuell die Erzählung des Peachum in der aktuellen [Inszenierung von Barri Kosky](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/die-dreigroschenoper?ref=patrick-pehl.de) als Bettler-Großunternehmer ist.
[„Kleiner Mann – was nun?“: Frank Castorf am Berliner Ensemble | Patrick PehlFrank Castorfs Inszenierung von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ am Berliner Ensemble spaltet die Gemüter. Eine Kritik über Konzeptkunst, die zur Publikumsverachtung wird, und die Frage, ob Theater noch für sein Publikum da ist.Patrick Pehl – Journalist aus BerlinPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/berliner-ensemble-frank-castorf-kleiner-mann-was-nun-fallada-kritik-konzeptkunst-und-publikumsverachtung/)
Peachum, der aus taktischen Gründen gerne behauptet, der ärmste Mann der Stadt zu sein, dürfte an seinen 1432 als Bettler kostümierten Angestellten ausreichend verdienen. Er erklärt, wie die Ausstattung und Garderobe aussehen müssen, dass es drei Kategorien der Zurschaustellung der Bedürftigkeit gebe. Seine Kunstbettler sind verkleidet entsprechend der Vorstellung, die sich ein wohlhabendes Publikum auf der Straße und im Theater davon macht, wie Bettler auszusehen haben. Das Elend wird zur Ware, die sich verbraucht – so wie die Soziologin Eva Illouz in einem Text zur Dreigroschenoper schreibt: „Ersetzbarkeit und Instrumentalisierung sind der Stoff, aus dem der Kapitalismus gemacht ist."
### Wenn Leid sich nicht abnutzt
Doch Peachums Kalkulation hat einen blinden Fleck. Sie rechnet mit Gewöhnung, mit der Abnutzung des Mitleids durch Wiederholung. Was sie übersieht: Es gibt Arten von Leid, die sich nicht abnutzen. Jeder Mensch leidet individuell, und jeder Vorgang des Leidens ist im Moment des Erlebens bedeutsam, kann grausam sein – selbst wenn man sich oberflächlich daran gewöhnt hat. Es gibt den Spruch, den Außenstehende gern distanziert äußern: In einem Jahr würde man darüber lachen können. Freilich gibt es solche Situationen. Doch es gibt auch jene Erfahrungen, über die man nicht lachen kann, die nicht im Nachhinein als „halb so wild" erscheinen – Erfahrungen, die einen Menschen dauerhaft verändern, transformieren.
Das ist transformatives Leid – oder, wie der Soziologe Armin Nassehi es nennt: existenzielle Erschütterung. Erfahrungen, die das fundamentale Vertrauen in die Welt zerstören, Grundannahmen über Sicherheit, Gerechtigkeit oder Sinn unbrauchbar machen und einen Menschen zwingen, sich und die Welt neu zu ordnen. Wer risikobereit war, kann nach solchem Leiden als sorgenvoller, vorsichtiger Mensch hervorgehen. Die biografische Zäsur bleibt – auch wenn das Mitleid der anderen längst verbraucht ist.
[Gefangen im Kreislauf: „The Writer“ | Patrick Pehl, JournalistAls der letzte Ton verklang, saß ich im Theater am Schiffbauerdamm, gefangen zwischen zwei Welten – der Realität und dem emotionalen Abgrund, in den mich Ella Hicksons „The Writer“ gestürzt hatte. Mein Hirn war getränkt in Emotionen, mein Herz drückte Botenstoffe durch meinen hilflosen Körper. Ich war mehr als nur berührt – ich war aufgerissen, \[…\]Patrick Pehl – Journalist aus BerlinPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/gefangen-im-kreislauf-the-writer-berliner-ensemble-theater/)
Peachums Geschäftsmodell funktioniert, weil es mit der Ersetzbarkeit rechnet – ein Bettler gleicht dem anderen, das Mitleid wird zur knappen Ressource, die sich aufbraucht. Doch was bleibt, wenn man das Theater verlässt und auf die Straße tritt? Die Herausforderung liegt darin, eine Offenheit für die Welt zu bewahren, die nicht in Gewöhnung erstarrt.
### Theater als Ort der Aufmerksamkeit
Das Theater kann dabei helfen – wenn man es lässt. Hochkultur vermag es, den Geist anzuregen, auch im goldbestückten großen Haus mit seinen Samtsitzen. Anders als im Film, wo der Kamerafokus die Aufmerksamkeit lenkt, vollzieht sich im Theater die Wahrnehmung live und eigensinnig. Das [Erleben und die Offenheit erfordern jedoch die Aufmerksamkeit des Rezipienten, um nicht nur zu schauen, sondern zu sehen](https://patrick-pehl.de/berliner-ensemble-frank-castorf-kleiner-mann-was-nun-fallada-kritik-konzeptkunst-und-publikumsverachtung/). Dann kann eine scheinbar bekannte Szene plötzlich neu wirken, kann sich ein Monolog über Bettler ins Gedächtnis schieben und dort arbeiten.
Die Dreigroschenoper tut das seit fast einem Jahrhundert. Sie stellt die Frage: Wie lange noch, bis wir selbst zu den Gewöhnten gehören, die beim dritten Mal kaltblütig zur Polizei greifen?
### Seeheimer-Chef will Pragmatismus
URL: https://patrick-pehl.de/machtpolitik-in-der-spd-esra-limbacher-ist-sprecher-seeheimer-kreis/
Last updated: 2026-06-22T18:26:24.000Z
**Esra Limbacher (SPD) führt seit September den einflussreichen Seeheimer Kreis. Der neue SPD-Fraktionsvize für Wirtschaft und Klimaschutz will in der Großen Koalition Gemeinsamkeiten betonen – und die Landwirtschaft aus der politischen Randlage holen.**
Die Arbeitsräume im Jakob-Kaiser-Haus sind noch provisorisch eingerichtet. Alte SPD-Plakate hängen an den Wänden: Willy Brandt mit Mandoline, Helmut Schmidt ohne Zigarette. Die eigentlich vorgesehene Kunst aus den Beständen des Bundestages wurde erst am Vortag ausgewählt. Das zackige SPD-Logo wiederholt sich auf einem Kissen, hinter einer Zimmerpflanze, auf einem hölzernen Klappstuhl – jenem ikonischen Objekt, das seit Jahrzehnten zu Seeheimer Veranstaltungen gehört. Esra Limbacher ist noch nicht lange hier, aber er hat sich eingerichtet. Im September konnte ich Limbacher [in seinen Büroräumen treffen und mit ihm über seine neue Rolle sprechen](https://patrick-pehl.de/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/).

Am 19\. September 2025 konnte ich den Seeheimer-Sprecher Limbacher in seinen Büroräumen im Jakob-Kaiser-Haustreffen. © Max Hartmann 2025
Der 1989 in Wiesbaden zur Welt gekommene Jurist wurde am 8\. September [mit 92 Ja-Stimmen zum Sprecher des Seeheimer Kreises gewählt](https://www.spdfraktion.de/presse/pressemitteilungen/wahl-geschaeftsfuehrenden-vorstandes-2?ref=patrick-pehl.de). Seit Mai ist er stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD, zuständig für Wirtschaft, Bau, Umwelt und Klimaschutz. Zusätzlich fungiert er als Mittelstandsbeauftragter der Fraktion. Als er an diesem Nachmittag von einer namentlichen Abstimmung im Reichstag zurückkehrt – es ging um den laufenden Etat des Kanzleramtes –, ist die Begrüßung freundlich, aber ohne überflüssige Gesten. Limbacher hat seinen jungen Fachreferenten dabei. Man merkt: Hier wird Politik als Handwerk verstanden, nicht als Inszenierung.
## Fortschrittliche Volkspartei der Mitte
Die Seeheimer gelten als pragmatischer Flügel der SPD, als Vertreter einer sozialdemokratischen Realpolitik, die sich nicht in ideologischen Debatten verliert. Limbacher bestätigt diese Selbstbeschreibung ohne Umschweife. „Der Seeheimer Kreis tritt für eine SPD ein, die eine fortschrittliche Volkspartei der Mitte sein will“, sagt er. Das bedeute einen pragmatischen Kurs, der „vor allen Dingen auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit denen setzt, die dieses Land voranbringen wollen“. Bereits im Frühjahr hatte er als Mittelstandsbeauftragter konkrete Forderungen formuliert: Investitionsprämien zur Stärkung von „Made in Germany“, Bundeszuschüsse zur Senkung der Energiepreise, entschiedener [Bürokratieabbau](https://patrick-pehl.de/buerokratie-nationaler-normenkontrollrat-dorothea-stoerr-ritter/) für mittelständische Unternehmen. Unter seiner Führung wollen die Seeheimer mit „klarer Sprache, offener Debatte und dem Anspruch, Lösungen zu liefern für wirtschaftliche Erneuerung, verlässliche Zusammenarbeit in der Koalition und sozialen Zusammenhalt“ auftreten. In der aktuellen Großen Koalition mit der Union heißt das: Gemeinsamkeiten betonen, nicht das Trennende.
[Interview mit Seeheimer-Chef Esra Limbacher (SPD)Der neue Seeheimer-Sprecher Esra Limbacher (SPD) fordert mehr Wertschätzung für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit. Im Interview spricht er über GAP-Förderung, Mercosur, Mindestlohn und Lebensmittelverschwendung – und erklärt, warum Resilienz auch Ernährungssouveränität bedeutet.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/)
[Interview mit Seeheimer-Chef Esra Limbacher (SPD)Der neue Seeheimer-Sprecher Esra Limbacher (SPD) fordert mehr Wertschätzung für Landwirtschaft und Ernährungssicherheit. Im Interview spricht er über GAP-Förderung, Mercosur, Mindestlohn und Lebensmittelverschwendung – und erklärt, warum Resilienz auch Ernährungssouveränität bedeutet.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/)
Der Start sei „etwas holprig“ gewesen, gibt Limbacher zu. Doch nun sei es die Verantwortung beider Koalitionspartner, die Gemeinsamkeiten nach vorne zu stellen. „Wir haben den Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU unterschrieben, und es ist mein fester Wille, dass wir gemeinsam hier etwas bewegen können.“ Diese Haltung ist typisch für die Seeheimer: keine lautstarke Opposition innerhalb der eigenen Reihen, sondern Gestaltungswille innerhalb bestehender Strukturen.
## Wirtschaft nicht stiefmütterlich behandeln
Dass Limbacher ein breites Ressort übernommen hat, war keine Selbstverständlichkeit. Er kommt nicht aus einem Fachressort, sondern aus der Bundespolitik. Doch er nimmt die Aufgabe ernst – und das bedeutet für ihn vor allem eines: Themen nicht länger stiefmütterlich zu behandeln, die für die wirtschaftliche Zukunft des Landes entscheidend sind. Die Zusammenarbeit mit den Fachsprechern der Fraktion läuft nach eigener Auskunft sehr gut. Es ist eine typische Seeheimer-Haltung: pragmatisch, kollegial, ohne Eitelkeit.
## Koalitionstreue mit klaren Grenzen

Die Holzklappstühle sind typisch für Veranstaltungen der Seeheimer. In Berlin sind die ikonischen Objekte bekannt – vielleicht schon seit den 70ern. © Max Hartmann 2025
Beim Thema Mindestlohn zeigt sich, wo die Grenzen des Pragmatismus liegen. Limbachers Vorgänger als Seeheimer-Chef, Dirk Wiese, hatte sich beim Deutschen Raiffeisenverband zu möglichen Ausnahmen beim Mindestlohn in der Landwirtschaft geäußert. Limbacher stellt klar: „Ich halte nichts davon, dass wir eine Zweiklassen-Kultur im Mindestlohn-Bereich einführen. Das ist nicht unser Ziel, auf keinen Fall das Ziel der Sozialdemokratie.“ Gleichzeitig betont er, dass diese Politik von Kompromissen lebe. Der Koalitionsvertrag sei ein solcher Kompromiss, und jede Partei habe ihre eigene Haltung zu bestimmten Themen.
Es ist diese Balance, die Limbacher als Seeheimer-Sprecher verkörpern will: einerseits die sozialdemokratischen Grundsätze nicht aufgeben, andererseits in der Koalition handlungsfähig bleiben. „In so einer schwierigen Situation, wie wir uns jetzt momentan in Deutschland befinden, vor allem wirtschaftlich, können wir es nicht zulassen, dass wir nur über trennende Punkte diskutieren“, sagt er.
## Staat als Ermöglicher, nicht als Hemmschuh
Sein wirtschaftspolitisches Profil zeigt sich auch an anderer Stelle. In Bundestagsdebatten plädiert Limbacher für ein Gleichgewicht aus nachhaltigen Investitionen und Standortschutz, notfalls auch durch eine Flexibilisierung der Schuldenregel. Bei der Steuerpolitik setzt er auf Entlastung mittlerer Einkommen, während Spitzenverdiener einen „gerechtfertigten Aufschlag“ zahlen sollten – eine sozialdemokratische Umverteilung, die Transformationsaufgaben finanzierbar macht. Klimapolitik will er nicht zur Standortabwanderung führen lassen: Ein unbürokratischer CO₂-Grenzausgleich soll die Industrie schützen, während private Haushalte durch ein Klimageld sozial abgefedert werden. Die Energiewende begreift er nicht als Belastung, sondern als Chance für Arbeitsplätze und Wachstum – vorausgesetzt, der Staat agiere als Ermöglicher, nicht als Hemmschuh.
## Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit
Diese Positionen machen deutlich, wofür die Seeheimer unter Limbacher stehen wollen: für eine SPD, die wirtschaftliche Vernunft mit sozialem Ausgleich verbindet. Ein Schrumpfen der industriellen Wertschöpfung lehnt er explizit ab – das sei eine Gefahr für den Wohlstand Deutschlands. Die Seeheimer setzen auf Innovation, auf Transformation, aber eben auch auf Standortsicherung. Es ist ein Politikansatz, der sich bewusst von jenen Kräften in der SPD abgrenzt, die wirtschaftspolitische Fragen primär unter ökologischen oder verteilungspolitischen Gesichtspunkten diskutieren wollen.
Die SPD befindet sich in einer Phase, in der die Frage nach ihrer Zukunft als Volkspartei täglich neu gestellt wird. Es ist, als müsse eine Vakanz gefüllt werden, die noch nicht einmal offiziell ausgerufen wurde. Die Seeheimer setzen darauf, dass pragmatische Politik und Gestaltungswille am Ende überzeugen. Limbacher verkörpert diesen Anspruch: kein Protest, keine lauten Forderungen, sondern Arbeit an Lösungen. Ob das ausreicht, wird sich zeigen. Die Plakate mit Brandt und Schmidt an der Wand erinnern daran, dass die SPD schon schwierigere Zeiten überstanden hat – allerdings auch daran, dass Erfolg keine Selbstverständlichkeit ist.
Als Limbacher zum nächsten Termin aufbricht, bleibt der Eindruck eines Politikers, der seine Rolle angenommen hat, ohne sich zu überhöhen. Die Seeheimer setzen auf die kleinen Schritte, auf Kontinuität, auf das Prinzip der vertrauensvollen Zusammenarbeit. In einer Zeit, in der viele nach großen Gesten rufen, ist das vielleicht schon eine Position. Die Frage ist nur, ob diese Position ausreicht, um in der Koalition Gestaltungsmacht zu entfalten – oder ob der Pragmatismus der Seeheimer am Ende als Anpassung gelesen wird. Limbacher jedenfalls scheint entschlossen, den ersten Weg zu gehen.
*Das Treffen fand* [*am 19\. September 2025 in Berlin in meiner Funktion als Politik-Korrespondent*](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-agrarwirtschaft-darf-nicht-stiefmuetterlich-behandelt-werden-153373?ref=patrick-pehl.de) *der dfv Mediengruppe statt.*
### Vanessa Zobel: „Biomasse ist unser Erneuerbare-Energien-Schnellboot“
URL: https://patrick-pehl.de/vanessa-zobel-cdu-moechte-garantien-fuer-bioenergie-interview-politik/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
**Biomassepaket, Bürokratie, Energiewende: Vanessa Zobel (CDU) aus Bremervörde in Niedersachsen ist Energiepolitikerin und Berichterstatterin für Biomasse, mit ihr sprach ich über über Flexibilisierung, Förderung und den Konflikt mit marktwirtschaftlichen Prinzipien.**
Vanessa Zobel kommt mit schnellem Schritt und freundlich strahlendem Gesicht den Gang zu ihrem Büro in der sechsten Etage des Paul-Löbe-Hauses hinunter gelaufen. Sie kommt an diesem Nachmittag von einer ihrer vielen Berichterstatterrunden. „Viel zu tun“, sagt sie, während sie routiniert den passenden Blazer von einer Kleiderstange auswählt und überwirft. Erst seit wenigen Monaten ist die CDU-Abgeordnete im Büro angekommen, in den Wänden sind noch die Löcher von der Wand vom vorherigen Benutzer des zugewiesenen Raums – die Kunstabteilung war noch nicht da, um sie zu überdecken. Die Sonne streift draußen die Spree und ein Herbstwind lässt die Sichtblenden am großen Fenster rasseln – Transparenz ist gewünscht.
Als Berichterstatterin für Bioenergie kennt Zobel die intrikate Gemengelage der deutschen Energiepolitik genau: Das Desiderat grundlastfähiger erneuerbarer Energiequellen beschäftigt sie täglich im Ausschuss für Wirtschaft und Energie. Mit ihrem Kommunikationsreferenten fühlt sie sich gewappnet, die Fragen zu beantworten. Noch geht nicht alles einfach über die Lippen, doch die 37-jährige gelernte Bankkauffrau weiß, worum es geht. Auch politisch kennt sie die Untiefen, denn sie hat kommunal lange Verantwortung übernommen. Berlin ist ein eigener Kosmos, aber sie hat die richtigen Netzwerke gefunden.

Das richtige Outfit muss gewählt sein, darum gibt es eine kleine Auswahl von Kombinationsteilen – abends geht es noch zu einer Podiumsdiskussion. © Max Hartmann 2025
***Korrespondent*** *Patrick Pehl:* *Frau Zobel, die EU hat das Biomassepaket genehmigt – Sie sprechen von einem „Befreiungsschlag“. Was bedeutet das konkret für einen Landwirt mit einer Biogasanlage?*
**Vanessa Zobel:** Es bedeutet eine klare Zukunftsperspektive. Wir sind dankbar, dass das Biomassepaket eins endlich da ist. Die EU hatte unser Paket lange nicht genehmigt. Das war für viele Anlagenbetreiber, die im Oktober an der nächsten Ausschreibung teilnehmen mussten, wirklich existenzbedrohend, weil sie sich darauf verlassen hatten. Eine Garantie kann ich natürlich nicht geben, aber ich arbeite daran, dass man ihnen überhaupt zuhört und hilft.
**Patrick Pehl:* Das Paket sieht strengere Flexibilisierungsanforderungen vor – überfordert das nicht gerade kleinere landwirtschaftliche Betriebe?*
**Vanessa Zobel:** Viele Anlagen haben sich auf die Flexibilisierung bereits eingestellt und machen es heute. Für die anderen ist es der Ausblick, weil es für die Flexibilisierung einen Zuschlag gibt, zu sagen: Das ist mein Weg in die Zukunft. Das schafft Verlässlichkeit. Der Staat sagt mir, ich darf meine Biogasanlage weiter betreiben und bekomme noch etwas, wenn ich flexibel schalten kann. Für kleinere Anlagen braucht es eine geeignete Regelung im Rahmen eines zweiten Biomassepakets.

Zobel ist im Thema, ihre Eltern haben einen Autohandel, in dem auch eine Biogas zum Einsatz kommt. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl*: Sie fordern bereits ein „Biomassepaket 2.0“ für auslaufende Altanlagen – wie passt das zur CDU-Forderung nach Ausgabendisziplin?*
**Vanessa Zobel:** Ein Biomassepaket 2.0 ist kein Widerspruch zu Ausgabendisziplin – im Gegenteil. Es ist schlicht günstiger und sinnvoller, bestehende Anlagen zu ertüchtigen und ihnen Planungssicherheit zu geben, anstatt später noch mehr Gaskraftwerke bauen zu müssen, als ohnehin geplant. Das Ziel ist, dass wir dahin kommen, dass wir die Anlagen, die vorher auf zehn Jahre liefen, auf zwölf Jahre haben und perspektivisch hoffentlich mit gemeinsamer Kraft auf 15 Jahre strecken. Wir haben im Berichterstattergespräch darüber gesprochen, was den Maisdeckel betrifft. Diese Vermaisung, die wir damals in den Anfangszeiten hatten, sehen wir heute bei weitem nicht mehr. Mit den Regelungen der Düngeverordnung, mit der Fruchtfolge, sehe ich das nicht mehr als Problem.
## Systemdienlichkeit: Biogas als „erneuerbares Schnellboot“
***Patrick Pehl:* Sie bezeichnen Biogasanlagen als „erneuerbares Schnellboot“ der Kraftwerksstrategie – was meinen Sie damit konkret?*

Zobel will den Weg zum energiepolitischen Erfolg, sie sieht darin ein wichtiges Asset für ihren Wahlkreis und die zuverlässige Energieversorgung des ganzen Nordens. © Max Hartmann 2025
**Vanessa Zobel:** Ein Schnellboot ist flexibel und schnell einsetzbar, wie Biogas. Weil wir die Anlagen bereits haben. Und viele davon haben sich auf die Flexibilisierung eingestellt. Wir geben den Biogas-Betreibern die Möglichkeit zu sagen: Ihr müsst flexibel sein. Ihr müsst die Anlagen hochfahren können, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint und andersherum wieder abschalten können, wenn wir Überproduktion haben. Das ist für mich ein Schnellboot, weil es vorhanden ist. Ich muss es nicht neu bauen, es ist da.
***Patrick Pehl:* Wie bewerten Sie die Rolle von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bei der Bioenergie-Politik?*
**Vanessa Zobel:** Katherina Reiche ist Energieministerin, die nach ihrem Monitoring natürlich Lösungen umsetzen muss. Der Sinn und Zweck des Monitorings war, kosteneffizient zu arbeiten – in dem Bereich sparen wir ein, auf der anderen Seite nehmen wir das Pfund, was wir haben, in dem Fall unsere Biogasanlagen. Da geben wir denen einen Zuschlag für die Flexibilisierung. Wir müssen zweigleisig fahren, bis die Gaskraftwerke gebaut sind. Da ist es so, dass wir noch mindestens ein Jahrzehnt brauchen, bis die stehen. Und was machen wir in dem Jahrzehnt? Unsere Biogasanlagen.
***Patrick Pehl*: Aber Bundesfinanzminister Lars Klingbeil von der SPD muss den Subventionen und Zuschlägen noch zustimmen – die sind schließlich haushaltswirksam.***
**Vanessa Zobel:** Lars Klingbeil hat den Wahlkreis genau neben mir gewonnen. Ja, wir haben ein Ausgabenproblem, das sehe ich. Aber wenn der Kanzler sagt, nur das Priorisierte wird umgesetzt, müssen wir eben aufzeigen, dass Biogas kosteneffizient ist. Wir nehmen das Pfund, was wir haben, und geben vielleicht 100 Euro für die Flexibilisierung dazu, statt neue Gaskraftwerke für Milliarden zu bauen.
***Patrick Pehl: Welche technischen Umrüstungen müssen Landwirte dafür vornehmen und was kostet das?***
Zur Person Vanessa Zobel
ZUR PERSON VANESSA ZOBEL
Vanessa Zobel ist direktgewählte CDU-Bundestagsabgeordnete und stammt aus einer Unternehmerfamilie im niedersächsischen Bremervörde. Sie ist konfessionslos, verheiratet mit einem Berufssoldaten aus Seedorf und Mutter zweier Kinder. Ihre Eltern betreiben ein Autohaus mit angeschlossener Kfz-Werkstatt.
Nach dem Fachabitur begann sie 2007 ihre Ausbildung zur Bankkauffrau und arbeitete insgesamt 17 Jahre im Bankwesen, zuletzt als Baufinanzierungsberaterin bei der Volksbank Osterholz Bremervörde. Ihre berufliche Qualifikation umfasst zudem eine Fortbildung zur IHK-geprüften Wirtschaftsfachwirtin.
Politisch ist Zobel seit 2016 Mitglied der CDU, zog im selben Jahr in den Stadtrat von Bremervörde und wurde Ortsbürgermeisterin von Mehedorf. Sie ist außerdem stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Bremervörde und Beisitzerin im CDU-Kreisvorstand Rotenburg (Wümme). 2024 wurde sie als Direktkandidatin der CDU für den Wahlkreis Stade I – Rotenburg II aufgestellt und gewann die Bundestagswahl 2025 deutlich. Parteiintern ist sie auch im Vorstand der Frauen Union aktiv.
Zobel setzt sich besonders für die Themen Finanzen, Wirtschaft sowie Verteidigung und die Stärkung des ländlichen Raums ein.
**Vanessa Zobel:** Das ist natürlich noch eine schwierige Situation, wo wir schauen müssen, ob wir das Paket, was jetzt rausgekommen ist, noch irgendwie anfassen müssen, um eine Übergangslösung einzuflechten. Die Anlagenbetreiber hätten erst im März bewerben müssen und hätten viel mehr Zeit gehabt, um die Auflagen umzusetzen. Jetzt müssen sie das kurzfristiger schaffen. Damit die Anlagen flexibel Strom liefern können, brauchen sie zusätzliche Gas- und Wärmespeicher und moderne Steuerungstechnik. Dann können sie einspeisen, wenn wir es brauchen: während Dunkelflauten.
***Patrick Pehl:* Funktioniert Biomasse als Grundlastversorgung für energieintensive Industrie?**
**Vanessa Zobel:** Es geht darum, dass wir nicht so viel importieren müssen und uns nicht so abhängig machen von unseren Nachbarstaaten. Alles, was wir nicht importieren müssen, ist ein Gewinn. Und wenn unsere Biogasanlagen, die bereits existent sind, da einen Beitrag leisten können, umso besser.
## Photovoltaik in Konkurrenz
***Patrick Pehl*:* Warum setzen Sie nicht stärker auf Photovoltaik oder mehr Wind statt auf Biomasse?**

Es geht nicht nur um die Nachhaltigkeitstaxonomie von Biomassekraftwerken, sondern auch darum wie eine neue Abgeordnete ihren Wahlkreis repräsentiert. © Max Hartmann 2025
**Vanessa Zobel:** Wir brauchen beides. Photovoltaik und Wind sind super, aber eben nicht flexibel, Biomasse schon. Es heißt Photovoltaik, Wind und Biomasse, nicht oder. Abgesehen davon bin ich noch nicht überzeugt, dass wir diese Freiflächen-Photovoltaik auf landwirtschaftliche Flächen draufpacken sollten. Das ist etwas, wo ich sage, das mag meine persönliche Einstellung sein, aber ich sehe das erstmal zweitrangig. Davor sollten wir die Bebauung auf den Dächern weiter forcieren. Da haben wir so viele Dächer, wo etwas gemacht werden könnte. Beim Windausbau sind wir dabei. Meine beiden Landkreise im Wahlkreis haben beide vier Prozent der Fläche für Windenergie vorgelegt bekommen. Das wird sportlich.
https://patrick-pehl.de/blog/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/
***Patrick Pehl*: Wie bewerten Sie Agri-Photovoltaik – die Kombination von Landwirtschaft und Solarenergie?***
**Vanessa Zobel:** Da bin ich noch nicht überzeugt von Freiflächen-Photovoltaik. Ich finde, da sollten wir viel mehr in Richtung Dachflächen gehen. Es gibt die Pachtgeschichten – man muss es nicht selber machen, wenn man das Geld dafür nicht hat. Aber es gibt die Möglichkeit, die Dachflächen zu vermieten.
***Patrick Pehl*: Welche Rolle sehen Sie für Moornutzung und Paludikulturen in der Energiewende?***
**Vanessa Zobel:** Das ist eine super Alternative beziehungsweise Ergänzung. Moore binden CO2 und tragen so zum Klimaschutz bei. Ein tolles Beispiel aus meiner Region ist „Zukunft Moor“, die haben sich bei uns gegründet, Haus gekauft, Flächen gepachtet. Die haben gerade die ersten Anbauten vor ein paar Wochen eröffnet – ich habe mit angepflanzt. Es war eine freie Entscheidung des Landwirts zu sagen: Ich finde die Idee richtig gut, ich gebe dir meine Fläche über Zeitraum X, versuch dich hier.
***Patrick Pehl*: Sehen Sie Biomasse in Konkurrenz zu anderen erneuerbaren Energien?***
**Vanessa Zobel:** Es erfüllt einen anderen Zweck. Wind und Sonne haben wir schönerweise, wenn wir das haben, aber wir haben es nicht immer, Stichwort Dunkelflaute. Gerade im Winter, wenn die Sonne nicht so viel scheint, brauchen wir viel Wärme. Biomasse hat einen sehr hohen Anteil an Wärme. Das ergänzt sich. Wir reden von Sektorenkopplung, und das, was immer oben drüber steht unter dem Biomassepaket, ist die Flexibilisierung.

Die Ankündigung und die Willensbekundung sind leicht, doch in der Frage der Finanzierung muss Verlässlichkeit und Zuverlässigkeit herrschen. Zobel sucht nach Antworten. © Max Hartmann 2025
## Finanzierung und marktwirtschaftliche Widersprüche
***Patrick Pehl*: Sie sind MIT-Mitglied und fordern mehr Marktwirtschaft – gleichzeitig kämpfen Sie für Milliarden-Subventionen für Biogas. Wie passt das zusammen?***
**Vanessa Zobel:** Es ist heute leider nicht möglich, dass die meisten Anlagen, die sich nicht so weit weiterentwickelt haben, ohne Förderung kalkulieren können. Wenn wir darauf angewiesen sind, um die Importe aus dem Ausland zu minimieren, finde ich das das kleinere Übel. Dann kann ich die heimische Wirtschaft fördern, wo Menschen arbeiten. Wir haben das Problem, dass wir die Gülle irgendwo lassen müssen, dass wir sie nicht alle auf die Felder bringen wollen.
***Patrick Pehl*: Müssten die Betreiber nicht einfach selbst investieren, wenn es sich rechnet?***
**Vanessa Zobel:** Man kann keine Klimawende fordern, aber nicht unterstützen. Bei den Baukosten heute ist es kaum möglich, wenn die nicht mit einer Förderung kalkulieren. Wenn wir die Energie importieren müssen, wollen die Nachbarländer Geld von uns haben. Dann kann ich aber die heimische Wirtschaft fördern, wo Menschen arbeiten, die da sind. Es hat einen Rattenschwanz – das Umweltrecht, das Baurecht.

Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einer Liegenschaft des Bundestages, in der die wissenschaftlichen Dienste und die Parlamentsbibliothek untergebracht sind, lässt auch Zobel nach Antworten suchen. © Max Hartmann 2025
## Kommunale Wärmeplanung und Nahwärme
Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einer Liegenschaft des Bundestages, in der die wissenschaftlichen Dienste und die Parlamentsbibliothek untergebracht sind, lässt auch Zobel nach Antworten suchen.
Im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einer Liegenschaft des Bundestages, in der die wissenschaftlichen Dienste und die Parlamentsbibliothek untergebracht sind, lässt auch Zobel nach Antworten suchen.
***Patrick Pehl:* Wie bewerten Sie die kommunale Wärmeplanung für Biomasseanlagen?*
Vanessa Zobel: Das ist ein Grund, warum wir gesagt haben, wir müssen die Laufzeit von zehn auf zwölf Jahre, vielleicht sogar auf 15 Jahre setzen. Weil die Wärmeplanung länger läuft und die sind gebunden. Wir können nicht sagen, die Biomasseanlage läuft nach der Hälfte der Zeit aus und wir wissen nicht, was danach ist.
***Patrick Pehl:* Funktionieren Nahwärmenetze in Ihrem Wahlkreis?*
Vanessa Zobel: Wenn ich an Mahlstedt denke, da wird das ganze Dorf von der Biogasanlage beheizt. Wir haben Anlagen, die sagen: Wir legen jetzt die Leitung auf eigene Kosten und haben unser Freibad mit dran, die Grundschule und den Kindergarten heizen wir mit. Es ist einfach von der Region für die Region. Es soll nicht urweit transportiert werden.
## Politische Zeitplanung
***Patrick Pehl:* Haben Sie einen konkreten Zeitplan für das Biomassepaket 2.0?*
Vanessa Zobel: Es wäre schön, wenn wir bis zum Ende des Jahres Nägel mit Köpfen haben, dass wir unsere Punkte soweit haben und den Fahrplan, wie wir damit umgehen. Ob das realistisch ist, müssen wir sehen. Wir werden uns jetzt mit den Berichterstattern der SPD in den nächsten Sitzungswochen zusammensetzen. Soweit wir geschaut haben, sind wir mit der SPD auf derselben Schiene mit unseren Punkten.
***Patrick Pehl*:*** *Mit wem arbeiten Sie konkret zusammen?*
**Vanessa Zobel:** Ich bin Berichterstatterin gemeinsam mit Hans Koller von der CSU. Und stellvertretend ist Maria-Lena Weiß dabei. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe und einen kleinen Fahrplan gemacht, welche Punkte uns besonders wichtig sind für 2027 – wie gehen wir mit dem Maisdeckel um, wie mit den allgemeinen Laufzeiten. Nina Scheer, die Berichterstatterin der SPD, habe ich kennengelernt, mit ihr werden wir uns natürlich austauschen.
## Netzanschluss und Stromsteuer-Problematik
***Patrick Pehl:* Die Netzanschlusskosten belasten viele Betreiber – welche konkreten Verbesserungen fordern Sie?*
Vanessa Zobel: Das ist ein Dauerthema. Wir brauchen klare Regeln beim Netzanschluss und müssen schauen, wie wir das kosteneffizienter hinbekommen. Wir haben über 850 Netzbetreiber in Deutschland. Die meisten mit eigenen Prozessen. Heute ist nicht einmal geregelt, ob, wann und wie die Betreiber Rückmeldung geben müssen. Das belastet die Betreiber zusätzlich zu den ohnehin hohen Investitionen. Hier bin ich mit dem BMWE im Austausch. Mir wurde zugesagt, dass wir das nächstes Jahr ändern. Ich bleibe dran!
***Patrick Pehl:* Lars Klingbeil hat gesagt, dass alles über 2 Megawatt Leistung nicht mehr nachhaltig sein soll – was bedeutet das für Biomasseanlagen?*
Vanessa Zobel: Das wäre inakzeptabel, das würde bedeuten, dass das Grüne Label entfällt. Das würde die Anlagen steuerlich mit Gas- und Kohlekraftwerken gleichstellen. Ein energiepolitischer Irrweg. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir diesen Fehler im parlamentarischen Verfahren einfangen. Biomasse gehört zu den erneuerbaren, ob über oder unter 2 Megawatt.
## Kommunale Finanzierung und Bürokratie

Der Kampf gegen Bürokratie wird meist mit Papier assoziiert, auch auf dem Schreibtisch einer Bundestagsabgeordneten ist das Papier nicht weit weg. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl*:*** *Sie fordern „wenn der Bund Leistungen fordert, muss er sie auch bezahlen“ – auf welche Bereiche bezieht sich das konkret?*
**Vanessa Zobel:** Das ist ein Grundsatz, den ich aus der Kommunalpolitik kenne. Als Ortsbürgermeisterin sehe ich, wie viele Aufgaben vom Bund mandatiert werden, aber die Finanzierung bleibt bei den Gemeinden hängen. Das betrifft Infrastruktur, soziale Aufgaben, die Energiewende vor Ort.
***Patrick Pehl*:*** *Sie fordern Bürokratieabbau – wo hakt es konkret bei Energieprojekten?*
https://patrick-pehl.de/blog/buerokratie-nationaler-normenkontrollrat-dorothea-stoerr-ritter/
**Vanessa Zobel:** Ein wahnsinniges Problem ist immer das Baurecht. Man hat zwar die ganze Zeit Ideen, wie man die Wärmewende hinkriegt, wie man Grundlastfähigkeit hinbekommt, aber am Ende hängt es an den ganz praktischen Sachen. Ich kriege keine Baugenehmigungen, ich kriege keine Anschlussgenehmigungen. Da finde ich es wichtig – ich habe das Vertrauen in unsere Rathäuser und Kreishäuser vor Ort. Die kennen meine Straße, die müssen sich das nicht über Google Maps angucken.
***Patrick Pehl*:*** *Wie soll Vereinfachung konkret aussehen?*
Vanessa Zobel: Ich lege große Stücke auf unsere Bauministerin – SPD übrigens. Weil sie das für den normalen Wohnbau und Häuserbau genauso vorhat. Das wird alles bei unseren Landkreisen entschieden und genau da setzt jetzt der Bauturbo an. Wenn da die Erleichterung in den Bausektor geht und [Bürokratie wegfällt, kann man das weiterführen](https://patrick-pehl.de/buerokratie-nationaler-normenkontrollrat-dorothea-stoerr-ritter/). Wir müssen erst mal anfangen etwas zu machen.

Der Kampf gegen Bürokratie wird meist mit Papier assoziiert, auch auf dem Schreibtisch einer Bundestagsabgeordneten ist das Papier nicht weit weg. © Max Hartmann 2025
## Regionale Wertschöpfung
***Patrick Pehl*:*** *Was bedeuten Biogasanlagen für die Kommunen?*
**Vanessa Zobel:** Unsere Biogasbetreiber sind mit die größten Steuerzahler in manchen Gemeinden. Das darf man gar nicht unterschätzen. Davon werden unsere Kitas gebaut und unsere Spielplätze saniert. Und was wir sonst in der Gemeinde noch für Probleme haben. Unabhängig davon will ich die Energiewende und bin klar der festen Überzeugung, dass wir das nur schaffen, indem wir den Bestand, den wir haben, dafür nutzen und den nicht abreißen. Weil das auf jeden Fall klimaschädlich ist – der Beton ist einmal gegossen.
***Patrick Pehl*:*** *Welche Rolle spielt Biomasse für die Landwirtschaft?*
**Vanessa Zobel:** Für unsere Landwirte ist es eine gute Ergänzung. Die Höfe werden in den nächsten Jahren eher weniger als mehr. Und wenn der eine oder andere sich durch seine Biogasanlage seine bevorstehende Rente aufbessern kann, sei ihm das gegönnt.
## RED III und Bioenergie
***Patrick Pehl:* Wie bewerten Sie die Treibhausgasminderungsvorgaben von 80 Prozent ab 2026 für Biogasanlagen – sollte die Bundesregierung den möglichen Bestandsschutz bis 2030 voll ausschöpfen, um Landwirten Planungssicherheit zu geben?*
**Vanessa Zobel:** Das grundsätzliche Ziel ist richtig, Klimaschutz braucht ambitionierte Vorgaben, im Bereich Biomasse. Realismus und Umsetzbarkeit müssen in der Gleichung aber vorkommen. 80 Prozent ab 2026 ist für viele Bestandsanlagen nicht einfach. Bis 2030 sollten wir den Bestandsschutz voll ausschöpfen, um möglichst faire Übergangsfristen und Planungssicherheit zu gewährleisten. Wir brauchen Biomasse, um Versorgungssicherheit und Klimaschutz gemeinsam zu erreichen.

Vanessa Zobel hat ein weites Aufgabenfeld. Auch Detailfragen möchte sie beantworten können. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl*:*** *RED III bringt komplexe Bilanzierungs- und Dokumentationspflichten für landwirtschaftliche Biogasanlagen. Wie kann die Balance zwischen Nachhaltigkeitsanforderungen und dem von Ihnen geforderten Bürokratieabbau aussehen?*
**Vanessa Zobel:** Ja, wir brauchen Transparenz und klare Nachhaltigkeitsstandards, aber wir brauchen praxistaugliche Lösungen. Das heißt: weniger Doppelmeldungen, digitale Vereinfachungen und einheitliche Nachweiswege. Unsere Landwirte sollen ihre Zeit nicht mit Formularen verbringen müssen. Aus der Branche höre ich, dass mit RED III wieder ein Bürokratieungetüm zusammengekleistert wurde. In meinen Reden lehne ich das regelmäßig ab. Jetzt bin ich live dabei wie eins entsteht. Es ist zum Mäuse melken. Ich bin da eng mit Stefan Rouenhoff in Kontakt, der kennt Brüssel in- und auswendig und stemmt sich gegen diese Übertreibungen.

Ein weiterer Termin wartet, die junge Abgeordnete will viel Präsenz zeigen. Aus dem Wahlkreis kennt sie es, als Politiker muss man sichtbar sein und für die Fachwelt einschätzbar werden. © Max Hartmann 2025
*Das Interview führte ich im [September 2025 als *Hauptstadtkorrespondent* und *verantwortlicher Redakteur für das Politik-Ressort*](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraech-mit-vanessa-zobel-ich-arbeite-an-politischen-garantien-153494?ref=patrick-pehl.de) der dfv Mediengruppe in Berlin. Es galt das gesprochene Wort.*
### Esra Limbacher: „Wirtschaft nicht stiefmütterlich behandeln“
URL: https://patrick-pehl.de/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
**Der 36-jährige Jurist Esra Limbacher ist seit diesem Jahr stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD und zuständig für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz. Als neuer Sprecher des einflussreichen Seeheimer Kreises prägt er maßgeblich die agrarpolitische Linie der Sozialdemokraten mit. Im Interview erklärt er, warum Ernährungssicherheit zur Resilienz gehört und wie er die Landwirtschaft vor Bürokratie schützen will.**
Er ist noch neu in seinen Arbeitsräumen, die wie ein langer Schlauch im Jakob-Kaiser-Haus angeordnet sind. Die Wände sind noch provisorisch mit Werken geschmückt, die vorgesehene Kunst aus den Beständen des Bundestages wurde erst gestern ausgewählt und braucht noch einige Wochen, bis die Bilder an der Wand hängen. Stattdessen zieren alte Plakate aus den Hochzeiten der Sozialdemokratie in der alten Bundesrepublik den Raum: Ein rauchender Willy Brandt mit Mandoline, Helmut Schmidt ohne Zigarette und ein Trikot aus der Heimat. Ein zackiges SPD-Logo wiederderholt sich auf einem Kissen, hinter einer Zimmerpflanze und auf einem hölzernen Klappstuhl. Limbacher [nimmt seine Rolle mit Ernst](https://www.politik-kommunikation.de/personalwechsel/limbacher-ist-neuer-sprecher-des-seeheimer-kreises/?ref=patrick-pehl.de) wahr und ist eingearbeitet, hat seinen jungen Fachreferenten dabei und weiß auf jede Frage eine politische Antwort – er will den Landwirten, den Umweltbesorgten und der Wirtschaft Antworten geben.

Esra Limbacher kommt direkt von einer namentlichen Abstimmung im Reichstag, es ging um den laufenden Etat des Kanzleramtes. Die Begrüßung ist freundlich. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Herr Limbacher, wie sind Sie zur Landwirtschaft gekommen und warum sind Sie plötzlich in dieses Ressort gewechselt?*
**Esra Limbacher (SPD):** Als stellvertretender Fraktionsvorsitzender von meiner Fraktion gewählt zu werden, ist für mich eine große Ehre. Und ich will gleich zu Beginn sagen: Dieses stiefmütterliche Behandeln des Themas Landwirtschaft mache ich mir bewusst nicht zu eigen, sondern ich halte das für ganz essenziell. Wir sprechen derzeit in der Politik viel über Resilienz, über äußere und innere Sicherheit, aber ich glaube, es wird viel zu wenig darüber gesprochen, was auch ein wirklich wichtiger Punkt in dieser Debatte ist - nämlich das Thema Ernährungssicherheit. Das gehört auch zur Resilienz dazu. Wenn man das Thema Ernährungssicherheit ernst nimmt, dann muss man die Landwirtschaft, die Landwirtinnen und Landwirte in diesem Land ernst nehmen und nicht immer nebenbei politisch behandeln, sondern sie aktiv politisch unterstützen. #MT150640#
***Patrick Pehl:* Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit mit Ihrer Kollegin und agrarpolitischen Sprecherin Franziska Kersten?*
Sehr, sehr gut. Ich schätze die [Franziska Kersten](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-spd-verhandlungsfuehrerin-franziska-kersten-im-gespraech-150640?ref=patrick-pehl.de) sehr, weil sie eine hohe fachliche Expertise auch aufgrund ihrer beruflichen Vergangenheit mitbringt, und das kann nur bereichernd sein, so jemanden in der eigenen Fraktion zu haben.
https://patrick-pehl.de/blog/machtpolitik-in-der-spd-esra-limbacher-ist-sprecher-seeheimer-kreis/
***Patrick Pehl:* Die GAP-Förderung wird ein großes Problemfeld. Wird aus Ihrer Sicht das Agrarressort so ein großes Ressort wie das Wirtschaftsministerium?* *Das würde ja bestätigen, dass unsere Landwirtschaft die Wirtschaft ist, die auf dem Land stattfindet.*
Es hat auf jeden Fall eine enorme Bedeutung, das Ministerium. Und ich finde, dass es politisch immer wieder klein geredet wird. Das ist zumindest nicht meine Vorgehensweise. Es ist auch kein reines Ökologie-Ministerium, sondern es geht um eine wirtschaftliche Wertschöpfung, die dort stattfindet - nämlich in der Landwirtschaft, die breit aufgestellt ist. Und sie ist, wie der Name schon sagt, ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig unseres Landes. Ich bin ehrlich gesagt nicht bereit, politisch davon abzurücken, dass wir Landwirtschaft nur noch in kleinem Maße irgendwo betreiben. Sondern wir brauchen das, um die Ernährungssicherheit sicherzustellen.
***Patrick Pehl:* Zur GAP-Förderung: Soll das Budget erhalten bleiben oder sind Sie damit zufrieden, wenn einfach das Volumen bleibt, aber alles mit der Umwelt zusammengelegt wird?*
Wenn Sie es ansprechen, die [GAP-Förderung](https://patrick-pehl.de/dirk-wiese-wir-muessen-die-gap-im-eu-budget-verteidigen/) ist ein extrem wichtiges Thema für viele Betriebe. Ich halte das für einen falschen Weg, den die Europäische Union einschlägt, das Budget kürzen zu wollen. Deutschland muss sich dafür einsetzen, dass das Budget mindestens so erhalten bleibt. Das ist nicht nur für die großen Betriebe enorm wichtig, sondern auch für die vielen mittelständischen Betriebe - kleinere Höfe, die genau das auch brauchen.
Nein, ich will nicht, dass alles mit der Umwelt zusammengelegt wird. Es gibt ja diese zwei Säulen, von denen wir sprechen. Ich glaube, es muss immer auch eine Möglichkeit geben, bürokratiearm diese Zahlungen zu erhalten. Das ist insbesondere für kleine und mittelständische Betriebe von hoher Relevanz, die sich nicht um den dritten Anhang des Formulars kümmern können, um Nachweise zu liefern und immer mehr zu liefern.

Esra Limbacher kommt direkt von einer namentlichen Abstimmung im Reichstag, es ging um den laufenden Etat des Kanzleramtes. Die Begrüßung ist freundlich. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Wie wollen Sie den Bürokratieabbau konkret umsetzen? Herr Minister Alois Reiner (CSU) sagt immer, dass der größte Acker nicht der Schreibtisch sein dürfe.*
Ich glaube, wir müssen mit einem neuen Ansatz starten, nämlich den Landwirtinnen und Landwirten von Anfang an mehr Vertrauen entgegenbringen. Das ist ein genereller Ansatz, auf den sich diese Bundesregierung und diese Koalition im Koalitionsvertrag geeinigt hat. Wir wollen einen Mentalitätswechsel herbeiführen in diesem Land, indem wir den Unternehmerinnen und Unternehmern - und dazu zählen die Landwirte - von Anfang an ein Vertrauen entgegenbringen. Gleichzeitig sagen wir natürlich: Wenn dieses Vertrauen missbraucht wird, kann es Strafen geben, das wird überprüft. Aber wir setzen die Voraussetzungen und Berichts- und Nachweispflichten nicht so hoch am Anfang, dass sie nur schwerlich zu erfüllen sind. Am Anfang muss immer das Vertrauen gegenüber dem Unternehmer stehen.

Stürmische Zeiten für die SPD, doch Seeheimer Esra Limbacher will es zusammen mit seinen Kollegen und dem Koalitionspartner angehen. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Eine provokante Frage, Herr Limbacher, die meisten landwirtschaftlichen Familienunternehmer kriegen sechzig Prozent ihres Einkommens aus Subventionen. Das bedeutet, eigentlich sind das Premium-Sozialhilfeempfänger. Warum wird denen nicht mehr auf die Finger geguckt?*
Ich würde das überhaupt nie so bezeichnen, weil die Landwirtinnen und Landwirte insbesondere in den kleinen Betrieben eine enorm wichtige gesellschaftliche Rolle übernehmen. Zum einen gehört es zu unserer Kultur dazu, dass solche Betriebe in unserem Land noch existieren. Zum anderen stellen sie eine gewisse Ernährungssicherheit in unserem Land dar. Ich kann mich noch gut an die Corona-Zeiten erinnern, als auf einmal alle Lieferketten gestört wurden. Es war genau die Zeit, wo diese kleinen Höfe allesamt einen enormen Ansturm aus der Bevölkerung hatten - ob sie nicht doch irgendwie Milch, Eier oder Käse und Wurst zum Verkaufen hätten. Da gingen die Zahlen auf einmal ganz nach oben, weil man gemerkt hat, wie wichtig es ist, dass so etwas vor Ort noch produziert wird.
***Patrick Pehl:* Wie passt das mit dem Mercosur-Abkommen zusammen? Da ist die Regierung Merz richtig hinterher. Man will weitere Handelsabkommen mit China.*
Deutschland ist ein Exportland. Deswegen wird das niemanden überraschen, dass auch diese Bundesregierung alles dafür getan hat, dass der Freihandel mit Partnern, denen wir vertrauen auf der Welt, weiter ausgebaut wird. Das halte ich auch für sehr notwendig mit Blick auf die geopolitischen Spannungen, die weltweit existieren. Wir beobachten, dass sich die USA immer weiter von uns abwendet. Wir beobachten, dass auch China die Märkte dicht macht. Es ist deswegen zwingend notwendig, dass wir uns im Wege von freien Handelsabkommen neue Partner auf der Welt suchen. Da zählt unter anderem das Mercosur-Abkommen dazu, aber noch viele andere. Zum Beispiel halte ich auch die Gespräche mit Indien für sehr wertvoll.
***Patrick Pehl:* Sie haben gesagt „Partner, denen wir vertrauen”. Sie haben aber auch ausgeschlossen, dass die USA und China vertrauensvoll sind. Auf der einen Seite sagen Sie Brasilien nicht, aber Mercosur schon. Da sind ein paar Widersprüche.*
Nein, ich habe nicht davon gesprochen, welchen Partnern ich vertraue, sondern wer uns vertraut. Da müssen wir leider beobachten, dass einer unserer wichtigsten Handelspartner, nämlich die USA, im Wege von Zöllen, im Wege von anderen Maßnahmen sich immer weiter von unserem Wirtschaftsstandort abkapseln will. Wir müssen beobachten, dass unser wichtigster Handelspartner, nämlich die Volksrepublik China, sich immer weiter von uns wirtschaftlich entfernen will, immer mehr im eigenen Land machen will und nicht mehr von uns exportieren will. Das ist nichts, was ich will. Das ist eine Beschreibung der Realität, die momentan weltweit passiert.

Die Holzklappstühle sind typisch für Veranstaltungen der Seeheimer. In Berlin sind die ikonischen Objekte bekannt – vielleicht schon seit den 70ern. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Welche Konsequenzen müssen daraus abgeleitet werden, Herr Limbacher?*
Zum einen Freihandel ausbauen, zum anderen voll auf den Markt innerhalb der Europäischen Union setzen. Dort haben wir die größten Wachstumspotentiale überhaupt, und die sind noch überhaupt nicht geborgen. Das müssen wir in der Zukunft angehen. Wir dürfen nicht aufhören, die Landwirtschaft in der Europäischen Union zu unterstützen. Das wäre der größte Fehler, weil das wirklich bedeuten würde, dass die günstigsten landwirtschaftlichen Produkte aus dem außereuropäischen Ausland kommen würden, und das kann nicht in unserem Interesse sein.
***Patrick Pehl:* Zur Industriepolitik: Die BASF stellt Düngemittel her. Das ist ein riesiges Problem, weil wir die Grundstoffe dafür nicht haben. Wie wollen Sie das auffangen?*

Die Seeheimer wollen die Helden für die Angestellten in Deutschland sein. © Max Hartmann 2025
Ich war vor zwei Wochen bei BASF in Ludwigshafen und habe genau darüber mit dem CEO und dem Bundesumweltminister sprechen dürfen. Ich bin sehr froh, dass sich das Unternehmen zu dem Standort Deutschland klar bekennt, aber auch in aller Ehrlichkeit sagt, dass zu viele Regulierungen natürlich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie auch zerstören können. Große Teile und auch BASF sind nicht gegen Regulierung und nicht gegen Dekarbonisierung, sondern für eine smarte Regulierung.
***Patrick Pehl:* Skizzieren Sie mal diese smarte Regulierung.*
Wir haben große Schritte europaweit vereinbart im Bereich ETS eins und zwei, also diese CO2-Bepreisung, die schon existiert oder für andere Bereiche noch kommen wird. Da müssen wir feststellen, dass wir genau hinschauen müssen, ob das den Verbraucher und die Industrie gleichermaßen überfordert oder ob wir auf dem richtigen Weg unterwegs sind. Im Einzelfall lohnt es sich, nochmal eine Korrektur vorzunehmen. Ich halte es für klug nachzudenken, inwiefern wir genau solche Grundstoffindustrie wie BASF stärker unterstützen können, damit sie hier bleibt. Da zählt unter anderem auch dazu, dass wir CCS, also die Speicherung von CO2, ermöglichen in Deutschland. Gerade für so große Betriebe wie BASF ist das eine gute Möglichkeit, um mit den CO2-Werten nach unten zu kommen.
## „Wir sind die fortschrittliche Volkspartei der Mitte”
***Patrick Pehl:* Mich interessiert Ihre neue Position als Seeheimer-Chef. Wie wollen Sie dieses Amt gestalten und wo sind die größten Herausforderungen?*
Der Seeheimer Kreis tritt für eine SPD ein, die eine fortschrittliche Volkspartei der Mitte sein will. Das heißt, wir haben einen sehr pragmatischen Kurs, der jetzt aber gerade in schwierigen Zeiten vor allen Dingen auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit denen setzt, die dieses Land voranbringen wollen. Deswegen will ich auch ganz klar sagen: Wir haben den Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU unterschrieben, und es ist mein fester Wille, dass wir gemeinsam hier etwas bewegen können.

Das typische Seeheimer Logo mit der zackigen Linienschrift ist oft im Büro zu sehen – und steht für Pragmatismus. © Max Hartmann 2025
Es ist in unserem Interesse, dass wir nicht das Trennende in der Koalition hervorheben, was es sicherlich gibt, sondern die Gemeinsamkeiten - und da gibt es sehr, sehr viel. Das haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart. Der Start war etwas holprig, will ich zugeben, aber jetzt ist es unsere Verantwortung, das nicht so weiterzumachen, sondern die Gemeinsamkeiten nach vorne stellen, um das Land voranzubringen.
***Patrick Pehl:* Ihr Seeheimer-Chef-Vorgänger Dirk Wiese hat sich beim Deutschen Raiffeisenverband zu Ausnahmen beim Mindestlohn in der Landwirtschaft geäußert. Wie ist Ihre Position?*
Wir haben klare Vereinbarungen im Koalitionsvertrag getroffen, und an die will ich mich auch halten. Ich halte nichts davon, dass wir eine Zweiklassen-Kultur im Mindestlohn-Bereich einführen. Das ist nicht unser Ziel, auf keinen Fall das Ziel der Sozialdemokratie.
Trotzdem lebt diese Politik in dieser Koalition von Kompromissen, und der Koalitionsvertrag ist so ein Kompromiss. Jede Partei hat ihre eigene Haltung zu bestimmten Themen, und es ist auch richtig und erforderlich, dass wir die Unterschiede immer wieder darstellen. Aber in so einer schwierigen Situation, wie wir uns jetzt momentan in Deutschland befinden, vor allem wirtschaftlich, können wir es nicht zulassen, dass wir nur über trennende Punkte diskutieren.
***Patrick Pehl:* Um es kurz mit der Realität abzugleichen – glauben Sie, dass den Job als Erntehelfer noch ein Deutscher machen will, wenn da immer mehr an der Preisschraube gedreht wird?*
Die Realität ist doch, dass es heute kaum ein Deutscher macht. Ich kann Ihnen sagen, es werden zumindest nicht mehr Deutsche sich finden, wenn der Lohn noch weiter nach unten geht. Das ist nur logisch.
Der Mindestlohn ist, wie der Name sagt, eine Untergrenze und nicht mehr und auch nicht weniger. Der Markt wird das regeln. Es ist ganz einfach, auch in der freien Marktwirtschaft: Wenn weniger zur Verfügung stehen, die diese Arbeit machen wollen, dann steigen automatisch die Löhne. Es ist schon heute so, dass in vielen Betrieben über Mindestlohn bezahlt wird. Deswegen ist das nicht das entscheidende Thema, weil einfach sich zu wenige finden und dadurch die Löhne steigen. Dadurch verbessern sich die Bedingungen für Mitarbeitende, und das ist eine Konsequenz daraus, dass der Markt das entsprechend geregelt hat.
## Verkarsteter Haushalt und Sozialetat des BMLEH
**Patrick Pehl:* Das Landwirtschaftsministerium hat einen sehr großen Anteil von landwirtschaftlicher Sozialpolitik – sechzig bis siebzig Prozent sind geblockt für Sozialausgaben. Wie wollen Sie dem Ministerium mehr Luft zum Atmen geben, wenn gleichzeitig gespart werden muss?*
https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-gestaltungsfaehigkeit-braucht-reformen-114259
https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/versteinerung-des-haushalts-gestaltungsfaehigkeit-braucht-reformen-114259
Das ist eine historische Entscheidung, die getroffen wurde, indem man gesagt hat, man will genau das aus dem Sozialsystem ausgliedern, um die Betroffenen in der Landwirtschaft auch entsprechend abzusichern. Das halte ich auch für richtig, und daran sollte sich jetzt auch nichts ändern.
Es geht darum, was ich eingangs erwähnt habe: Es geht einfach darum, die Bedeutung der Landwirtschaft wieder in der Gesellschaft, aber auch in der Politik, hier im Bundestag nach vorne zu stellen. Momentan ist das nicht gegeben. Wir sprechen viel zu wenig darüber, was für eine enorme Bedeutung die Landwirtschaft insbesondere bei Fragen der Ernährungssicherheit in unserem Land spielt, und vergessen zu schnell, dass wir sehr schnell angewiesen sein können darauf, dass es hier auch solche Produktionen noch in Zukunft geben kann.

Auf dem Weg zum nächsten Termin. Ob es für die SPD aufwärts geht, bringen die Entscheidungen der Genossen. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Die Verkarstung des Haushalts bedeutet ja, dass immer weniger Spielraum da ist. Wie wollen Sie das verhindern?*
Das ist ein strukturelles Problem. Wenn heute entschieden wird, weniger oder nicht mehr auszubilden - wie beispielsweise bei Festo - darf sich in den nächsten Jahren keiner über den andauernden Fachkräftemangel wundern. Wir müssen die strukturellen Probleme angehen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Landwirtschaft den Stellenwert bekommt, der ihr zusteht.
***Patrick Pehl:* Wie geht es weiter mit der SPD und der Machtprojektion, um gestalten zu können?*
Ich möchte ein Thema ansprechen, was ich auch gestern in meiner Rede erwähnt habe: Wie gehen wir eigentlich damit um, dass in Deutschland so extrem viele Lebensmittel weggeworfen werden? Es gibt eine unglaubliche Anzahl an Lebensmitteln, die hergestellt wurden, geerntet wurden, verkauft werden sollten oder verkauft wurden, die am Ende im Müll landen. Wir haben das mal ausgerechnet: Mit der Menge, die im Jahr weggeworfen wird in Deutschland, könnten wir das Olympiastadion in Berlin rund fünfzig Mal füllen.

Manchmal ist ein Politiker eingesperrt hinter gläsernen Entscheidungswänden. Sie sind transparent, aber trotzdem nicht zu durchdringen. © Max Hartmann 2025
Ohne mit neuen Vorgaben einzugreifen, könnte man, glaube ich, schon zumindest für langhaltbare Lebensmittel eine Lösung finden, indem wir diese Mindesthaltbarkeitsvoraussetzungen gewissermaßen abschaffen - dass wir Anhaltspunkte liefern auf den Verpackungen, wie lang zum Beispiel Honig, wie lang Reis wirklich haltbar ist. Aber nicht ein fixes Datum, und danach wird das einfach entsorgt und weggeschmissen. Da sollten wir ran. Das haben schon andere Landwirtschaftsminister gefordert, und ich finde, das sollten wir uns zu eigen machen.
Das kostet nichts, und es gibt keinen, dem man damit schadet. Ich finde schon, dass es ein erstrebenswertes Ziel ist, dass solche Güter wie Lebensmittel nicht im großen Stil entsorgt und weggeschmissen werden, obwohl sie eigentlich noch verwendbar sind.
*Das Interview führte ich für die [dfv Mediengruppe am 19\. September 2025](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-agrarwirtschaft-darf-nicht-stiefmuetterlich-behandelt-werden-153373?ref=patrick-pehl.de) in Berlin.*
### Materielle Teilhabe als Voraussetzung für Verteidigungsbereitschaft
URL: https://patrick-pehl.de/materielle-teilhabe-als-voraussetzung-fuer-verteidigungsbereitschaft-bundeswehr/
Last updated: 2026-06-22T18:26:26.000Z
**Im beginnenden Sommer dieses Jahres kam ich an der Julius-Leber-Kaserne in Berlin an, einer militärischen Liegenschaft am ehemaligen Flughafen Tegel gelegen und Sitz von mehr als 130 Dienststellen der Bundeswehr. Auch das Bundesministerium der Verteidigung hat dort einen Ausweichsitz, sowie auch zahlreiche Stäbe dort hinter einer Mauer und historischen Gebäuden sind. Ich war dort, um mir erklären zu lassen, worum es so bei der zivil-militärischen Verteidigung ankommt.**
An der Pforte wurde ich bereits von der militärischen Wache empfangen – die Fotos, die der mitgenommene Fotograf gemacht hat, erregten Aufmerksamkeit. Eine blaue Linie am Eingang stellt offenbar eine Markierung dar, wo der militärische Sicherheitsbereich – und somit der Gebrauch der scharfen militärischen Schusswaffe – beginnt. Die Einfahrt ist geschäftig und grün uniformierte Soldaten der Feldjägertruppe mit Wacharmbinde prüfen die einfahrenden Zivilfahrzeuge. Das ist grundsätzlich ja auch gut, denn wir diskutieren ja immer wieder über die Verfügbarkeit von Daten im Spannungsfeld zwischen der Verfügbarkeit öffentlicher Daten und der obskuren Abschreckung durch Verschleiern, Tarnen und Täuschen.
Die Einfahrt ist geschäftig und grün uniformierte Soldaten der Feldjägertruppe mit Wacharmbinde prüfen die einfahrenden Zivilfahrzeuge. Das ist grundsätzlich ja auch gut, denn wir diskutieren ja immer wieder über die Verfügbarkeit von Daten im Spannungsfeld zwischen der Verfügbarkeit öffentlicher Daten und der obskuren Abschreckung durch Verschleiern, tarnen und täuschen.

Das Corpus Delicti: Ein Schnappschuss an einem Sommertag vor der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. © Max Hartmann 2025
800.000 NATO-Soldaten sollen durch unser Land geschleust werden, wenn es hart auf hart kommt. Die Landwirtschaft wird zur *kritischen Infrastruktur* erklärt. Cybersicherheit für GPS-gesteuerte Mähdrescher. Resiliente Lieferketten für Diesel und Saatgut, sowie die [viel beschworene digitale Souveränität in Deutschland](https://patrick-pehl.de/digitale-souveraenitaet-externe-beratung-interne-schwaeche/).
Ich saß dort im Vortragssaal und dachte: Was genau verteidigen wir hier eigentlich? Diese Frage ließ mich nicht mehr los, auch Wochen später nicht. Nicht etwa, weil ich grundsätzlich militärfeindlich wäre – ich habe [meinen Wehrdienst geleistet](https://patrick-pehl.de/warum-melden-sich-junge-m-nner-sich-freiwillig-f-r-den-kriegsdienst/), sogar über die Pflichtzeit hinaus, und bot mich einst dem Heimatschutz als Reservist an. Das System Bundeswehr kenne ich von innen, seine Logik ist mir nicht fremd.
Aber die Selbstverständlichkeit, mit der heute wieder über Verteidigung geredet wird, irritiert mich. Als ob klar wäre, was da verteidigt werden soll.
Der [Operationsplan Deutschland ist als Solcher geheim](https://www.bundeswehr.de/de/selbstverstaendnis/geschichte-bundeswehr/territoriales-fuehrungskommando-der-bundeswehr/operationsplan-deutschland-5703688?ref=patrick-pehl.de#:~:text=Seit%20Anfang%20M%C3%A4rz%202023%20wird%20im%20TerrF%C3%BCKdoBw%20der,Bundeswehr%20arbeiten%20hier%20in%20einer%20gemeinsamen%20Planungsgruppe%20zusammen.), soviel wurde deutlich gemacht. Aber seine Grundzüge sind simpel: Deutschland wird zur logistischen Drehscheibe für NATO-Truppen, die an die Ostflanke verlegt werden müssen. Das Land verwandelt sich in einen riesigen militärischen Transitraum. Autobahnen werden zu Nachschubwegen, Rastplätze zu Convoy-Support-Centern, Landwirtschaftsbetriebe zu schützenswerten Versorgungsanlagen. Die Zivilgesellschaft soll sich darauf einstellen, dass nichts mehr so bleibt wie es war.
Während über hybride Bedrohungen und resiliente Strukturen gesprochen wurde, wanderte mein Blick durch den Saal. Wer waren diese Menschen, die sich hier über Verteidigung informieren ließen? Vertreter von Verbänden, Kommunalpolitiker, ein paar Journalisten. Leute wie ich, die sich fragten, was das alles mit ihnen zu tun hat. Und je länger ich zuhörte, desto klarer wurde mir: Diese Frage nach dem *Was* der Verteidigung wird gar nicht gestellt. Es wird über das *Wie* geredet, über Kapazitäten und Verfahren, über Strukturen und Prozesse.
Aber das fundamentale *Warum* bleibt ausgespart.
## Trotzige Verweigerung als Symptom
Ole Nymoen hat diese Frage gestellt – auf seine Art. Der [27-jährige Autor saß bei Markus Lanz und verkündete trotzig](https://www.youtube.com/watch?v=TFImKK4VDus&ref=patrick-pehl.de): „Ich bin lieber besetzt als tot.“ Deutschland verteidigen? Nicht mit ihm. Die NATO unterstützen? Auch nicht. Seine Begründung war so radikal wie oberflächlich: „Mir ist der Staat nicht mein Leben wert.“
[Digitale Souveränität: Was von der Berateraffäre bleibt | Kultur, Digitaltechnik & Journalist aus BerlinWenn strategisches Wissen nur bei McKinsey und Accenture liegt: Warum die Berateraffäre im Verteidigungsministerium ein Menetekel für die staatliche Handlungsfähigkeit ist.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/digitale-souveraenitaet-externe-beratung-interne-schwaeche/)
Die [Reaktionen waren vorhersagbar empört](https://www.telepolis.de/features/Lieber-besetzt-als-tot-Linker-Blogger-schockiert-bei-Markus-Lanz-10499432.html?ref=patrick-pehl.de). Andere Gäste warfen ihm Trittbrettfahrertum vor, sprachen von europäischer Solidarität und demokratischen Werten. Sie malten Schreckensszenarien russischer Besatzung an die Wand und erinnerten an die tapferen Ukrainer, die ihr Land verteidigen. Aber Nymoen blieb stur bei seinem *Nein*. Ein *Nein* ohne weitere Begründung, ein trotziges *Nein* wie von einem bockenden Kind, das keine Lust auf etwas hat, was die Erwachsenen von ihm verlangen.
Das Problem mit Nymoens Position ist nicht ihr Pazifismus – das Problem ist ihre intellektuelle Dürftigkeit. Er verweigert sich, ohne zu erklären warum. Er lehnt ab, ohne zu analysieren was er wirklich ablehnt. Ole [Nymoen scheint einfach reaktionär auf einem Zufallserfolg eines Zeitungsartikels](https://www.zeit.de/2024/32/wehrpflicht-deutschland-kaempfen-junge-menschen-bundeswehr?ref=patrick-pehl.de) aufzubauen. Seine Kriegsdienstverweigerung bleibt pure Negation, ohne jeden konstruktiven Gehalt. Bei Lanz sagte er ja selbst, dass es zunächst ein Beitrag für die Wochenzeitung DIE ZEIT war und dann aus diesem Artikel ein Buch gemacht wurde – das merkt man auch. Seine Empörungsökonomie trägt eben nicht weit. Schnell wird es einfach bloßer Trotz.
Dabei liegt in seinem instinktiven *Nein* durchaus eine berechtigte Intuition. Nur kommt er nicht zu ihrem Kern vor.
Denn Nymoens Generation – und ich schließe mich da durchaus ein – hat ein Problem:[ Sie besitzt nichts, was es zu verteidigen lohnen würde](https://patrickpehl.substack.com/p/linkspartei-tanzt-auf-broselndem?ref=patrick-pehl.de). Keine Häuser mit Rosenbüschen im Vorgarten, keine Äcker mit jahrhundertealtem Familienbesitz, keine Betriebe mit Generationen von Tradition. Was sie haben, ist beweglich: ein Laptop, ein paar Möbel, Daten in der Cloud. Alles packt sich in einen Transporter und ist binnen Stunden wo anders.
Warum sollte man für so etwas sein Leben riskieren?
## Materielle Basis der Verteidigungsbereitschaft
Stellen wir uns vor, wie Verteidigung früher funktionierte – nicht in romantischer Verklärung, sondern als nüchterne Interessenabwägung. Da war ein Junker mit seinem Gut. Acker, Wald, Wirtschaftsgebäude, eine jahrhundertealte Familiengeschichte, die sich in Steinen und Grund manifestierte. Wenn Feinde kamen, stand für ihn alles auf dem Spiel: seine wirtschaftliche Existenz, sein gesellschaftlicher Status, die Zukunft seiner Nachkommen. Natürlich verteidigte er das mit allen Mitteln.

Oberst i. G. Schaus vor den alten Garagen in der Julius-Leber-Kaserne, im Hintergrund ein altes taktisches Zeichen einer Feldjägereinheit. © Max Hartmann 2025
Seine Knechte und Pächter kalkulierten anders, aber nicht weniger rational. Sie lebten auf seinem Land, kannten jeden Winkel, jeden Pfad. Ihre Familien wohnten in den Dörfern ringsum, ihre kleinen Gärten und Werkstätten, ihre sozialen Bindungen – alles hing an diesem Ort. Weglaufen bedeutete, alles zu verlieren und anderswo bei null anzufangen. Also kämpften sie mit, nicht aus Patriotismus, sondern aus materieller Notwendigkeit. Der Junker bot ihnen Schutz und Arbeit, sie boten ihm ihre Arbeitskraft und im Ernstfall ihr Leben.
Ein Deal auf Gegenseitigkeit, brutal, aber verständlich.
Der würde dann quasi als Bandenchef dafür sorgen, dass seine Mitstreiter und Knechte das Gut verteidigen, sich an den Ausfallstraßen aufstellen und den Weinberg, das Dorf oder die Gelasse verteidigen. Die Knechte würden dann in eine Art Söldnerstatus gehen und im Auftrage des Junkers dessen Hab und Gut mit ihrem kostbaren Leben verteidigen.
Heute ist das anders. Ich selbst besitze keinen Quadratmeter deutschen Bodens. Keine Produktionsanlage, kein Geschäft, kein Familienerbe, das mich territorial bindet. Meine *Güter* sind immateriell oder transportabel. Ideen, Texte, Kontakte, ein paar persönliche Gegenstände. Sollte eine ernsthafte Bedrohung aufkommen, packe ich meinen Kram zusammen und fahre nach Spanien, Italien oder auch nur nach Österreich. Dort kann ich genauso gut arbeiten, schreiben, leben. Warum sollte ich mich für ein Territorium kämpfend dahinraffen lassen, zu dem mich keine materielle Bindung hält?
Das ist nicht Feigheit, sondern Rationalität. Wer nichts Unversetzbares – oder Immobiles – besitzt, hat auch nichts Territoriales zu verteidigen. Wer keine Wurzeln geschlagen hat, kann sie auch nicht aus der Erde reißen lassen. Sogar Jesus hatte bereits in seinem Gleichnis von Verwurzelungen gesprochen: *Sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er sofort zu Fall.* Auch wenn es etwas aus dem Zusammenhang gerissen scheint, so ist der Grund doch der Gleiche. Das Problem liegt nicht bei den Nymoens dieser Republik – das Problem liegt bei einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder systematisch besitzlos hält und dann von ihnen verlangt, fremden Besitz mit ihrem Leben zu verteidigen.
[Modische Revolution in Ost-Berlin – Polyester im Plattenbau | Patrick PehlIn den 90ern prägte der Trainingsanzug das Straßenbild Ost-Berlins. Zwischen Plattenbau und Polenmarkt wurde er zum Symbol gesellschaftlicher Umbrüche, beeinflusst durch Migration und wirtschaftliche Veränderungen. Kulturelle Spurensuche zwischen Polyester und Identität.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/polyester-im-plattenbau/)
Aber die aktuelle Generation, wie sie Ole Nymoen beschreibt, hat das nicht. Man hat nichts außer seiner Haut und ggf. Blutsbande. Um das Land also verteidigungsfähig zu machen, braucht es [neben Milliarden für Gerät auch fruchtbare Investitionen](https://patrick-pehl.de/digitale-souveraenitaet-externe-beratung-interne-schwaeche/) in Gleichheit und Gerechtigkeit. Wenn Besitzverhältnisse nicht gleichgemacht, aber gerecht verteilt sind, haben Menschen etwas was ihnen etwas bedeutet.
## Abstrakte Werte, konkrete Interessen
„Wir verteidigen Demokratie und Freiheit“, heißt es in den politischen Sonntagsreden. Schöne Worte, keine Frage. Aber was bedeuten sie konkret für jemanden, der zur Miete wohnt, dessen Job jederzeit wegrationalisiert werden kann, dessen Zukunft von Algorithmen und Aktienkursen abhängt? Demokratie ist das Recht, alle vier Jahre ein Kreuz zu machen – aber nicht das Recht auf Mitsprache über die eigenen Lebensbedingungen.

Oberst i. G. Schaus im Gespräch über den Operationsplan Deutschland und die zivil-militärische Zusammenarbeit © Max Hartmann 2025
Freiheit ist die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Produkten zu wählen – aber nicht die Freiheit von wirtschaftlichen Zwängen.
Diese Abstraktheit der propagierten Werte wird besonders deutlich, wenn man Ost- und Westdeutschland vergleicht. Im Osten existiert eine dialektische Dichotomie zwischen dem idealisierten Bild der *Freiheit*, das 40 Jahre lang über RIAS, ARD und ZDF vermittelt wurde, und der heutigen Realität meinungsverengender Algorithmen. Man hat die maximale Publikationsfreiheit im Internet – und gleichzeitig das Gefühl, wieder in Codes reden zu müssen, um nicht von der digitalen Öffentlichkeit abgestraft zu werden.
Ostdeutsche verstehen Demokratie direkter, unmittelbarer. Sie wählen Menschen in Funktionen, damit diese konkrete Ideen umsetzen. Funktioniert das nicht, wird abgewählt – revolutionär gedacht, könnte man sagen. Westdeutsche haben eine repräsentativere, vermitteltere Herangehensweise. Sie wählen abstrakte Bilder, vertrauen auf Institutionen, denken in Parteizugehörigkeiten statt in Sachfragen.
Freiheit und Demokratie sind in Ostdeutschland sehr direkt gedacht, während man in West-Deutschland eher abstrakte Begriffe pflegt. Also im Osten: Man wählt einen Menschen in eine Funktion, damit er eine bestimmte Idee oder eine konkrete Richtung umsetzt, wenn das nicht gefällt wird er nicht wieder gewählt und ein anderer kommt – quasi revolutionär gedacht. Im Westen gibt man Leuten eine Chance sich zu bewähren, wählt abstrakte Bilder und hat eine Parteizugehörigkeit im Denken, also nicht so sachorientiert.
Beide haben aber, bei allen Unterschieden, etwas gemeinsam: Sie leben mit mehrfachen Disruptionserfahrungen. [Im Osten durch Umverteilung](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/), Vergesellschaftung, Rückenteignung nach der Wende. Auch mehrfache Disruptionserfahrungen – nach dem Krieg die Umverteilung und Vergesellschaftung, Zuweisung von Raum durch Behörden, nach der politischen Wende Rückenteignungen und eventuell sogar Enteignungen durch Zwangssituationen wegen auslaufender Kreditlinien. Im Westen durch Deindustrialisierung, Prekarisierung, Digitalisierung.
Wer mehrfach erlebt hat, dass bestehende Ordnungen über Nacht kollabieren können, entwickelt eine gewisse Skepsis gegenüber den Versprechungen dieser Ordnungen.
Warum sollte man für Strukturen kämpfen, die einen selbst schon mehrfach im Stich gelassen haben?
## Paradoxie der leeren Hände
Und doch – hier liegt das eigentliche Rätsel – sind es gerade die Besitzlosen, die sich immer wieder für fremde Interessen verheizen lassen. Das ZDF-Magazin *frontal* sendete kürzlich eine Reportage über einen deutschen Flottenverband in der Ostsee. Junge Matrosen, die auf ihren Schiffen patrouillieren, während russische Kampfjets ihre Formationen aufklären. Die Seeleute wirkten, wenn man ehrlich ist, maximal unmotiviert.
Kein Feuer in den Augen, keine Entschlossenheit – eher das Aussehen von Leuten, die ihren Job machen, weil sie halt einen Job brauchen.
Was treibt einen bayerischen Matrosen dazu, Deutschland auf See zu verteidigen? Lust auf Abenteuer vielleicht, aber das kann es nicht allein sein. Eine Kaserne auf See unterscheidet sich nicht wesentlich von einer Kaserne an Land – grauer Alltag, Hierarchien, Langeweile. Der Nimbus des romantischen Seefahrerlebens dürfte spätestens nach der ersten Woche verflogen sein. Es bleibt die Bezahlung, die Karrierechancen, die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten. Das Militär als Arbeitgeber, nicht als Berufung.
Diese ökonomische Funktionalisierung des Kriegsdienstes ist symptomatisch für eine tieferliegende Struktur. Die Bundeswehr rekrutiert nicht mehr primär aus patriotischem Eifer, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Junge Menschen ohne Perspektiven, ohne Besitz, ohne Alternativen werden zu Soldaten – nicht weil sie Deutschland lieben, sondern weil sie Geld brauchen.
Ein zynisches System, das die Besitzlosigkeit seiner Bürger zur Grundlage der eigenen Rekrutierung macht.
Herbert Marcuse würde das als Produktion *falscher Bedürfnisse* diagnostiziert haben. Das System erzeugt systematisch Mangel und bietet dann militärischen Dienst als scheinbare Lösung an. Der besitzlose Arbeiter entwickelt das *Bedürfnis* nach beruflicher Sicherheit und findet sie ausgerechnet in einer Institution, die ihn instrumentalisiert. Er glaubt, seine Interessen zu verfolgen, während er in Wahrheit fremde Interessen bedient.
Die *repressive Toleranz* zeigt sich in der scheinbaren Wahlfreiheit zwischen verschiedenen patriotischen Positionen. Man kann liberal-humanitär argumentieren („Wir verteidigen Menschenrechte“) oder konservativ-realpolitisch („Wir verteidigen unsere Sicherheit“) – alle verfügbaren Optionen führen zum selben Ergebnis: Bereitschaft zum Militärdienst. Alternative Friedensordnungen oder post-militärische Gesellschaftsformen werden nicht nur als unrealistisch, sondern als undenkbar empfunden.
Pierre Bourdieu hätte von der Akkumulation *symbolischen Kapitals* gesprochen. Der besitzlose Soldat überführt seine wirtschaftliche Schwäche in moralische Stärke. Er mag keinen Grund und Boden besitzen, aber er besitzt *Ehre*, *Pflichtgefühl*, *Vaterlandsliebe*. Dieses symbolische Kapital kompensiert materielle Deprivation – und stabilisiert paradoxerweise die Strukturen, die diesen Entzug hervorbringen. Symbolische Anerkennung ersetzt ökonomische Umverteilung.
## Zurück zu den Rosenbüschen
In der Julius-Leber-Kaserne sprach man viel von der Landwirtschaft als *kritischer Infrastruktur*. GPS-gesteuerte Mähdrescher, resiliente Diesel-Lieferketten, cybersichere Feld-Logistik. Aber eine Frage stellte niemand: Wem gehören eigentlich diese Äcker und Höfe, die da verteidigt werden sollen?
Die deutsche Landwirtschaft durchläuft seit Jahrzehnten einen Konzentrationsprozess. Kleine Familienbetriebe verschwinden, Großbetriebe und Agrarkonzerne übernehmen. Viele Landwirte sind de facto nur noch Pächter auf fremdem Boden oder Subunternehmer multinationaler Konzerne. Sie bewirtschaften Land, das ihnen nicht gehört, mit Maschinen, die sie nicht besitzen, für Märkte, die sie nicht kontrollieren.
Auch sie haben, streng genommen, wenig zu verlieren.
Die moderne Junker-Klasse sind nicht mehr Gutsbesitzer mit Stammbaum, sondern Investmentfonds und Agrarindustrie-Konzerne. Diese besitzen tatsächlich etwas: Kapital, Produktionsmittel, Marktanteile. Für sie lohnt sich Verteidigung, weil sie etwas zu verteidigen haben.

Das Büro ist typisch zweckmäßig. Der Einblick an diesem Tag reicht aber über das bloße Schauen hinaus. © Max Hartmann 2025
Aber sie selbst werden nicht an der Front stehen – das überlassen sie anderen.
Es ist ein Desiderat der deutschen Sicherheitspolitik, dass diese Eigentumsfrage nicht offen diskutiert wird. Stattdessen wird von *unserer Landwirtschaft*, *unserem Land*, *unserer Sicherheit* gesprochen – als ob die Besitzverhältnisse egal wären. Als ob es keinen Unterschied machte, ob man für den eigenen Rosengarten oder für die Rendite fremder Aktionäre kämpft.
Mark Fisher hat den *kapitalistischen Realismus* als die Unfähigkeit beschrieben, sich gesellschaftliche Alternativen überhaupt vorstellen zu können. Diese kognitive Beschränkung macht militärische *Notwendigkeiten* zu naturgegebenen Konstanten. Krieg wird nicht aus Überzeugung unterstützt, sondern aus *reflexiver Ohnmacht* – als scheinbar einzige verfügbare Option in einer alternativlos wahrgenommenen Welt.
Die von Fisher analysierte Depression als politisches Phänomen korreliert direkt mit militärischer Mobilisierbarkeit. Subjekte, die ihre gesellschaftliche Situation als persönliches Versagen internalisieren, suchen Kompensation in der Identifikation mit „größeren“ Projekten. Der Krieg bietet temporäre Flucht aus der depressiven Vereinzelung durch kollektive Sinnstiftung.
Man mag als Individuum gescheitert sein, aber als Teil der deutschen Verteidigung wird man wieder bedeutsam.
## Die Mobilitätsfalle
Zurück zu meiner eigenen Situation: Ich kann weg, also würde ich weggehen. Spanien, Italien, notfalls Österreich – Hauptsache raus aus der Gefahrenzone. Aber ist diese Mobilität nicht selbst ein Privileg? Der osteuropäische LKW-Fahrer, der durch deutsche Autobahnen fährt, hat ähnliche Möglichkeiten. Als EU-Bürger kann er sich niederlassen, wo er will.
Aber was ist mit dem Schreiner aus Spanien, der gerade seinen Aufenthaltstitel bekommen hat? Oder dem LKW-Fahrer aus Rumänien, dessen Familie seit Generationen in derselben Region verwurzelt ist?
Mobilität wird zur neuen Klassenscheide. Die Oberschicht ist global mobil, kann bei Krisen zwischen Kontinenten wechseln. Die Mittelschicht ist regional mobil, kann immerhin innerhalb Europas ausweichen. Die Unterschicht ist lokal gefangen, hat keine Mittel zur Flucht und muss bleiben, wo sie ist. Ironischerweise sind es gerade die Immobilen, die dann als *patriotisch* gefeiert werden, während die Mobilen als *Verräter* gelten.
Diese Struktur ist nicht zufällig entstanden. Sie ist das Ergebnis einer Politik, die Besitzverhältnisse polarisiert und Bürger in unterschiedliche Mobilitätsklassen sortiert. Wer beweglich ist, braucht keinen Krieg zu fürchten. Wer festsitzt, muss kämpfen oder untergehen.
Ein perfektes System zur Rekrutierung von Soldaten aus der immobilen Unterschicht.
## Was sich ändern muss
Die Antwort ist so einfach wie politisch unmöglich: Ohne Teilhabe keine Teilnahme. Ohne echte Besitzverhältnisse keine echte Verteidigungsbereitschaft. Solange große Teile der Bevölkerung nur ihre Arbeitskraft besitzen, aber kein Eigentum an Produktionsmitteln, bleibt Verteidigung eine abstrakte Zumutung.
Das bedeutet nicht, dass jeder einen Bauernhof besitzen müsste. Aber es bedeutet, dass Menschen einen materiellen Anteil an dem haben müssten, was verteidigt werden soll. Mitarbeiterbeteiligungen, Genossenschaftsmodelle, dezentralisierter Besitz – es gäbe durchaus Möglichkeiten, Eigentum breiter zu streuen.
Die Frage ist nur, ob die gegenwärtigen Eigentümer bereit wären, Anteile abzugeben.
Wahrscheinlich nicht. Also wird es bei der derzeitigen Lösung bleiben: Die Besitzlosen kämpfen für fremden Besitz, während die Besitzenden die Profite einstreichen. Ein altbewährtes System, das schon zu Zeiten der Junker funktionierte – und heute noch genauso funktioniert.
Was die intrikate Beziehung zwischen Besitz und Verteidigungsbereitschaft angeht, lässt sich kaum eine andere Schlussfolgerung deduzieren.
### Linkspartei tanzt auf bröselndem Fundament
URL: https://patrick-pehl.de/linkspartei-tanzt-auf-broeckelndem-fundament-die-linke-politik/
Last updated: 2026-06-22T18:26:26.000Z
**Harald Wolf feiert den Bundestagswahlkampf der Linken als geschickten „Tanz auf Triggerpunkten“. Doch seine Erfolgsdiagnose übersieht die strukturelle Erosion der Partei in Ostdeutschland. Während Wolf taktische Manöver bejubelt, erobert die AfD einen Wahlkreis nach dem anderen in den einstigen Stammgebieten der Linken. Eine Analyse der Entfremdung.**
Der Beitrag „[Auf Triggerpunkten tanzen](https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juli/auf-triggerpunkten-tanzen?ref=patrick-pehl.de)“, der in der Ausgabe 7.2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik erschienen ist, feiert der ehemalige Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf die Linkspartei für ihren vermeintlich so geschickten Bundestagswahlkampf 2025\. Während andere Parteien ängstlich alle Triggerpunkte vermieden hätten, habe seine Partei „fröhlich auf den Triggerpunkten einen Stepptanz vollführt“ und sei damit erfolgreich gewesen. Eine zumindest bemerkenswerte Selbstgewissheit für jemanden, dessen Partei gerade dabei zusieht, wie ihr in Ostdeutschland das Fundament unter den Füßen wegbricht.
Gewiss, die Linke hat den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft und kann auf einen Mitgliederzuwachs verweisen. Zwei Drittel der Mitglieder seien seit 2021 eingetreten, schreibt Wolf, das komme einer „Neugründung von unten nahe“. Allerdings ist diese Beobachtung betriebsblind. Sie übersieht, dass dort, wo die Partei einst ihre stärksten Wurzeln hatte, längst andere das Sagen haben. Und sie ignoriert, dass die neue Galionsfigur dieser vermeintlich ostdeutschen Erneuerung – Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek – bis 2023 Landesvorsitzende der Linken in Niedersachsen war. Auch hier stimmt der Mythos der ostdeutschen Linken nicht so richtig.
## Verschwinden der Stammgebiete
[Sommerverheißung in Berlin: Ephemere Momentaufnahme | Kultur, Digitaltechnik & Journalist aus BerlinEin zugeworfener Kuss im Julilicht: Eine feinsinnige feuilletonistische Skizze über eine großstädtische Begegnung im Takt der vorbeiraschelnden Straßenbahn.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/sommerverheissung-vergaenglichkeit-staedtischer-gefuehle-flirt-berlin-sommer-romantik/)
In Marzahn-Hellersdorf, jenem Berliner Bezirk, den PDS und später die Linke jahrzehntelang mit haushohen Mehrheiten direkt gewonnen hatten, steht heute die AfD als Sieger da. In Lichtenberg, wo Gesine Lötzsch einst unangefochten herrschte, trennen die Linke mit 23,5 Prozent nur noch anderthalb Prozentpunkte von der AfD mit 22,4 Prozent. Von den ostdeutschen Flächenwahlkreisen konnte die Linke gerade noch drei halten – Leipzig mit Sören Pellmann, Erfurt mit Bodo Ramelow und Potsdam-Mittelmark, das Olaf Scholz gewann. Drei Wahlkreise in einem Landstrich, der einst als die Heimat der Linken galt.
Wolf registriert diese Erosion durchaus, doch seine Antwort darauf ist bezeichnend oberflächlich. Die Triggerpunkt-Strategie habe funktioniert, weil die Partei endlich wieder mit einer Stimme gesprochen habe. Mit Forderungen nach einem Mietendeckel und der Senkung von Lebensmittelpreisen habe sie die soziale Frage alltagsnah thematisiert. Als dann CDU, CSU, FDP und BSW gemeinsam mit der AfD für eine Verschärfung der Migrationspolitik stimmten, habe die [Linke den Kampf um den Triggerpunkt Migration](https://open.substack.com/pub/patrickpehl/p/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu?r=4jmcy1&utm%5Fmedium=ios+&ref=patrick-pehl.de), doch das tun die Union und die AfD auch, die aufgenommen und sei zur „einzigen relevanten politischen Partei“ geworden, die sich gegen diesen Rechtsruck wandte.
Das klingt nach einer kohärenten Strategie, ist aber in Wahrheit ein aus dem amerikanischen Hochschulsystem kopierter Schreihalsaktivismus. Die Linkspartei empört sich gern und lauthals, zeigt aber in der Konsequenz keine Lösungen für die Menschen und deren Probleme auf. Sie spricht zwar das Großstadtproblem der zu hohen Mietkosten an, aber ausgerechnet in Berlin hat der Senat unter Gysi den Verkauf der städtischen Wohnungen zu Spottpreisen Anfang der 2000er-Jahre mitgetragen. Die Stadt Leipzig wurde damals sogar gefeiert für den Verkauf all ihrer Sozialwohnungen, um sich zu entschulden. Man hatte die Wasserwerke verkauft, man hatte 1997 die Bewag, das Berliner Energieversorgungsunternehmen, privatisiert – der Erlös betrug rund 2,9 Milliarden D-Mark, ging an ein Konsortium aus Veba, Viag und Southern Company, später an den schwedischen Vattenfall-Konzern.
## Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen
Was Wolf in seiner Analyse völlig übersieht, ist die spezifische Mentalität jener Menschen, die seine Partei verloren hat. Es waren nicht die Ärmsten der Armen, die zur AfD wechselten, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Angestellte in Bundesministerien, denen es eigentlich sehr gut geht, mittlere Positionen in Unternehmen, selbstständige Handwerker, Kleinbürger – und ja, auch aussortierte Dauerarbeitslose. Sie alle verband eine Erfahrung, die Wolf nicht zu verstehen scheint.
diese Menschen wuchsen in einer intrikaten Gesellschaft auf, die bei aller berechtigten Kritik an der DDR eine bestimmte Form der Geborgenheit bot. Man hatte sich eingerichtet im klassischen Rollenbild, mit Kindern und relativer Sorglosigkeit. Dann kamen die Zeiten, in denen Deutschland als „kranker Mann Europas“ bezeichnet wurde, die Agenda 2010 fegte jedes Gefühl von Sicherheit weg und begehrenswerte Wohnlagen wurden zu Abstiegsvierteln. Trotzdem hatte man sich im Kleingartenverein, der als Kleinod der Geselligkeit diente, abends zu Bier und Grillgut an der Hollywoodschaukel getroffen.
Es war die Zeit, als der Hausmeister zum Facility Manager wurde, die Bundespost zur börsennotierten Telekom AG und das Highspeed-Internet mit Chats und E-Mails die Telefonleitung mit Anrufbeantworterkassetten ablöste. Eine Welt im Umbruch, in der das Bedürfnis nach geordneten Verhältnissen und etablierten Traditionen wuchs. Diese Sehnsucht war weder DDR-Erbe noch Reaktion auf die Wende – sie war einfach da. Die geborgene Ruhe in einer Welt, die sich zu schnell zu drehen begann.
[Der überalterte Newcomer Friedrich MerzFriedrich Merz ist der älteste Kanzler-Aspirant nach Konrad Adenauer. Er hat kaum Erfahrung in der modernen Politik – versteht er die Probleme des Landes noch?Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/der-ueberalterte-newcomer-friedrich-merz-cdu/)
Weder die Linke als „unsere Ostpartei“ – wie es die Erwachsenen in meinem Umfeld immer sagten – noch die CDU mit ihren westdeutschen Normalitätsverheißungen konnten diese Sehnsucht langfristig stillen. Die CDU hatte anfangs durchaus große Erfolge im Osten errungen, sogar eine aus dem Osten schaffte es ins Kanzleramt. Doch die CDU konnte die Sehnsucht nach dem Konservativen im sozialen Gefüge nicht langfristig erfüllen und enttäuschte zeitgleich mit der Linken.
## Erfahrung der Entwertung
Um zu verstehen, was in Ostdeutschland geschah, muss man die konkreten Biografien betrachten. Meine Großeltern etwa hatten in einem Staat, den manche als System bezeichneten und der nun quasi als wertlos galt, eine gewisse Position inne – beide hatten ein Studium nach nachgeholtem Abitur absolviert, man kann es durchaus als Mittelstand bezeichnen. Dann waren sie plötzlich in diesem schwierigen und ablehnenden Umfeld, verloren ihre Arbeit und damit die gesellschaftliche Stellung. Man muss sich das so vorstellen, als wenn der Geschäftsführer eines größeren mittelständischen Unternehmens mit mehreren Dutzend Millionen Umsatz plötzlich auf die Straße gesetzt wird – nur dass nicht mal die schicke Villa am Stadtrand und das große Auto bleiben.
Meine Mutter war Datentypistin, heute würde man das wohl Data-Analyst nennen. Ich wuchs in den 1990er Jahren am [Stadtrand im Osten von Berlin auf, dort wo man noch Polyestersportanzüge trug](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/). Der Berufsabschluss meiner Mutter wurde in der BRD nicht anerkannt, also machte sie noch mal ein Grundstudium in Psychologie, um dann am Ende als Sachbearbeiterin in der Rentenversicherung zu arbeiten, ohne Aussicht auf eine Führungsposition. Eine Kollegin nahm einen längeren Arbeitsweg in Kauf, um nicht durch das ehemalige Ost-Berlin fahren zu müssen.
Stattdessen kamen mittelmäßig talentierte Westdeutsche – so die Wahrnehmung –, übernahmen mit ihrem Kapital die Unternehmen, besetzten die Richterpositionen und wurden zu empathielosen Führungspersönlichkeiten in Verwaltung und Firmen. Man fühlte sich übertölpelt und ausgetrickst. Keiner war da, um das zu heilen oder solidarisch beizustehen. Der Einzelne musste nun bestehen, obwohl man es in der DDR-Jugend anders beigebracht bekommen hatte – das allgegenwärtige Kollektiv, auf das man sich stützen sollte, war nicht mehr da oder so zerbrochen, dass es bröselte.
## Aufmerksamkeitsökonomen der AfD
In diese Lücke stießen Anfang der 2010er-Jahre die Aufmerksamkeitsökonomen, die Heilsversprecher und Aufwiegler der AfD. Sie verstanden etwas, was Wolf bis heute nicht begreift. Die Menschen im Osten wollten zunächst das Gleichbleibende. Als sie das nicht bekommen konnten und das Versagen der alten Linken wie das Nichtliefern der neuen CDU bemerkten, wollten sie nicht mehr, dass es besser wird. Sie wollten einfach reaktionär anders.
Es war die Erfahrung von 1989, die sie dazu befähigte. Die Selbstwirksamkeitserfahrung, dass man einen Wirbel losbrechen lassen kann, wenn die etablierte Ordnung versagt. Die AfD griff genau das auf, unterspülte das bröselige Fundament der etablierten Parteien und drückte alles weg. Während Wolf heute noch von antifaschistischer Klassenpolitik träumt haben diese Aufwiegler längst die Deutungshoheit über das Schicksalskollektiv im Osten übernommen. Dass es gerade frustrierte Mittelschichtler waren, die zur AfD gingen, macht seine Klassenpolitikrhetorik nur noch hohler.
## Demografischer Kollaps
Hinzu kommt ein Aspekt, den Wolfs Berliner Perspektive vollständig ausblendet. Die Kinder derjenigen, die in diesem gottlos-atheistischen Landstrich in der Mitte Europas zurückgeblieben sind, gingen zu großen Teilen weg und gründeten ihre Familien im Westen. Es fehlt eine ganze Generation. Im Osten Deutschlands ist man überaltert, es fehlen die neuen Ideen, das Streben nach Neuem und nach Verbesserung der Lebensverhältnisse.
Diese demografische Leere ist schwer zu heilen. Die Leute sind weg und haben sich woanders ein Leben aufgebaut. Diese Gehirne kommen nicht mehr zurück, zumindest nicht mit Produktivkraft. Um die Lausitz als Braunkohleabbaugebiet wird so sehr gekämpft, um die Region nicht weiter aussterben zu lassen, doch das ist eigentlich müßig. Man versucht dort eine Strategie wie in den Steinkohleregionen Nordrhein-Westfalens, aber das wird nicht klappen, weil die Region schon so wenig Kohäsionskraft hat, dass es nur ein Verzögern ist.
[Das Theater: Letzte Bastion der sozialen GleichheitEntdecken Sie, warum das Theater als Bastion der sozialen Gleichheit gilt. Erfahren Sie, wie Kunst und intellektueller Austausch im Theater soziale Hierarchien überwinden und eine inklusive Gesellschaft fördern.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/)
Die AfD und ihre Vorfeldorganisationen haben das begriffen. Sie siedeln sich in den dünn besiedelten Weiten an und versuchen eine Infrastruktur zu schaffen – eine der Erregung und des Ressentiments. Während Wolf von einem öffentlichen, kostenlosen Verkehrsangebot träumt, von der Vergesellschaftung des Wohnungssektors und gebührenfreien Kitas, bewirtschaften sie erfolgreich die Aufmerksamkeitsökonomie.
## Intellektuelles Lagerdenken
Wolf spricht in seinem Text auch von der Notwendigkeit, das „Lagerdenken“ zu überwinden – ein Begriff, den er als „Campismus“ bezeichnet. Das ist eines dieser schrecklichen Worte, mit denen man sich die Welt intellektualisiert, eine Wortbildung aus dem englischen *Camp*, die im Deutschen schlicht *Lagerdenken* bedeutet. Man kann Dinge kritisieren, obschon man selbst darin steckt. Mir war es eigentlich immer fremd, in Ost- und Westkategorien zu denken, doch irgendwie scheint da etwas dran zu sein. Ich denke allerdings, dass das Ost-West-Schema nicht so schlagend wäre, wenn es die AfD und den einhergehenden Helikopterjournalismus dazu nicht gäbe. Dann wäre es wohl ein regionaler Unterschied wie zwischen Bayern – die sogar eine eigene Regionalpartei haben – und Nordfriesland.
Gleichzeitig diskutiert Wolf ernsthaft [über „strukturelle Nichtangriffsfähigkeit“ der Bundeswehr,](https://patrick-pehl.de/jetzt-regiert-das-wir-die-geschlossenheit-in-der-regierung-merz/) als müsse die Linke konkretisieren, was das heute bedeutet. Während im Osten die AfD Wahlkreis um Wahlkreis gewinnt, philosophiert man über Rüstungskontrolle und Abrüstung. Beide Parteien – AfD wie Linke – wissen, dass sie zu extreme Positionen vertreten, um koalitionsfähig und damit regierungsfähig zu sein. Beide wurden oder werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Doch nur eine versteht es, daraus politisches Kapital zu schlagen.
## Tanz ins Leere
Wolfs *Infrastruktursozialismus* mag auf dem Reißbrett eine gute Idee sein. Doch diese Konzepte tragen nicht mehr, da man nichts mehr hat, was man wirklich verbinden könnte. Der Tanz auf den Triggerpunkten funktioniert vielleicht noch in den wenigen verbliebenen Bastionen – dort, wo Bodo Ramelow in Erfurt gewinnt oder Gregor Gysi mit seiner besonderen Ausstrahlung in Treptow-Köpenick die Leute noch zu verstehen vorgibt. Überall anders ist er ein wahrlicher Tanz ins Leere.
Harald Wolf feiert taktische Manöver, während um ihn herum die Substanz wegbricht. Die vermeintliche „Neugründung von unten“ kaschiert nur notdürftig, dass der Osten für die Linke weitgehend verloren ist. Nicht weil die Menschen dort rechtsextrem geworden wären, sondern weil eine andere Partei ihre Sehnsüchte besser zu bewirtschaften versteht. Die Linke empört sich authentisch, wie Wolf schreibt, aber authentische Empörung funktioniert nicht bei Menschen, die sich selbst betrogen fühlen.
Am Ende bleibt eine Partei, die ihre eigene Entfremdung von jenen nicht bemerkt, für die sie einst zu sprechen vorgab. Während Wolf von antifaschistischer Klassenpolitik träumt, haben andere längst begriffen, wie man das Schicksalskollektiv im Osten anspricht – nicht mit Infrastruktursozialismus, sondern mit der Verheißung, dass man wieder einen Wirbel für die ganze Region losbrechen lassen kann.
### Mit Fotos politischen Journalismus rahmen
URL: https://patrick-pehl.de/mit-fotojournalismus-politik-interessant-rahmen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
**Politiker haben ein Bild von sich und eine Vorstellung, wie sie wirken wollen – als Journalist ist das nicht immer zu durchbrechen. Mit interessanten Fotos kann man aber eine relevante journalistische Geschichte erzählen und eine Schere zwischen Text und fotografischem Subtext gezielt nutzen. So kann Journalismus Relevanz jenseits der Sehgewohnheiten erzeugen.**
Ein Politiker vor grauer Steinwand – kennt jeder. Aber ein Verteidigungsminister, der verteidigt? Ein Hero-Shot, der Persönlichkeit zeigt statt Amtswürde? Für meine „Spitzengespräche“-Reihe arbeite ich bewusst mit [Max Hartmann](https://maxhartmann.photo/?ref=patrick-pehl.de), einem Fotografen, der normalerweise Musiker auf Konzerttouren mit Zehntausenden Live-Besuchern begleitet. Diese unkonventionelle Herangehensweise bricht Sehgewohnheiten und schafft Aufmerksamkeit.

Johannes Steiniger (CDU) im Kunstwerk „Tunnel“ von der Berliner Künstlerin Gunda Förster. © Max Hartmann 2025
## Bild-Text-Schere als journalistisches Instrument
**Die Diskrepanz zwischen Pose und Realität wird zur Nachricht.** Mit einer geschickten Wahl der Bildunterschrift lässt sich eine bewusste Bild-Text-Schere nutzen, um zu markieren, wie sich ein Akteur gern zeigt – aber vielleicht hinter der Kamera eigentlich war. Diese [Spannung zwischen visueller Inszenierung und textlicher Einordnung](https://patrick-pehl.de/materielle-teilhabe-als-voraussetzung-fuer-verteidigungsbereitschaft-bundeswehr/) schafft journalistische Mehrwerte jenseits reiner Illustration.
## Medien brauchen Alleinstellungsmerkmale
Zum Beispiel behandeln [agrarpolitische Interviews](https://patrick-pehl.de/interessante-persoenlichkeiten-politik-im-interview/) meist fachspezifische Themen wie die Zuckersteuer oder Pflanzenschutzmittel. Doch das Fachgebiet ist breiter: [Lohnpolitik betrifft](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzengespraeche-lohnpolitik-nora-seitz-beim-mindestlohn-profitiert-vor-allem-der-staat-152069?ref=patrick-pehl.de) landwirtschaftliche Unternehmer genauso wie die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Die visuellen Zugänge zu diesen komplexen Materien sind jedoch beschränkt, während sich die medialen Darstellungskonventionen in immer engeren Bahnen bewegen und dabei die spezifischen Anforderungen politischer Kommunikation nur unzureichend abbilden. Klassische Motive wären Abgeordnete auf Traktoren oder bei Stalleinweihungen – generische Bilder für spitze Themengebiete.

Dirk Wiese in seinem Büro. An der Wand sind Ausmalbilder seines Kindes, die es während eines Besuchs im Bundestag anfertigte. © Max Hartmann 2025
Ein Fachmedium erreicht vielleicht Zehntausende, während regionale Tageszeitungen Hunderttausende Auflage machen. In der deutschen Demokratie zählt am Ende Masse. Also brauchen Fachmedien ein Alleinstellungsmerkmal, um politische Aufmerksamkeit zu erhalten. Hier spielen besondere Fotos eine entscheidende Rolle.
## Geben und Nehmen: Besondere Fotos als Eintrittskarte

PatrickPehl mit Otto Fricke in einem Aufzug im Reichstag in Berlin © Max Hartmann
Politiker sind Menschen und wollen sich schmeichelhaft dargestellt sehen. Ein professioneller Hero-Shot kann die Eintrittskarte für ein einstündiges Gespräch sein – Zeit, die bei der begrenzten Agenda eines Ministers schwer zu bekommen ist. Gleichzeitig transportieren diese Fotografien auf der Metaebene Informationen: Stimmung, Emotion, Persönlichkeit.
[Dirk Wiese](https://patrick-pehl.de/dirk-wiese-wir-muessen-die-gap-im-eu-budget-verteidigen/), heute Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bundestag, gilt als harter Hund, der pragmatische Machtpolitik umsetzt. In seinem Büro aber hängen mit Wachsmalstift gemachte Bilder seines Kindes. Diese wurden während des Kinderbesuches beim viel beschäftigten Vater in Berlin gemacht. Diese private Wand offenbart eine weitere Ebene des Politikers jenseits seiner öffentlichen Rolle, etwas das in einem Foto aufgegriffen und erzählt werden kann, ohne den fachlichen Anspruch eines Textes oder Interviews zu beeinträchtigen.
Max Hartmanns Erfahrung als Musikfotograf zeigt sich in der Inszenierung: Wie möchte sich der Akteur selbst zeigen? Mit geschickten Bildunterschriften kann man sogar eine Bild-Text-Schere nutzen, um die Diskrepanz zwischen Selbstdarstellung und Realität zu markieren. Journalistische Fotografie bleibt Journalismus, nicht Public Relations.
## Aufmerksamkeitsstärke durch visuelle Innovation
Diese einzigartigen Fotografien sind Assets für Instagram, LinkedIn oder Website-Auftritte – nicht das immer gleiche Pressefoto aus der Abgeordneten-Mediathek. Die Zwischentöne sind ein Desiderat, welches ein guter, aber fachfremder Fotograf einbringt – ein Aspekt, den Politiker oft unterschätzen, obwohl sie 60% ihrer Arbeitszeit für Selbstdarstellung aufwenden. Fotos können ein Medium aufmerksamkeitsstärker und damit einflussreicher machen.
### Mönche müssen im Erzbistum Berlin weichen
URL: https://patrick-pehl.de/moenche-muessen-im-erzbistum-berlin-weichen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
**Bekanntlich wuchs ich in Berlin auf und habe auch einige Orte, die mir etwas bedeuten. Viele sind schon längst verschwunden oder haben an Bedeutung verloren – so ist das KaDeWe von gar keinem Interesse mehr für mich, aber der Alexanderplatz, liebevoll schlicht Alex genannt, hat enorm an Bedeutung gewonnen. Das Katharinenstift in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg verschwindet.**
Verschwinden durch Verkauf. Ein Ort, der mir immer schon bewusst war und dann zeitweise auch sehr viel Raum in meinem Alltag eingenommen hatte, ist das Ensemble um das Katharinen-Stift in der Greifswalder Straße. Eine kleine unscheinbare Kirche, einst mit dem Namen St. Gertrud und heute unter Mater Dolorosa firmierend, versteckt hinter einer Hausreihe von Arbeiterwohnungen in der Greifswalder Straße. Man kann die güldenen, in einem Bogen angebrachten Buchstaben gut von der Straßenbahn aus sehen.
[Dieser Ort verschwindet.](https://www.tagesspiegel.de/berlin/katharinenstift-in-prenzlauer-berg-wird-verkauft-erzbistum-berlin-gibt-traditionsreiche-liegenschaft-auf-13421362.html?ref=patrick-pehl.de) Das habe ich vor einigen Wochen bei einer Maiandacht erzählt bekommen und war erschüttert, wie das passieren kann. Das Erzbistum Berlin hat den Verkauf des 1896 errichteten historistisch-neugotischen Klosterkomplexes an eine private Kunsthochschule beschlossen. Wie hoch der Verkaufspreis ist, ist nicht bekannt, aber die Kirche selbst verschwindet. Damit auch ein kultureller Raum. Ich kann durchaus verstehen, dass hier auch wirtschaftliche Belange eine Rolle spielen und der Erhalt vielleicht unwirtschaftlich ist. Allerdings ist die Kritik an der römischen Kirche vor allem kapitalistischer Natur und besonders im Osten von Berlin ist die Vergangenheit von einem [hoffnungsvollen Überstehen solcher Belange gekennzeichnet](https://patrick-pehl.de/materielle-teilhabe-als-voraussetzung-fuer-verteidigungsbereitschaft-bundeswehr/). Die Kirche in Ost-Berlin war immer schon mit Hoffnung, Trost aber auch kämpferischer Überwindung verknüpft.
## Enteignung der Hoffnung
Natürlich könnte man nun argumentieren, dass es ja noch [die Kathedrale](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-eine-kirche-st-hedwigskathedrale-berlin/) gäbe, die nur etwa 20 Minuten entfernt ist, oder auch entlang der Ringbahn noch ein paar Kirchen existieren. Aber das offene und tägliche Angebot an diesem Platz ist besonders. Mit der Schließung gibt es in der ganzen Gegend eigentlich keine offene katholische Kirche mehr in Prenzlauer Berg – ein Stadtteil mit über 165.000 Einwohnern. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, wie Marx es einst formulierte – nur dass hier nicht der Fortschritt, sondern der schnöde Mammon das Verdampfen besorgt.
Oft bin ich nach getaner Arbeit nach Hause gegangen, habe mein Abendessen vorbereitet und bin dann schnell ins Katharinenstift zur Abendmesse gegangen, um danach erst zu essen. Es war ein fester Bestandteil meiner Abende – ob nun zwischen Feierabend und Abendessen noch schnell zur Messe zu gehen wirklich bedeutend ist, weiß ich nicht, aber es bedeutete mir eben etwas.
## Verwandlung der Menschen
Man muss auch die Herz-Jesu-Priester bedenken, die ich nun auch schon länger kenne. Sie leben einen ganz unprätentiösen Dienst an den Menschen. Da wird auch mal eine Messe mit einer Jogging-Buxe unter der Casel gehalten. Die Priester, die dort leben und ihr [Leben zu einem Dienst am Stadtviertel machen](https://www.katholisch.de/artikel/17674-raus-aus-der-sakristei-rein-ins-leben?ref=patrick-pehl.de), machen das auch ziemlich einzigartig: Gott bei Gagarin, Hochbeete in der Nachbarschaft, Haustier- und Kuscheltiermessen haben einen Zugang für Menschen geschaffen, der jetzt fehlt und für schnödes Geld verkauft wird, wie das Erzbistum lieblos in einer Pressemitteilung online verlautbart.
Es scheint auch nicht, als wäre eine echte Abwägung der Bedeutung des Ortes passiert. Das Erzbistum betont in seiner Mitteilung, dass "die Handlungsfähigkeit im Kernbereich kirchlicher Tätigkeit" erhalten werden müsse und der "Einsatz von Kirchensteuermitteln" reduziert werden soll. Dass die Herz-Jesu-Priester, die dort ihr Kloster haben, es auch auf so knappe Weise gesagt bekommen haben, die Gemeinde, die sich um diesen Ort kümmert, es per Mitteilung erfahren hat, lässt tief über die Art und Weise blicken, wie die katholische Kirche, das Erzbistum als Behörde oder Institution handelt. Manchmal frage ich mich, warum bei dieser Art des Miteinanders überhaupt noch Leute auf dem Lohnsteuerzettel angeben "rk, römisch-katholisch".
## Was das Kapital alles kann
Pater Mönch schafft es nun nicht mehr, die Messe am Sonntagabend zu feiern. Das ist ein Verlust! Es ist ein [Verlust für Prenzl'berg](https://www.gesichter-und-geschichten.de/gug010-alfred-mueller/?ref=patrick-pehl.de), den Norden von Friedrichshain, Mitte und alle Menschenseelen, denen diese Abendmesse durch schwere Zeiten geholfen hat. Jeder, der hier seinen Glauben bewahren oder wiederfinden konnte, wird nun ein leises Stöhnen der Traurigkeit in die Welt lassen.
Jedes Mal, wenn die Stimme in der Straßenbahn „Hufelandstraße“ oder „Am Friedrichshain“ sagt, werden viele Menschen aus dem Fenster blicken und nichts mehr sehen – bloß noch eine private Kunsthochschule, ein weiterer entwidmeter Lifestyleort. „Und da ist kein Mann über ihr, und das ist das Schlimme“, sang Barbara bei Brecht – hier ist kein Gott über den Geschäften, und das ist das Schlimme an dieser Stadt. Die Hoffnung auf eine bessere Stadt, ein erfüllteres Leben wird versiegen und sich in verkarstete Bitterkeit kehren.
## Logik der Verwertung
Das Erzbistum begründet seine Entscheidung mit der Notwendigkeit, „den Einsatz von Kirchensteuermitteln für den Betrieb und die Erhaltung von Immobilien auf deutlich weniger eigengenutzte Flächen zu konzentrieren“. In seiner Pressemitteilung schreibt das Erzbistum sogar: „Das Katharinenstift, der 1896 errichtete historistisch-neugotische Klosterkomplex mit der Kirche Mater Dolorosa, ist nach wie vor ein lebendiger Ort katholischer Kirche“.
Lebendiger Ort – bis zur Schließung. Die Sprache der Verwaltung offenbart ihre Kälte: Was gestern noch lebendig war, wird heute zur Kostenposition. Ein Ort, der Menschen zusammenbrachte, wird zur Immobilie. Berlin wird um einen authentischen Ort ärmer – nicht spektakulär, nicht mit großen Schlagzeilen, sondern leise und unwiederbringlich. Das ist der Preis einer Stadt, die nicht mehr weiß, was sie bewahren will.
### Schlachthof-Theater an der Spree
URL: https://patrick-pehl.de/schlachthof-theater-an-der-spree/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
Es ist ein Dienstagabend in Berlin. In einem altehrwürdigen Haus an der Spree wird ein Theaterstück dargeboten, das die Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre und die Funktionsweise von Wettbewerb und komplexe Warentermingschäfte beschreibt, das elende Dasein einfacher Arbeiter in der Fleischindustrie von Chicago, um den Wohlstand der Arbeitgeber zu mehren. Ein Kartell, das sich durch Gier auflöst, wird gezeigt. Heute würde man es wohl mit einem großen Lebensmitteleinzelhändler und einem genossenschaftlichen Zulieferer beschreiben. Im Publikum soll Rolf Mützenich gesessen haben. „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ zieht das mutige Publikum an.
Drei Tage später verkündet die Mindestlohnkommission den unpolitischen Mindestlohn, der unter 15 Euro bleibt. Einen Tag später sagt ein Politiker , dass man von 15 Euro nicht leben könne, aber 15 Euro für die Unternehmer zu viel seien. Würde man mehr zahlen, würden einfache Lumpen nur zweieinhalb Monate im Jahr arbeiten statt dreien – lässt sich deduzieren.
Die Realität übertrifft die Satire: Während auf der Bühne die Kapitalisten von einst ihr Spiel treiben, vollzieht sich wenige Kilometer entfernt dasselbe Theater in parlamentarischen Kommissionen. Die Mechanismen bleiben dieselben, nur die Kostüme haben sich gewandelt.
Währenddessen vergnügten sich einige hundert Meter flussabwärts, vorbei an dem Haus, in dem der Mindestlohn verkündet werden wird, beim Sommerfest der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
**Dieser Artikel erschien zuerst in der Agrarzeitung 27.2025.**
### Digitale Souveränität: Externe Beratung, interne Schwäche
URL: https://patrick-pehl.de/digitale-souveraenitaet-externe-beratung-interne-schwaeche/
Last updated: 2026-07-14T11:39:18.000Z
**Die Berateraffäre im Verteidigungsministerium offenbart strukturelle Defizite deutscher Digitalpolitik. Externe Abhängigkeiten bedrohen staatliche Handlungsfähigkeit. Deutschland muss digitale Souveränität zur Staatsräson erklären.**
Hinweis: Dieser Text wurde 2020 verfasst.
Die Bundesrepublik steht vor einer historischen Entscheidung. Der [parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre](https://berateraffaere.de/?ref=patrick-pehl.de) hat seine Arbeit beendet und strukturelle Probleme deutscher Digitalpolitik offengelegt. Was als Skandal um Millionenhonorare begann, entpuppt sich als Symptom einer fundamentalen Krise staatlicher Handlungsfähigkeit. Deutsche Behörden sind abhängig von amerikanischen Cloud-Diensten, kritische Infrastrukturen werden von ausländischen Unternehmen kontrolliert, strategische Entscheidungen fallen in Konzernzentralen. Die Zeit für halbherzige Reformen ist abgelaufen.
### Staat entmündigt sich
Das Verteidigungsministerium unter Ursula von der Leyen hat staatliche Selbstentmündigung dokumentiert. Zwischen 2014 und 2018 flossen über 200 Millionen Euro an **externe Berater**, vornehmlich an McKinsey und Accenture. Diese entwickelten nicht nur Strategiepapiere, sondern gestalteten die Digitalisierung der Bundeswehr mit. Staatssekretärin Katrin Suder, eine ehemalige **McKinsey-Partnerin**, etablierte ein System, in dem strategische Entscheidungen von ausländischen Unternehmensberatungen getroffen wurden.
Die **Berateraffäre ist das Menetekel einer Entwicklung**, die die staatliche Handlungsfähigkeit im digitalen Zeitalter fundamental bedroht. Wenn amerikanische Berater die Cybersicherheitsstrategie der Bundeswehr mitentwickeln, wenn kritisches Wissen nur bei externen Dienstleistern liegt, wenn demokratische Kontrolle durch gelöschte Handydaten vereitelt wird - dann steht mehr auf dem Spiel als Steuergelder.
### Souveränität im Digitalzeitalter neu denken
Digitale Souveränität ist keine Modeerscheinung der Technologiepolitik, sondern eine verfassungsrechtliche Notwendigkeit. Der Staat kann seine Grundfunktionen nur erfüllen, wenn er über die digitalen Mittel verfügt, die er dafür benötigt. Diese Erkenntnis setzt sich in der politischen Klasse nur langsam durch, obwohl die Abhängigkeiten täglich wachsen.
Microsoft Office 365 prägt die Kommunikation in deutschen Behörden. Amazon Web Services hostet kritische Verwaltungsdaten. Google und Facebook dominieren die öffentliche Meinungsbildung.
Diese Abhängigkeiten sind nicht das Ergebnis bewusster politischer Entscheidungen, sondern entstanden durch tausende einzelne Beschaffungsentscheidungen, die niemand in ihrer Gesamtwirkung betrachtet hat. Eine vom Innenministerium beauftragte Studie kommt zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Microsoft Office 365 in der Standardkonfiguration nicht konform zur Datenschutzgrundverordnung betrieben werden kann. Dennoch nutzen geschätzt über 80 Prozent der deutschen Behörden diese Software.
Der Grund ist einfach: Es gibt keine praktikablen Alternativen, die den gewohnten Komfort bieten.
### Die amerikanische Herausforderung
Die Vereinigten Staaten betrachten ihre technologische Dominanz bewusst als geostrategischen Vorteil. Der [CLOUD Act](https://de.wikipedia.org/wiki/CLOUD%5FAct?ref=patrick-pehl.de) ermöglicht amerikanischen Behörden den Zugriff auf Daten amerikanischer Unternehmen, auch auf europäischen Servern. Exportkontrollen für Halbleiter und Software zeigen, dass Technologie als Machtinstrument verstanden wird.
Deutsche Behörden, die amerikanische Clouddienste nutzen, unterliegen amerikanischer Jurisdiktion. Wenn politische Spannungen entstehen, können technologische Abhängigkeiten zu Druckmitteln werden. Die Androhung, Huawei von Android-Updates auszuschließen, zeigt die Macht solcher Hebel.
Amazon Web Services kontrolliert einen erheblichen Teil der Internet-Infrastruktur. Viele europäische Cloudanbieter nutzen AWS als technische Basis, ohne dies transparent zu machen. Kunden glauben, europäische Lösungen zu nutzen. Sind aber von amerikanischer Infrastruktur abhängig.
### Europas Antwort: Sechs Säulen der digitalen Selbstbehauptung
Deutschland und Europa haben die Herausforderung erkannt und erste Gegenmaßnahmen eingeleitet. [GAIA-X, die europäische Cloudinitiative](https://kommunal.de/was-ist-gaia-x-cloud?ref=patrick-pehl.de), soll eine föderierte Dateninfrastruktur schaffen, die europäischen Werten verpflichtet ist. Das Projekt wurde im Oktober 2019 vorgestellt und soll bis Ende 2021 erste praktische Anwendungen zeigen.
Die Föderale IT-Kooperation FITKO soll die digitale Transformation der deutschen Verwaltung koordinieren. Das Onlinezugangsgesetz verpflichtet alle Verwaltungsebenen, bis Ende 2022 ihre Leistungen digital anzubieten. Die deutsche eID-Funktion des Personalausweises bietet theoretisch eine souveräne Alternative zu amerikanischen Login-Diensten.
Doch diese Projekte stehen vor Herausforderungen.
GAIA-X operiert mit einem Jahresbudget von nur 1,5 Millionen Euro. FITKO kämpft mit deutschen Kleinstaaterei-Problemen. Das Onlinezugangsgesetz droht an föderaler Komplexität zu scheitern. Die eID-Funktion nutzen nur sechs Prozent der Bürger.
### Big Data als Einfallstor für Abhängigkeiten
Das Projekt PLM - Produktlebenszyklus-Management - macht **exemplarisch die intrikaten Verflechtungen zwischen externen Beratern und Bundeswehrführung** sichtbar. Zwischen September 2017 und Januar 2018 entwickelte [Accenture mit Timo Nötzel](https://taz.de/Affaere-des-Verteidigungsministeriums/!5597691/?ref=patrick-pehl.de) ein System zur [Datenanalyse für den Transportflieger Airbus A400M](https://www.welt.de/politik/deutschland/article198918307/Berateraffaere-Neue-disziplinarische-Ermittlungen-im-Verteidigungsministerium.html?ref=patrick-pehl.de). Big Data-Analysen sollten Wartungszyklen optimieren und Ausfälle vorhersagen.
Generalleutnant Erhard Bühler, damals Abteilungsleiter Planung, befürwortete das Projekt. Dass Bühler Pate von Nötzels fünf Kindern war, bezeichnete er vor dem Untersuchungsausschuss als irrelevant für die Auftragsvergabe. Accenture erhielt den Zuschlag über einen Rahmenvertrag für IBM-Software, obwohl das Projekt weit darüber hinausging.
**Das PLM-System sollte am A400M erprobt werden - jenem Transportflugzeug, das die deutsche Luftwaffe seit Jahren vor Probleme stellt.** Die Datenauswertung hätte detaillierte Einblicke in Leistungsfähigkeit und Schwachstellen eines der wichtigsten Waffensysteme ermöglicht. Dass diese sensiblen Informationen von einer amerikanischen Beratungsfirma verarbeitet wurden, zeigt die Dimension des Souveränitätsproblems.
Der Bundesrechnungshof stellte fest: Die Vergabe war rechtswidrig. Das PLM-Projekt wurde gestoppt, die finale Rechnung über drei Millionen Euro blieb unbezahlt.
### Identitätsmanagement als Kern staatlicher Autorität
Die Kontrolle über digitale Identitäten ist ein Kernmerkmal staatlicher Souveränität. Wer entscheidet, wer sich wie ausweist, übt hoheitliche Gewalt aus. Wenn diese Funktion an private Unternehmen delegiert wird, entstehen neue Formen der Abhängigkeit.
Das deutsche eID-System implementiert ein ausgeklügeltes System abgestufter Zugriffe. Polizisten können bei Verkehrskontrollen nur die Daten abrufen, die sie benötigen. Bei komplexeren Ermittlungen stehen erweiterte Zugriffsmöglichkeiten zur Verfügung. Dieses System gewährleistet sowohl Funktionalität als auch Datenschutz.
Souveränität ohne Akzeptanz ist wertlos.
Die Bürger wählen die bequemen Login-Optionen von Google und Facebook, weil diese einfacher zu nutzen sind. Der Staat kann seine Bürger nicht zu souveränen Lösungen zwingen, aber er kann sie attraktiver gestalten. Dazu gehört vor allem, dass souveräne Systeme mindestens so benutzerfreundlich sind wie die Alternativen.
### Procurement als Politikinstrument
Öffentliche Beschaffung wird zunehmend als Instrument der Digitalpolitik erkannt. Der Staat als größter Auftraggeber kann durch seine Nachfrage Märkte prägen und Standards setzen. Doch das Vergaberecht ist darauf nicht vorbereitet.
Das Gebot der Wirtschaftlichkeit verlangt die Auswahl des günstigsten Angebots. Souveränitätsüberlegungen lassen sich schwer in Euro und Cent bewerten. Wie bewertet man das Risiko politischer Einflussnahme? Diese Fragen sind rechtlich ungeklärt.
Fachveranstaltungen dokumentieren wachsendes Bewusstsein für diese Probleme. Zwischen Erkenntnis und Umsetzung klafft eine Lücke. Beschaffer sind oft überfordert mit der Komplexität technologischer Entscheidungen.
### Koordinationsproblem zwischen den Bestellern
Deutsche Digitalpolitik leidet unter strukturellem Koordinationsmangel. Zuständigkeiten sind zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt, zwischen verschiedenen Ressorts fragmentiert. Jede Ebene optimiert für sich.
Der IT-Planungsrat soll diese Koordination leisten, doch seine Kompetenzen sind begrenzt. Er kann Standards empfehlen, aber nicht durchsetzen. Verbindliche Entscheidungen erfordern Einstimmigkeit zwischen 16 Ländern.
Die Föderale IT-Kooperation ist ein Versuch, diese Schwächen zu überwinden.
Von 40 genehmigten Stellen sind erst 30 besetzt. Deutsche Kleinstaaterei zeigt sich nirgendwo deutlicher als in der Informationstechnik.
### Bürgersouveränität in der Digitalgesellschaft
Digitale Souveränität muss auch die Rechte der Bürger umfassen. Diese stehen vor einem Dilemma: Die souveränsten Lösungen sind oft nicht die benutzerfreundlichsten.
WhatsApp dominiert die private Kommunikation, obwohl datenschutzfreundliche Alternativen verfügbar sind. Google und Facebook prägen die Meinungsbildung, obwohl ihre Geschäftsmodelle auf umfassender Datensammlung beruhen.
**Der Staat kann seine Bürger nicht zu digitaler Mündigkeit zwingen, aber er kann die Voraussetzungen dafür schaffen.**
Digitale Bildung muss kritisches Verständnis vermitteln. Souveräne Alternativen müssen gefördert werden. Transparenz über Datensammlung muss durchgesetzt werden.
### Methodik souveräner Digitalpolitik
Digitalpolitische Entscheidungen werden häufig ohne angemessene Technikfolgenabschätzung getroffen. [Die Berateraffäre zeigt, wohin das führt.](https://www.n-tv.de/politik/Mail-mit-Zwinkersmiley-article21017456.html?ref=patrick-pehl.de) Langfristige Auswirkungen auf Souveränität, Sicherheit und demokratische Kontrolle werden nicht systematisch analysiert.
https://pca.st/g21eh905
Jede bedeutende technologische Entscheidung sollte einer Souveränitätsprüfung unterzogen werden. Welche Abhängigkeiten entstehen? Welche Risiken sind damit verbunden? Welche Alternativen gibt es?
Diese Bewertung darf nicht nur von Technikern vorgenommen werden, sondern muss interdisziplinär erfolgen. Absolute digitale Souveränität ist weder möglich noch wünschenswert. Ein pragmatischer Ansatz erkennt an, dass verschiedene Anwendungsbereiche unterschiedliche Souveränitätsanforderungen haben. Für kritische Infrastrukturen und hoheitliche Aufgaben sollten souveräne Lösungen obligatorisch sein. Bei Verbraucheranwendungen kann den Bürgern die Wahl gelassen werden.
### Kosten durch Abhängigkeit
Die Kosten digitaler Souveränität sind hoch und sichtbar. Die Kosten fehlender Souveränität sind höher, aber versteckt.
Der Kompetenzdrain aus dem öffentlichen Sektor schwächt die staatliche Handlungsfähigkeit kontinuierlich. Die besten Informatiker gehen zu Google, nicht zum Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.
Lock-in-Effekte entstehen schleichend. Proprietäre Datenformate erschweren den Wechsel zu alternativen Anbietern. Teams spezialisieren sich auf bestimmte Technologien. Grundlegende Systemarchitekturen prägen alle nachfolgenden Entscheidungen.
### Europas digitale Zukunft
Europa kann weder mit amerikanischer Innovationskraft noch mit chinesischer Staatsmacht konkurrieren. Sein Wettbewerbsvorteil liegt in der Glaubwürdigkeit seiner Werte.
Die Datenschutzgrundverordnung zeigt, wie europäische Standards global wirken können. GAIA-X repräsentiert den ehrgeizigsten Versuch, europäische Digitalautonomie zu schaffen. Das Projekt muss eine Balance finden zwischen Inklusivität und Exklusivität. Amerikanische und chinesische Anbieter sollen einbezogen werden, wenn sie europäische Standards einhalten.
Die ersten praktischen Anwendungen sind für Ende 2021 angekündigt. Ein ehrgeiziger Zeitplan.
### Digitalräson
**Die Zeit für halbherzige Maßnahmen ist abgelaufen.** Deutschland und Europa stehen vor der Wahl zwischen digitaler Souveränität und digitaler Kolonisierung. [Die Berateraffäre hat gezeigt, wohin es führt,](https://www.capital.de/wirtschaft-politik/was-von-der-berateraffaere-bleibt?ref=patrick-pehl.de) wenn der Staat seine digitalen Kompetenzen preisgibt.
Digitale Souveränität ist keine Frage des technologischen Nationalismus, sondern eine Überlebensfrage der Demokratie. Ein Staat, der seine digitalen Systeme nicht kontrolliert, ist nicht souverän. Eine Gesellschaft, die nicht über ihre digitalen Infrastrukturen verfügt, ist nicht frei.
Die nötigen Projekte sind angelaufen, aber sie brauchen politische Unterstützung, finanzielle Ressourcen und gesellschaftlichen Rückhalt. GAIA-X, die Föderale IT-Kooperation und die anderen Initiativen dürfen nicht an deutscher Kleinstaaterei, europäischer Unentschlossenheit oder mangelnder Finanzierung scheitern.
**Deutschland muss digitale Souveränität zur Staatsräson erklären.** Das bedeutet, kurzfristige Nachteile für langfristige Vorteile in Kauf zu nehmen. Es bedeutet, in eigene Kompetenzen zu investieren statt nur externe einzukaufen. Es bedeutet, europäische Kooperation zu vertiefen und demokratische Kontrolle zu stärken.
Die Alternative ist eine Zukunft digitaler Abhängigkeit, in der demokratische Selbstbestimmung zur Farce wird. Diese Zukunft hat bereits begonnen. Es ist höchste Zeit, sie zu verhindern.
Dieser Text wurde 2020 für Verwaltung der Zukunft verfasst.
### Jetzt regiert das „Wir“: Geschlossenheit in der Regierung Merz
URL: https://patrick-pehl.de/jetzt-regiert-das-wir-die-geschlossenheit-in-der-regierung-merz/
Last updated: 2026-06-14T11:39:15.000Z
**Der Weltsaal des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt in Berlin hat schon viele denkwürdige Auftritte erlebt. Doch was sich am Dienstag beim 11\. Außenwirtschaftstag der Agrar- und Ernährungswirtschaft abspielte, war bemerkenswert: Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) agierten mit einer Geschlossenheit, die nach vier Jahren Ampel-Chaos fast schon irritiert.**
Nur einen Monat nach Friedrich Merz' schwieriger Kanzlerwahl zeigten beide Minister eine Kohärenz in ihren Aussagen, die ziemlich frappierend ist. „Politik aus einem Guss“ war nicht nur ein Schlagwort in den letzten Tagen – es war das Programm. Wadephuls Verständnis des neueren Begriffs *Geoökonomie* und Rainers Exportstrategie verzahnten sich ziemlich gut. Vom [Zollstreit mit den USA über Handelsabkommen mit Indien und Thailand](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/handelskrieg-mit-usa-zollkrieg-bedroht-deutschlands-wichtigsten-agrar-exportmarkt-nach-der-eu-151356?ref=patrick-pehl.de) bis zur Ukraine-Unterstützung findet sich kein Widerspruch und auch keine Relativierung. Der verzahnte Ansatz alles mit eigenen Interessen zu betrachten ist nicht neu, aber zeigt einen Dominanzanspruch, der vielen in Deutschland und Europa gefallen dürfte.
## Kontrast zum Ampel-Chaos
Wer die vergangenen Jahre verfolgt hat, reibt sich vermutlich die Augen, denn in der 20\. Legislaturperiode unter Bundeskanzler a. D. Olaf Scholz (SPD) prägten öffentliche Querelen das Bild – selbst zwischen Ministern mit gleichem Parteibuch gab es Stress. Wenngleich dieses Bild des inneren Gegeneinander vor allem Minister mit Grünen-Parteibuch prägten. Erinnerungen werden wach an den Agrardieseleklat im Winter 2023/2024, als Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Rückvergütung für Landwirte einfach mit dem Finanzminister Christian Lindner (FDP) „ausdealte“, während Cem Özdemir (Grüne) als Landwirtschaftsminister hilflos zusehen musste. Es war ein Faux-Pas, der sich zu einem Protestteppich ausbreitete. Oder ein anderes Beispiel ist die [Debatte um die Bejagung des Wolfes](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/wolf-mehr-woelfe-abschiessen-artenschutz-sichern-109263?ref=patrick-pehl.de): Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) wollte „das Säugetier, das auch Schmerz und Leid empfindet“ weiter stark schützen, während Özdemir den Abschuss freigeben musste – ein Hin und Her innerhalb der grünen Familie.
Nichts davon war am Dienstag im Weltsaal zu spüren. Die rund 1000 Teilnehmer erlebten zwei Minister, die sich ergänzten statt blockierten. In den Flurgesprächen vor den Ministersälen war Zufriedenheit über die „auffällig einheitlichen Positionen“ zu vernehmen.
## Kohärenz durch Kompetenz
Diese Geschlossenheit ist kein Zufall, sondern intrikat mit den persönlichen Kompetenzen verwoben. Wadephul und Rainer kennen sich seit Jahren aus dem Bundestag – der eine seit 2009, der andere seit 2013 dabei. Rainers Zeit als Vorsitzender des Finanzausschusses und sein breites Kontaktnetzwerk zahlen sich aus. Vor allem aber bringt der „schwarze Metzger“, wie ihn Markus Söder nennt, praktische Kompetenz mit: Als gelernter Metzgermeister mit eigenem Betrieb und früherer Landwirtschaft versteht er die gesamte Wertschöpfungskette vom Stall bis zum Teller.
Einen Tag später beim Deutschen Raiffeisentag in Berlin zeigte sich die Verlässlichkeit dieser neuen Politik. Rainer verwendete dieselben Begriffe, dieselben Prioritäten: „Politik aus einem Guss“, das „Wir“ im Bezug auf die Landwirte, die Erschließung neuer Handelsabkommen jenseits der USA. Die Deckungsgleichheit seiner Aussagen war beeindruckend. Auch wenn Alois Rainer noch von der eher vertrauten *Geopolitik* sprach, die schon Peter Scholl-Latour immer bemühte, so meinte er wohl eigentlich das was mit *Geoökonomie* gemeint ist.
## Paradigmenwechsel von Ideologie zu Pragmatismus
Was sich hier manifestiert, ist mehr als taktische Abstimmung. Es ist die Umsetzung einer klaren Opposition slinie: Die CDU/CSU unter Albert Stegemann hatte in der Agrarpolitik eine konsistente Haltung entwickelt – jetzt wird sie eins zu eins umgesetzt. Nationale Alleingänge bei EU-Richtlinien? Vorbei. Bürokratie-Aufbau? Rückbau ist angesagt. Tierhaltung im Ausland? Deutsche Wertschöpfung soll im Land bleiben.
> Auf diesem Spielfeld der Geoökonomie wird man nur ernst genommen, wenn man als Mannschaft gut aufgestellt ist.**Johannes Wadephul**
Der Kontrast zur ideologiegetriebenen Ampel-Politik könnte größer nicht sein. Wo früher Umwelt gegen Landwirtschaft, Klimaschutz gegen Wirtschaft ausgespielt wurde, herrscht nun berechnender Pragmatismus. Diese neue Kohärenz ist geradezu deviant zur bisherigen politischen Praxis – im positiven Sinne. Wadephul formulierte den Gestaltungsanspruch unverblümt: „Jedes einzelne Abkommen bietet uns die Chance, das Regelwerk des Welthandels zu formen.“ Deutsche Interessen sollen künftig die globale Wirtschaftsordnung mitprägen. Rainer kündigte eine eigene Stabsstelle für [Bürokratieabbau](https://patrick-pehl.de/buerokratie-nationaler-normenkontrollrat-dorothea-stoerr-ritter/) an, Wadephul mobilisiert 200 Botschaften für die Wirtschaftsförderung. Das ist Politik als Handwerk, nicht als Weltanschauung.
## Merz als stiller Dirigent?
Friedrich Merz scheint seine Minister bewusst agieren zu lassen. Der Kanzler, der mit 69 Jahren wenig Zeit hat, sich als Staatsmann zu profilieren, konzentriert sich offenbar auf Außenpolitik und große Deals. Die Innenpolitik überlässt er Fachleuten wie Rainer, die ihre Ressorts aus eigener Kompetenz heraus führen können.
Diese Arbeitsteilung zahlt sich aus. In der Agrarpolitik geht es um vergleichsweise überschaubare Summen – ein paar Milliarden, als „sicherheitspolitisch vernetzt“ vermarktet, lassen sich gut an die Bauern vermitteln. Zumal die Positionen perfekt zu anderen Zielen wie dem Bürokratieabbau passen.
## Signal für eine neue Ära
Was im Weltsaal des Auswärtigen Amtes geschah, war [mehr als ein gelungener Außenwirtschaftstag](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/landwirtschaftlicher-aussenwirtschaft-wadephul-setzt-auf-geooekonomie-deutschlands-neue-politik-aus-einem-guss-151350?ref=patrick-pehl.de). Es war das Signal für eine neue politische Kultur: Kompetenz statt Krawall, Kohärenz statt Chaos. Nach vier Jahren, in denen Regieren oft wie organisierte Unverantwortlichkeit wirkte, kehrt die Erkenntnis zurück, dass Politik funktionieren kann – wenn sie von Menschen gemacht wird, die ihr Handwerk verstehen.
Die Landwirtschaft, lange Spielball ideologischer Grabenkämpfe, profitiert als erste von diesem Wandel. Sie bekommt Minister, die wissen, wovon sie reden – und die an einem Strang ziehen. Das ist nach den Ampel-Jahren schon ein kleines Wunder.
### ZDF-Hofbericht: „Inside CDU“
URL: https://patrick-pehl.de/inside-cdu-im-zdf-hofbericht-statt-dokumentation-medienkritik-medien/
Last updated: 2026-06-14T11:39:14.000Z
**Das ZDF bewirbt seine Dokumentarserie als exklusiven Einblick in die CDU. Tatsächlich zeigt „Inside CDU" jedoch, wie öffentlich-rechtlicher Rundfunk zur Imagepflege einer Partei wird – und dabei seinen kritischen Auftrag verfehlt.**
Das ZDF bewirbt seine [fünfteilige Dokumentarserie „Inside CDU“](https://www.zdf.de/dokus/inside-cdu-102?ref=patrick-pehl.de) als exklusiven Einblick in „einen der außergewöhnlichsten Wahlkämpfe der vergangenen Jahrzehnte“. Was die Zuschauer jedoch zu sehen bekommen, ist weniger eine kritische Dokumentation des politischen Prozesses als vielmehr eine aufwendig produzierte Imagekampagne, die die Grenzen zwischen Journalismus und Public Relations bis zur Unkenntlichkeit verwischt.
Das Keyvisual der Serie verrät mehr über ihre Intention als jeder Pressetext. Düster-dramatische Farben, mystischer Nebel und eine Personenkomposition, die eher an ein Krimi-Drama erinnert als an eine sachliche Politikdokumentation. Die visuelle Sprache orientiert sich unverkennbar an Serien wie „House of Cards“ – Fiktion und abzubildende Realität verschwimmen zu einem ästhetisierten Politainment-Produkt.
Diese Inszenierungsstrategie durchzieht die gesamte Serie. CDU-Politiker Thorsten Frei joggt vor sechs Uhr morgens durch Berlin, vorbei an den Symbolen der Hauptstadt und begleitet von Sicherheitspersonal. Das ist keine authentische Dokumentation eines Tagesablaufs. Das ist kalkulierte Imagearbeit. Die Kamera wird zum Komplizen bei der Konstruktion heroischer Narrative: Der läuternde Politiker, die kämpferische junge Abgeordnete, der mächtige Strippenzieher im Hintergrund. Eine intrikate Choreografie der Macht.
## Embedded Journalism als Methode der Unkritik
Das zentrale Problem von *Inside CDU* liegt in der vollständigen Aufgabe journalistischer Distanz. Die Filmemacher Steffen Haug und Denise Jacobs haben sich so tief in die Strukturen der CDU einbetten lassen, dass sie zu Chronisten statt zu Analytikern wurden. Vertrauliche Strategiemeetings, Morgenbriefings auf höchster Ebene, interne Gespräche – all das wird gezeigt. Aber welchen Preis die Partei für diese Transparenz gefordert hat, bleibt im Dunkeln.

Inside CDU - Philipp Amthor dreht einen Wahlwerbeclip in der Bibliothek des Konrad-Adenauer-Hauses (KAH)
Diese Art des „Embedded Journalism“ produziert eine gefährliche Scheinauthenthizität. Politische Prozesse, die normalerweise hinter verschlossenen Türen stattfinden, werden plötzlich öffentlich. Aber eben nicht ungefiltert, sondern strategisch kuratiert. Was als Transparenz verkauft wird, ist in Wahrheit eine neue Form der Intransparenz: Die Illusion des Einblicks verschleiert, dass wesentliche Entscheidungsprozesse nach wie vor im Verborgenen bleiben.
## Politik als Business-Entertainment
Die Serie vermittelt ein verheerendes Bild von Politik als reinem Geschäftsbetrieb. Karrierestrategien dominieren über Sachpolitik. Persönliche Wiederwahl über gesellschaftliche Gestaltung. Machterhalt über demokratische Verantwortung.
Catarina dos Santos wird primär als ambitionierte Aufsteigerin porträtiert, die um ihr Aachener Direktmandat kämpft – von den konkreten Problemen ihrer Wähler erfahren wir praktisch nichts. Ihre Fürsorge fürs Wahlkampfteam wird in inszenierten Szenen mit Pizzalieferungen dokumentiert, während die tatsächlichen Herausforderungen ihres Wahlkreises ausgeblendet bleiben.
Friedrich Merz (CDU), der einen [Kulturkampf für seine Kanzlerschaft in der CDU geführt](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu/) hat, erscheint als patriarchale Führerfigur, dessen politische Niederlagen der Vergangenheit systematisch ausgeblendet werden. Das Scheitern gegen Angela Merkel, die kommunikativen Pannen, die mehreren Anläufe für den CDU-Vorsitz — alles getilgt. Stattdessen wird das Narrativ des geläuterten Politikers bedient. Eine[ bemerkenswerte Form der Devianz](https://open.substack.com/pub/patrickpehl/p/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit?r=4jmcy1&utm%5Fcampaign=post&utm%5Fmedium=web&showWelcomeOnShare=true&ref=patrick-pehl.de), die Merz' tatsächliche Biografie zugunsten einer heroischen Erzählung verwirft.
Carsten Linnemann wird als strategischer Mastermind inszeniert, dessen intrikate Planungen den Wahlsieg herbeiführen. Die mühsame Realität politischer Arbeit weicht einem glamourösen Bild von Macht und Einfluss.

ZDF Inside CDU - Friedrich Merz gewinnt Wahlkreis, den Hochsauerlandkreis.
## Außerhalb des Kamerablicks bleibt wenig
Besonders problematisch ist, was die Serie nicht zeigt. Die prekäre Situation von Arbeitnehmern kommt allenfalls am Rande vor. Fragen des Mindestlohns, des Rentenniveaus oder der Wohnraumknappheit? Fehlanzeige. Stattdessen konzentriert sich die Dokumentation auf die ewigen Scheinkonflikte um Migration und Sicherheit – Themen, die zwar medial dankbar sind, aber die eigentlichen gesellschaftlichen Herausforderungen überlagern.
Die tatsächliche Gremienarbeit bleibt vollständig ausgeblendet. Ausschusssitzungen? Lobbyistentermine? Was als Politik präsentiert wird, ist ein oberflächliches Wahlkampfauftrittspektakel und Strategiebesprechungen. Die mühsame Kleinarbeit der Demokratie findet in dieser glitzernden Politikwelt nicht statt. Die Kompromissfindung in den Fachausschüssen, die zähen Verhandlungen um Gesetzesdetails — unsichtbar.
Einen Kontrapunkt zu dieser Inszenierung lieferte bezeichnenderweise die *heute-show*: [In einem Beitrag über SPD-Kanzlerkandidatin Claudia Moll](https://www.youtube.com/watch?v=J1Di8MVNWQc&ref=patrick-pehl.de) zeigte Fabian Köster, wie authentische Bürgernähe aussehen kann. Fernab von strategischen Inszenierungen.
## Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ÖRR
Für das ZDF als öffentlich-rechtliche Anstalt ist „Inside CDU" ein bedenkliches Signal. Statt den Bildungsauftrag zu erfüllen und politische Prozesse kritisch zu beleuchten, wird hier gehobenes Politainment produziert. Demokratische Strukturen werden als Unterhaltungsformat vermarktet. Die Milliardenbudgets des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden eingesetzt, um Politiker bei der Imagepflege zu unterstützen.
Eine fragwürdige Verwendung von Gebührengeldern.
Besonders problematisch ist dabei die Wechselwirkung zwischen [Hauptstadtjournalismus](https://patrick-pehl.de/hauptstadt-journalismus-in-der-zwickm-hle-zwischen-anspruch-und-eitelkeit/) und Hauptstadtpolitik. Journalisten, die ohnehin in engem Kontakt zu ihren Berichtsobjekten stehen, begleiten diese nun auch noch in deren privatesten Momenten. Die letzte kritische Distanz verschwindet. Das Ergebnis ist eine Form der Hofberichterstattung, die demokratietheoretisch bedenklich ist.
## Demokratiepädagogisch
Junge Zuschauer lernen aus *Inside CDU*, dass Politik ein Geschäft wie jedes andere ist. Ein Karrieresprungbrett für Ehrgeizige, die sich in den Berliner Machtzirkeln nach oben arbeiten. Diese Darstellung verstärkt nicht nur politische Apathie, sondern vermittelt auch ein fundamental falsches Verständnis demokratischer Partizipation.
Politik wird zur Bühne für Einzelkämpfer. Nicht zur kollektiven Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft. Die Serie bedient damit jene Entfremdung zwischen Politik und Bürgern, die sie eigentlich überwinden könnte. Statt zu zeigen, wie politische Entscheidungen das Leben konkreter Menschen beeinflussen, zelebriert sie die Selbstbezüglichkeit eines politischen Systems, das sich primär um sich selbst dreht.
## Verpasste Chance
*Inside CDU* hätte die Chance geboten, die Mechanismen politischer Macht transparent zu machen und dabei kritische Fragen zu stellen: Wessen Interessen werden vertreten? Wie entstehen politische Entscheidungen wirklich? Welche Rolle spielen Lobbyisten und wirtschaftliche Interessen?
Stattdessen liefert das ZDF eine aufwendig produzierte Werbesendung für eine Partei, die sich gerade anschickt, die Regierung zu übernehmen.
Das Vertrauen in demokratische Institutionen schwindet, populistische Bewegungen punkten mit einfachen Antworten – und ausgerechnet jetzt wäre kritischer Journalismus wichtiger denn je. Die Dokuserie zeigt stattdessen, wie sich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk der Logik der Aufmerksamkeitsökonomie unterwirft und dabei seinen gesellschaftlichen Auftrag verfehlt. Das ist nicht nur medienjournalistisch bedenklich. Es ist ein Symptom für den Zustand des Landes und des Staates.
### Liliom: Ein Gauner im Fegefeuer
URL: https://patrick-pehl.de/liliom-ein-gauner-im-fegefeuer-berliner-ensemble-kolumne/
Last updated: 2026-07-01T09:01:54.000Z
**Ferenc Molnárs „Liliom“ am Berliner Ensemble berührt das Herz und wirft zugleich gewichtige Fragen auf.**
Manchmal sitzt man im Theater und denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Ein Karussell-Ausrufer aus Budapest, geboren Ende der 1880er, gestorben 1909, rührt einen zu Tränen. Liliom heißt er, ein Gauner mit großen Augen und noch größeren Träumen. [Christina Tscharyiskis Inszenierung am Berliner Ensemble](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/liliom?ref=patrick-pehl.de) macht aus Ferenc Molnárs Vorstadtlegende einen Abend, der unter die Haut geht.
Dabei fängt alles harmlos an. Rosa Licht taucht das Neue Haus am Schiffbauerdamm in Zuckerwatte-Atmosphäre, während Kyrre Kvam live musiziert und gleichzeitig eine rätselhafte Figur namens *Linzmann* spielt. Eine ausführlichere Betrachtung der metaphysischen [Dimensionen dieses Stücks findet sich an anderer Stelle](https://patrick-pehl.de/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/) – doch schon in den ersten Minuten wird klar: Hier geht es um mehr als Rummelplatz-Romantik.
## Rosa Träume, harte Realität
Liliom verliert seinen Job. Für ein Mädchen namens Julie, 18 Jahre alt, schwanger nach zwei Monaten Liebe. Jannik Mühlenweg spielt ihn als zerrissenen Mann zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, [Lili Epply verkörpert eine Julie](https://www.berliner-ensemble.de/lili-epply?ref=patrick-pehl.de), die mehr versteht als sie sagt.
> Die Zahl sechzehn zieht sich durchs Stück.
Der rote Faden: Ein Habenichts mit seesackgroßer Tasche voller Nichts will für sein ungeborenes Kind sorgen. Endre Závoczki heißt er mit bürgerlichem Namen, „mütterlicherseits“, wie er betont. Ein Bastard also, aufgewachsen ohne jemanden, der ihm zeigt, wie man anständig lebt. Dies ist ein Detail, welches so nicht in der 1970er-Jahre-Fassung bekannt ist, sich in der Betrachtung des Habenichts im Theaterstoff aber zu einem großen Ding herausstellt.
## Sechzehntausend Kronen und ein Selbstmördergericht
Was macht so einer? Er lässt sich von Stutzer überreden. Der hatte längst geplant, den Kassierer Linzmann zu überfallen – jenen Juden, der wöchentlich die Löhne der nahen Lederfabrik an die Arbeiter auszahlt. 16.000 Kronen führt er bei sich, hatte Stutzer ausgekundschaftet. Eine Summe, die sechs Monate vergraben werden muss, dann weitere sechs Monate Wartezeit. Das Kind aber kommt früher.

Liliom lässt sich vom Stutzer überreden © BE/Jörg Brüggemann
Doch der Raub geht schief. Linzmann ist erfahren, wo Liliom zögert – er bietet dem Küchenmesser, das Liliom zögernd mitgebracht hatte, eine geladene Pistole auf. Zudem lief er mit leeren Taschen nach Hause, hatte das Geld bereits ausgezahlt. Liliom ersticht sich, um der Schmach zu entgehen.
Und hier wird Molnárs katholische Seele sichtbar: Kein höllisches Tribunal erwartet den Selbstmörder, sondern ein »Selbstmördergericht« voller Verständnis. 16 Jahre Fegefeuer – jener Läuterungsort zwischen Erde und Himmel – als Chance, nicht als Strafe. Die Zahl 16 durchzieht das Stück: Luisa wird 16 bei Lilioms Rückkehr, selbst die Straßenbahnfahrt kostet acht Kreuzer hin und acht zurück.
[Metaphysik am Rummelplatz: Molnárs „Liliom“ am Berliner Ensemble 2024Wie viel Erlösung steckt in einem Gewalttäter? Die neue Liliom-Inszenierung am Berliner Ensemble erkundet metaphysische Räume zwischen Jahrmarkt und Jenseits. Eine Kritik zur Premiere – mit Fokus auf Schuld, Reue und Terézia Moras Neuübersetzung.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/)
## Liebe stärker als der Tod
Hans Fründts Lichtkonzept macht den Übergang sichtbar: Rosa weicht grüner Hoffnung, wenn Liliom nach 16 Jahren zu seiner Tochter zurückkehrt. Julie hat ihn verklärt, Louisa Beck spielt die Tochter als selbstbewusstes Mädchen, das vom Vater nur Gutes gehört hat.
Dann geschieht das Wunder: Liliom schlägt seine Tochter – und sie spürt keinen Schmerz. „Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt und es einem nicht weh tut?“, fragt sie ihre Mutter. „Ja, mein Kind. Das ist mir schon einmal passiert.“
Liebe wird zur metaphysischen Kraft, die Gewalt in Zärtlichkeit verwandelt.
## Österreichische Seelen im märkischen Sand
Terézia Moras Neuübersetzung holt das Stück ins zeitgemäße Hochdeutsche zurück. „Ficsúr“ wird wieder zu „Stutzer“ – Oliver Kraushaar verkörpert diese Figur mit gefährlicher Eleganz. Hugo erhält seinen Originalnamen zurück, weil, so die Übersetzerin: „Ein wunderbarer Name für eine Figur, die einen Füllfederhalter ›Selbstfüllfeder‹ nennt.“
Joyce Sanhá und Adrian Grünewald zeigen als Marie und Hugo den Gegenentwurf: Wie es geht, wenn man sich zusammenreißt, spießig-glücklich wird, fünf Kinder bekommt.
Dass in Zeiten von [Senator Chiallos Sparmaßnahmen](https://patrick-pehl.de/mein-kleiner-widerstand-gegen-berlins-kulturvernichtung-cdu-kai-wegners-kuerzungen/) noch solche Produktionen entstehen, grenzt selbst an ein Wunder. 110 pausenlose Minuten, die beweisen: Theater kann berühren, wenn es Ernst macht mit den großen Fragen nach Schuld und Vergebung.
Man geht nach Hause und denkt: Vielleicht gibt es sie doch, die zweite Chance. Für Gauner, für Habenichtse. Für uns alle.
### Kritik zu Ferenc Molnárs „Liliom“ am Berliner Ensemble
URL: https://patrick-pehl.de/kritik-zu-liliom-von-ferenc-molnar-berliner-ensemble-2024/
Last updated: 2026-06-20T16:37:01.000Z
**Kann ein Gewalttäter erlöst werden? Ferenc Molnárs „Liliom“ stellt diese existenzielle Frage mit katholischer Metaphysik und Rummelplatz-Romantik. Christina Tscharyiskis Inszenierung am Berliner Ensemble verwandelt das Jenseits in rosa Pastelltöne und macht aus Kyrre Kvam einen modernen Charon. Ein Stück über zweite Chancen in Zeiten, wo** [**Berliner Theater um ihre Existenz bangen müssen**](https://patrick-pehl.de/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/)**.**
Ferenc [Molnárs *Liliom* kehrt zurück nach Berlin](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/liliom?ref=patrick-pehl.de), ein Jahrhundert nach dem Berthold Brecht das Theater hier revolutionierte. Im Neuen Haus des Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm verwandelt Regisseurin Christina Tscharyiski die ungarische Vorstadtlegende von 1909 in eine intensive Betrachtung über Schuld, Vergebung und die Möglichkeit menschlicher Wandlung. [Jannik Mühlenweg](https://www.walchermanagement.de/schauspieler/jannik-m%C3%BChlenweg/?ref=patrick-pehl.de), der den namensgebenden Liliom darbietet, ist ihr hier durch Wandelbarkeit und Rohheit im Spiel ein hilfreiches Werkzeug.
Die 110-minütige pausenlose Aufführung, die am 5\. Dezember 2024 Premiere feierte, entstammt einer Epoche des Friedens – 37 Jahre waren seit der deutschen Reichsgründung 1871/72 vergangen, Wien war diplomatisches Weltzentrum der Donaumonarchie. Molnár schreibt aus einer Zeit, die noch nichts ahnt vom Leid, das fünf Jahre später vom Balkan ausgehen wird.
## Anatomie eines Habenichts
Liliom – sein bürgerlicher Name Endre Závoczki kommt erst im Jenseits zur Sprache, „mütterlicherseits“, wie er präzisiert – ist ein Bastard ohne Ordnung. Niemand hat ihm gezeigt, wie man anständig lebt: Pass beantragen, Quittungen sortieren, einen Hausstand führen. Als Frau Muskát ihn rauswirft, steht nur eine seesackgroße Tasche da, die „auch noch immer einfach rum steht“ – sein ganzer Besitz, Symbol einer Heimatlosigkeit, die ihn zum Habenichts macht.
Die 18-jährige Julie, gespielt von der begabten [Österreicherin Lili Epply](https://www.berliner-ensemble.de/lili-epply?ref=patrick-pehl.de), selbst ein Dienstmädchen ohne Sicherheit, verliert für diesen Mann ihre Anstellung. „Seit zwei Monaten sitzt du hier mit ihr“, konstatiert Frau Muskát – eine Beziehung, intensiv wie ein Fiebertraum, die in wenigen Wochen vom ersten Blick zur Schwangerschaft führt. Alleinerziehende Mütter waren zur damaligen Zeit nicht selten, aber problematisch.

Das Selbstmördergericht in von Ferenc Molnárs „Liliom“ in der Fassung von Christina Tscharyiski am Berliner Ensemble © BE / Jörg Brüggemann
Der Zeitdruck wird existentiell: Das Kind kommt in sechs Monaten, die Raubbeute aber braucht sechs Monate vergraben in der Erde und weitere sechs Monate Wartezeit – zwölf Monate insgesamt, zu lang für die nahende Geburt. Stutzer hatte längst den Plan gefasst, den Kassierer Linzmann zu überfallen – jenen Juden, der wöchentlich die Löhne der nahen Lederfabrik an die Arbeiter auszahlt. Die geplante Beute: 16.000 Kronen, eine weitere Sechzehn in Molnárs numerologischem System. Selbst die acht Kreuzer für die Straßenbahn – „acht hin und acht zurück“ – ergeben zusammen 16.
## Gnade des Fegefeuers
Molnárs Drama bewegt sich von Beginn an auf einer religiös-metaphysischen Ebene, die weit über das soziale Milieu hinausweist. Als der Raubüberfall scheitert – Linzmann ist erfahren, bietet dem Küchenmesser, das Liliom zögernd mitgebracht hatte, eine geladene Pistole auf und führt zudem bereits leere Taschen bei sich – ersticht sich Liliom, um der Schmach zu entgehen. Doch es wartet keine ewige Verdammnis, sondern ein *Selbstmördergericht* – Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit selbst für die Verzweifelten.
[Liliom – Ein Gauner im Fegefeuer | Inszenierung Berliner EnsembleFerenc Molnárs Liliom entfaltet in Christina Tscharyiskis Inszenierung am Berliner Ensemble eine berührende Kraft: Ein gescheiterter Gauner, metaphysische Tiefe und ein Theaterabend, der Hoffnung schenkt. Die neue Übersetzung von Terézia Mora bringt das Stück sprachlich ins Heute.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/liliom-ein-gauner-im-fegefeuer-berliner-ensemble-kolumne/)
Die 16 Jahre Fegefeuer, die ihm auferlegt werden, sind nicht Strafe, sondern Läuterung. Das Fegefeuer – jener Zwischenraum zwischen Erde und Himmel, in dem die Seelen von ihren Sünden gereinigt werden – ist die katholische Antwort auf die Frage nach göttlicher Gerechtigkeit. Hier können auch die scheinbar Verlorenen geläutert werden. Verzweiflung wird zum mildernden Umstand: Wer sich das Leben nimmt, muss zutiefst hoffnungslos gewesen sein.
Besonders bemerkenswert ist der Hinweis, dass „der Jude“ nach dem vielleicht misslungenen Überfall nicht zurückkäme – eine subtile Anspielung auf unterschiedliche Jenseitsvorstellungen. Im Judentum gibt es weder Hölle noch Fegefeuer, Seele und Leib sind nach dem Tod zunächst getrennt. Molnárs theologische Bildung zeigt sich in solchen Details.
## Charon am Karussell der Seelen

Marie und Hugo als Gegenentwurf zu Julie und Liliom © BE / Jörg Brüggemann
Kyrre Kvam, der sowohl Linzmann verkörpert als auch live musiziert, fungiert als zentraler Mittler zwischen den Welten. Er ist nicht der verführerische Mephisto, sondern Charon – jener Fährmann der griechischen Mythologie, der die Toten über den Styx ins Jenseits geleitet. Diese Interpretation wird durch seine Funktion bestätigt: Kvam setzt die Drehbühne in Bewegung wie ein Karussell des Schicksals und begleitet alle Übergänge zwischen Diesseits und Jenseits.
Seine omnipräsente Bühnenpräsenz – er beginnt das Stück mit seinem Gesang – macht ihn zum eigentlichen Regisseur des metaphysischen Geschehens. Die Musik oszilliert zwischen Jahrmarktsnostalgie und Schubert'scher Melancholie, schafft Atmosphäre für die Seelenreise.
## Rosa Unschuldsästhetik und grüne Erlösung
Hans Fründts Lichtkonzept ist Dramaturgie in Farbe. Die rosa Grundbeleuchtung evoziert Zuckerwatte und gebrannte Mandeln, während sie gleichzeitigt die Abgründe der Geschichte konterkariert. Diese *rosa Unschuldsästhetik* hebt das brutale Geschehen auf eine parabelhafte Ebene – der Rummel ist nicht unschuldig, doch das Rosa bringt eine verklärende Süße.
Dominique Wiesbauers Bühnenbild verwandelt den Theaterraum in ein surreales Rummelzelt. Die fragmentarischen Karussell-Teile bilden eine „längst morbide Karussell-Landschaft“, der Airbrush-Hintergrund mit dem Frauenabbild hat einen Spalt, durch den die Schauspieler wie durch einen Vorhang verschwinden können.
Besonders eindrucksvoll ist der Farbwechsel zu Grün bei Lilioms Rückkehr nach 16 Jahren Fegefeuer. Die grüne Beleuchtung signalisiert Hoffnung und Neubeginn – visueller Kommentar zur Möglichkeit der Erlösung. Die subtil fahrenden Lichtröhren schaffen eine Atmosphäre zwischen Sakralraum und Vergnügungspark.
## Gericht als barocker Theatertraum
Die Inszenierung des Selbstmördergerichts durch Bühnennebel, verfremdete Stimmen und absurde Masken schafft eine traumähnliche Sequenz. Die vier Richter-Figuren werden durch Masken wieder erkennbar, doch ihre Verfremdung macht sie zu Archetypen göttlicher Gerechtigkeit.
Hier zeigt sich Molnárs theologische Raffinesse: Das Gericht fragt nicht nach Schuld, sondern nach Bereitschaft zur Wandlung. „Haben Sie bereut?“ ist die entscheidende Frage. Die katholische Beichtpraxis wird zur Dramaturgie des Jenseits – nicht die Tat zählt, sondern die Reue.
Wenn Liliom seine wahre Identität preisgeben muss – „Endre Závoczki. Nach meiner Mutter“ – kommt beim göttlichen Gericht alles auf den Tisch, auch das Verborgene. Der uneheliche Sohn trägt den Mutternamen, sozialer Makel einer Zeit, die solche Kinder als „Bastarde“ brandmarkte.
## Marie und Hugo als Gegenentwurf
Das Paar Marie (Joyce Sanhá) und Hugo (Adrian Grünewald) verkörpert den Gegenentwurf zu Liliom und Julie – sie zeigen, wie es gehen kann, wenn man sich zusammenreißt. Hugo, einst Kofferträger, wird Gerichtsdiener, dann Cafébesitzer. Sie leben spießig-glücklich, haben fünf Kinder, siezen sich aus Höflichkeit.
Doch selbst in der Justiz, im Herstellen irdischer Gerechtigkeit herrscht Klassenjustiz, wie Stutzer erklärt: „Für die feinen Leute gibt's den Himmel. Für arme Schlucker wie wir gibt's die Polizei.“ Das Diesseits spiegelt sich im Jenseits – wer mehr zahlt, bekommt schönere Musik.
## Terézia Moras sprachliche Renaissance
Die Neuübersetzung von Terézia Mora, eigens für das [Berliner Ensemble](https://patrick-pehl.de/tag/berliner-ensemble/) angefertigt, ist kulturpolitischer Gewinn. Während Alfred Polgárs berühmte Wiener Fassung das Stück ins Österreichische verlegte, holt Mora es ins zeitgemäße Hochdeutsche zurück. Ihre behutsame Modernisierung bewahrt Molnárs poetische Kraft, korrigiert aber entscheidende Übersetzungsfehler: „Ficsúr“ wird wieder zu „Stutzer“, denn das bedeutet der ungarische Name – und Oliver Kraushaar verkörpert diese Figur mit der nötigen gefährlichen Eleganz. Umgekehrt erhält Hugo seinen ursprünglichen Namen zurück, den Polgár in *Wolf* geändert hatte. „Hugo ist ein wunderbarer Name für eine Figur, die einen Füllfederhalter ‚Selbstfüllfeder' nennt“, begründet Terézia Mora ihre Entscheidung.
Im Originaltext lässt Molnár Liliom am Ende sagen: „Dass ich dich geschlagen habe ... du weißt, dass ich recht hatte ... und du musst dich daran nicht erinnern ... sag: soll doch der Liliom recht haben ... weil mir eh gleich ist, wer recht hat ...“ Diese Passage zeigt psychologische Präzision – Liliom kann bis zuletzt nicht um Vergebung bitten, obwohl er seine Schuld erkennt.
## Sechzehn-Jahre-Symbolik
Die Zahl 16 durchzieht das Stück wie ein numerologisches Leitmotiv: 16 Jahre Fegefeuer, sechzehntausend Kronen Raubbeute, sechzehn Kreuzer für die Straßenbahn, Luisa wird 16 Jahre Alt bei Lilioms Rückkehr. In der christlichen Zahlensymbolik steht die Zahl sechzehn wohl für Vollendung durch Läuterung – vier (irdische Vollkommenheit) mal vier.
## Österreichisches Spiel im märkischen Sand
Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein überwiegend österreichisches Ensemble – Christina Tscharyiski, Lili Epply, Oliver Kraushaar – dieses Alpenflair in den märkischen Streusand bringt. Lili Epply, die an der Wiener Ballettschule begann, erweist sich als Geschenk für Berlin. Ihre Julie ist eine Frau von stiller Stärke.
Wenn Julie am Ende zu ihrer Tochter sagt: „Kann es sein, dass jemand einen so heftig schlägt ... und es einem nicht weh tut?“ und antwortet: „Ja, mein Kind. Das ist mir schon einmal passiert“, wird Liebe zur metaphysischen Kraft, die Schmerz in Zärtlichkeit verwandelt.
## Kulturpolitische Dimension
Dass in Zeiten, da Berlins Senat unter Kai Wegner und der glücklose Senator Joe Chiallo die Theaterlandschaft mit Sparmaßnahmen bedrohen, noch solche Neuproduktionen entstehen, grenzt an ein Wunder. Die Mühe einer eigens angefertigten Übersetzung zeigt, was möglich ist, wenn Theater als kulturelle Aufgabe verstanden wird.
## Empfehlung mit Herz
*Liliom* am Berliner Ensemble ist ein Stück, das Emotionen weckt und Menschen, die sich berühren lassen wollen, packt – alle anderen streichelt es wenigstens im Herzen. Die metaphysische Erlösungsthematik wurde überzeugend getroffen, Bühnenbild, Licht und Dramaturgie haben gemeinsam mit Christina Tscharyiski bedeutende Arbeit geleistet.
Das menschliche Sein bleibt ein Rätsel – aber manchmal, wie in dieser *Liliom*\-Inszenierung, erhalten wir für 110 Minuten das Gefühl, seiner Lösung nahezukommen. Zwischen Fegefeuer und Zuckerwatte, zwischen Schuld und Vergebung entfaltet sich ein Theaterabend, der beweist: Auch nach 16 Jahren – oder 115 Jahren seit der Uraufführung – ist eine zweite Chance möglich.
### Papa Leone - Der Prunk kehrt zurück
URL: https://patrick-pehl.de/papa-leone-der-prunk-kehrt-zurueck/
Last updated: 2026-07-02T11:39:17.000Z
**Während unser Abendessen köchelte, wurde Geschichte geschrieben: Nach nur einem Tag Konklave wählten die Kardinäle Leo XIV. zum Papst. Der erste Amerikaner auf dem Stuhl Petri, ein Augustiner aus Chicago mit Peru-Erfahrung. Passt er zu meiner Vision vom „Prunk-Papst"? Die ersten Zeichen sind vielversprechend.**
Ich musste schmunzeln. Nicht nur, weil ich vor wenigen Tagen noch provokant „PRUNK GESUCHT!“ gefordert hatte. Sondern auch wegen der Geschwindigkeit: Selbst die katholische Kirche, die Institution ohne FOMO, war nach nur einem Tag fertig. Ich [schrieb schnell](https://x.com/derECHTEpehl/status/1920512173937184984?ref=patrick-pehl.de) auf X: „Weißer Rauch. In dieser schnelllebigen Mediengesellschaft braucht selbst das Konklave nur einen Tag. Nicht mal mehr die haben Zeit, um sich Zeit zu nehmen.“
## Chicago meets Rom – Der Löwe ist gelandet
Das Schicksal zeigt Humor: Ein Amerikaner wird Papst – ausgerechnet aus einem Land, das von Protestanten gegründet wurde. Ein Mann aus Chicago, der Stadt, die ich gerne mit „Mafia und Techno Beats" assoziiere. Aber keine Sorge vor puritanischer Arbeitsmoral: Robert Francis Prevost ist Augustiner. Und die Augustiner sind bekannt für Freude und Gemeinschaft, für Dialog und – wie man in Bayern sagen würde: *Zünftigkeit*.
Als ich vor einigen Monaten [durch Berlin schlenderte](https://patrickpehl.substack.com/p/die-unbeholfenen-von-berlin-mitte?ref=patrick-pehl.de), sah ich die Suppenküche der Augustiner. Prunk trifft Punk, dachte ich damals schon. Genau diese Balance hatte ich mir gewünscht: Nach außen die Symbole der Kontinuität, nach innen das Herz für die Gestrandeten.
Während das Abendessen auf unserem Herd vor sich hin köchelte und ich mit meiner Lebensgefährtin auf dem Sofa herumfläzte, explodierten meine Kurznachrichten: „WEISS!" – „das ist doch weiß!" Mein bester Freund überschlug sich förmlich. Habemus Papam! Und dann der Name: Leo XIV. Eine einfache und eindeutige Kommunikation hat mir die Nachricht überbracht: Rauch aus einem Blechrohr, im Anschluss das Geläut der örtlichen Kirche St. Pius in Friedrichshain und dann ein Telefonat mit dem hochwürdigen Herrn Pfarrer.
> Rauch aus einem Blechrohr, im Anschluss das Geläut der örtlichen Kirche St. Pius in Friedrichshain und dann ein Telefonat mit dem hochwürdigen Herrn Pfarrer.
Leo! Meine Gaming-Vergangenheit holte mich ein – ausgerechnet „Leone“ hatte ich mich einst in GTA RP genannt. Aber wichtiger: Leo XIV. knüpft an Leo XIII. an, den Papst der Moderne. Der Mann, der mit „Rerum Novarum“ die Soziallehre begründete – der Prunk und Fortschritt versöhnte, der die roten Schuhe trug und trotzdem die Arbeiter verstand.
[Modische Revolution in Ost-Berlin – Polyester im Plattenbau | Patrick PehlIn den 90ern prägte der Trainingsanzug das Straßenbild Ost-Berlins. Zwischen Plattenbau und Polenmarkt wurde er zum Symbol gesellschaftlicher Umbrüche, beeinflusst durch Migration und wirtschaftliche Veränderungen. Kulturelle Spurensuche zwischen Polyester und Identität.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/polyester-im-plattenbau/)
Ich hatte mir einen „Deutschrapper-Papst“ gewünscht – einen, der nach außen blendet und nach [innen authentisch bleibt](https://patrick-pehl.de/moenche-muessen-im-erzbistum-berlin-weichen/). Bekommen haben wir etwas noch Besseres: Einen Chicago-Papst mit Peru-Erfahrung. Einen, der weiß, was Armut bedeutet, aber auch, wie man in einer Großstadt überlebt.
## Prunk ohne Protz
Seine erste Ansprache? Ein Lächeln! Keine schwere Miene, sondern Freude. Er wirkte, als wüsste er um seine Medienwirksamkeit. Und dann sprach er auf Spanisch zu seinem alten Bistum – nicht protokollkonform, aber herzlich. Der Prunk ist noch nicht vollends zurück, aber er tappt auch nicht weiter in die Falle der Prunklosigkeit.
Was mir auffällt: Diesmal höre ich kaum negative Stimmen. Kein Gemurre, keine Häme. [Ein breiter Aufbruch zeichnet sich ab.](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/) Alle scheinen zufrieden – von den Traditionalisten bis zu den Progressiven. Das ist bemerkenswert.
## Halleluja! Der Prunk kommt zurück
Mit 69 Jahren ist Leo XIV. ein vergleichsweise junger Papst. Den haben wir noch eine Weile. Fluch oder Segen? Das wird sich zeigen. Aber ich bin optimistisch. Ein Augustiner, der die Balance kennt zwischen Kontemplation und Aktion, zwischen Theologie und Seelsorge, zwischen Chicago und Peru.
[Pontifikalrequiem für Papst Franziskus in Berlin-Mitte | Kultur, Digitaltechnik & Journalist aus BerlinHermetische Abschottung im Herzen Berlins: Wie das bundesweite Requiem für den verstorbenen Papst zum exklusiven Pflichttermin für die politische Elite geriet.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-einen-pontifex/)
Werden die roten Schuhe zurückkehren? Die Tiara? Ich weiß es nicht. Aber ich spüre: Hier kommt einer, der keine Angst vor Symbolen hat. Der versteht, dass Menschen Rituale brauchen und Beständigkeit suchen. Der weiß, dass man mit Prunk Punk sein kann.
Papa Leone, willkommen im Amt! Zeig uns, dass die [Kirche gleichzeitig Museum und Start-up](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-eine-kirche-st-hedwigskathedrale-berlin/) sein kann, Tradition und Innovation, Weihrauch und frische Luft. Und wenn du dabei die roten Edeltreter anziehst – umso besser!
### Bürokratie – Was muss sich ändern?
URL: https://patrick-pehl.de/buerokratie-nationaler-normenkontrollrat-dorothea-stoerr-ritter/
Last updated: 2026-07-14T11:39:43.000Z
**Der Nationale Normenkontrollrat ist das unabhängige Kontrollgremium der Bundesregierung für Bürokratieabbau. Er prüft alle neuen Gesetzentwürfe auf ihre Folgekosten für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung – noch bevor sie beschlossen werden. Dorothea Störr-Ritter ist seit 2011 Mitglied des Rates und als Berichterstatterin für das Landwirtschaftsministerium zuständig. Im Interview spricht sie über Überregulierung der Landwirtschaft, warum Bürokratieabbau so schwierig ist und welche radikalen Lösungen sie für notwendig hält.**

Dorothea Störr-Ritter (CDU) ist Mitglied des Nationalen Normenkontrollrates und befasst sich mit dem Bürokratierückbau der Bundesebene. © Max Hartmann 2024
***Patrick Pehl:* Was ist die Hauptaufgabe des Nationalen Normenkontrollrats, und welche grundlegenden Probleme stellen Sie bei der Regulierung fest?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Der Normenkontrollrat stellt seit Jahren fest: ‚Deutschland ist, denkt und handelt zu kompliziert’. Wir haben das als Motto immer wieder festgehalten. Das beschreibt sehr treffend den Zustand, in dem wir uns in Deutschland befinden.
Wir haben in allen Bereichen, und ganz besonders in der Landwirtschaft, eine Überregulierung. Die rührt zum einen daher, dass die Sachverhalte immer komplizierter wurden – das hat auch mit technologischem Fortschritt zu tun, aber auch mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die Politik ist bestrebt, alle Probleme bis ins Detail zu lösen.

Wappen Nationaler Normenkontrollrat am Diesntgebäude in Berlin © Max Hartmann 2025
Wir streben immer nach Einzelfallgerechtigkeit. Das ist grundsätzlich sehr richtig, aber das hat zur Folge, dass wir denken, wir können mit jeder Norm jeden Einzelfall bis ins Detail regeln, und dann wäre das Ganze gerecht. Bei dieser Vielzahl von Normen, allein schon in einem einzigen Bereich, ist es gar nicht möglich für den einzelnen Landwirt, in seinem speziellen Fall die „gerechte“ Lösung zu finden.
Dieses Streben nach Einzelfallgerechtigkeit hat dazu geführt, dass die Gesetze immer komplexer und komplizierter in der Umsetzung wurden, weil sie quasi alles vorschreiben, wie es letztendlich umgesetzt werden soll.
***Patrick Pehl:* Welche konkreten Aufgaben hat der NKR dabei?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Bevor Gesetze verabschiedet werden, muss klar sein, welche Kosten dadurch für Bürgerinnen und Bürger, Wirtschaft und Verwaltung entstehen. Auftrag des NKR ist es, die Gesetzesentwürfe der Bundesregierung dahingehend zu prüfen, ob die Kosten methodengerecht und verständlich dargestellt wurden. Da gibt es zum einen die Bürokratiekosten, also den „klassischen Papierkram“, und den Erfüllungsaufwand, den Zeitaufwand und die Kosten, die durch die Umsetzung eines Gesetzes entstehen.

Der große Tisch ist sinnbildlich für die vielen Vorschriften. Der Schreibtisch vieler Unternehmer ist die größte Ackerfläche. © Max Hartmann 2025
Darüber hinaus prüft der NKR, ob es praxistauglichere Alternativen gibt und ob die Ministerien bei der Gesetzestexterstellung eine digitale Umsetzung von Beginn an mitgedacht haben. Für Letzteres wurde sein Prüfmandat im Jahr 2023 um den sogenannten Digital-Check erweitert. Im Rahmen der Besseren Rechtsetzung gibt der NKR auch Empfehlungen, wie Gesetze insgesamt verbessert werden können, um Bürokratie abzubauen und die Verwaltung digitaler zu machen. Im Fokus seiner Prüfung steht nie das politische Ziel eines Gesetzes, sondern immer die Frage, ob zur Zielerreichung möglichst bürokratie- und aufwandsarme Wege gewählt wurden.

***Patrick Pehl:** **Wie funktioniert der Prozess der Berechnung und Bewertung des Erfüllungsaufwands?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Wenn in der Landwirtschaft etwa die Nutztierhaltungsverordnung geändert wird, müssen ggf. neue Ställe gebaut werden – das sind dann einmalige Investitionskosten, also einmaliger Erfüllungsaufwand. Aber manchmal ist es ja so, dass dann auch der Personaleinsatz steigt und damit die laufenden Kosten. Hierbei handelt es sich dann um den laufenden Erfüllungsaufwand.
Die Angaben dazu holen die Ministerien vom Statistischen Bundesamt oder von den Bundesländern, wenn es um Spezialgebiete geht.
***Patrick Pehl:* Funktioniert der Prozess in der Praxis?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Die größere Problematik liegt bei den Bundesländern. Die müssten ja eigentlich, um fundierte Angaben zu machen, die Landwirtschaft direkt befragen. Die Angaben sollten aus der praktischen Ebene bezogen werden.

Dorothea Störr-Ritter (CDU) erkennt die große Aufgabe, die mit neuen Gesetzen entsteht, nicht neue Bürokratie zu erzeugen. © Max Hartmann 2025
Die Landwirtschaftsämter der Länder oder die Landwirtschaftskammern müssten direkt bei den einzelnen Landwirten nachfragen, inwieweit sich zum Beispiel deren Personaleinsatz erhöht hat.
Das ist natürlich zeitaufwendig. Und da die Fristsetzung für unsere Stellungnahmen meistens so kurz ist, ist es wahrscheinlich nicht immer die gründlichste Recherche, die dahintersteht.
***Patrick Pehl:* Warum sind diese Fristen so kurz angesetzt?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Das ist oft politischer Druck. Wenn man jetzt die Ausnahmesituation der Corona-Pandemie nimmt, da war es natürlich erforderlich, von einem Tag auf den anderen zu reagieren. Aber das ist ja nicht die Regel. Es kann auch politischer Ehrgeiz eines Ministers sein, zu einem relevanten Sachverhalt, für den dringend eine Regelung erforderlich ist, diese so schnell wie möglich beschließen zu lassen. Für uns ist es manchmal so, dass wir einen Entwurf bekommen und gerade mal 24 Stunden Zeit haben zu prüfen, ob die Angaben zum Erfüllungsaufwand plausibel sind, ob ausreichend recherchiert wurde, ob Alternativen in der Umsetzung geprüft wurden. Das ist in 24 Stunden kaum möglich. Eine große Forderung des Nationalen Normenkontrollrats seit Jahren ist, die Fristen in der Gesetzgebung so ausreichend festzulegen, dass alle, die damit befasst sind, genügend Zeit haben, ihren Aufgaben gründlich nachzukommen.
***Patrick Pehl:* Sie haben erwähnt, dass die Landwirtschaft besonders von Überregulierung betroffen ist. Welche strukturellen Herausforderungen sehen Sie dort?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Die Agrarwirtschaft in Deutschland ist sehr unterschiedlich strukturiert. Wir haben ganz kleinteilige Landwirtschaft, wir haben großteilige Landwirtschaft, wir haben Landwirtschaftsbetriebe oder fast schon Agrarbetriebe im industriellen Ausmaß. Wir haben unterschiedliche Spezialisierungsbereiche in der Agrarwirtschaft, von der Monokultur im Pflanzenbereich über den Obstanbau bis hin zur Höhenlandwirtschaft, die mit Nutztieren verbunden ist.

Normen sind oft abstrakt, das erkennt auch Redakteur Patrick Pehl, als er durch das Glas auf seine Notiz blickt. © Max Hartmann 2025
In der kleingliedrigen Landwirtschaft hatten wir über viele Jahrzehnte die Situation, dass ein Betrieb aus der Familie heraus übernommen wurde. Die Betriebe sind im meisten Fall Familienbetriebe. Es gab Stabilität im Bereich der Landwirtschaft.
Die industrielle Landwirtschaft arbeitet natürlich ganz anders. Das sind Betriebe, die unter Umständen von Konzernen gehalten werden oder die selbst schon so groß sind, dass sie betriebswirtschaftlich völlig anders agieren können als kleinere und mittlere Betriebe. Die Belastungen durch zu viel Regulierung treffen die großen Betriebe natürlich weniger als die Kleinen.
***Patrick Pehl:* Was ist aus Ihrer Sicht wichtig für Deutschland: Großbetriebe oder Kleinbetriebe?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Ich denke, wir leben in Deutschland von dieser gemischten Struktur. Das ist das Gleiche wie im Bereich der Wirtschaft auch. Deutschland ist stark, weil es unterschiedliche Betriebsstrukturen gibt, unterschiedliche Betriebsgrößen. Wir haben die Großen, die viele Arbeitsplätze bieten. Diese Betriebe bringen Wirtschaftskraft und geben Stabilität für ganze Regionen, in denen sie in der Folge viele Arbeitsplätze mit absichern. Deshalb sind sie extrem wichtig, da könnten wir in Deutschland niemals drauf verzichten.

Zeit ist alles. Die Fristen sind oft zu kurz für den Nationalen Normenkontrollrat, um fundiert Hinweise im Gesetzgebungsverfahren zu geben. © Max Hartmann 2025
Auf der anderen Seite haben wir durch die geografischen Strukturen nur die Möglichkeit, in gewissen Bereichen kleine und mittlere Betriebe aufrechtzuerhalten. Da könnten sich gar keine Großbetriebe ansiedeln. Für diese Regionen ist es extrem wichtig, diese kleingliedrigen Strukturen zu haben und in die Zukunft zu tragen – bis hin dazu, dass gerade diese Betriebe sehr viel für Natur-, Landschaftsschutz und Tourismus tun.
Die Kulturlandschaften, gerade im Süden, in Bayern und Baden-Württemberg, die könnten vor allem wegen der Steilhänge gar nicht offen gehalten werden ohne die Landwirtschaft, die Rinder, Schafe oder Ziegen hält. Deshalb muss die Politik es schaffen, allen ihren Anforderungen entsprechend zu bedienen. Die Politik sollte diese Unterschiede bei den Regulierungen stärker beachten.
***Patrick Pehl:* In Deutschland wird häufig von „Goldplating“ gesprochen, also dass EU-Vorgaben übererfüllt werden. Wie geht der Normenkontrollrat damit um?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Wir prüfen als NKR in diesem Bereich nur die Umsetzung der Richtlinien in nationales Recht. Dort muss der Erfüllungsaufwand ausgewiesen werden. Und es muss auch beschrieben werden, ob dieser Entwurf, die künftige Regelung, über EU-Recht hinausgeht oder nicht.
In unserer offiziellen Stellungnahme, die später dem Kabinett vorgelegt wird, halten wir dann fest, ob die nationale Ebene über die EU-Regelung hinausgeht und, soweit es monetär berechenbar ist, auch in welchem Umfang. Aber dann enden unsere Einflussmöglichkeiten. Unsere Stellungnahme verschafft dem Gesetzgeber Transparenz über die Gesetzesfolgen. Das ist wie ein Preisschild. Ob Aufwand und Nutzen im Verhältnis stehen, muss die Politik entscheiden. Deshalb führen wir während des gesamten Gesetzgebungsprozesses auch intensive Gespräche mit den Ministerien. Wenn wir sehen, dass da ein Goldplating kommt, weisen wir sie darauf hin. Dann haben sie die Chance, nochmal in sich zu gehen und zu prüfen.

Am großen Tisch ist die Arbeit noch nicht getan. Öffentlichkeitsverantwortliche Frau Wilson achtet auf Details im Gespräch zwischen Patrick Pehl und Dorothea Störr-Ritter. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Wie kann Deutschland bei der EU-Regulierung besser mitwirken?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Deutschland muss seiner eigenen Verantwortung bei den Verhandlungen in Brüssel gerecht werden und viel aktiver als bisher auf die Vermeidung unverhältnismäßiger Bürokratie drängen. Im Europäischen Rat stehen der Bundesregierung dafür alle Wege offen – schon vorab gibt es in Zusammenarbeit mit der Kommission Gestaltungsmöglichkeiten. Voraussetzung ist, als Bundesregierung schneller mit einer Stimme zu sprechen und bei den Verhandlungen von Anfang an die Kostenfolgen für Deutschland einzubeziehen.
***Patrick Pehl:* Was versteht man unter der „One in, one out“-Regel, und wie funktioniert sie in der Praxis?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Die im Jahr 2015 eingeführte „One in, one out“-Regel sieht vor, dass jede Vorgabe, die die Wirtschaft belastet „In“ spätestens bis zum Ende der jeweiligen Legislaturperiode durch eine entlastende Vorgabe „Out“ ausgeglichen werden muss. Dadurch soll der jährliche Erfüllungsaufwand dauerhaft begrenzt werden. Problem ist nur, dass ein Großteil des Aufwands dabei bewusst von der Regel ausgenommen wird. Aufwand aus EU-Richtlinien, der Aufwand für Bürgerinnen, Bürger und Verwaltung sowie der einmalige Umstellungsaufwand werden bisher nicht berücksichtigt. Im Koalitionsvertrag wird jetzt aber angekündigt, diese Lücke schließen zu wollen und sogar „One in, two out“ einzuführen.

Papier ist geduldig, aber auch manchmal schwer zu überblicken. Die Bürger sind zunehmend ungeduldig, wenn es um den Abbau bürokratischer Zwänge geht. © Max Hartmann 2025
***Patrick Pehl:* Ist es denn mal passiert, dass der Anstieg des Erfüllungsaufwands negativ war?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Nein, das ist noch nie passiert. Und deshalb sucht der NKR nach anderen Möglichkeiten für mehr Druck beim Bürokratieabbau. Schließlich geht es uns nicht nur um die Begrenzung der Belastungen, sondern auch um den Rückbau der bestehenden Regulierungen. Im Koalitionsvertrag spricht man deshalb treffenderweise auch von Bürokratierückbau.
***Patrick Pehl:*Warum ist „Rückbau“ der treffendere Begriff?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Weil ein Rückbau nochmal eine wesentlich stärkere Verpflichtung ist als nur ein Abbau. Abbau klingt wesentlich harmloser. Rückbau sagt: Wir wollen von dem, was da ist, nicht nur in der Zukunft keinen Aufwuchs, sondern wir wollen von dem, was da ist, auch wirklich einen Rückbau.
***Patrick Pehl:* Die neue Regierung hat sich ein 25-Prozent-Ziel beim Bürokratierückbau gesetzt. Wie kann das konkret umgesetzt werden?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Der politische Wille muss jetzt in konkrete Umsetzungsmaßnahmen fließen. Idealerweise gäbe es in jedem Ministerium eine Abteilung, die sich nur mit diesem Rückbau beschäftigt.
Ich halte das für sehr wichtig, denn wenn man einen Teich austrocknen will, darf man nicht die Frösche fragen. Ich kann nicht erwarten, dass ein Ministeriumsmitarbeiter, der eine Rechtssetzung geschaffen hat, diese dann einfach so wieder abbaut. Aber jemand, der völlig unbefangen ist, kann da objektiv drauf schauen.
Im Mittelpunkt der Betrachtung sollte vor allem die Umsetzung der Praxis stehen und wie diese vereinfacht werden kann. Genau hier drückt immer allen der Schuh. Sei es die Wirtschaft, und die Agrarwirtschaft als ein Teil davon oder sei es die Verwaltung,. Die Landwirte keuchen unter der Umsetzung, die zu viel von ihnen verlangt. Die Landwirtschaftsämter genauso.
**ZUR PERSON**Dorothea Störr-Ritter (69) bringt als Mitglied des Nationalen Normenkontrollrats seit 2011 ihre umfassende Verwaltungserfahrung ein. Die Juristin war von 2008 bis 2024 als erste Landrätin Baden-Württembergs im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald tätig. Zuvor war sie selbstständige Rechtsanwältin und saß für die CDU im Bundestag (1998-2002). Als NKR-Berichterstatterin für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sowie für „Moderne Verwaltung, leistungsfähiger Staat“ setzt sie sich besonders für den Abbau von Bürokratie ein – auch im Agrarsektor. Die gebürtige Freiburgerin war auch Präsidentin des Bundes der Selbstständigen und engagiert sich seit Oktober 2023 zusätzlich im Normenkontrollrat Baden-Württemberg.
***Patrick Pehl:* Welche konkreten Ansatzpunkte sehen Sie für den Bürokratierückbau, besonders in der Landwirtschaft?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Im vergangenen Jahr hat der NKR zehn Ziele für den Bürokratieabbau definiert und mit über 60 konkreten Beispielen veranschaulicht, wie unnötige bürokratische Belastungen abgebaut werden können. Dieses Maßnahmenpaket wird kontinuierlich überarbeitet und ergänzt. Die Vorschläge basieren auf zahlreichen Rückmeldungen aus der Praxis – von Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Verbänden und der öffentlichen Verwaltung. Sie zeigen auf, wo Hemmnisse bestehen und welche Schritte nötig sind, um spürbare Verbesserungen zu erreichen. Besondere Schwerpunkte liegen auf der Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren, der Neuordnung des Sozialleistungssystems und der Vereinfachung des Vergaberechts. Darüber hinaus zielen die Maßnahmen insbesondere darauf ab, kleine und mittlere Unternehmen zu entlasten und den Verwaltungsvollzug effizienter zu gestalten.

Dorothea Störr-Ritter muss die Punkte zusammenführen. An einer Pinnwand fällt Licht ins Konferenzzimmer. © Max Hartmann 2025
> **Dorothea Störr-Ritter**
Ein weiteres Thema sind die unzähligen Förderprogramme, insbesondere auch im Agrarbereich. Da wäre es interessant zu wissen, wie viele es überhaupt gibt, und wie sich diese bündeln ließen, damit die Landwirte und Ämter insgesamt weniger Anträge einreichen müssen. Mehr Standards, einheitliche Formulare und voll digitalisierte Verfahren – darauf kommt es an.
***Patrick Pehl:* Es gibt verschiedene Ansätze zur Staatsmodernisierung. Wie könnten Verwaltungsprozesse effizienter gestaltet werden?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Unser letztes NKR-Gutachten hat aufgezeigt, dass es bereits heute möglich ist, Verfahren, die keinen örtlichen Bezug oder keinen direkten Personenbezug haben, zu automatisieren. Der Führerschein zum Beispiel. Da wirken verschiedene Stellen mit, wenn ein Führerschein erteilt werden soll. Aber den Bescheid könnte eine zentrale Behörde für ganz Deutschland, also idealerweise das Kraftfahrtbundesamt für ganz Deutschland erbringen.

Schmucklos – eine Büroetage wird behelfsmäßig zu einer Außenstelle des Bundesjustizministeriums. Zwischen einer Büroetage des Bundesgesundheitsministeriums und einer der Humboldt-Universität residiert der Normenkontrollrat in einer eine Außenstelle des BMJ. © Max Hartmann 2025
Dann würden diese Ämter schon mal wegfallen auf der kommunalen Ebene. Das wäre eine enorme Einsparung an Personal und natürlich auch an Finanzen. Wohngeld zum Beispiel ist ja auch vollautomatisierbar. Das muss nicht in jedem Landratsamt, in jedem Stadtkreis, in jeder Stadt separat erledigt werden. Das könnte man über volle Automatisierung, auch unter Zuhilfenahme von KI, in ganz großem Stil effizient für alle erledigen.
Und dann gibt es die Möglichkeit, Verfahren zu bündeln in Teilbereichen. Wir haben in unserem Gutachten untersuchen lassen, welche Hilfe es wäre für die Ausländerbehörden, wenn es um Fachkräfteeinwanderung geht, wenn sie die Anerkennung von Berufsabschlüssen auslagern könnten. Wir haben ja jetzt die Situation, dass in den Ausländerbehörden vor Ort Personal sitzen muss, das sich eigentlich auskennen müsste mit weltweit existierenden Berufsabschlüssen.
In einem regionalen Amt hat man es nicht mit zehn identischen Fällen am Tag zu tun. Da kommen zwei Berufsabschlüsse aus zwei verschiedenen Ländern oder verschiedenen Ausbildungssystemen. Die Mitarbeitenden müssen enorm viel Zeit investieren – das bindet Ressourcen und kostet viel Personal in der unteren staatlichen Verwaltung.

2025-04-23 © Max Hartmann 2025
Da die Kriterien der Anerkennung bundesweit gelten sollten, könnte auch das einheitlich für alle Ausländerbehörden in einem Pool von Fachleuten erledigt werden. Die hätten ein riesiges Know-how, die könnten schnell arbeiten, [die wüssten auch, wo sie nachfragen müssten](https://patrick-pehl.de/digitale-souveraenitaet-externe-beratung-interne-schwaeche/), wenn es Unklarheiten gibt.
***Patrick Pehl:* Was empfehlen Sie der neuen Regierung in Sachen Bürokratierückbau?**
**Dorothea Störr-Ritter:** Dass sie natürlich zu diesen Themen alles umsetzt, was im Koalitionsvertrag steht – Staatsmodernisierung, Bürokratierückbau, bessere Gesetzgebungsverfahren, mehr Einbezug der Praxis bevor ein Gesetz geschrieben wird. All diese Punkte, die im Koalitionsvertrag tatsächlich so auch benannt sind, diese zügig umzusetzen, dafür Strukturen zu schaffen, die auch geeignet sind – und zu machen, ganz schnell zu machen.
***Das Gespräch wurde von Patrick Pehl am 23\. April 2025 in Berlin im Auftrag der dfv Mediengruppe geführt.***
### Papstwahl: Prunk gesucht!
URL: https://patrick-pehl.de/papstwahl-prunk-gesucht/
Last updated: 2026-06-14T11:39:14.000Z
**Das Konklave findet im Vatikan statt. Es versammeln sich die rot-gewandeten Kardinäle mit großen Siegelringen, Pektoralen und in Chorklamotte im ewigen Rom, um hinter verschlossenen Türen. Sie wollen den neuen Stellvertreter Christi küren. Der bisherige Papst ist am Ostermontag 2025 aus der Welt geschieden und wurde bereits mit allem gebührenden Pomp der Weltkirche in Santa Maria Maggiore beigesetzt worden.**
Allenthalben Frauen sich Gazetten und Leute: wer wird neuer Papst? Das wissen wir schlicht nicht. Aber wir wissen was der neue Papst für einer sein soll.
Während die Kardinäle in ihren scharlachroten Roben durch die Gänge des Vatikans rauschen und miteinander in geheimnisvollen Konsultationen verstrickt sind, fragt man sich unweigerlich: Was braucht die Kirche heute? Welcher Mann soll den Fischerring am Finger tragen und die Sancta Sedes durch die stürmischen Gewässer des 21\. Jahrhunderts navigieren?
## Prunk nach außen, Punk nach innen
Die römisch-katholische Kirche steht vor einem fundamentalen Dilemma, das mir in einer heiteren Runde mit Freunden bewusst wurde, als wir über kirchliche Belange diskutierten. Die Institution gleicht in vielem einem DDR-Spießer mit seinem biederen Esprit – einer, der auf blitzblanke Fenster und gut gebügelte Oberhemden Wert legt, sich das hochwertige Sakko gönnt und sein Auto jeden Sonntag poliert. Doch derselbe Mann fährt am Wochenende selbstverständlich zum FKK-Strand und besucht das progressive Theater. [Tradition nach außen](https://www.cathwalk.de/2023/09/07/leo-xiii-uber-das-verhaltnis-von-staat-und-kirche/?ref=patrick-pehl.de) und Punk nach innen – genau das braucht die Kirche heute mehr denn je!

Der Zugang zum Vatikan ist exklusiv und traditionell. © George Kourounis
Der neue Papst muss verstehen, dass die Menschheitsfamilie im Jahr 2025 nach Beständigkeit lechzt wie ein Dürstender in der Wüste. Die liturgischen Rituale, die festgeschriebenen Abläufe des Kirchenjahres, der unverwechselbare Duft von Weihrauch – all dies gibt Sicherheit in einer Welt, die sich mit Lichtgeschwindigkeit verändert und in der selbst die Bestandteile unserer täglichen Nahrungsmittel von Monat zu Monat neu zusammengesetzt werden.
## Die päpstlichen Louboutins und das Herz für die Ausgestoßenen
Der neue Pontifex sollte die traditionsreiche Symbolsprache der Kirche meisterhaft beherrschen. Ich wünsche mir einen Papst, der die berühmten roten Schuhe trägt wie ein lebendiges Manifest gegen die Beliebigkeit unserer Zeit. Der den goldbestickten Ornat nicht aus falscher Bescheidenheit im Schrank lässt, sondern ihn stolz zur Schau trägt als Zeichen der Kontinuität einer Institution, die Jahrtausende überdauert hat. Haben nicht einige der letzten Päpste aus falsch verstandener Zurückhaltung manch prächtiges Ornamentstück abgelegt? Die Tiara, jene dreifache Krone, wartet seit Paul VI. darauf, wieder das Haupt eines Papstes zu schmücken – vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen?

Die Hoffnung der Menschen finden ihren Ausdruck in angezündeten Votivkerzen. © Megan McFadden / unsplash
Doch unter all diesem prunkvollen Gewand sollte ein Herz schlagen, das den Menschen zugetan ist wie das Herz Jesu selbst. Ein Herz, das versteht, dass der Heiland sich nicht mit den Etablierten seiner Zeit umgab, sondern mit Zöllnern, Soldaten und Huren – mit jenen, die keinen Tarifvertrag und keine Zahnzusatzversicherung hatten, um es in die Lebenswirklichkeit des deutschen Lesepublikums zu übersetzen. Ein Herz, das wie Jesus selbst einer Sünderin erlaubt, seine Füße mit kostbarem Öl zu salben und mit ihren Tränen zu benetzen, während die selbstgerechten Pharisäer sich entrüstet abwenden – so wie im Lukasevangelium erzählt wird.
## Der Papst als Deutschrapper – ein unvollkommener Heiliger
Im Grunde genommen brauchen wir einen Papst, der wie ein Deutschrapper funktioniert: Nach außen hin blendet er mit Glanz und Gloria, mit Insignien der Macht und sichtbaren Symbolen des Erfolgs. Nach innen aber bleibt er authentisch, ein Mensch, der aus einfachen Verhältnissen kam und durch eine unvorhergesehene Wendung des Schicksals auf den Thron gespült wurde.
Der vielleicht ideale Papst, der im Jahr 2025 gewählt wird, hätte in seiner Vergangenheit Ecken und Kanten, vielleicht sogar einige pikante Frauengeschichten – hatte nicht auch Petrus sein wildes Leben, bevor er zum Fels wurde? Er wäre jemand, der die Nöte des modernen Menschen nicht nur theoretisch kennt, sondern sie am eigenen Leib erfahren hat. Er hat Freunde verloren und hat Liebesbeziehungen im Dungdunkel des elendigen Alltagsstresses vor die Hunde gehen sehen. Die Versuchungen des Fleisches, die Zweifel am Glauben – all dies sollte er durchlebt haben, um wahrhaft barmherzig sein zu können.

Der Sündenfall ist Teil der menschlich-zivilisatorischen Geschichte. © Pierre Voisin / Unsplash
## Fridolin aus Kinshasa oder ein anderer?
Während ich diese Zeilen schreibe, lausche ich dem rhythmischen Beat von *Pedro* von Agatino Romero, Jaxomy und Raffaella Carrà – eine eigentümliche musikalische Untermalung für Gedanken über das Konklave, aber seltsamerweise passend für das Gemisch aus Tradition und Moderne, das[ die Kirche verkörpern](https://kirchenbauforschung.info/2024/10/03/st-michael-berlin-mitte-geschichte-eines-sakralbaukoerpers/?ref=patrick-pehl.de) sollte.
Der als „papabile“ gehandelte Kardinal Fridolin Ambongo Besungu aus Kinshasa kritisierte den Westen scharf für seine „dekadente Kultur“ und beklagte, dass man hier „keine Kinder möge“ und nicht mehr an Familie und Ehe glaube. Seine Worte klingen hart in den Ohren eines großstädtischen Freigeistes wie mir, der Wert auf Offenheit legt. Und doch – liegt nicht etwas Wahres in seiner Diagnose? Braucht die Kirche nicht einen Hirten, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, während er gleichzeitig Brücken baut?

Menschen suchen Traditionen und finden Trost im ewigen Prunk. © Anton Shcherbakov / Unsplash
## Die Techno-Gläubigen und die wahre Haltung
Neulich diskutierte ich mit einer Bekannten über jene jungen Menschen, die nach durchfeierten Nächten direkt aus dem Berliner Techno-Club in die Frühmesse taumeln – das passiert eh viel zu selten. Manche mögen die Nase rümpfen über ihre geschundenen Partyklamotten und die chemischen Substanzen, die noch immer durch ihre Adern pulsieren. Doch ist ihre innere Haltung nicht wertvoller als die polierte Fassade so mancher Sonntagschristen?
Der neue Papst sollte genau dieses Paradoxon verstehen, dass wahrer Glaube [nicht allein in der äußeren Form liegt](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-einen-pontifex/), sondern in der inneren Überzeugung. Dass man die formvollendete lateinische Messe zelebrieren kann, während man gleichzeitig den verschwitzten Clubgänger mit offenen Armen empfängt.
## Ein Brückenbauer zwischen den Welten
In einer Zeit, in der sich die Gräben zwischen progressiven und konservativen Katholiken immer weiter vertiefen, braucht die Kirche einen Pontifex im wahrsten Sinne des Wortes – einen Brückenbauer. Einen, der die Symbolkraft des Papstamtes in seiner ganzen barocken Pracht zur Geltung bringt und gleichzeitig den Mut hat, verknöcherte Strukturen aufzubrechen und festgefahrene Dogmen neu zu denken.
Die Einheit der Weltkirche zu fördern bedeutet nicht, Uniformität zu erzwingen. Es bedeutet vielmehr, unter dem gemeinsamen Dach des Glaubens Raum zu schaffen für unterschiedliche Ausdrucksformen der Spiritualität. In Afrika mag die Familie anders gelebt werden als in Europa, in Lateinamerika die Volksfrömmigkeit anders blühen als in Asien – und doch können alle gemeinsam das Brot brechen und den Weinverschnitt teilen.
## Das wahre Zentrum des Glaubens
Während die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle ihre Stimmzettel ausfüllen und der Welt bald weißer Rauch verkünden wird, dass ein neuer Papst gewählt ist, sollten wir nicht vergessen, worum es im Kern unseres Glaubens geht: um den Menschen. Um sein Heil, sein Glück, seine Würde.
Es geht doch darum, dass der Mensch Sicherheit und Freude hat – selbst wenn die Freude wenige Stunden zuvor noch in einem scheinbar widerwärtigen Bereich eines Clubs genital vermittelt wurde. Die wahre Größe eines Papstes wird sich nicht an der Pracht seiner Gewänder messen lassen, sondern daran, ob er die Herzen der Menschen erreicht – aller Menschen, nicht nur jener, die schon immer brav in der ersten Kirchenbank saßen.
Möge der Heilige Geist den Kardinälen die Weisheit schenken, einen solchen Mann zu wählen. Einen, der Prunk und Punk, Tradition und Fortschritt, Heiligkeit und Menschlichkeit in seiner Person vereint. Amen – oder wie man sich in den Clubs dieser Welt gegenseitig klar macht: Das wird heute noch heilig!
### Merz' Machtverlust – Eine politische Zäsur
URL: https://patrick-pehl.de/merz-machtverlust-eine-politische-zaesur/
Last updated: 2026-06-14T11:39:14.000Z
**Um 11:07 Uhr fiel der Satz, der in die Geschichte eingehen wird: „Der Abgeordnete Friedrich Merz hat die erforderliche Mehrheit nicht erreicht.“ Mit diesen Worten konstatierte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) das beispiellose Scheitern eines Kanzlerkandidaten im ersten Wahlgang.**
*Merz steht nun entblößt da – ein Parteivorsitzender ohne Amt und ohne Macht.* Erst gestern übergab er den Fraktionsvorsitz an den machtbewussten Jens Spahn (CDU), ein Schachzug, der sich als fatale Fehlkalkulation erwiesen hat. Das Bild des gescheiterten Aspiranten entbehrt nicht einer bitteren historischen Ironie. In den intrikaten Machtverhältnissen der Unionsfraktion hat sich Merz verzockt. [Sein Kulturkampf](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu/) ist in seiner Nicht-Wahl am heutigen Vormittag kulminiert.
## Die illustre Zeugenschaft – Merkel beobachtet das Debakel
Auf den Tribünen des Reichstags, wo sich die politische Elite unter strengster Selektion – ein Journalist pro Medienhaus – versammelt hatte, saß ausgerechnet jene Frau, die vor zwei Jahrzehnten Merz' politischen Aufstieg jäh beendete: Altkanzlerin Angela Merkel (CDU), die dem Ereignis von den Sedilien des Plenarsaals beiwohnte. Neben ihr der Doyen des diplomatischen Korps, Erzbischof Nikola Eterović, Vertreter des vakanten Heiligen Stuhls. Eine illustrere Zeugenschaft für dieses Debakel hätte sich nicht finden können.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 310 Ja-Stimmen bei 307 Nein-Stimmen – sechs Stimmen fehlten zur Kanzlermehrheit. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD verfügt eigentlich über 328 Sitze. Ein arithmetisches Rätsel, das auf interne Verwerfungen hindeutet.
## Der ewige Verlierer – Merz' Niederlagenserie
Es ist ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Noch nie scheiterte ein Kanzlerkandidat im ersten Wahlgang. Für Merz ist es die Fortsetzung [einer Kette von Niederlagen](https://patrick-pehl.de/der-ueberalterte-newcomer-friedrich-merz-cdu/) – erst gegen Kramp-Karrenbauer, dann gegen Laschet, nun gegen die eigenen Reihen.
Vor dem Hintergrund der Wahl vom 23\. Februar 2025, aus der die Union als stärkste Kraft hervorging, wiegt das Scheitern besonders schwer. Merz' politisches Tabu-Spiel mit der AfD – gemeinsame Gesetzesbeschlüsse und ein umstrittenes Sonderschulenaufnahmeprogramm – haben von der politischen Norm deviant gehandelt und weder ihm noch seiner Partei genützt.
## Rettungsversuche – Koalitionspartner unter Druck
Lars Klingbeil (SPD), der Vize-Kanzler und Finanzminister werden will, erklärte inzwischen, Union, SPD, Grüne und Linke hätten sich geeinigt, einen zweiten Wahlgang gegen 15:15 Uhr zu ermöglichen. Er zeigte sich „zuversichtlich“, dass Merz nun doch noch zum Kanzler gewählt werden könne, um „ordentliche Strukturen zu schaffen“.
Harte Worte fand auch CDU-Fraktionsvorsitzender Jens Spahn: „Ich erwarte, dass sich alle der Verantwortung bewusst sind“ und meinte die Abgeordneten von SPD und Union.
Olaf Scholz (SPD) wartet wohl noch in seinem leeren Kanzleramt in der Willy-Brandt-Straße – Scholz bekam gestern bereits seinen großen Zapfenstreich in Berlin. Um 14:14 Uhr verschickte das Presseamt der Bundesregierung einen technischen Hinweis, dass der „Bildtermin zur Amtsübergabe von Bundeskanzler Scholz an den neuen Bundeskanzler Merz (des.)“ auf unbestimmte Zeit verschoben ist.
Die Frage bleibt: Ist ein Mann, der dreimal an der Kanzlerkandidatur scheiterte, einmal an Merkel und nun im Bundestag, der richtige Steuermann für Deutschland in stürmischen Zeiten?
Die Geschichte schreibt manchmal Tragödien – und manchmal wiederholt sie sich als Farce.
### Requiem für eine Kirche
URL: https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-eine-kirche-st-hedwigskathedrale-berlin/
Last updated: 2026-06-14T11:39:14.000Z
**Die St. Hedwigskathedrale öffnete am 1\. Mai, dem Fest des heiligen Joseph des Arbeiters (seit 70 Jahren), ihre Pforten für das Pontifikalrequiem des verstorbenen Papstes Franziskus. Die Feierlichkeit fand nur Tage nach dem exklusiven Requiem der Bischofskonferenz statt, das der gewöhnliche Gläubige lediglich aus der Ferne bestaunen durfte.**
Mir ist das Gotteshaus sehr wichtig und im Innern klaffte während des Pontifikalrequiems in der St. Hedwigskathedrale in Berlin-Mitte eine trübselige Leere, obwohl zahlreiche Plätze geladene Gäste reserviert waren. Das zeigt die wohl verdient [schwindende Relevanz](https://patrickpehl.substack.com/p/requiem-fur-einen-pontifex?ref=patrick-pehl.de) der römischen Kirche – des Heiligen – in unserer suchenden Gesellschaft.
## Kirche übersieht einfache Leute
https://patrick-pehl.de/blog/papstwahl-prunk-gesucht/
Selbst der angekündigte [Kultursenator Joe Chiallo](https://patrick-pehl.de/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/) glänzte durch Abwesenheit. Wie nun klar ist vermutlich weil er einen Tag später von seinem Amt zurück getreten ist. Während hastig rekrutierte Lückenfüller von den hinteren Reihen nach vorn beordert wurden, um für den Livestream den Anschein einer vollen Kathedrale udn damit von Akzeptanz udn Relevanz zu wahren. Die Zuspätkommer erschienen mit jener Nonchalance ihrer sozialen Stellung – darunter ein augenscheinlich wohlsituierter junger Mann mit ordinärer Sonnenbrille. Er wurde anders als ein einfach aussehender Jungen in [Adidas-Trainingsanzug](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/) von einem Platzanweiser zum Sitz geführt.
Am Portal stand derweil jener Jugendliche in Adidas-Trainingsjacke, dessen andächtige Haltung von tieferer Verbundenheit zeugte und später sogar mit nacktem [Knie auf dem Steinboden](https://kirchenbauforschung.info/2024/12/12/blicke-von-unten-sankt-hedwig-mitte-xii-xii/?ref=patrick-pehl.de) kniete, um seine Anbetung auszudrücken. Der neuerdings angeheuerte Sicherheitsdienst entschied, den vermögenden Spätankömmling zu geleiten, während der schlicht gekleidete Bengel ohne Sitzgelegenheit und Kniebank ausharren sollte.
## Ständig erreichbare Arbeiter
Dreimal durchbrach das Läuten von Mobiltelefonen die Ruhe der Requiem-Liturgie – ein akustisches Sinnbild für den modernen Arbeiter, dessen Freiheit durch permanente Erreichbarkeit konterkariert wird. Was würde der heilige Joseph zu dieser Entweihung sagen, dessen Schaffen am Tag der Arbeit im [Fest Joseph der Arbeiter seit 1955](https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2025-05/heiliges-jahr-2025-jubilaeum-arbeiter-kirche-arbeit-sede-vacante.html?ref=patrick-pehl.de) formalisiert gewürdigt wird?
Der [Blick durch die Kathedrale](https://patrick-pehl.de/st-hedwigskathedrale-berlin-kontroverse-um-neugestaltung-verlust-von-identitaet-und-liturgischer-funktion-st-hedwig/) offenbart eine Versammlung, deren demografisches Profil das Schwinden der Kirche vorwegnimmt. Die umgestaltete Kirche mit fehlenden Oberlichtern, unergonomischen Bänken und mangelhafter Akustik errichtet praktische Nutzungsbarrieren.
Für mich, der ich hunderte Stunden in diesem Gotteshaus verbracht habe, manifestiert sich in dieser Szene die tiefgreifende Krise einer Institution, die vergessen hat, wem sie zu dienen berufen ist – nicht den Großkopferten, sondern jenen am Rande, denen man in diesem Haus scheinbar keinen Platz mehr in der Kirche zeigt.
### Requiem für einen Pontifex
URL: https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-einen-pontifex/
Last updated: 2026-07-02T11:57:48.000Z
**Berlin, Unter den Linden. Die Frühlingssonne legt einen goldenen Schimmer über die Prachtstraße, während die Wärme den Asphalt zum Flimmern bringt. Die umliegenden Straßen sind menschenleer, abgeriegelt von Polizeibeamten, die zu allem bereit schienen.**
Die St. Hedwigskathedrale erhebt sich in majestätischer Isolation, während der übliche Großstadtlärm im Schatten der Staatsoper verstummt. Nur eine einzelne Limousine darf in der Zufahrtsstraße verweilen – der Wagen des apostolischen Nuntius mit dem Kennzeichen „0-10“, ein Diplomatenkennzeichen mit der Bedeutung von Goldbeschlag. Ich hatte das Glück bei diesem bedeutenden Termin eingeladen zu sein.
Im Inneren der frisch [restaurierten Kathedrale](https://patrick-pehl.de/st-hedwigskathedrale-berlin-kontroverse-um-neugestaltung-verlust-von-identitaet-und-liturgischer-funktion-st-hedwig/) – ein Raum von kühlem Weiß mit schwarzen Applikationen – versammelte sich heute Vormittag das Who-is-Who der deutschen Politik. Währenddessen war die Stadt ausgeladen, und um das zu unterstreichen standen Absperrgitter um das Areal, bewacht von einer Hundertschaft von Polizisten mit gepanzertem Gefangentransportfahrzeug und martialisch auf die Prachtmeile platzierten Polizeiwannen. Das [Pontifikalrequiem für Papst Franziskus](https://www.stern.de/news/bundesweites-requiem-fuer-papst-franziskus--baetzing-dankt-fuer-grosse-anteilnahme-35678560.html?ref=patrick-pehl.de) wurde zur Bühne eines doppelten Schauspiels: der Trauer um einen Pontifex und der lautlosen Staffelübergabe der Macht. Bundespräsident Steinmeier, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, der designierte Kanzler Friedrich Merz – in wenigen Tagen wird er vereidigt – bildeten nur die Spitze des Prominenteneisbergs.
[Papstwahl im Vatikan: Ein Appell für barocken Prunk | Kultur, Digitaltechnik & Journalist aus BerlinGegen die falsch verstandene Zurückhaltung der Moderne: Ein leidenschaftliches Feuilleton-Plädoyer für die Rückkehr der päpstlichen Louboutins und der Tiara im Vatikan.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/papstwahl-prunk-gesucht/)
Der noch-Oppositionsführer Merz legte einen Auftritt hin, der nicht großmannssüchtiger hätte sein können. Platziert neben der zweiten Frau im Staate, der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, schien er bereits seine künftige Rolle zu antizipieren. Klöckner hingegen wusste zwar ebenfalls um ihre Wirkung, trat jedoch weitaus besonnener auf. Der Bundespräsident indes hielt sich zurück - eine selbstauferlegte Zurückhaltung, die im Kontrast zum ambitionierten Auftreten seines künftigen Regierungschefs stand.
Zwischen Bauministerin Klara Geywitz, NRW-Minister Karl-Josef Laumann, dem designierten Kanzleramtsminister Thorsten Frei, Ex-Minister Jens Spahn und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann konnte man zwei Typen von Besuchern unterscheiden: jene, die aus wahrem Interesse gekommen waren, und jene, die einen von ihrem Kalender gesteuerten Pflichttermin abarbeiteten. In einer unscheinbaren Ecke stand ein sichtlich gerührter Volker Kauder (CDU), während der katholische [Konvertit Philipp Amthor](https://www.bild.de/ratgeber/2019/ratgeber/wie-cdu-poltiker-amthor-als-erwachsene-fanden-wir-zu-gott-66964626.bild.html?ref=patrick-pehl.de) mit aufrichtigem, unverhohlenem Ernst dem Geschehen folgte.

Abgesperrte Straßen um den Ort der Versammlung: die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin. © Patrick Pehl 2025
Der Vorsitzende der Bischofskonferenz sprach davon, wie die Kirche aus dem Inneren dieses Raumes nach außen wirkt – eine Botschaft, die angesichts der Exklusivität der Veranstaltung einen schalen Beigeschmack hinterließ. Die Inszenierung suggerierte eine gesellschaftliche Relevanz, die mit den steigenden Austrittszahlen kontrastiert. So blieb das Pontifikalrequiem ein [Paradoxon: Die Kirche, die für alle offen sein sollte, schloss an diesem Tag alle aus](https://kirchenbauforschung.info/2024/12/01/impressionen-von-sankt-hedwig-mitte-1-advent-i-xi/?ref=patrick-pehl.de), die keine politische oder diplomatische Bedeutung hatten, anders als es beispielsweise Rom praktiziert wurde. Stattdessen gibt es in Berlin [einige Tage später eine Messe für die einfachen Leute](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-eine-kirche-st-hedwigskathedrale-berlin/), manchem kommt nun vielleicht der Begriff „Pöbel“ in den Sinn. Ob das dem armenliebenden Papst Franziskus gefallen hätte bleibt offen. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch ist ein beliebter und guter Hirte für die Stadt und sein anvertrautes Bistum – ein Mann der Offenheit.

Die Bischofskonferenz lud in die Hedwigs-Kathedrale in Berlin ein. Lisa Paus (Grüne), Klara Geywitz (SPD) und Thorsten Frei (CDU) reden miteinander. © Patrick Pehl
So tanzen beide Seiten einen komplizierten Reigen gegenseitiger Interessenwahrung, bei dem letztlich keine gewinnt: Die Kirchenoberen inszenieren eine gesellschaftliche Relevanz, die mit jeder Austrittswelle weiter schwindet, während die Politik einen moralischen Überbau sucht, der zunehmend instabil wird. Die Coronazeit hat diese Entfremdung nur verstärkt – selbst überzeugte Katholiken wie Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) fanden sich kürzlich enttäuscht von einer Institution, die in der Krise oft schwieg.
Dennoch verfolgen derweil Millionen Deutsche das Mediengerangel um den verstorbenen Papst – fasziniert von einem Ereignis, dessen rituelle Bedeutung sie längst nicht mehr teilen. Beispielsweise explodieren [die Abrufzahlen des Films Conclave seit dem Tod des Pontifex Maximus](https://www.stern.de/kultur/nach-dem-tod-von-papst-franziskus--streamingzahlen-von--konklave--explodieren-35661348.html?ref=patrick-pehl.de). Einzig die ZDF-Kameras durchbrechen die hermetische Abschottung und machen die Fernsehzuschauer zu Zaungästen einer Veranstaltung, die eigentlich den Katholiken des Bistums Berlin und denen im ganzen Land gehören sollte. Stattdessen schleichen Polizisten durch die Reihen und latschen über die Kniebänke, stellen protestantische Führerinnen Plastikflaschen unterm Stuhl ab.
Als sich nach dem letzten Segen die Türen des vergleichsweise schmächtigen Rundbaus öffneten, strömte die Frühlingssonne in den Raum – ein symbolischer Moment, der mehr verriet als alle gesprochenen Worte: Das sakrale Schauspiel war vorüber, das Politische geht jetzt erst wieder richtig los.
### Die Unbeholfenen von Berlin-Mitte
URL: https://patrick-pehl.de/die-unbeholfenen-von-berlin-mitte/
Last updated: 2026-07-14T12:11:00.000Z
**Nach der Bundestagswahl strömen sie wieder in die Hauptstadt: Neulinge im Politikbetrieb. 230 frischgebackene Abgeordnete und ihre Mitarbeiter bevölkern das Regierungsviertel. Mit Idealismus im Gepäck und ohne Kenntnis der ungeschriebenen Regeln stürzen sie sich in den parlamentarischen Alltag – während die alten Hasen wissen, wie das Spiel gespielt wird.**
Alle erfahrenen Abgeordneten ähneln einander in der Beherrschung jenes subtilen Machtspiels, das sich Politik nennt – jeder unerfahrene Neuling tappt auf seine eigene Weise im Dunkeln der ungeschriebenen Gesetze. Das Regierungsviertel in Berlin-Mitte hat sich gehäutet. Nach der Bundestagswahl vom vergangenen Februar sind sie wieder eingezogen, die Neuen, die Unverbrauchten, die Ungeschliffenen.
## Neustart im Regierungsviertel
Neue bevölkern nun den Reichstag, die Nebengebäude und die Straßen im Regierungsviertel. Mit ihnen kommen Mitarbeiter, Referenten, wissenschaftliche Hilfskräfte – ein Schwarm von Neuankömmlingen, die das System noch nicht kennen und die das System noch nicht kennt. Sie arbeiten nicht nur in Bundestagsbüros, sondern auch in Verbänden, Stiftungen und Denkfabriken.
Man erkennt sie sofort. Zwischen Brandenburger Tor und Unter den Linden, in der schmucklosen U5, stieg sie ein: Ende zwanzig, in einer dunkelgrünen Funktionsjacke mit rot-weißem Emblem am Ärmel. Ihre Devianz ist schwer zu übersehen – sie steht ratlos vor der U5-Netzspinne, ihre Schuhe glänzen noch vom Fabrikwachs, die Brillengestelle sind für Berlin-Mitte einen Ticken zu lame. Der Gürtel an ihrer schlichten schwarzen Hose folgt dem Dresscode konservativer Kreise: Eine gebogene Linie mit einem Querbalken, zusammen ein stilisiertes A – jenes Symbol, das Zugehörigkeit signalisiert.
Die zu breiten und flachen Brillenränder umrahmen einen Blick, der die Verlorenheit eines Menschen ausstrahlt, der in seiner Heimatstadt jeden kennt und jetzt in der Anonymität einer Viermillionenstadt versinkt. Als die Türen aufgleiten, zögert sie einen Moment zu lang. Die Berliner strömen an ihr vorbei, während sie noch überlegt, ob sie aussteigen soll.
## Hauen und Stechen
Nach der [konstituierenden Sitzung](https://patrick-pehl.de/parlamentarisches-neuland-konstituierende-sitzung-des-21-bundestags/) Ende März beginnt das große Hauen-und-Stechen. Während auf den Gängen noch Umzugskisten stehen, werden bereits Reviere abgesteckt. Es gibt 23 Ausschüsse, aber nicht jeder kann überall sein.
Parlamentarisches Neuland von Patrick Pehl
Zur Konstituierenden Sitzung des 21\. Deutschen Bundestages – ich war im Plenarsaal dabei und konnte Steinmeiers Raunen hören.
[Weiterlesen auf Substack](https://patrickpehl.substack.com/p/parlamentarisches-neuland-konstituierende-sitzung-des-21-bundestags?ref=patrick-pehl.de)
Im Bundestagsrestaurant raunen sich die Altgedienten zu, der Verteidigungsausschuss sei bereits überfüllt. Dort fließe jetzt das große Geld wegen des Sondervermögens. Der Ausschuss mit seinem Einzelplan 14 ist neuerdings begehrt – selbst kleine Krümel für den eigenen Wahlkreis sind hier Streußelkuchenkrümel mit Millionenwert.
## Die Konkurrenz um Büroräume

Journalisten und neue Abgeordnete lernen sich und ihre Mitarbeiter kennen. © Svenja Blobel 2025
Die Büroverteilung ist ein Schauspiel für sich. Die Silberrücken der Fraktionen residieren in [geräumigen Eckbüros mit Spreeblick](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/). Für die Neulinge bleiben oft kleine Kabuffs, in denen sie ihre Träume von politischer Gestaltungsmacht auf Quadratmetern zusammenfalten müssen, die kaum für Schreibtisch und Besucherstühle reichen. Ein CDU-Abgeordneter im dritten Mandat feiert seine Beförderung zum Obmann mit einem Büro-Upgrade – nachdem er anfangs in einem schrankähnlichen Raum neben dem Fahrstuhl untergebracht war.
## Jagd nach Personal
Die Einstellung des Personals ist der nächste Kraftakt. Jeder Abgeordnete verfügt über ein fünfstelliges Monatsbudget für Mitarbeiter. Doch qualifiziertes Personal zu finden, ist nicht einfach. Die Alteingesessenen haben bewährte Netzwerke, aus denen sie schöpfen. Die Neuen müssen sich durchkämpfen oder eigene Leute mitbringen, die ebenso unerfahren sind wie sie selbst.
In der Kantine des Jakob-Kaiser-Hauses verrät der norddeutsche Akzent einer jungen Mitarbeiterin, dass sie frisch aus Kiel oder Hamburg nach Berlin gekommen ist. Sie trägt einen schlichten Hosenanzug und praktische, noch nicht repräsentative Schuhe mit Gummisohlen – sie quietschen auf den gewachsten Betonböden. In einem Jahr wird sie in Markenkleidung durch die Gänge laufen und alle wichtigen Referenten kennen. Am Nebentisch erklärt eine erfahrene Büroleiterin, dass man sich Kontakte erst erarbeiten müsse – ohne die richtigen Kniffe landen auch brillante Anträge im Archiv.
## Mentoren und Initiativen
Das wirkliche Leben des Bundestages spielt sich nicht in den übertragenen Plenarsitzungen ab. Die eigentliche [Macht liegt in Ausschüssen](https://patrickpehl.substack.com/p/ressortverteilung-in-der-neuen-regierung?ref=patrick-pehl.de), Arbeitsgruppen und vertraulichen Flurgesprächen. Wer neu ist, braucht einen Mentor, um sich protegieren zu lassen. Die jungen Abgeordneten und Einsteiger rotten sich in „jungen Gruppen" und Parlamentskreisen zusammen, entwickeln Strategien für das komplexe Geflecht des Bundestages.
In den Büros entstehen die ersten Entwürfe für parlamentarische Initiativen. Die Neuen wollen sich profilieren, doch die alten Hasen wissen: In der Politik zählt nicht nur die gute Idee, sondern vor allem Timing und Unterstützung. Die Fraktionsführung entscheidet, was durchgeht – die „jungen Hüpfer" müssen erst beweisen, dass sie verlässlich sind.
## Chaos und Routine
In den Büros der Neuen herrscht noch Chaos. Umzugskisten neben hastig aufgebauten Schreibtischen, kahle Wände, halb eingerichtete Computer. In einem dieser Büros brütet eine junge Frau aus Sachsen über der Geschäftsordnung des Bundestages, jenem komplexen Regelwerk, das den parlamentarischen Betrieb steuert.
[Der Arbeitsplatz des Spitzenpolitikers Friedrich MerzEin Blick hinter die Kulissen: Die Doku „Die Vertrauensfrage“ zeigt Friedrich Merz an seinem Schreibtisch – inszeniert und symbolträchtig. Merz’ Büro ist weniger Arbeitsplatz als Bühne einer anachronistischen Vorstellung von Politik. Was verraten seine Bürogestaltung und Details über sein Selbstbild? Eine Analyse politischer Ästhetik.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/)
Während die Etablierten ihre gewohnten Pfade gehen, stehen die Neulinge noch staunend am Rand. Die Vertrauten des Systems gleichen einander in ihrer routinierten Beherrschung der Abläufe – die frisch Hinzugekommenen kämpfen jeder auf eigene Weise mit der Komplexität des Betriebs.
## Schleifprozess
In einem Jahr werden auch sie Teil des Systems sein. Werden wissen, welche Türen sich öffnen und welche verschlossen bleiben. Werden die richtigen Schuhe tragen, die richtigen Worte finden, die richtigen Hände schütteln. Bis dahin bleiben sie erkennbar – an ihrer Unsicherheit, ihrem Idealismus, ihren noch nicht perfekt sitzenden Anzügen.
Berlin schleift seine Neulinge, bis sie passen. Oder bis sie gehen. Denn die etablierten Parlamentarier wissen, wie man in diesem System überlebt – die Neulinge müssen erst herausfinden, wie man in diesem Spiel nicht untergeht.
### Politik als Choreografie
URL: https://patrick-pehl.de/politik-als-choreografie/
Last updated: 2026-06-14T11:39:14.000Z
**Die Bühnen der Stadt besuche ich bekanntlich gern, normalerweise jedoch eher das Sprechtheater, doch aus persönlichen Umständen heraus habe ich ein Interesse am klassischen Tanz, also Ballett, hervorgebracht. Nun schaue ich mit meinem noch ungeschulten Auge in die Tanzwelt und Choreographien, Gepflogenheiten wie fachlichen Eigenheiten hinein und entdecke durchaus interessante Parallelen zu meinem Alltag als Journalist in der Hauptstadt.**
Es wird in der der Hauptstadt gerade mal wieder viel getanzt und getänzelt. Die Hinterbänkler im Bundestag warten auf Regieanweisungen, während seit den Wahlen am 23\. Februar dieses Jahres Union, also CDU und CSU, sowie die SPD ihr altbekanntes Pas-de-Deux aufführen – jenen Paartanz, der zur „*GroKo-Regierungsbildung*“ führen soll. und wenn man genau hinsieht, findet man in diesem [politischen Schauspiel](https://patrick-pehl.de/beziehungsfrage-staatsreform-nach-der-wahl-kolumne-politik/) Muster des klassischen Balletts – diese Parallele war mir noch nicht ganz bewusst, aber sie ist interessant.
## Die Traversée der Sondierungsprofis
Was im Ballett die *Traversée* ist – eine diagonale Bewegung, bei der die Tänzer nacheinander die Bühne durchqueren – findet in der Politik ihre Entsprechung im Stellungskrieg der Generalsekretäre und Parteigranden, die ihre Fraktionsgeschäftsführer, gewogene Abgeordnete und Staatssekretäre vorgeschickt, um den medialen Raum für die eigentlichen Entscheider zu bereiten.
Sie tanzen ihre Choreografie, indem sie einen flüchtigen Satz für die Morgenmagazine fallen lassen, eine gezielte Indiskretion beim Hintergrundgespräch einbinden oder einen vermeintlich spontanen Talkshowauftritt bestreiten. Wie das *Corps-de-Ballet* – diese Gruppe von Ensembletänzern – bereiten diese Vorgeschickten den Auftritt der Parteichefs vor. Sie machen all die Arbeit, die das tanzende Milieu lebendig macht und den strukturellen Rahmen für die Solisten schafft, genau wie in einem echten Ballett.
Anders als das *Divertissement* – diese unterhaltsamen, aber eigentlich überflüssigen Tanzeinlagen ohne Handlungsrelevanz – leisten diese politischen Gruppentänzer die eigentliche Verhandlungsarbeit. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit erscheinen sie trotzdem als austauschbare Randfiguren. Die Hauptstadtmedien blenden mit ihrem Scheinwerferlicht, keiner der teils hochkomplexen Bewegungsmuster scheint einer Berichterstattung wert. Obwohl genau diese Tänzer den Takt vorgeben, nach dem später die Solisten tanzen werden, schon komisch eigentlich.
https://patrick-pehl.de/blog/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
## Bühnenauftritt des Parteichefs
Und dann, wenn Journalisten und Publikum bereits gelangweilt die Füße scharren, folgt der dramaturgisch perfekt inszenierte Medienauftritt des Parteivorsitzenden. Das politische Corps-de-Ballet weicht respektvoll zurück, alle Kameras schwenken auf die Hauptfigur. Mit wenigen Gesten beherrscht er die Polit-Bühne.
Seine Worte? Inhaltlich kaum anders als die der Unterhändler. Doch jetzt gelten sie plötzlich als wegweisend. Das Publikum ist beeindruckt, die Kommentatoren überschlagen sich mit Analysen zur „staatsmännischen Vorstellung“.
Was bleibt, ist die Erinnerung an den großen Solisten, während die Leistung der eigentlichen Akteure vergessen wird. Dabei wäre ohne ihre Arbeit, die oft im Verborgenen stattfindet, der triumphale Auftritt des Chefs undenkbar. Ja, ohne sein *Corps-de-Ballet*, ohne seine Gruppentänzer wäre er nicht auf dem Silbertablett präsentiert und das Publikum wäre nicht rauschhaft auf seinen Auftritt gespannt gewesen.
In der Politik wie im Ballett entscheidet letztlich nicht der einzelne Star, sondern das präzise Zusammenspiel aller Beteiligten. Wer die Koalitionsverhandlungen verstehen will, sollte den Blick von den Hauptdarstellern lösen und die Choreografie des Ganzen betrachten. Sonst [verpasst man das eigentliche Stück](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/).
### Der überalterte Newcomer Friedrich Merz
URL: https://patrick-pehl.de/der-ueberalterte-newcomer-friedrich-merz-cdu/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Kann ein fast Siebzigjähriger die Geschicke des Landes leiten und die Probleme der Menschen verstehen? Mit 69 Jahren steht Friedrich Merz an der Schwelle zum Kanzleramt – ein Mann ohne Regierungserfahrung, der älter ist als fast alle seine Vorgänger. Ausgerechnet der Westen, der einst über greise Sowjetführer spottete, setzt nun auf einen politischen Rentner ohne Exekutiverfahrung.**
In wenigen Wochen dürfte Friedrich Merz Bundeskanzler werden. Der 69-jährige CDU-Politiker, der nach zwanzigjähriger politischer Abstinenz zurückkehrte, führte die Union zum Wahlsieg am 23\. Februar 2025\. Während die intrikaten Koalitionsverhandlungen mit der SPD laufen, bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Ist ein überalterter Polit-Rückkehrer ohne Regierungserfahrung die richtige Wahl für Deutschlands Zukunft?
„Wer zu spät kommt, den belohnt zuweilen die Geschichte. Doch kann auch des Alters Weisheit in Torheit umschlagen, wenn sie auf Erfahrung pocht, die keine mehr ist,“ warnte einst Bertolt Brecht.
## **Das Alter der anderen**
Nach Konrad Adenauer wäre Merz der zweitälteste Kanzler bei Amtsantritt in der Geschichte der Bundesrepublik, aber nicht nur der alten wie der wiedervereinigten Bundesrepublik, sondern auch der DDR und der oft als besonders alt empfundenen Moskowiter KP-Vorsitzenden:
### **Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland:**
- **Konrad Adenauer** (CDU): 73 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 91 Jahren.
- **Ludwig Erhard** (CDU): 66 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 75 Jahren.
- **Kurt Georg Kiesinger** (CDU): 59 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 79 Jahren.
- **Willy Brandt** (SPD): 55 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 78 Jahren.
- **Walter Scheel** (FDP): 64 Jahre bei Amtsantritt (als geschäftsführender Bundeskanzler), gestorben im Alter von 94 Jahren.
- **Helmut Schmidt** (SPD): 56 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 96 Jahren.
- **Helmut Kohl** (CDU): 54 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 87 Jahren.
- **Gerhard Schröder** (SPD): 56 Jahre bei Amtsantritt, aktuell 80 Jahre alt.
- **Angela Merkel** (CDU): 51 Jahre bei Amtsantritt, aktuell 69 Jahre alt.
- **Olaf Scholz** (SPD): 63 Jahre bei Amtsantritt.
### **Vorsitzende des Ministerrats der DDR:**
- **Otto Grotewohl**: 55 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 70 Jahren.
- **Willi Stoph**: 51 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 79 Jahren.
- **Horst Sindermann**: 59 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 78 Jahren.
- **Willi Stoph** (erneut): 61 Jahre bei Amtsantritt.
- **Hans Modrow**: 61 Jahre bei Amtsantritt, gestorben im Alter von 95 Jahren.
- **Lothar de Maizière**: 50 Jahre bei Amtsantritt, aktuell 84 Jahre alt.
### **Generalsekretäre der KPdSU ab 1949:**
- **Josef Stalin**: 45 Jahre bei Amtsantritt (1922), gestorben im Alter von 74 Jahren.
- **Nikita Chruschtschow**: 60 Jahre bei Amtsantritt (1953), gestorben im Alter von 77 Jahren.
- **Leonid Breschnew**: 58 Jahre bei Amtsantritt (1964), gestorben im Alter von 75 Jahren.
- **Juri Andropow**: 68 Jahre bei Amtsantritt (1982), gestorben im Alter von 69 Jahren.
- **Konstantin Tschernenko**: 72 Jahre bei Amtsantritt (1984), gestorben im Alter von 73 Jahren.
- **Michail Gorbatschow**: 54 Jahre bei Amtsantritt (1985), gestorben im Alter von 91 Jahren.
## **Die doppelte Paradoxie**
Das Durchschnittsalter der EU-Regierungschefs liegt bei 53 Jahren. Selbst Putin war bei seiner zweiten Amtsübernahme 2012 erst 59 Jahre alt – zehn Jahre jünger als Merz heute. Der Westen, der jahrzehntelang über die *Gerontokraten im Kreml* spottete, installiert nun selbst einen Regierungschef im Rentenalter.

Der junge Friedrich Merz war noch in schwarz-weiß, als er als *MdEP 481* in einer Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg 1992. © Communautés européennes – 1989
Merz betritt das Kanzleramt nicht als erfahrener Staatsmann, sondern als [politischer Trainee im Pensionsalter](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/). Seine Regierungserfahrung ist schlicht nicht existent. Seine politische Prägung erfolgte im letzten Jahrhundert, bevor er die Politik für volle zwei Jahrzehnte verließ – eine Zeitspanne, in der sich die Welt fundamental verändert hat. Während dieser politischen Auszeit transformierte sich Deutschland zu einem anderen Land mit neuen Machtverhältnissen, Europa erlebte multiple Krisen, die Digitalisierung revolutionierte Wirtschaft und Gesellschaft und neue geopolitische Realitäten entstanden. Und als Ausdruck seiner Sozialisierung kommt der Mann aus dem Sauerland mit Ideen, die älter sind als die Generation Deutscher, die die Teilung des Landes mittels Mauer noch nicht mal mehr kennen. Merz ist ein Mann des Kulturkampfes – Kultur Kampf zwischen Ost und West, Kulturkampf in der CDU, Kulturkampf zwischen Sozialem und verächtlicher „Arsch-hoch-Prämie“.
Nach dieser bemerkenswert langen Absenz kehrt Merz zurück und beansprucht sofort das höchste Regierungsamt. Es ist ein kurioser Zustand, der viele in Politik und Gesellschaft affizieren wird. Es ist, als würde ein Arzt nach zwanzigjähriger Praxispause ohne Fortbildung direkt die Leitung einer Universitätsklinik übernehmen wollen. Friedrich Merz hat es nicht einmal geschafft selbstständig zurück auf die Parteibühne zu kommen, sondern brauchte dazu die [Hilfe der Berater von Gauly Advisors](https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/friedrich-merz-die-ruckkehr-des-zeigefingers-4613062.html?ref=patrick-pehl.de) – man könnte also unterstellen: So weltfremd ist er.
In jenem Wirtschaftsleben, das er so vehement preist, hätte man ihn längst aussortiert. Keine Personalabteilung eines DAX-Konzerns würde einen 69-Jährigen ohne einschlägige Erfahrung für eine Führungsposition in Betracht ziehen. Doch für das mächtigste politische Amt der Republik soll dieser offensichtliche Widerspruch keine Rolle spielen.
„Auch der ehrlichste Dieb hängt sich nicht selber an den Galgen“, besagt ein russisches Sprichwort. Merz wird kaum selbst eingestehen, dass er zu alt ist und die Komplexität der heutigen Welt nicht mehr vollständig erfassen kann. Die zentrale Frage ist ohnehin eine andere: Sollte Deutschland in Zeiten rapiden technologischen und gesellschaftlichen Wandels auf einen Mann setzen, der weder die Erfahrung noch die generationelle Perspektive mitbringt, um die Zukunft zu gestalten? Einen überalterten Newcomer, dessen politisches Comeback eher von persönlichem Ehrgeiz als von staatsmännischer Weitsicht getrieben scheint.
### **Aktuelle Regierungschefs der Europäischen Union:**
Wenn man nun überlegt, dass das andere Zeiten waren und sich die Alten von heute ja agiler und fitter fühlen, länger leben und schlicht leistungsfähiger als die Siebzigjährigen von vor 30 Jahren – dann sollte man mal in die EU-Mitgliedsstaaten schauen und interessante Schlüsse ziehen. Ich habe das europäische KI-System aus Frankreich mit dem Namen [Le Chat von Mistral.AI](https://chat.mistral.ai/chat?ref=patrick-pehl.de) mal gefragt, wie alt denn so die europäischen Freunde bei Amtsantritt waren:
- **Österreich** – Karl Nehammer (51 Jahre)
- **Belgien** – Alexander De Croo (47 Jahre)
- **Bulgarien** – Nikolai Denkov (51 Jahre)
- **Zypern** – Nikos Christodoulides (49 Jahre)
- **Tschechische Republik** – Petr Fiala (58 Jahre)
- **Dänemark** – Mette Frederiksen (45 Jahre)
- **Estland** – Kaja Kallas (46 Jahre)
- **Finnland** – Petteri Orpo (54 Jahre)
- **Frankreich** – Emmanuel Macron (45 Jahre)
- **Deutschland** – Olaf Scholz (65 Jahre)
- **Griechenland** – Kyriakos Mitsotakis (55 Jahre)
- **Ungarn** – Viktor Orbán (60 Jahre)
- **Irland** – Leo Varadkar (44 Jahre)
- **Italien** – Giorgia Meloni (46 Jahre)
- **Lettland** – Evika Siliņa (48 Jahre)
- **Litauen** – Ingrida Šimonytė (49 Jahre)
- **Luxemburg** – Luc Frieden (59 Jahre)
- **Malta** – Robert Abela (46 Jahre)
- **Niederlande** – Mark Rutte (56 Jahre)
- **Polen** – Donald Tusk (66 Jahre)
- **Portugal** – António Costa (62 Jahre)
- **Rumänien** – Marcel Ciolacu (53 Jahre)
- **Slowakei** – Robert Fico (59 Jahre)
- **Slowenien** – Robert Golob (56 Jahre)
- **Spanien** – Pedro Sánchez (51 Jahre)
- **Schweden** – Ulf Kristersson (59 Jahre)
- **Kroatien** – Andrej Plenković (53 Jahre)
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### Mein kleiner Widerstand gegen Berlins Kulturvernichtung
URL: https://patrick-pehl.de/mein-kleiner-widerstand-gegen-berlins-kulturvernichtung-cdu-kai-wegners-kuerzungen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Vor einigen Wochen habe ich mich entschlossen dem Freundeskreis des Berliner Ensemble beizutreten und dem Haus nicht nur durch ein Abo meine Zuneigung auszudrücken. Es war ein Abend, als ich noch etwas in der Zeitschrift Theater Heute blätterte und mich entschlossen zeigte.**
Ich tippte auf dem Display meines Tablets, weich gebettet auf Kissen im heimischen Schlafzimmer, auf der schwarz gestalteten Seite herum und schwupp, schon hatte mein Browser alle Daten automatisch ausgefüllt und ich übermütig auf „Mitglied werden" getippt. „Sie sind nun Mitglied des Freundeskreises des Berliner Ensemble." stand unscheinbar, in winziger Schrift und etwas fehlplatziert auf meinem Endgerät.
Ein Akt persönlicher Widersetzung gegen jene, die das kulturelle Rückgrat dieser Stadt zu brechen versuchen. Ein Schritt aus Notwendigkeit in Zeiten, da der hochgelobte [Sparwille eines Kai Wegner (CDU)](https://patrick-pehl.de/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/) und seines Kultursenators Joe Chiallo (CDU) die städtischen Theater in existenzielle Unsicherheit stürzt.
Wie ein russisches Sprichwort treffend sagt: „Unter einen liegenden Stein fließt nicht mal Wasser." Wer nichts tut, wird auch nichts erreichen. Diese Volksweisheit mahnt, dass nur aktives Handeln Veränderung bewirkt.
## Die historischen Sünden der Berliner Kulturpolitik
Die Kulturlandschaft dieser Stadt wird derzeit affiziert von einer Rotstiftpolitik, die erschreckend an jene Austeritätssaisons erinnert, die Berlin bereits einmal an den Rand der kulturellen Bedeutungslosigkeit drängten. Die Sparwutorgien des Wegner-Senats wirken wie ein Echo jener Sünden der 1990er Jahre. Damals verkaufte man in sträflichem Leichtsinn das Tafelsilber der Stadt: hunderttausende landeseigene Wohnungen, Energiewerke, Wasserversorgung – alles fiel der Privatisierungseuphorie zum Opfer.

Der Drama-Schal des Berliner Ensemble begleitet mich manchmal auch im Alltag. © Max Hartmann 2025
Bemerkenswert an dieser historischen Abfolge ist die Wandlung mancher Protagonisten. Da hält ein Gregor Gysi, einst als Wirtschaftssenator mitverantwortlich für den Ausverkauf städtischer Infrastruktur, als Alterspräsident des Bundestages eine Rede, in der er die Sünden der Vergangenheit geißelt – ohne allerdings seine eigene Urheberschaft dieser Heilslehre von Privatisierung auch nur zu erwähnen. Eine solche selektive Erinnerungskultur ist wahrlich ein Meisterstück politischer Vergebungstheologie.
## CDU-Senat und die Vernichtung kultureller Räume
Nun wiederholt sich die Geschichte als Farce. Der neue Senat unter dem CDU-Mann Wegner betrachtet die Errungenschaften der letzten Jahre – den mühsamen Rückkauf von Wohnungsbeständen, die Rekommunalisierung der Wasserbetriebe, die Stärkung der städtischen Infrastruktur – offenbar als deviante Abweichung vom Pfad finanzpolitischer Tugend. Was dem Volk nach Jahren des Kampfes zurückgegeben wurde, soll nun wieder dem Moloch des Kapitalüberschusses geopfert werden.
Die pauschalen Sparmaßnahmen treffen jeden Berliner hart: Die Mieten in landeseigenen Wohnungen stiegen zum 1\. Januar 2025 um etwa 15 Prozent, das Monatsticket wurde durch die Streichung des „Berlin-Tickets“ doppelt so teuer! Dies trifft besonders Bürger mit kleinen und mittleren Einkommen.
Die Kultureinrichtungen erleiden diese Sparwut mit besonderer Härte. [Theater, Opernhäuser, freie Spielstätten](https://patrick-pehl.de/formationslichter-der-deutschen-theaterlandschaft-in-deutschland-grosse-kunst-auf-allen-buehnen/) – sie alle sehen sich konfrontiert mit einem Kahlschlag, der nur als kultureller Selbstmord bezeichnet werden kann. Das Berliner Ensemble musste bereits seine Eintrittspreise um 15 Prozent anheben – eine schmerzhafte Maßnahme angesichts der ohnehin steigenden Lebenshaltungskosten.
## Theater als sozialer Raum: Berlins kulturelles Immunsystem
Ein Theater kann man nicht einfach kaufen. Gewiss, man kann Gebäude erwerben, Künstler engagieren, Stücke finanzieren. Doch das Wesen der Bühne – jener immaterielle Raum der Begegnung – entzieht sich hartnäckig der Kommodifizierung. Es ist ein Ort, an dem die Hierarchien des Alltags teilweise außer Kraft gesetzt sind. Wo die Millionärin neben dem Studenten sitzt, beide vereint in der gemeinsamen Aufmerksamkeit für das Bühnengeschehen.
Ich habe [diesen Gedanken bereits vor einigen Monaten ausgeführt](https://patrick-pehl.de/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/): Das Theater bildet einen der letzten Räume, in denen nicht der Geldbeutel über die Qualität des Erlebnisses entscheidet. Ein Millionär mag sich den teuersten Platz leisten können, doch der Unterschied zum günstigsten Rang ist minimal – und mit Vergünstigungen wie der BE-Card für viele erschwinglich. Hier fehlen die Statusjäger und Influencer-Karawanen, die sonst jeden kulturellen Raum in einen Laufsteg verwandeln.
## Die Bürger Berlins gegen kulturelle Kahlschlagspolitik
Warum dieses blinde Rasieren gerade dort, wo kulturelle Vielfalt ohnehin schon am seidenen Faden hängt? Ist es Gedankenlosigkeit oder steckt dahinter die Genugtuung jener, die Kunst als Luxus betrachten? Ein solches Denken verkennt den Charakter der Kultur als gesellschaftlichen Klebstoff, als Band, das Menschen über soziale Grenzen hinweg verbindet.
Die kulturzerstörerischen Auswirkungen dieser Sparpolitik manifestieren sich bereits allerorten. In der Staatsoper und dem Staatsballet führt die Mittelkürzung zu einem drastischen Rückgang der Aufführungszahlen, was kulturelle Verteilungskämpfe entfacht, in denen jene triumphieren, die über die richtigen Beziehungsnetzwerke verfügen. Eine Bekannte – kulturhungrig und schwanenseebegeistert – versucht seit zwei Spielzeiten vergeblich, eine Eintrittskarte für die beliebte Ballettaufführung zu ergattern, während die Kartenkontingente, kaum veröffentlicht, bereits in den undurchsichtigen Kanälen der Kulturelite verschwinden. Solche Angebotsverknappung schafft Exklusivität, wo [einst Zugänglichkeit herrschte](https://patrick-pehl.de/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/) – ein Musterbeispiel dafür, wie der Sparwahn die demokratische Kulturlandschaft in ein Privileg zurückverwandelt.
Man muss kein Marxist sein, um zu erkennen, dass diese Stadt ihre Theater nicht nur aus ästhetischen Gründen braucht. Sie sind Versammlungsorte, Denkfabriken, Laboratorien gesellschaftlicher Selbstverständigung. In einer Zeit, da der öffentliche Raum zunehmend privatisiert wird, bieten sie Zuflucht für jene Form des Miteinanders, die sich nicht in Konsumptionsakte übersetzen lässt.
Mein Beitritt zum [Freundeskreis des Berliner Ensembles](https://www.berliner-ensemble.de/freunde?ref=patrick-pehl.de) ist daher mehr als eine private Entscheidung. Es ist der Versuch, meinen Lieblingsfreizeitort in meiner Heimatstadt zu bewahren.
## Kulturelle Solidarität: Ein Aufruf zum Handeln
Natürlich verstehe ich alle, die nichts mit dem Kultursektor am Hut haben. Nicht jeder kann diesen Weg gehen. Doch wer die Möglichkeit hat, sollte sie ergreifen – sei es durch Mitgliedschaften, Spenden oder regelmäßige Theaterbesuche.
https://patrick-pehl.de/blog/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/
An dieser Stelle sei gesagt: Wer es sich leisten kann, muss aufhören, sich an Vergünstigungen heranzuschleichen. Studierende mit großzügigem Einkommen oder Rentner mit Mieteinkünften, die Rabatte in Anspruch nehmen – solche Rabauken handeln nicht solidarisch, sie sind wie Mr. Burns in jener Simpsons-Szene in der Kirche, der trotz seines Reichtums knausert. Was uns von der Tierwelt unterscheidet, ist die Menschlichkeit – selbst Tiere haben Mitgefühl füreinander. Es ist ein Akt der Emanzipation, sich solidarisch zu zeigen und Kontingente für jene freizuhalten, die sie wirklich brauchen.
Dies entbindet den Senat selbstverständlich nicht von seiner Pflicht, die kulturelle Infrastruktur angemessen zu fördern. Bürgerliches Engagement kann staatliche Unterstützung ergänzen, nicht ersetzen. Es wäre vermessen zu glauben, die Privatinitiative einiger Theaterliebhaber könne systematische Unterfinanzierung ausgleichen. Zumal die Steuern der Bourgeoisie – das notorisch unterbesteuerte Kapital – gerade dafür erhoben werden sollten, gemeinschaftliche Güter wie Kultur zu ermöglichen.
## Berlins Theater: Unersetzliche Räume der Gemeinschaft
Man fragt sich: Haben Wegner und Chiallo (CDU) je die transformative Kraft eines Theaterabends am eigenen Leib erfahren? Haben sie je gespürt, wie eine großartige Inszenierung die Welt für Stunden zum Stillstand bringen kann? Man möchte es bezweifeln.
Noch ist es nicht zu spät für eine Kurskorrektur. Der CDU-Senat könnte erkennen, dass Kulturabbau keine Politik der Vernunft ist, sondern kurzsichtiger Vandalismus am Gemeinwesen. Die mühsam wiedererrichtete Kulturlandschaft Berlins darf nicht erneut dem finanzpolitischen Kahlschlag zum Opfer fallen.
Wir Bürger dieser Stadt sind aufgerufen, unsere Stimme zu erheben – nicht nur im Wahllokal, sondern durch aktive Unterstützung jener Institutionen, die [Berlin zu mehr machen](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/) als einer Ansammlung von Wohngebäuden und Einkaufszentren. Diese Kristallisationspunkte gesellschaftlicher Selbstreflektion, diese Begegnungsstätten in einer zunehmend atomisierten Gesellschaft schaffen jenen essentiellen Raum unmittelbarer menschlicher Interaktion, den wir für eine funktionierende Demokratie so dringend benötigen. Sie sind keine entbehrlichen Luxusgüter, sondern Überlebensanker in Zeiten fortschreitender Kulturvergessenheit.
In diesem Sinne verstehe ich meinen Beitritt zum Freundeskreis des BE als kleinen, aber notwendigen Beitrag zur Rettung dessen, was Berlin ausmacht: seine lebendige, vielfältige, manchmal widerspenstige Kultur. Der Senat mag sparen. Wir Bürger dieser Stadt werden nicht tatenlos zusehen, wie unser kulturelles Erbe verscherbelt wird. Nochmals.
### Parlamentarisches Neuland
URL: https://patrick-pehl.de/parlamentarisches-neuland-konstituierende-sitzung-des-21-bundestags/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**An einem sonnigen Dienstagvormittag konstituierte sich heute der 21\. Deutsche Bundestag. Julia Klöckner (CDU), die Erfinderin des Lebensministeriums, wurde zur neuen Bundestagspräsidentin gewählt. Sie kam als einfache Abgeordnete in einem Fahrzeug des Fahrdienstes und fuhr als protokollarisch zweite Person im Staat davon – eine Metamorphose im Herzen der Republik, vollzogen in wenigen feierlichen Stunden.**
Die Sitzung wurde vom Alterspräsidenten Gregor Gysi geleitet, der schon mehrfach seinen Rückzug aus der Politik angekündigt hatte, dem Bundestag aber seit Jahrzehnten die Treue hält. Der 77-jährige Linken-Politiker gehört dem Parlament seit fast 31 Jahren an – länger als manche neue Abgeordnete alt sind. Selbst als der Autor dieser Zeilen noch nicht geboren war, saß Gysi bereits als Abgeordneter in der Volkskammer der DDR. Im März 1990, kurz vor dem Ende der DDR, begann seine parlamentarische Laufbahn, die ihn nun zum dienstältesten Parlamentarier und damit zum Alterspräsidenten machte.
Der 21\. Deutsche Bundestag ist noch frisch, wie eine schraffe Schrippe, die noch auskühlen muss. Die Abgeordneten kennen sich noch nicht richtig, 230 neue Parlamentarier sind im hohen Haus angekommen und es formt sich zu insgesamt 630 Abgeordneten – ein neues Orchester, das seine Instrumente erst stimmen muss, während das Publikum schon ungeduldig mit den Programmheften raschelt.
## Der alte Gysi
Gregor Gysi, der eigentlich bloß bei seinem Nachnamen bekannt ist und zwischen Marxismus und Marketingweisheit, zwischen Tradition und Transzendenz umher wandert, nutzte sein Podium. Er wollte den Anwesenden wohl ins Gewissen reden. Das Land, sagte er, sei unser letzter Rohstoff, und die Bäume darauf hätten wir „bisher nicht geschützt“. Während er sprach, schien der Plenarsaal zuzuhören wie einem schlauen Waldflüsterer, der die intrikaten Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Ökologie in wenigen Sätzen zu fassen vermag – ein rhetorischer Naturdenkmalschutz im Treibhaus der Demokratie.
Von der Pressetribüne aus war zu beobachten, wie diese Worte manche Abgeordneten sichtbar affizierten. Einige rutschten unbehaglich auf ihren blauen Sitzen, als säßen sie plötzlich auf Brennnesseln statt auf deutschem Polster, andere nickten zustimmend wie Sonnenblumen im Augustwind. Die Landwirtschaft – dieses unsichtbare Band zwischen Urbanität und ländlichem Raum – fand in Gysis Rede einen unerwarteten Anwalt. Er sprach von Fachkräftemangel, der den Agrarsektor belastet, und von Ernährungssicherheit in einer Welt, deren Hunger chronisch ist und deren Appetit auf Ressourcen unstillbar scheint.
## Präsidiale Brüskierung
Auf der Besucherebene des Kuppelbaus folgte Frank-Walter Steinmeier dem Geschehen mit jener spezifischen Miene, die Bundespräsidenten über Jahrhunderte perfektioniert haben – äußerlich unbewegt wie eine Bronze-Büste, innerlich wägend wie ein Schiedsrichter vor der schwierigsten Entscheidung des Turniers. Später ließ er im öffentlichen Bereich der Besucherebene eine Bemerkung fallen, die einem diplomatischen Steinwurf gleichkam: Die Rede sei zwar „akustisch gut zu verstehen gewesen“, ihr Inhalt habe ihn jedoch „nicht überzeugt“.
Ein bemerkenswerter Moment präsidialer Distanzierung, eine fast opernhafte Szene im Theater der Demokratie. Der oberste Repräsentant des Staates, der seiner Rolle gemäß über den Parteien schwebt wie ein politischer Zeppelin, nahm sich die Freiheit einer Kritik, die unter dem Radar der meisten Anwesenden flog, aber dennoch ihre Wellen schlug wie ein heimlich ins Wasser geworfener Kiesel.
## Klöckners neues Zepter
Als Klöckner dann ans Pult trat, ihren Amtseid leistete und ihre erste Rede als Bundestagspräsidentin hielt, zeichnete sich ab, dass hier keine Statuspräsidentin das Zepter übernehmen würde. Die ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin, Winzertochter und Journalistin, kündigte eine Reform des parlamentarischen Fragerechts an – ein legislatives Werkzeug, das für Fachmedien wie die Agrarzeitung oft Gold wert ist, wenn nicht gar die letzte Fundgrube in der Wüste der politischen Transparenz.
Die „unverzichtbaren Kontrollinstrumente der Legislative“ wolle sie stärken, betonte sie mit jenem rheinländischen Zungenschlag, der Härte in Herzlichkeit zu kleiden vermag wie ein guter Riesling seine Säure in Süße. Beobachter im Saal spürten: Hier nimmt jemand das Parlament ernst – vielleicht ein Impuls zur rechten Zeit für eine Institution, deren Ansehen in stürmischen Zeiten schwankt wie Weizen im Sommerwind, wenn die Traktoren der Populisten die demokratischen Feldwege durchpflügen.
## Ausschusstanz
Nun beginnt der komplizierte Tanz der Ausschussbesetzungen. Der Agrarausschuss, jenes Gremium, in dem sich entscheidet, was auf deutschen Feldern wächst und wie das Land seine Ernährungssouveränität bewahrt, wartet auf seine Mitglieder wie ein leerer Bienenstock auf seinen Schwarm. Die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD verlaufen in der sogenannten Redaktionsphase – einem Begriff, der klingt, als würde man lediglich Kommas setzen, während in Wahrheit um Milliarden und Macht gerungen wird wie beim Freistilringen in Samthandschuhen.
Friedrich Merz, der sich im Hintergrund als potenzieller Kanzler bereit hält wie ein Schachspieler, der seinen entscheidenden Zug plant, schaut auf ein Parlament, das sich verändert hat: Die AfD und Die Linke sind gestärkt, während FDP und BSW an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten. Es ist, als hätten die Wähler beschlossen, das politische Spektrum neu zu sortieren – eine Herausforderung für jene, die Mehrheiten organisieren müssen wie Kinder auf dem Schulhof ihre Mannschaften für den Nachmittagskick.
## Schulden im Gepäck
Die Legislaturperiode beginnt im Schatten eines [Schuldenpakets in Billionenhöhe](https://patrick-pehl.de/warum-das-schuldenpaket-die-buerger-enttaeuschen-wird/) – eine Bürde, die wie eine schwappende Flasche im Rucksack auf den Schultern des neuen Parlaments breit macht, vollgepackt mit pekuniären Brocken. Einerseits winken Investitionen in ländliche Infrastruktur wie morgendlicher Tau auf verdorrten Fluren, andererseits drohen fiskalische Belastungen für jene, die ohnehin am Limit wirtschaften wie Bienen im späten Herbst.
Während die 630 Abgeordneten den Plenarsaal verließen, schien der Raum noch erfüllt von der Bedeutsamkeit des Moments – ein parlamentarisches Vakuum, das darauf wartet, mit Ideen, Debatten und Entscheidungen gefüllt zu werden. Der 21\. Deutsche Bundestag hat seinen ersten Atemzug getan wie ein Neugeborenes, das erst noch lernen muss, seine Stimme zu finden. Was er in den kommenden vier Jahren sprechen wird, bleibt abzuwarten – nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für ein Land, das wie seine frisch gewählten Vertreter nach Orientierung sucht in einer Welt, die sich rasant verändert wie ein Wetterbericht im April.
### Warum das Schuldenpaket die Bürger enttäuschen wird
URL: https://patrick-pehl.de/warum-das-schuldenpaket-die-buerger-enttaeuschen-wird/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Es klingt beeindruckend: 500 Milliarden Euro für die Modernisierung der deutschen Infrastruktur, verteilt über zwölf Jahre. Das jüngst zwischen Union, SPD und Grünen ausgehandelte Finanzpaket – in der öffentlichen Debatte oft auch als „Schuldenpaket“ bezeichnet – stellt zweifellos einen signifikanten Schritt dar, um den massiven Investitionsstau in Deutschland zu adressieren. Die Intention ist lobenswert, die Summe beachtlich – und dennoch bedarf es einer differenzierten Betrachtung der zu erwartenden Wirkungen.**
Grundsätzlich sind solche Investitionen zu begrüßen. Der Abbau des Investitionsstaus in der öffentlichen Infrastruktur ist dringend notwendig und die Bereitstellung erheblicher finanzieller Mittel ein positiver Ansatz. Doch zwischen wohlklingenden Ankündigungen und realen Verbesserungen im Alltag der Menschen klafft eine Lücke, die in den nächsten Jahren zu erheblichen Frustrationen führen könnte.
## Diskrepanz zwischen Bürgererwartungen und föderaler Realität
„Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ mahnte einst Bertolt Brecht in seinem Gedicht "An die Nachgeborenen", das er im dänischen Exil als Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit verfasste. Diese Worte gewinnen im Kontext der aktuellen Debatte über das Finanzpaket eine beunruhigende Aktualität. Während wir über die imposante Summe von 500 Milliarden Euro debattieren, schweigen wir allzu oft über die strukturellen Defizite, die selbst mit dieser enormen Investition nicht zu beheben sein werden.
Donnerwetter! 500 Milliarden Euro – und doch wird es nicht reichen.
In einem Beitrag des Nachrichtensenders N-TV wurden kürzlich Menschen in Baden-Württemberg nach ihrer Einschätzung zum geplanten Finanzpaket befragt. Ihre Antworten offenbarten eine Erwartungshaltung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden wird: unmittelbare Verbesserungen der lokalen Infrastruktur, Sanierung von Schulen und Straßen, Modernisierung öffentlicher Einrichtungen vor Ort.
Auch der bekannte YouTuber Alexander Prinz, besser bekannt als „Der Dunkle Parabelritter“, hat in seinem Format [junge Menschen zu Wort kommen lassen](https://www.berlin.de/politische-bildung/politikportal/blog/artikel.1532649.php?ref=patrick-pehl.de), die ihre [Wünsche an die künftige Bundesregierung artikulierten](https://www.youtube.com/watch?v=l6JwSIEOtbo&ref=patrick-pehl.de). Auffällig dabei war, dass viele der genannten Anliegen in Bereiche fallen, auf die der Bund aufgrund des föderalen Systems nur begrenzten oder gar keinen direkten Einfluss hat.
Das Paradebeispiel hierfür ist der Bildungsbereich. Das Schulgebäude wird von der Kommune bereitgestellt, der Lehrplan vom Land erarbeitet, die Lehrer sind Landesbedienstete – und der Bund kann hier kaum intervenieren, selbst wenn er wollte. Wie ein Memento mori mahnen die bröckelnden Betonwände maroder Schulgebäude an die Versäumnisse vergangener Jahrzehnte. Diese föderale Struktur, so sinnvoll sie in vielen Belangen sein mag, führt zu einer Diffusion von Verantwortlichkeiten, die für den durchschnittlichen Bürger kaum zu durchschauen ist.
## Kommunale Finanzierung als Falle
Ein zentrales Problem, das in der öffentlichen Debatte um das Schuldenpaket weitgehend ausgeblendet wird, ist die Frage der kommunalen Kofinanzierung. Während meiner Tätigkeit für das KOMMUNAL-Magazin wurde immer wieder deutlich, dass viele Städte und Gemeinden [schlicht nicht über die finanziellen Spielräume verfügen](https://kommunal.de/weniger-foerdergeld-kommunen-union?ref=patrick-pehl.de), um die erforderlichen Eigenanteile für Förderprojekte aufzubringen.
Die Problematik ist weniger geografisch determiniert als vielmehr strukturell bedingt. Kommunen mit starkem Gewerbesteueraufkommen stehen grundsätzlich besser da als solche ohne nennenswerte Industrieansiedlungen.
Größere Städte können sich spezialisiertes Personal leisten, das Fördermittel professionell akquiriert und verwaltet – ein Luxus, den kleinere Gemeinden sich oft nicht leisten können.
Dies führt mitunter zu absurden Konstellationen. Es kommt vor, dass eine Kommune eine überdimensionierte Stadthalle errichtet, weil nur ein solches Projekt förderfähig ist, während eine bedarfsgerechtere, kleinere Lösung keine Zuschüsse erhalten würde.
Solche Fehlallokationen sind systemimmanent und werden durch das neue Finanzpaket eher verstärkt als gemildert.
## Umsetzungshürden: Mehr als nur eine Frage des Geldes
Die bloße Bereitstellung finanzieller Mittel garantiert noch keine zügige Realisierung der angestrebten Infrastrukturprojekte. Der Prozess von der Ausschreibung über die Vergabe bis zur Umsetzung ist komplex und anfällig für Verzögerungen.
In der Praxis werden wir voraussichtlich ein fragiles System erleben, in dem sich verschiedene öffentliche Träger gegenseitig die ohnehin knappen Fachkräfte und Bauunternehmen abwerben. Finanzkräftigere Kommunen werden hier im Vorteil sein, während strukturschwächere Regionen das Nachsehen haben könnten.
Das Resultat werden vermutlich zahlreiche verwaiste Baustellen sein – Projekte, die begonnen, aber nicht zeitnah zu Ende geführt werden können. Für die Bürger bedeutet dies monatelange Beeinträchtigungen durch Baustellen, ohne dass in absehbarer Zeit spürbare Verbesserungen eintreten.
Ein anschauliches Beispiel bietet die Sanierung von Bahnstrecken. So notwendig diese auch sein mag, für die Bahnnutzer bedeutet sie zunächst einmal Streckensperrungen, Ersatzverkehre und verlängerte Reisezeiten – also eine temporäre Verschlechterung der Situation, bevor eine Verbesserung eintreten kann.
Das Dilemma zeigt sich auch bei den aus Betonplatten gelegten Straßen, deren morbider Charme in manchen Landstrichen an Prozessionen von Kreuzwegstationen erinnert – jede Fuge ein schmerzhafter Stoß, jede Platte ein Zeugnis jahrzehntelanger Vernachlässigung.
## Klimaschutz versus schnelle Erfolge?
Positiv zu vermerken ist, dass 100 Milliarden Euro aus dem Finanzpaket in den Klima- und Transformationsfonds (KTF) fließen sollen. Dies ist ein wichtiger Schritt, um die notwendige ökologische Transformation zu befördern. Gleichwohl macht dieser Fokus die Investitionsprojekte tendenziell komplexer, was wiederum zu längeren Planungs- und Umsetzungszeiträumen führen dürfte – ein weiterer Faktor, der die Diskrepanz zwischen Erwartungen und tatsächlichen Ergebnissen vergrößern könnte.
Die Frage stellt sich, ob dieser langfristig sicher richtige Ansatz nicht kurzfristig zu noch mehr Frustration führen wird, da die Menschen auf unmittelbare, sichtbare Verbesserungen hoffen. Hier zeigt sich ein Grunddilemma moderner Politik: Der Zeithorizont der Wähler ist oft kürzer als jener, der für nachhaltige Veränderungen notwendig wäre.
## Genese überhöhter Erwartungen
Die unrealistischen Erwartungen an das Finanzpaket sind nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Kommunikationsmuster in Politik und Medien. Allabendliche Talkshows, in denen Politiker einander mit Schuldzuweisungen überziehen, tragen ebenso dazu bei wie mediale Verkürzungen komplexer Zusammenhänge. Genauso betreiben die neuen [Podcaster mit Spekulationen und unbelegten Unterstellungen](https://patrick-pehl.de/spekulations-podcaster-journalismus-simulation-podcaster-ohne-infos/) das Geschäft mit der Erwartung von Bürgern.
Auch die ritualisierte Praxis der Wahlkampfversprechen – oft weit über das realistisch Machbare hinaus – nährt beim Bürger die Vorstellung, dass politische Entscheidungen unmittelbare und tiefgreifende Verbesserungen bewirken könnten.
Wenn Politiker aus Bayern Versprechungen machen, die auch von Bürgern in Mecklenburg-Vorpommern wahrgenommen werden, entsteht ein diffuser Erwartungshorizont, der mit der föderalen Realität kaum in Einklang zu bringen ist. Der Versuch, die politische Kommunikation zu elevieren und auf eine sachlichere Ebene zu heben, scheitert regelmäßig an der medialen Logik der Verkürzung und Zuspitzung.
Die zunehmende Komplexität politischer Entscheidungsfindung – vom Bundestag über den Bundesrat bis hin zum Vermittlungsausschuss – bleibt für viele Bürger intransparent und unverständlich. Die daraus resultierende Kluft zwischen Erwartung und Wirklichkeit ist ein Nährboden für Enttäuschung und politische Verdrossenheit.
## Ansätze zur Überwindung der Erwartungsdiskrepanz
Bertolt Brecht konstatierte in seinem Stück "Mann ist Mann" treffend: "Man kann einen Menschen umbauen wie ein Auto, seine Eigenschaften werden ausgewechselt, und manchmal verändert sich sogar sein Wesen." – ein Gedanke, den der Dramatiker in dieser 1926 uraufgeführten Parabel über die Manipulierbarkeit des Individuums entwickelte. Doch was für den Einzelnen gelten mag, trifft auf gesellschaftliche Strukturen nur bedingt zu. Der föderale Aufbau unseres Staatswesens, die komplexen Finanzierungsmechanismen und die verhärteten Erwartungsmuster lassen sich nicht über Nacht transformieren.
Um die drohende Frustration zu vermeiden oder zumindest abzumildern, braucht es in erster Linie eines: politische Bildung. Nicht aus einer Position der Überheblichkeit heraus, sondern aus der Erkenntnis, dass viele Bürger die Komplexität föderaler Strukturen nicht ständig präsent haben können und sollten.
Der Sozialkundeunterricht in den Schulen müsste die Verantwortlichkeiten und Wirkungsmechanismen der verschiedenen politischen Ebenen deutlicher vermitteln. Medien sollten stärker differenzieren, welche Probleme auf welcher Ebene zu lösen sind. Und nicht zuletzt müssten Politiker selbst ehrlicher kommunizieren, was von ihren Entscheidungen tatsächlich zu erwarten ist und was nicht.
Darüber hinaus wäre eine Reform der kommunalen Finanzausstattung dringend geboten, um sicherzustellen, dass Städte und Gemeinden die notwendigen Eigenanteile für Infrastrukturprojekte aufbringen können. Ohne eine solche strukturelle Verbesserung droht das Finanzpaket an der kommunalen Realität zu scheitern.
Man müsste endlich anerkennen, dass die Infrastrukturprobleme in Deutschland nicht allein durch mehr Geld zu lösen sind, sondern dass es tiefgreifender Reformen bedarf, um die Umsetzungsfähigkeit auf allen staatlichen Ebenen zu verbessern.
## Politischen Folgewirkungen
Wenn die unvermeidliche Enttäuschung eintritt, werden jene politischen Kräfte davon profitieren, die aktuell nicht in Regierungsverantwortung stehen. Dies betrifft keineswegs nur populistische Parteien am rechten Rand, sondern potenziell das gesamte Spektrum oppositioneller Kräfte, einschließlich verschiedener Vorfeldorganisationen.
Die langfristig besorgniserregendste Konsequenz könnte jedoch ein weiter schwindendes Vertrauen in demokratische Institutionen sein – ein Phänomen, das wir bereits während der Corona-Pandemie und in Form verschiedener systemfeindlicher Bewegungen beobachten konnten. Die Folge wäre eine zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung und Vereinzelung, die den sozialen Zusammenhalt gefährdet.
Zwar ist in Deutschland kein revolutionäres Potenzial im Sinne von Marx, Engels oder Lenin zu befürchten, wohl aber eine schleichende Erosion des Vertrauens in die Problemlösungsfähigkeit demokratischer Prozesse.
Eine solche Entwicklung könnte langfristig die Stabilität unseres Gemeinwesens unterminieren.
Das Schuldenpaket wird nicht zwangsläufig zu einer Stärkung der demokratischen Institutionen führen, wenn die Menschen den Eindruck gewinnen, dass selbst mit 500 Milliarden Euro die alltäglichen Probleme nicht gelöst werden können.
## Realistische Erwartungen schaffen
Das 500-Milliarden-Euro-Finanzpaket stellt zweifellos einen bedeutsamen Ansatz dar, um den Investitionsstau in der deutschen Infrastruktur abzubauen. Seine Wirksamkeit wird jedoch maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Kluft zwischen den geweckten Erwartungen und den tatsächlich zu erwartenden Resultaten zu überbrücken.
Dazu bedarf es einer ehrlicheren Kommunikation seitens der Politik, einer differenzierteren medialen Berichterstattung und nicht zuletzt einer aufgeklärten Bürgerschaft, die die Grenzen und Möglichkeiten föderaler Strukturen realistisch einzuschätzen vermag.
Ohne diese Voraussetzungen droht das Schuldenpaket trotz seiner imposanten Dimension zu einem Pyrrhussieg zu werden – einem vermeintlichen Erfolg, der letztlich mehr Schaden als Nutzen anrichtet, indem er das ohnehin fragile Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des demokratischen Systems weiter untergräbt.
Es wäre wünschenswert, dass Politik und Medien nicht nur die beeindruckende Summe kommunizieren, sondern auch den langen, komplexen Weg, der von der Bereitstellung der Mittel bis zur tatsächlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse vor Ort zurückzulegen ist.
Nur so ließe sich der unvermeidlichen Enttäuschung vorbeugen – und nur so könnte das Finanzpaket tatsächlich zu dem werden, was es sein soll: ein Beitrag zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
## Und nun?
Ich unterstütze grundsätzlich die Intention des Finanzpakets. Der milliardenschwere Investitionsstau in Deutschland muss dringend abgebaut werden – daran führt kein Weg vorbei. Aber ich bin zutiefst besorgt, dass wir eine gefährliche Erwartungsblase produzieren, die unweigerlich platzen wird.
Die bittere Wahrheit ist: Der Bürger in Buxtehude oder Bitterfeld wird von den 500 Milliarden kaum etwas spüren. Die marode Straße vor seinem Haus wird nicht schneller saniert, die bröckelnde Schule seiner Kinder nicht plötzlich modernisiert werden. Der Grund liegt nicht in bösem Willen, sondern in den Strukturen unseres föderalen Systems und den komplexen Finanzierungsmechanismen.
Wir müssen ehrlicher kommunizieren. Die Politik sollte den Menschen reinen Wein einschenken, statt illusorische Hoffnungen zu wecken. Das Finanzpaket ist notwendig, aber es ist weder ein Allheilmittel noch wird es schnelle Verbesserungen im Alltag bringen. Es ist ein langfristiges Instrument, dessen Wirkungen sich über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entfalten werden – meist unsichtbar für den einzelnen Bürger.
Meine größte Befürchtung: Der Frust, der sich aus der Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit ergeben wird, könnte den populistischen Kräften in unserem Land weiteren Auftrieb geben und das Vertrauen in demokratische Institutionen nachhaltig beschädigen. Das wäre ein zu hoher Preis für ein an sich sinnvolles Investitionsprogramm.
### T.
URL: https://patrick-pehl.de/erzaehlzyklus-modernes-dating-berlin-geschichte-der-weg-zu-ihr/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
In der Zeit der leisen Straßen, als die Fenster der vielen Wohnungen verhangen sind, streift er sich das Jackett über. Die Büros haben sich gerade erst geleert, die letzte Straßenbahn des Berufsverkehrs ist verklungen. Er bückt sich zu seinen Schnürschuhen, zieht die dünnen, runden Senkel etwas fester als gewöhnlich. Die braunen Bänder gleiten durch die Metallösen, ihre gewachste Oberfläche glänzt matt im Flurlicht.
Der Trenchcoat fällt schwer übers blaue Piqué-Hemd. Der matte, feste Stoff schmiegt sich warm an seine Haut, der Haifischkragen liegt fast heraus fordernd um den Hals des Trägers. Seine Finger gleiten über den weißen Schal, diesen letzten Schutz gegen die meteorologische Kälte. Ihre Nachricht: „Hey, das Meeting dauert noch ein bisschen. Ich bin noch in der VTC mit meinem Kollegen, aber später ist gut. Ich freue mich.“ Im Flur wirft die moderne Ikonographie im schwarzen Holzrahmen einen goldenen Schimmer an die Wand – ein letzter vertrauter Anblick, bevor er die Tür einfach hinter sich zuziehen wird.
Seit Jahren hat er dieses feine Gewebe in sich gewebt, Masche um Masche, ein schützendes Netz gegen zu tiefe Berührungen. Ein unsichtbares Kunstwerk aus Vorsicht und Zurückhaltung, dessen Struktur nur er kennt – oder zu kennen glaubt.
Die Treppe hinunter, durch den Hausflur, dessen nackte Stufen jeden seiner Schritte in harten Echos zurückwerfen, als würde das Gebäude seine Bewegungen kommentieren. Die breite Straße öffnet sich vor ihm wie ein grauer Fluss aus Beton – eine Schneise der Geschichte, auf der einst Staatsfeierlichkeiten die Orden klimpern ließen wie metallene Palettenkleider. Die monumentalen Bauten zu beiden Seiten tragen ihre mostrichgelbe bis mostrichbraune Farbe wie eine verblassende Erinnerung, die in der Dämmerung des beginnenden Abends zusehends gräulicher wird. Ein kühler Wind streicht zwischen den Fassaden hindurch, trägt den Geruch von nassem Asphalt und den metallischen Geschmack der Stadt mit sich. Vereinzelte Fahrzeuge gleiten noch ohne Licht über den Asphalt, graue Schatten in der Dämmerung. Zwischen den Platten des Gehwegs sprießt vereinzelt Gras, als wollte die Natur die Spuren jener Paraden verwischen, bei denen schwere Räder den Asphalt zum Beben brachten. Die majestätische Breite der Straße zeugt noch immer von ihrer früheren Bestimmung als Bühne der Macht.
Transluzente Vorhänge aus schwerem Brokat wechseln sich ab mit improvisierter Verdunkelung. Manche Fenster sind mit Plastikfolien beklebt, andere mit venezianischen Stores verhüllt, die im Luftzug vibrieren. Zwischen den geschlossenen Fenstern finden sich vereinzelt offene, aus denen gedämpfte Musik dringt, Gesprächsfetzen, das Klirren von Geschirr – Momente privater Existenz. Das Licht bricht sich in tausend Nuancen durch diese unterschiedlichen Membranen – ein urbanes Kaleidoskop der Isolation.
Sein Smartphone vibriert in einem anderen Rhythmus – die spezifische Sequenz für Arbeitsanrufe. Der kleine Schalter an der Seite ist nach hinten gekippt, dämpft jeden möglichen Klingelton. Die weißen Ohrstöpsel verbinden sich lautlos, kapseln ihn ab von der Stadtlandschaft, von den breiten Straßen und ihrer Weite. Seine Stimme wird augenblicklich präzise, geschäftsmäßig. Stehen statt Bewegung. Ja, die Zahlen für das vierte Quartal. Natürlich. Der Break-Even liegt bei..." Währenddessen gleitet sein Blick mechanisch über Tabellen, die nur in seinem Kopf existieren. Die Worte fallen kühl und berechnend, jede Emotion wegkalibriert wie in einem Laboratorium. Ein kurzer Druck auf das schmale Stäbchen am Ohr, in dem das Mikrofon verborgen ist, beendet den Anruf.
Da ist sie wieder, die Stadt mit ihren Abgasen und den Gerüchen von Reifenabrieb und Staub. Die hohen Wohnhäuser aus der Zeit seiner Großeltern schlingen sich um die Straße und den ovalen Platz, um den die Autos fließen. Seine Gedanken kehren zurück zu ihr, zu diesem Abend, der vor ihm liegt wie ein noch unbeschriebenes Blatt.
## Der leuchtende Laden
An der Straßenecke leuchtet der Laden zwischen den Häuserfronten, seine hohen Schaufenster sind mit einer alten gelben Folie fast bis oben hin beklebt. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos sind nun fast alle eingeschaltet, werfen ihre Lichtkegel über den feuchten Asphalt. Die halbstündige Wanderung durch die dämmernde Stadt hat ihn hierher geführt. Zwischen den eng gestellten Metallregalen drängen sich noch vereinzelt Menschen, Feierabendmüdigkeit in den Gesichtern. Die schmalen Gänge zwingen zu einem vorsichtigen Tanz des Ausweichens. Energiesparlampen werfen ihr charakteristisches Licht auf weiße Preisschildchen, die sich wie Meeresinseln von den abgenutzten Blechregalen abheben.
Die Weinabteilung verbirgt sich in der hintersten Ecke. Barolo oder Bardolino? Seine Hand verharrt zwischen den Flaschen. Der Barolo fühlt sich schwerer an. Oder täuscht das? Das vergilbte Etikett mit seiner eleganten Serifenschrift verspricht – ja was eigentlich? Das Glas ist kühl an seiner Handfläche, das raue Papier des Etiketts dagegen seltsam warm. Als hätte die Flasche die Wärme des Tages gespeichert. Oder die des Ladens. Die Energiesparlampen surren leise.
„Bis gleich. Freu mich.“ – die Nachricht scheint zu förmlich, kaum dass er sie abgeschickt hat. Ihre Antwort kommt Minuten später, ein einzelnes Emoji, dessen Zweideutigkeit ihn zwischen den Häuserschluchten schmunzeln lässt. Sie beherrscht diese Form der Kommunikation mit einer Präzision, die ihn manchmal erschreckt. Er weiß, was der Abend bringen wird – sie beide wissen es, haben es nie ausgesprochen und doch bei jedem Treffen neu vereinbart.
Die Kopfsteinpflaster unter seinen Sohlen aus robustem, der Stadt angepasstem Kunststoff bringen jeden Schritt in den abendlichen Rhythmus. Die Straßenbahnschienen durchschneiden das Pflaster wie alu-silberne Adern, still jetzt, aber nicht verlassen. Auf den Bürgersteigen und Transferstraßen bewegen sich noch Menschen, gedämpfter als tagsüber, aber mit der typischen Geschäftigkeit der Hauptstadt. In der schmaler werdenden Straße parken Autos zu beiden Seiten, ihre Karosserien glänzen matt im sonnenroten Laternenlicht.
Er kennt diesen Teil der Stadt, oder bildet sich ein, ihn zu kennen – die Art, wie sich die Häuser aneinanderschmiegen, als suchten sie Wärme beieinander. Beiger Putz bröckelt hier und da von den Fassaden, erzählt von Jahren und Leben dahinter. Ein matter Schein fällt aus den Fenstern des vierten Stocks eines Altbaus. Ihre Wohnung – oder vielmehr dieser Raum, den sie sich für Momente wie diese geschaffen hat, mit der gleichen kontrollierten Sorgfalt, mit der sie alles in ihrem Leben zu ordnen scheint.
Die Kälte kriecht unter seinen Trenchcoat, während er die letzten Meter zurücklegt. Das Piqué-Hemd unter dem Jackett bewegt sich mit seinem Atem, der in der Winterluft kristallisiert. Er spürt, wie sich sein selbstgewebtes Schutznetz anspannt – nicht aus Nervosität, eher in Erwartung dessen, was sie beide in der Dunkelheit dieser arrangierten Stunden finden werden. Zwei Erwachsene in einer Stadt voller verhangener Fenster, die verstanden haben, dass Begehren keine Rechtfertigung braucht – in einer Zeit, die ohnehin alle Regeln neu schreibt.
## Ankunft vorm Ankommen
Seine Schritte verlieren sich im gedämpften Teppich des Treppenhauses, werden verschluckt von der kontrollierten Stille dieses anderen Ortes. Die Tür zum Hof fällt mit dem charakteristischen stöhnen einer stark gespannten Feder donnernd ins Schloss. Das gedämpfte Geräusch seiner Bewegungen vermischt sich mit der warmen Luft des Flurs, als er vor ihrer Tür im pastellgrün lackierten Rahmen steht.
Sie ist kleiner als er hat, ihre zierliche Gestalt knapp an seiner Schulter, doch ihre Präsenz füllt den schmalen Korridor. Ihr durchtrainierter Körper bewegt sich mit der Selbstverständlichkeit jener, die ihr Leben selbstständig verbringen, während ihre schlanken Beine zielsicher und präzise unter der eng anliegenden Hose abgezeichnet sind. Ihre Haut – diese makellose Leinwand vitaler Existenz, die sich über ihre trainierten Muskeln spannt wie feinster Seidenchiffon – schimmert im gedämpften Licht des Flurs, als hätte jemand von innen eine Lampe entzündet, wobei die weißen, fast porzellanhaften Partien ihrer Arme und des Dekolletés eine Geschichte von Yogastunden im Morgengrauen erzählen, von grünen Smoothies und präzise dosierten Vitaminen, was sich in dieser seltsamen Mischung aus matter Glätte und durchscheinender Lebendigkeit verfestigen, die er – seit wann eigentlich? – mit ihr verbindet.
Er beobachtet ihre präzisen Bewegungen, die Art wie sie den Korridor beherrscht, während er sich seiner unmerklich wachsenden Verletzlichkeit bewusst wird – eine Asymmetrie, die sie vermutlich nicht einmal bemerkt. Ihre Augen, in denen sich Lebensfreude mit den feinen Linien gelebter Momente verbindet, während sich um ihre Mundwinkel Spuren von Entschlossenheit und gelebter Intensität abzeichnen. Ihre schmalen Lippen, weich auf der Oberfläche, aber mit der Fähigkeit, Bestimmtheit und Spannung zu erzeugen, formen sich zu einem kontrollierten Lächeln.
Diese Wohnung ist nicht so wie sie für ihre Position und den Stand in ihrem Leben erwartbar wäre. Warum ist es eine solch kleine Wohnung, eine Wohnung, die eher einer Zweitwohnung gleicht? Die Bilder an den weißen Wänden scheinen sich in ihrer Vorläufigkeit eingerichtet zu haben. Genau wie sie sich beide in dieser Konstellation eingerichtet haben – Menschen in einer Stadt ohne Konsequenzen. Menschen mit Bedürfnissen und Verlangen.
Sie macht diesen einen Schritt. Wie immer. Die Umarmung hat ihre eigene Choreographie – vertraut inzwischen, die Hüften wahren ihren vereinbarten Abstand. Dann ihre Fingerspitzen an seiner Schulter, scheinbar zufällig dort, wo sein gewobenes Netz am dünnsten ist. Eine Berührung nur, die sein sorgsam geschütztes Inneres zerreißt, ohne dass sie es ahnt. Wie in jener alten Geschichte vom drachenblutgehärteten Helden, dessen einzige verwundbare Stelle sein Schicksal besiegelte – dort, wo das fallende Lindenblatt den schützenden Überzug verhinderte. Diese eine Schwachstelle, die er seit Jahren zu schützen versucht, die sich aber seiner Kontrolle entzieht, findet sie mit unfehlbarer Präzision. Seine sorgsam gesponnene Rüstung, ein Schild aus feinstem Draht, undurchdringlich an tausend anderen Stellen, wird bedeutungslos durch ihre unbewusste Berührung genau an diesem Punkt.
### Beziehungsfragen: Der Staat braucht eine Reform
URL: https://patrick-pehl.de/beziehungsfrage-staatsreform-nach-der-wahl-kolumne-politik/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Deutschland muss sich nach der Wahl neu verhandeln. Über 60 Millionen Deutsche im Staat waren aufgerufen, nicht nur Abgeordnete zu wählen. Die Bundestagswahl war der Passierschein für eine grundlegende Neuausrichtung des Staatswesens.**
Die Beziehungen in Staatsverschuldung, Finanzarchitektur, Infrastrukturaufgaben, Regelung des Verhältnisses von Bund und Ländern sowie das Verhältnis zur EU und deren Außen- und Handelspolitik müssen geklärt werden. Die Illusion von Merkels Alternativlosigkeit ist zerbrochen. Der Kitt vergangener Koalitionen, das einst reichlich vorhandene Geld – weg.
Stattdessen treten ideologische Bruchlinien und weltanschauliche Differenzen zutage. Die Schuldenbremse eleviert mit voller Härte. Die Länder und Kommunen dürfen sich nicht mehr verschulden. Sie liegen entblößt und beinahe nackt da, unfähig die hässlichen Stellen an sich zu verdecken – geschunden von jedem neuen Finanzausgleich, unfähig nur die letzten Fetzen Würde für ihre schutzbedürftigen Bürger zu bewahren. Welches Verhältnis wollen wir zwischen Bund und Ländern? Wie positionieren wir uns zur Europäischen Union? Sind Staatsschulden Sünde oder Gestaltungsinstrument?
> Sie liegen entblößt und beinahe nackt da, unfähig die hässlichen Stellen an sich zu verdecken – geschunden von jedem neuen Finanzausgleich, unfähig nur die letzten Fetzen Würde für ihre schutzbedürftigen Bürger zu bewahren.
## Geld bestimmt Politik
Eine fundamentale Staatsreform wird zur **Überlebensfrage gesellschaftlicher Akzeptanz**. Politische Systeme der Nachkriegszeit haben ausgedient. Klimawandel, technologische Disruption und Verschiebungen auf dem Kontinent erfordern radikale Anpassungen. Bei CDU und CSU herrscht Paradoxie. Das Festbeißen an der Schuldenbremse kollidiert mit der Suche nach Auswegen in Sondervermögen.
## Staat braucht Reform
Die institutionelle Zerfaserung des Landes manifestiert sich als Krisensymptom. Ein Geflecht aus Gremien und Entitäten lähmt die Handlungsfähigkeit. Die Bürger erwarten vom Bund Lösungen. Er kann sie aufgrund föderaler Strukturen oft nicht liefern. Die Kompetenzen fehlen oder reichen nicht. Diese Gemengelage aus Bund, Ländern, EU und zahllosen Gremien verlangt eine Klärung der **Beziehungsfragen**. Der neue Kanzler muss eine Staatsreform anstoßen. Mit [Philipp Amthor als ](https://www.philipp-amthor.de/artikel/lebenslauf?ref=patrick-pehl.de)*[Fachsprecher für Staatsorganisation und Staatsmodernisierung](https://www.philipp-amthor.de/artikel/lebenslauf?ref=patrick-pehl.de)* hat die CDU seit 2021 einen potentiellen Architekten dieser Reform in ihren Reihen. Er könnte dies im Innenministerium oder einer eigenen Kommission vorantreiben.
Die föderale Struktur des Landes erweist sich zunehmend als Anachronismus. Sie macht Deutschland robust, gleichzeitig schwerfällig und resistent gegen Zukunftsanpassungen. Die [Beziehungsfragen reichen tief](https://patrick-pehl.de/the-writer-im-berliner-ensemble-2024). Der Bürger begegnet seinem Staat vornehmlich auf kommunaler Ebene. Die Länder als Zwischenebene müssen ihre Daseinsberechtigung neu definieren. Die weitverbreitete Vorstellung vom Bundeskanzler als allmächtigem Problemlöser täuscht. Er gleicht eher einem Kaiser, der strategische Rahmen setzen kann. In der Umsetzung bleibt er auf die „Länder-Fürsten” angewiesen.
Diese können durch die von Union und FDP durchgesetzte Schuldenbremse nicht mehr gestalten – ihr „Münzprägerecht” wurde kassiert. Das Verbot eigener Schulden lähmt Investitionen und den notwendigen Staatsapparat. Berlin zeigt dies deutlich. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) muss beim Schulessen sparen, [Kultur drastisch kürzen](https://patrick-pehl.de/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/), dringend benötigte U-Bahnzüge und Busse nicht anschaffen, Infrastrukturnutzung verteuern und im Sozialbereich mit Notbudgets hantieren. Was einst als berlintypische Dysfunktionalität belächelt wurde, bedeutet längst bitteren Ernst. Die Bürger erleben ihren Staat dort, wo er am schwächsten ist. In der finanziell ausgebluteten Kommune. Im überlasteten Finanzamt. In einer Justiz, die in unverständlicher Sprache kommuniziert.
## Transformation braucht Kraft
Etwa der Landwirtschaftssektor zeigt politisches Versagen ziemlich deutlich: Hohe Energiepreise, von denen Landwirte nicht schaffen zu profitieren. Von einem Oligopol aus Einzelhandel und Herstellern zerriebene Erzeugerpreise. Ein vom Verbraucherwettbewerb getriebener Lebensmittelmarkt offenbaren grundsätzliche Fehlfunktionen für die Grundlagen der Versorgung der Bevölkerung. Die überbordende Bürokratie demonstriert ordnungspolitisches Misstrauen grüner Politiker gegenüber konventionellen Wirtschaftsbetrieben und Misstrauen der konservativen Politiker [gegenüber den neuen Marktteilnehmern](https://www.how-green-works.de/standards-und-regulierung/news/reaktionen-auf-brandbrief-fdp-kritisiert-klima-appell-der-unternehmen-als-armutszeugnis-278?ref=patrick-pehl.de) aus der nachhaltigen oder Ersatzprodukte-Branche. Vergünstigungen für alte Technologien beweisen politische Innovationsverweigerung und Denkfäulnis. Kosmetische Reformen greifen zu kurz. Eine Staatsreform muss her!
Zwar eignet sich Friedrich Merz kaum, die drängenden Fragen von Löhnen, Renten und Bürokratie als Einzelsymptome zu lösen. Er könnte dennoch als Kanzler in die Geschichte eingehen, der den Staat neu aufstellte. Ein solcher Umbau wird schmerzhafte Einschnitte bedeuten, besonders für Profiteure des Status quo. Das föderale System der Nachkriegszeit und seine Reform von 2006 sind überholt. Die Welt dreht sich in atemberaubendem Tempo – geprägt von ubiquitärem mobilem Internet, fortschreitender demographischer Überalterung und schwindenden Gewissheiten.
Die entscheidende Frage bleibt. Kann ein fast Siebzigjähriger ohne Coolness und Draht zu den Leuten diese wichtige Transformation gestalten? Skepsis ist berechtigt. Ein Land zu erneuern, erfordert mehr als administrative Kompetenz. Es braucht die Fähigkeit, Ideen und neue Denkstrukturen zu vermitteln.
### Der Arbeitsplatz des Spitzenpolitikers Christian Lindner
URL: https://patrick-pehl.de/christian-lindner-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtsich-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Ein Standbild aus Stephan Lambys ARD-Dokumentation Die Vertrauensfrage – Wer kann Deutschland regieren? zeigt den FDP-Chef Christian Lindner in seinem Büro. Aufgenommen zwischen der Bundestagswahl 2025 und der Vertrauensfrage im Dezember 2024, gibt es Einblick in eine bewusst reduzierte Inszenierung: keine Parteisymbole, kein persönlicher Bezug – nur die Ästhetik kontrollierter Autorität.**
Der Raum präsentiert sich [in der Dokumentation](https://www.ardmediathek.de/video/die-vertrauensfrage-wer-kann-deutschland-regieren/die-vertrauensfrage-wer-kann-deutschland-regieren/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtZTlkOWIwN2ItYzM2ZS00NGI5LTkxMzYtNmUxNWJiYzVlYTli?ref=patrick-pehl.de) dem Betrachter als eine Art Altarraum politischer Macht – ein ziemlich sorgfältig choreografierter Ort, der in seiner Gestaltung transformation klassischer Politikinszenierung offenbart. Die Abwesenheit althergebrachter Herrschaftssymbole wie Flaggen, Porträts oder Parteiembleme schafft dabei einen zumindest bemerkenswerten Bedeutungsraum, der sich erst in der detaillierten Analyse erschließt.

Modernität statt Machtsymbolik – FDP-Chef Christian Lindner in seinem Büro. Der höhenverstellbare Schreibtisch und die nüchterne Einrichtung brechen mit Politiker-Klischees. Parteifahnen oder Politikerfotos? Fehlanzeige. © ARD Dokumentation / WDR 60 Minuten
## Raumkonzeption als politisches Statement
Die architektonische Disposition des Büros folgt einer präzisen Dramaturgie: Der freistehende, elektrisch höhenverstellbare Schreibtisch fungiert als zentraler Bedeutungsträger einer zeitgenössischen Arbeitsphilosophie – anders als es etwa [Friedrich Merz an seinem Büroarbeitsplatz](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/) tut. Seine Positionierung im Raum – frei umschreitbar und flexibel nutzbar – suggeriert eine Führungspersönlichkeit, die sich den Paradigmen moderner Arbeitswelten nicht nur anpasst, sondern diese aktiv verkörpert.
In der Peripherie des Raums entwickelt sich eine subtile Dialektik zwischen klassischen und progressiven Elementen: Ein traditioneller Chefsessel aus schwarzem Leder tritt in Dialog mit minimalistischem Mobiliar. Die trapezförmige Nische, akzentuiert durch ein abstraktes Kunstwerk in Blautönen mit reliefartiger Struktur, schafft einen *quasi-sakralen* Raum innerhalb des Büros.
## Symboliken der Moderne
Die technische Ausstattung des Arbeitsplatzes beschränkt sich auf das Essentielle: Eine Designer-Schreibtischlampe, ein schlichtes Festnetztelefon und eine Dockingstation bilden die visible Infrastruktur zeitgenössischer politischer Arbeit. Bemerkenswert ist die vollständige Abwesenheit störender Alltagsutensilien wie Ladekabel oder persönlicher Gebrauchsgegenstände – der Raum erscheint in einer fast transzendenten Ordnung.
https://patrick-pehl.de/blog/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
Der höhenverstellbare Schreibtisch verkörpert dabei mehr als nur ergonomische Funktionalität; er wird zum Symbol einer adaptiven, beweglichen Politik. In der corporate world längst etabliert, signalisiert er hier die Nähe zur Arbeitsrealität moderner Unternehmen und deren Flexibilitätsanspruch.
## Persönliche Abstinenz als Inszenierungsstrategie
Die augenfällige Abwesenheit persönlicher Gegenstände – trotz medial wichtiger Ereignisse wie Hochzeit mit Franka Lehfeld und der anstehenden Vaterschaft – erscheint als bewusste Inszenierungsstrategie. Der Raum wird dadurch zum neutralisierten Territorium politischen Handelns, auch wenn sich über mögliche Memorabilien außerhalb des Bildausschnitts oder in der Kommode nur spekulieren lässt. Christian Lindner präsentiert sich als sachorientiert und nüchternem Lenker.
## Lindners Ästhetik von Macht
Die Gestaltung des Raums folgt einer präzisen visuellen Grammatik: Die Drei-Punkt-Beleuchtung, die kontrollierte Lichtregie ohne erkennbaren natürlichen Lichteinfall, schafft eine Atmosphäre medialer Inszenierung. Das Interieur oszilliert zwischen klassischer Eleganz und zeitgenössischem Funktionalismus.
Diese Balance spiegelt sich exemplarisch in der Erscheinung des Protagonisten wider: Christian Lindner präsentiert sich in einem kohlegrauen Sakko mit Hahnentritt-Muster (hound's tooth) und verstärktem Reversknopfloch. Der Verzicht auf Krawatte und Einstecktuch, kombiniert mit einer schwarzen Hose statt eines kompletten Anzugs, signalisiert bewusste Modernität. Das schmale Revers des Sakkos unterstreicht diese zeitgemäße Interpretation klassischer Business-Garderobe. Besonders bemerkenswert ist das hellblaue Hemd mit modernem Kragen, das im künstlichen Licht dezent schimmert und durch seine Passform – mit charakteristischen Falten im Bauchbereich – eine natürliche Präsenz erzeugt. Am Handgelenk trägt er eine Uhr, die zu seinem gewohnten Erscheinungsbild gehört.
## Fazit: Transformierter Raum in der Politik der Moderne
In der Gesamtschau offenbart sich ein Büro, das die [Transformation politischer Repräsentation und Kommunikation im 21\. Jahrhundert](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/) exemplarisch vorführt. Die bewusste Abkehr von traditioneller Politikerästhetik zugunsten einer unternehmerisch-modernen Raumsprache markiert einen signifikanten Wandel in der Selbstdarstellung politischer Akteure.
Der Raum wird zur Metapher eines politischen Führungsverständnisses, das sich von klassischen Parteistrukturen emanzipiert und stattdessen Analogien zur Wirtschaftswelt sucht. Die sorgfältig konstruierte Abwesenheit persönlicher und parteipolitischer Symbole schafft dabei einen fast antiseptischen Raum politischer Effizienz – einen Ort, der weniger von individueller Macht als von funktionaler Autorität kündet.
### Der Arbeitsplatz des Spitzenpolitikers Friedrich Merz
URL: https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Am Dienstag legte Stephan Lamby mit seiner Dokumentation „Die Vertrauensfrage“ wieder ein Meisterwerk vor. Darin wird über die entscheidenden Tage und Stunden gesprochen, die zur Vertrauensfrage am 16\. Dezember 2024 geführt haben. Die Regierung aus SPD, Grünen und FDP war gescheitert. Sehr interessant fand ich aber einen Randaspekt, der zwar zentral und präsent gezeigt wurde, aber keine weitere Betrachtung mehr fand: Die Arbeitsplätze und Inszenierungen der Spitzenpolitiker.**
Ganz besonders sticht die Inszenierung der Arbeitsorte des CDU-Vorsitzenden und Union-Fraktionschefs Friedrich Merz hervor. [Der ARD-Dokumentarfilm](https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/bundestageswahl-2025/sendung/bundestagswahl-2025-124.html?ref=patrick-pehl.de) ist also auch in einer Betrachtung der Metaebene interessant. Betrachten wir dies genauer. Was sieht man also?
## Friedrich Merz selbst am Tisch
Friedrich Merz sitzt in der Mitte des Bildes und [inszeniert sich in einer Arbeitspose](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/) mit einem einzelnen Blatt Papier, welches er an der oberen rechten Ecke zu sich neigt. Er hat einen unifarbenen blauen Anzug an, dazu ein glattgebügeltes [weißes Hemd](https://patrick-pehl.de/das-weisse-hemd-die-leinwand-fuer-eleganz-mode-kleidung/) mit Kentkragen und eine hellblaue Krawatte mit dünnem Rautenmuster. Seine Hemdmanschetten sind einfach, ohne Umschlag und Manschettenknöpfe – ein Detail, das zur gewollt nüchternen Gesamterscheinung passt. Merz will einer sein, der etwas wegarbeitet. Auffällig ist die schwarze Brille mit schmalen Bügeln, die er nicht ständig trägt und die hier möglicherweise bewusst als Accessoire der konzentrierten Arbeit aufgesetzt ward.

Zwischen Nobelleuchte, Montblanc-Fässchen und Massenware-Büroausstattung inszeniert sich der CDU-Chef Merz als fleißiger Parlamentarier. © ARD Dokumentation / WDR 60 Minuten
## Zentraler Punkt: Schreibtisch
Der Arbeitsplatz wird von einer massiven und glattpolierten Granitplatte dominiert. Der Tisch steht mit einer der kurzen Seiten an einer Außenwand mit Fenster, während sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Laufweg zwischen Tisch und furnier-vertäfelter Wand befindet. Dieser Weg wird von Mitarbeitern genutzt, um Unterlagen auf der linken Tischseite zu platzieren, wo auch ein durchsichtiger Plastikablagekasten steht. Der Tisch selbst ist einfach konstruiert, mit glänzenden Metallbeinen ohne sichtbare Flecken oder Fingerabdrücke. Das Fehlen einer Schreibtischunterlage ist zumindest bemerkenswert: Auf dem kalten und glatten Schreibtisch aus poliertem Granit lässt es sich nicht gut schreiben – Kugelschreiber versagen die Arbeit und Füller funktionieren nicht gut. Diese fehlende praktische Ergänzung unterstreicht die lieblos arrangierte Kälte an diesem mächtigen Arbeitsplatz.
## Unbedachte Lichtquelle?
Rechts auf dem Tisch steht eine charakteristische Tischleuchte, die stark an Modelle von Wilhelm Wagenfeld erinnert, einem Bauhaus-Gestalter der solche Tischlampen entworfen hat. Sie könnte von Tecnolumen stammen, die Wagenfeld-Repliken herstellen. Mit einem Preis von etwa 600 Euro ist sie nicht günstig, wirkt aber unaufdringlich, fast bieder und altmodisch – ein Statement des Understatements. Ein Rückblick auf den präferierten Stil der 1980er und 1990er Jahre. Die Position dieser auffäligen Leuchte ist so gewählt, dass sie bei etwaigen Besprechungen auch den Akten des Gastes Licht gibt.
Jakob-Kaiser-Haus (JKH)Das Jakob-Kaiser-Haus, benannt nach dem CDU-Politiker und Widerstandskämpfer Jakob Kaiser (1888-1961), ist ein zentraler Gebäudekomplex des Deutschen Bundestages. Erbaut zwischen 1997 und 2001, besteht er aus acht miteinander verbundenen Gebäuden, die von renommierten Architekturbüros wie Schweger & Partner und Thomas van den Valentyn entworfen wurden.
Zwischen der Wilhelmstraße und der Dorotheenstraße im Berliner Regierungsviertel gelegen, besticht der Komplex durch seine modulare Bürostruktur mit Natursteinverkleidung und historischen Fassadenelementen. Ein Tunnelsystem verbindet ihn mit dem Reichstagsgebäude und anderen Bundestagsliegenschaften. Besonders hervorzuheben sind die Büros im Jakob-Kaiser-Haus Nord, darunter das des Fraktionsvorsitzenden, mit großen Fenstern, modularen Wandsystemen und hochwertigen Materialien wie Granitböden und Holzvertäfelungen.
## Inszenierung des Gesetzes
Zentral auf dem Tisch finden sich zwei Ausgaben des Grundgesetzes – eine normale Standardausgabe des Beck-Verlags mit den charakteristischen bunten Buchstaben „GG“ und eine dicke blaugraue Kommentarfassung, die wie eine „Maunz/Dürig“-Ausgabe aussieht. In die Kommentarfassung sind diverse Zettel als Lesezeichen eingeklebt. Als Jurist mit zweitem Staatsexamen, also Volljurist, betont Merz seine fachliche Expertise gerne, und in den aktuell nachsichtlich aufregenden Zeiten, in denen verfassungsrechtliche Fragen häufig diskutiert werden, wird er als Fraktionsvorsitzender regelmäßig in diesem Werk nachschlagen. Diese aktive Nutzung des Grundgesetzes entspricht auch seiner öffentlichen Persona: Merz wird oft als präziser, manchmal als winkeladvokatischer Interpret von Gesetzestexten wahrgenommen, der juristische Details mit kühler Sachlichkeit verfolgt und die menschliche Empathie vermissen lässt. Etwa als er im Dezember 2024 bei der Rede zur Vertrauensfrage in Frage stellte, [ob die Senkung der Umsatzsteuer für Menschen mit geringem Einkommen hilfreich sei](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/vertrauensfrage-vertrauen-entzogen-merz-spricht-ueber-lebensmittel-als-luxusgut-116421?ref=patrick-pehl.de).
## Standard-Büroutensilien
Eine schwarze Lederfedertasche liegt geöffnet auf dem Tisch, daneben ein Montblanc-Tintenfässchen, wobei kein passender Füller zu sehen ist. Diese klassischen Büro-Accessoires scheinen weniger bewusst gewählt als vielmehr Teil einer erwarteten Ausstattung zu sein. Im Kontrast dazu steht ein Set von Leitz-Bürogeräten der Linie Nexxt 5500 – eine Standardlinie, wie sie millionenfach in deutschen Büros zu finden ist: ein Locher, ein magnetischer Büroklammersammler und ein Tacker („Klammeraffe"), alle aus schwarzem Kunststoff. Die exakte rechtwinklige Ausrichtung dieser Bürogeräte zur Tischkante lässt vermuten, dass sie kaum genutzt werden. Während das Montblanc-Fässchen eine bewusste Markenpräferenz widerspiegelt, wurden die Leitz-Geräte vermutlich von der Sekretärin aus dem Büromittelkatalog bestellt – eine Kombination, die zufällig erscheint und doch die Spannung zwischen persönlicher Präferenz und bürokratischer Standardausstattung illustriert.
## Kommunikation ist Macht
Das Festnetztelefon ist das Standardmodell des Bundestages, allerdings in der großen Ausführung für Führungskräfte und Abgeordnete. Die Platzierung ermöglicht einen schnellen Zugriff zur fernmündlichen Kommunikation, auch wenn die große Ausführung angesichts der Vermittlung durch eine Sekretärin oder der Nutzung des Mobiltelefons für vertrauliche Gespräche möglicherweise überflüssig erscheint. Ähnlich wie Vladimir Putin sich mit vielen Telefonen umgibt, tun es viele Spitzenpolitiker. Die zentral positionierte Konferenz-Webcam ist ausgeschaltet und von der üblichen Arbeitsposition des Nutzers weggedreht – ein modernes Sicherheitsmerkmal aus der Zeit intensiver Onlinekonferenzen während der Corona-Zeit, das den Nutzer visuell versichert, dass die Kamera selbst im Fall eines Hacks keine Aufnahmen machen könnte.
Am Rand des Tisches liegt ein leerer Ablagekasten aus durchsichtigem Kunststoff, davor ein Stapel aus drei dunkelgrauen Unterschriftenmappen. Auf der anderen Seite steht ein Laserdrucker, und dort findet sich auch ein Band von „Kürschners Volkshandbuch", in dem alle Abgeordneten aufgeführt sind. Es ist in Griffweite.
## Der Koffer – bloß ein McGuffin?
Im Hintergrund dominiert ein USM-Haller-Regal, auf dem ein schwarzer Aktenkoffer mit Zahlenschlossschließe ruht. Der etwa 10 bis 15 Zentimeter dicke Lederkoffer, der Platz für zwei DIN-A4-Ordner bietet, erscheint wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten – während heute Aktentaschen, Rucksäcke oder moderne Transportkoffer das Bild prägen, steht er als klassisches, aber anachronistisches Utensil auf dem Regal. Vermutlich stammt er noch aus Merz' erster Zeit als Fraktionsvorsitzender Ende der 1990er Jahre, als ein solcher Koffer noch als standesgemäßes Attribut in der CDU/CSU-Fraktion galt. Heute scheint er eher ein gestrandetes, ungenutztes Beiwerk zu sein, das von der Reinigungskraft regelmäßig abgestaubt und an seinen Platz gerückt wird. Das Regal selbst ist weitgehend leer, enthält aber einige rot-weiß gestreifte Bände des „Kürschners Volkshandbuch". Die Platzierung eines Exemplars in Griffweite zur rechten Hand fällt ins Auge und lässt vermuten, dass dies ab und an genutzt wird. An der Wand hängt ein entsättigtes Naturfoto, auf dem ein Busch und ein Bach zu sehen sind – ein Motiv aus seinem Wahlkreis, dem Hochsauerlandkreis. Diese Region, in der Merz bereits in den 1990er Jahren politisch aktiv war und wo er sich in einer Kampfkandidatur gegen Patrick Sensburg durchsetzte, steht für Industrie, soliden Mittelstand und Naturverbundenheit. Merz inszeniert sich wiederholt in dieser Kulturlandschaft, die ihm als erdende Verbindung zu seiner politischen Basis dient.
## Der Raum selbst
Die auffällige Leere der Regale erscheint weniger inszeniert als vielmehr Ausdruck einer gewissen Distanz zum Berliner Politikbetrieb. Anders als viele seiner Kollegen, die ihre Büros mit persönlichen Gegenständen und Wahlkreis-Memorabilien füllen, scheint Merz wenig emotionale Bindung zu diesem Arbeitsraum zu haben. Dies mag seiner besonderen politischen Biographie geschuldet sein: Nach einer fast fünfzehnjährigen Auszeit in der Geschäftswelt, in der er als Einkommensmillionär galt, kehrte er erst vor weniger als zehn Jahren in den Bundestag zurück. Heute verdient er als Abgeordneter und Fraktionsvorsitzender mehr als eine Viertelmillion Euro jährlich – eine Position, die in merkwürdigem Kontrast zu seiner Selbstdarstellung als Vertreter des „gehobenen Mittelstands“ steht. Als Fraktionsvorsitzender wird er vom Fahrdienst durch Berlin chauffiert, und seine Besucher sind vermutlich eher Lobbyisten als Bürger aus dem Wahlkreis. Dass hier dennoch regelmäßig gearbeitet wird, zeigen praktische Details wie der Notebookständer, das auf dem Tisch liegende Kabel für die Dockingstation und der handbeschriftete Briefumschlag – auch wenn die Hauptarbeit vermutlich an anderen Orten stattfindet. Die Kombination aus digitaler Ausstattung wie der Webcam und analogen Arbeitsmitteln wie den Grundgesetz-Bänden spiegelt dabei den Übergang zwischen traditioneller und moderner Politikarbeit wider.
Die gesamte Szene wird durch die Büroarchitektur des Jakob-Kaiser-Hauses, einem der Hauptgebäude des Bundestages gerahmt, erkennbar an den charakteristischen Wandelementen mit Türen – ein Einbauschrank. Eine weiße Tür neben dem USM-Haller-Regal führt vermutlich in einen Waschraum oder ein anderes Büro. Am rechten Bildrand ist noch die Sitzfläche eines schwarzen, gepolsterten Freischwingers zu erkennen, wie er häufig in Räumen des Bundestages zu sehen ist.
## Was ist davon zu halten?
Was sich dem Betrachter auf den ersten Blick als scheinbar zufällige Momentaufnahme eines Arbeitstages präsentiert, entpuppt sich bei genauerer Analyse als vielschichtiges Zeugnis politischer Repräsentation, in dem sich verschiedene Zeitebenen und Funktionen überlagern: Während die hochwertige Ausstattung mit Wagenfeld-Leuchte und Montblanc-Tintnenfässchen distinguierte Bildungsbürgerlichkeit suggeriert, verweisen die ungenutzten Standardbüroartikel und der einsame Aktenkoffer auf eine gewisse Entfremdung vom Ort des politischen Alltags. Es fällt eine Spannung zwischen der demonstrativen Ordnung und der arrangierten lieblosen Leere, zwischen der Inszenierung konzentrierter Gesetzesarbeit und der offensichtlichen Abwesenheit persönlicher Spuren manifestiert sich eine Form politischer Repräsentation, die mehr der Erwartungshaltung als der gelebten Praxis entspricht. [Friedrich Merz](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu/)' Büro ist weniger Arbeitsplatz als vielmehr Bühne einer anachronistischen Vorstellung von Politik.
### Olaf Scholz geheime Mappe
URL: https://patrick-pehl.de/olaf-scholz-geheime-mappe-berlin-bundestag-medienkritik-der-bundeskanzler-inszeniert-sich/
Last updated: 2026-06-14T11:39:13.000Z
**Die Generaldebatte läuft im Bundestag, die Regierung ist gescheitert. Olaf Scholz – er blättert, liest und verwaltet. Eine buttergelbe Mappe mit rotem Streifen, fett gedruckt: EILT. Genau platziert, ein Zeichen von dringlicher Bedeutsamkeit, von sorgsamer Kontrolle. Während andere reden, handelt er, der Kanzler – so die Botschaft. Ist das aber echte Führungsstärke oder einfach Inszenierung? Der Bundeskanzler im Aktenstaub, ein Bild der Beständigkeit?**
Es ist ein frostiger Dienstagmorgen im Februar. Draußen hat die Nacht gefrorene Pfützen hinterlassen, kontinentale Kaltluft hält Berlin im Griff. Keine Sonne durchbricht den grauen Himmel über der Hauptstadt. Im Plenarsaal des Bundestages spiegelt sich diese Kälte in der Farbgebung wider: Grau in Grau, unterbrochen nur vom Anthrazit des Rednerpults und der Regierungsbank - die charakteristische Architektur des parlamentarischen Raums.
Um 9 Uhr beginnt die Generaldebatte am letzten Sitzungstag dieser vorzeitig endenden Legislaturperiode. Bundeskanzler Olaf Scholz tritt ans Rednerpult, hält seine Rede, sachlich, konzentriert, mit der ihm eigenen Routine. Nach seiner kämpferisch gehaltenen Rede kehrt er zurück zur Regierungsbank. Dort wird ihm einige Momente später, als wäre es von einem Requisten geschickt arrangiert, die Mappe mit dem roten Diagonalstreifen gereicht. Der rote Diagonalstreifen ist das formale Kennzeichen vertraulicher – als *geheim* eingestufter – Regierungsdokumente.
## Es eilt heute
Heute trägt die Mappe eine zusätzliche Markierung, denn mit einer Büroklammer ist ein weißer Zettel daran befestigt, darauf in rotem Rahmen in Versalien das Wort „EILT“. Offenbar ist das eine Ergänzung des gewohnten Erscheinungsbildes des Bundeskanzlers Olaf Scholz. Seit Beginn seiner Amtszeit lässt Scholz das Bild des verwaltenden Machers von sich zeichnen. Es ist eine Rolle, die er bereits als Finanzminister in der Regierung von Angela Merkel einnahm und die er in seiner Kanzlerschaft fortführte. Er trat 2021 mit der Botschaft an, dass er eien Fortführung der Regierungsarbeit der Angela Merkel sei. Die personelle Kontinuität dieser „*Linie Merkel*“ zeigt sich auch in der Berufung seines ehemaligen Staatssekretärs Jörg Kukies (SPD) zum Finanzminister nach dem Scheitern der Ampel-Koalition. Kukies hatte unter Scholz al sFinanzminister bereits gedient und war bei den Wirecard-Untersuchungen ein bekannter Name.
Am letzten Sitzungstag des Parlaments, das ihn gewählt hat, verfestigt sich diese Inszenierung in der „EILT“-markierten Mappe. Vor den Augen der ganzen Republik demonstriert der Kanzler seine Version von Staatsführung: Auch im Moment der parlamentarischen Abrechnung durch den Gegner, inmitten der politischen Krise, dominiert die administrative Pflicht. Die Pflicht, die er, Olaf Scholz, als Macher und Administrator der Bundesrepublik erfüllt.
## Olaf Scholz' Amt BK

Olaf Scholz auf der Regierungsbank mit gelber EILT-Mappe bei einer Debatte im Februar 2025.
Die Szene wird nun zu einer dokumentarischen Szene der Selbstinszenierung. In der eintönig grau-blauen Umgebung des Plenarsaals werden die buttergelbe Aktenmappe und der rote "EILT"-Zettel zu Sehhilfen für den Betrachter. Sie zeigen eine allegorisch die Handlungsmacht der Regierungspraxis. Verwaltungshandeln – oft bedeutet Politik genau das – wird durch diese einfache aber kraftvolle Geste deutlich gemacht: Olaf Scholz ist ein Macher im Aktenstaub und mit Lesebrille.
Es handelt sich um eine[ Form der politischen Kommunikation](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/), die sich bewusst der großen Dramatik verweigert. Stattdessen setzt sie auf die Symbolik der kontinuierlichen Verwaltungsarbeit. Der Kanzler, der selbst am Tag der finalen politischen Abrechnung Dokumente studiert, die als dringlich markiert und größer als das Klein-Klein der Niederungen sind. Die Botschaft ist eine der administrativen Beständigkeit, ein „Sie kennen mich“ inmitten von Diskontinuität.
Die markierte Mappe wird damit zum Dokument einer spezifischen Regierungsauffassung. Sie zeigt einen Politikstil, der sich in der Tradition des verwaltenden Regierens sieht und diese Tradition auch im Moment der Krise aufrechterhält. Die "EILT"-Markierung erscheint dabei als Intensivierung dieser Selbstdarstellung - als wolle sie die Dringlichkeit der Staatsgeschäfte noch einmal besonders unterstreichen.
Wenn Scholz später den Plenarsaal verlässt, nimmt er die Mappe mit. Vor dem anthrazitfarbenen Hintergrund bleiben der rote Streifen und das „EILT“-Schild als letzte Farbakzente sichtbar – Zeichen einer Regierungspraxis, die bis zum Ende ihre sorgsam ausgewählte Form der Selbstdarstellung behält.
### Politik ist „Brain Rot“
URL: https://patrick-pehl.de/politik-ist-brain-rot-politische-kommunikation-2025/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Die Politik soll sich um die Lösung der Probleme der Menschen kümmern und das Leben im Auftrag der Wähler verbessern. Das ist das Versprechen der arbeitsteiligen Gesellschaft. Aber beschleicht Sie auch das dumpfe Gefühl, dass die Politik zu selbst-referenziell ist und sich nicht um die Aufmerksamkeit für Probleme und deren Lösungen kümmert? Das Phänomen wird gerade unter dem Schlagwort „Brain Rot“, also einem verfaulten Hirn, besprochen.**
Der Begriff „Brain Rot“ ist in aller Munde. [Wie t-online analysiert](https://www.t-online.de/digital/aktuelles/id%5F100554254/-brain-rot-was-die-internetkultur-mit-unserer-konzentration-macht.html?ref=patrick-pehl.de), beschreibt dieses digitale Phänomen, wie Menschen stundenlang scheinbar sinnlose, sich wiederholende Inhalte konsumieren – ein Verhalten, das mittlerweile auch die politische Kommunikation erfasst hat. Diese Art von Content führt zu einer „Gehirnzersetzung durch Langeweile”, die paradoxerweise suchtartig nach immer mehr belanglosen Inhalten dürstet. Von diesem Phänomen als solchem berichtete[ vor einigen Wochen](https://youtube.com/watch?v=faChUeAMAek&ref=patrick-pehl.de) der Funk-Youtuber aus Sachsen-Anhalt Alexander Prinz.
Die inhaltliche Tiefe ist dabei so seicht wie eine Pfütze im Sommer, nachdem eine angefangene Flasche Wasser auf den Berliner Gehweg gefallen ist. In den letzten Wochen des eilig anberaumten Bundestagswahlkampfs 2025 offenbart sich, wie dieses Phänomen die [politische Kommunikation transformiert](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/). Die Entwicklung kumuliert zu einer Kohäsion von Beliebigkeit, die den demokratischen Diskurs zu ersticken droht.
Der aktuelle Wahlkampf liefert eine Fülle von Beispielen für diese neue Form der politischen Kommunikation. Besonders bezeichnend ist die Social-Media-Präsenz etablierter Politiker: Gregor Gysi etwa [präsentiert sich in einem Video](https://x.com/GregorGysi/status/1874400628635484226/photo/1?ref=patrick-pehl.de), bei dem im Hintergrund Parteimitglieder in skurrilen Kostümen tanzen – ein Content-Stück bar jeder politischen Aussage. In einem anderen Post zeigt er ein altes Foto mit eingegipsten Händen aus seiner Zeit als Berliner Senator, als er an umstrittenen Immobilienverkäufen beteiligt war. Die historische Einordnung fehlt völlig; stattdessen wird das Bild zum kontextlosen Unterhaltungselement degradiert.
## Authentisch und auch bloß Menschen?
Auch andere Politiker bedienen sich ähnlicher Strategien: Der ehemalige JU-Vorsitzende und aktuelle Abgeordnete Lukas Krieger [reduziert Politik auf TikTok](https://www.tiktok.com/@team.krieger/video/7461253925610540310?ref=patrick-pehl.de) zum Format eines "Schnellquiz", das politische Inhalte auf das Niveau einer Gameshow herabwürdigt. CDU-Politiker aus Hohenschönhausen, Danny Freymark, wiederum [inszeniert sich auf Instagram](https://www.instagram.com/dannyfreymark/p/DF02d6EoR3y/?ref=patrick-pehl.de) im Stil Donald Trumps, wie er eine Mülltonne schiebt – eine Aktion, die zwar Aufmerksamkeit generiert, aber jeglicher politischer Substanz entbehrt und wohl auch nicht authentisch scheint.
Die Motivation hinter der Entwicklung ist mehrschichtig. Nach Jahren, in denen die AfD durch native Kommunikation auf Instagram, TikTok und Facebook die mediale Agenda unterhalb der Wahrnehmung anderer Parteien beherrscht hatte, suchen ebenjene andere Parteien verzweifelt nach Wegen, ähnliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Die Algorithmen sozialer Medien haben dabei einen *Race-to-the-Bottom* ausgelöst: Content, der schnell konsumiert und geteilt werden kann, wird bevorzugt ausgespielt. Komplexe politische Botschaften haben es in diesem System schwer – und Politik ist nun mal komplex. Allerdings haben auch [Publikumsmedien ihren Anteil daran](https://patrick-pehl.de/korrespondenten-expertise-qualitaetsjournalismus-digitales-zeitalter/), denn die immer spärlichere Besetzung von Redaktionen und dünneren Ressourcen ergeben eine Teufelsspirale.
Inmitten dieser Entwicklung zeigt ausgerechnet die [Linken-Politikerin Heidi Reichinnek einen anderen Weg](https://www.youtube.com/watch?time%5Fcontinue=1&v=omuYdl7NKfo&embeds%5Freferring%5Feuri=https%3A%2F%2Fwww.bing.com%2F&embeds%5Freferring%5Forigin=https%3A%2F%2Fwww.bing.com&source%5Fve%5Fpath=Mjg2NjY&ref=patrick-pehl.de). Ihr viral gegangener Redebeitrag aus dem Bundestag demonstriert, dass politische Kommunikation auch im digitalen Zeitalter nicht zwangsläufig ihrer Substanz beraubt werden muss. Die "Wutrede", wie sie in sozialen Medien bezeichnet wird, vereint emotionale Authentizität mit inhaltlicher Tiefe – und erreicht damit ein Publikum, das offenbar nach genau dieser Kombination dürstet.
## Selbstdarstellung statt Repräsentation der Bürger
Die Bemühungen politischer Akteure, Aufmerksamkeit für sich, ihre Themen und Parteien zu generieren, sind grundsätzlich zu begrüßen. Politik kann und darf nicht ausschließlich in den Hinterzimmern der Macht stattfinden. Die Präsenz in der Öffentlichkeit, auch in sozialen Medien, ist ein legitimes und notwendiges Instrument demokratischer Prozesse.
Entscheidend ist jedoch die Kohärenz zwischen Form und Inhalt der politischen Kommunikation. Wenn der politische Diskurs zu einer Aneinanderreihung von Unterhaltungsvideos, programmierten Witzen und kontextlosen Memes verkommt, erodiert nicht nur die Substanz der Debatte – es steht auch die Autorität und Legitimität der politischen Akteure selbst auf dem Spiel.
Gewiss müssen Volksvertreter demonstrieren, dass sie die Lebenswirklichkeit, die Sorgen und Nöte ihrer Wählerschaft verstehen und nachvollziehen können. Diese notwendige Erdung darf jedoch nicht in würdelosen Klamauk abgleiten. Die Herausforderungen unserer Zeit – von der Klimakrise über soziale Ungleichheit bis hin zu geopolitischen Spannungen – erfordern eine Form der politischen Kommunikation, die der Komplexität der Themen gerecht wird.
Die Herausforderung besteht darin, moderne Kommunikationskanäle zu nutzen, ohne dabei die Würde des politischen Amtes zu kompromittieren. Politiker müssen ihre Wählerschaft dort erreichen, wo sie sich aufhält – auch in sozialen Medien. Doch dies darf nicht auf Kosten der substanziellen politischen Auseinandersetzung geschehen. Eine Demokratie braucht informierte Bürger, keine Konsumenten politischer Unterhaltung.
## Wirkung wieder kalibrieren
Es ist an der Zeit, dass politische Akteure eine Balance finden zwischen zeitgemäßer Kommunikation und der Wahrung ihrer Autorität. Authentizität in der politischen Kommunikation bedeutet nicht, dem niedrigsten gemeinsamen Nenner zu folgen, sondern die Wählerschaft als mündige Bürger ernst zu nehmen. Nur wenn es gelingt, Aufmerksamkeit zu generieren und gleichzeitig die Substanz der politischen Debatte zu bewahren, kann die Demokratie den Herausforderungen des 21\. Jahrhunderts gerecht werden.
### Ukraine: Rohstoffdeal für den Sieg
URL: https://patrick-pehl.de/ukraine-rohstoffe-fuer-den-sieg-geopolitische-bedeutung-neue-wirtschaftliche-perspektiven-ihk-konferenz-in-berlin-2024/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Die Ukraine positioniert ihre Rohstoffvorkommen als strategischen Hebel im geopolitischen Kräftemessen. Ein durchdachtes Konzept verbindet Investitionen, militärische Sicherheit und industrielle Entwicklung – mit dem Ziel, die historische Position als reiner Rohstofflieferant zu überwinden.**
Am 11\. Dezember 2024 hatte ich die Gelegenheit, bei einer Konferenz des Ost-Ausschusses der Industrie- und Handelskammer (IHK) [in erster Reihe dabei zu sein](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/wirtschaftsforum-grosse-ukrainische-versprechen-verhaltene-deutsche-investoren-116359?ref=patrick-pehl.de). Bei dieser hochrangig besetzten Veranstaltung sprach der Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) nahm an einer Diskussionsrunde teil und der ukrainische Ministerpräsident *Denys Schmyhal* war persönlich vor Ort. Was ich dort erlebte, war ein früher Blick auf die strategische Ausrichtung der ukrainischen Rohstoffpolitik, die nun, wenige Monate später, durch die kürzlichen Äußerungen von US-Präsident Donald J. Trump wieder in den Fokus de Interesses rückt.
Der Vorschlag von Trump Anfang Februar 2025, Militärhilfe mit Rohstofflieferungen zu verknüpfen, basiert auf einer Initiative, die Kiew bereits im Herbst 2023 unterbreitet hatte – das wird derzeit unter dem Schlagwort „Rohstoffdeal“ berichtet. Diese strategische Ausrichtung folgt aber einer klaren wirtschaftspolitischen Logik.
## Tradition als Rohstofflieferant
Die Ukraine verfügt über eine gewisse Tradition als Rohstoffexporteur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion basierte die Wirtschaft des Landes hauptsächlich auf dem Export von Rohstoffen und einfachen Industrieprodukten – vor allem der Begriff *Kornkammer der Sowjetunion* war geläufig. Diese Konstellation führte zur Entstehung einer einflussreichen Oligarchie, deren Vermögen primär auf der Kontrolle von Bergbau- und Metallurgiebetrieben basierte. Das Metallurgische Kombinat Asow-Stahl in Mariupol entwickelte sich zum Symbol dieser ressourcenbasierten Wirtschaftsordnung des Flächenlandes.
https://patrick-pehl.de/blog/kursk-wie-die-ukraine-russlands-tiefste-wunde-frontlinie-uboot-atom-uboot-militaer/
Insbesondere die östlichen Regionen *Donezk* und *Luhansk* waren seit jeher das industrielle Herz der Ukraine. Der Donbas, also das Donezbecken, ist bekannt für seine reichen Vorkommen an Steinkohle und Eisenerz. Doch auch seltene Metalle wie Lithium, Titan und Gallium, die für Zukunftstechnologien unverzichtbar sind, liegen hier im Boden, das betonte auch Schmyhal bei der Konferenz in Berlin. Mit der Annexion der Krim durch Russland gingen der Ukraine zudem bedeutende Offshore-Gasvorkommen im Schwarzen Meer verloren.
Die Kontrolle über diese Rohstoffe war stets auch eine Frage politischer Macht in der Region. Unter Präsident Wiktor Janukowytsch, der aus dem Donbas stammte, erreichte der Einfluss der Oligarchen seinen Höhepunkt. Der versuchte Maidan-Umsturz von 2014 leitete einen Wandel ein. Die neue Führung in Kiew erkannte wohl, dass eine nachhaltige wirtschaftliche und politische Stabilität nur durch eine Abkehr vom reinen Rohstoffexport zu erreichen ist, auch da die rohstoffreichen Gebiete wenig später für internationale Sorgen verantwortlich waren.
## Rohstoffpotenzial und strategische Bedeutung
Die Ukraine verfügt über außergewöhnliche Rohstoffvorkommen, wie ein [analytischer Artikel der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB)](https://www.bpb.de/themen/europa/ukraine-analysen/546618/analyse-die-rohstoffe-der-ukraine-und-ihre-strategische-bedeutung/?ref=patrick-pehl.de) aufzeigt. Auch eine [Ausarbeitung des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages](https://www.bundestag.de/resource/blob/979936/3fb61813be6833a3b4278acda81adefb/WD-5-076-23-pdf.pdf?ref=patrick-pehl.de) mit dem Titel *Rohstoffe der Ukraine* aus dem Oktober 2023 ist beachtenswert. Bei Erdgas – einschließlich Schiefergas – besitzt das Land Reserven von über einer Billion Kubikmeter. In Europa verfügt nur Norwegen mit 1,53 Billionen Kubikmeter über größere Erdgasvorkommen. Die Steinkohlereserven werden auf rund 34 Milliarden Tonnen geschätzt und sind damit die zweitgrößten Europas.
### Kritische Mineralien für Zukunftstechnologien

Eine Karte der Ukraine, in der Rohstoffvorkommen und die zwischen Russland und der Ukraine umstrittenen Gebiete eingezeichnet sind. © Blum et. al. 2023
Besondere strategische Bedeutung haben die Vorkommen kritischer Mineralien:
- **Lithium**: Zentrale Lagerstätten in Kruta Balka (Oblast Saporischschja) und Schewtschenko (Oblast Donezk); essentiell für Batterieproduktion und Energiespeicherung
- **Titan**: Zweitgrößte Vorkommen Europas; unverzichtbar für Luft- und Raumfahrt sowie Medizintechnik
- **Mangan**: 2,3 Milliarden Tonnen (12 Prozent der globalen Reserven); wichtig für Stahlveredelung
- **Graphit**: 2,2 Prozent der Weltproduktion; zentral für Batterietechnologie
- **Gallium**: 1,3 Prozent der globalen Erzeugung; bedeutend für medizinische Diagnostik und Militärtechnik
Premierminister Denys Schmyhal verwies auf das Potenzial seines Landes als Rohstofflieferant. Die Ukraine könne mit ihren Vorkommen an Graphit, Titan und Lithium helfen, die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Schmyhal stellte zudem die Erschließung ukrainischer Gasfelder in Aussicht, um Europa unabhängiger von russischen Lieferungen zu machen.
## Land als Unterpfand
Ein Großteil der strategisch bedeutsamen Rohstoffvorkommen der Ukraine liegt in den östlichen Landesteilen, die derzeit umkämpft sind oder sich in unmittelbarer Nähe zur Kontaktlinie im Kampf zwischen dem Westen und Russland befinden. Insbesondere die Regionen Donezk, Luhansk und Saporischschja, in denen große Vorkommen von Lithium, Titan und anderen kritischen Mineralien vermutet werden, sind von russischen Truppen besetzt oder heftig militärisch umkämpft.

Eine Karte der Ukraine, in der Energierohstoffvorkommen und die zwischen Russland und der Ukraine umstrittenen Gebiete eingezeichnet sind. © Blum et. al. 2023
Indem die ukrainische Regierung in Kiew ausländischen Investoren Zugriff auf diese Vorkommen in Aussicht stellt, macht sie ihr Staatsgebiet zum strategischen Unterpfand in den Verhandlungen. Das Kalkül dahinter ist offensichtlich: Die interessierten Staaten und Konzerne sollen im Gegenzug ein handfestes Interesse an der Rückgewinnung und dauerhaften Kontrolle dieser Territorien durch die Ukraine entwickeln.
Das würde einerseits militärischen Schutz und verstärkte Waffenlieferungen implizieren, um die betroffenen Gebiete zurückzuerobern und langfristig absichern. Andererseits entstünde auch ein starker Anreiz, die für den Export der geförderten Rohstoffe notwendige Verkehrs- und Logistikinfrastruktur auszubauen und zu schützen – denn was bringt es die Waren nicht aus dem Land zu bekommen oder immer die Sorge zu haben, dass die Wege angegriffen werden.
Konkret könnte das den Aufbau und die Absicherung von Transportkorridoren zur Ostsee, zum Schwarzen Meer und möglicherweise auch zur Donau als wichtigste Wasserstraße Südosteuropas bedeuten. Da der Abtransport großer Rohstoffmengen praktisch nur über Schiene und Schiff erfolgen kann, wären hierfür massive Investitionen in Hafenanlagen, Bahnstrecken und deren Schutz erforderlich. Die EU baut ihre Kapazitäten an den Außengrenzen zur Ukraine bereits massiv aus – etwa [Reni und Izamail](https://www.nzz.ch/international/rumaenien-und-die-ukraine-streiten-um-einen-kanal-im-donau-delta-ld.1729625?ref=patrick-pehl.de).
Aus Sicht der Ukraine würde das nicht nur den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Entwicklung der umkämpften Regionen befördern. Es würde auch ihre geopolitische Position gegenüber Russland nachhaltig stärken, indem es die Anrainerstaaten dieser Transportrouten zu natürlichen Verbündeten und einer Art handelspolitischem Bollwerk machte. Der Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Infrastruktur könnte so direkt mit dem Ausbau der Rohstoffförderung und der dazugehörigen Transportwege verknüpft werden.
## Schmaler Grat zwischen Reichtum und Ressourcenfluch
„Wer tief in der Erde gräbt, kann dort sowohl Segen als auch Fluch finden“, diese uralte Weisheit bewahrheitet sich besonders in der Wirtschaftsgeschichte rohstoffreicher Nationen. Der Ressourcenfluch schillert meist als trügerischer Reichtum: Trotz wertvoller Bodenschätze verharren viele Länder in einer Spirale aus Abhängigkeit und wirtschaftlicher Stagnation. Wie ein hungriger Mensch, der zwar von üppig gedeckten Tafeln umgeben ist, aber keinen Zugang zu den Speisen erhält, können diese Staaten trotz ihrer unterirdischen Reichtümer die eigene Bevölkerung nicht aus der Armut führen.
Der Mechanismus ist tückisch, denn die scheinbar mühelose Einnahmequelle aus dem Rohstoffexport lähmt wie ein süßes Gift die Entwicklung anderer Wirtschaftszweige. Warum mühsam eine verarbeitende Industrie aufbauen, wenn der Verkauf der Rohstoffe schnelles Geld verspricht? Eine kleine Elite sichert sich die Kontrolle über die Bodenschätze, während die breite Bevölkerung leer ausgeht. Korruption wuchert wie Unkraut in diesem fruchtbaren Boden aus leicht verfügbarem Reichtum und schwachen Institutionen.
Die Ukraine kennt diese Gefahr aus eigener Erfahrung. Die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene Oligarchie, die ihr Vermögen primär aus der Kontrolle von Bergbau und Metallurgie bezog, ist ein warnendes Beispiel. Doch nun strebt das Land einen anderen Weg an: Statt nur die Schätze aus der Erde zu holen und zu exportieren, sollen sie als Fundament für eine moderne Industrienation dienen.
Die ukrainische Strategie gleicht dabei einem komplexen Schachspiel: Die Rohstoffe sind nicht einfach Exportware, sondern strategische Figuren auf dem Brett der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Durch die Kombination von Rohstoffförderung und industrieller Weiterverarbeitung soll eine Wertschöpfungskette entstehen, die wie ein stabiles Gerüst die gesamte Wirtschaft trägt. Qualifizierte Arbeitsplätze, Technologietransfer und die Integration in europäische Produktionsnetzwerke sind die Säulen dieser Strategie.
## Energie- und Transportinfrastruktur
[](https://patrick-pehl.de/?attachment%5Fid=1854)
Ein Zug am asowschen Meer in Mariupol © Tina Miroshnychenko via flickr
Die Ukraine verfügt über eines der am besten entwickelten Gasnetze der Welt, was für die Zukunft des Energiesektors des Landes eine wichtige Rolle spielen wird. Da die Ukraine zu Sowjetzeiten Hauptstromlieferant war, besitzt heute ihr Elektrizitätsnetz redundante Kapazitäten, was es erlaubt, bei russischen Angriffen Umgehungsmöglichkeiten für zerstörte Verbindungen zu schalten.
Die Energieinfrastruktur umfasst 15 Kernreaktorblöcke an vier Standorten, 66 Wärmekraftwerksblöcke an 13 Standorten, 30 Wasserkraftwerke entlang der großen Flüsse sowie erhebliche Potenziale für Windenergie, die auf 435 Gigawatt geschätzt werden. Das entspricht etwa dem Dreifachen der aktuellen Stromproduktionskapazität Deutschlands. Besonders die südlichen Regionen und die Schwarzmeerküste bieten ideale Bedingungen für Offshore- und Onshore-Windparks. Diese könnten mittelfristig nicht nur die ukrainische Energieversorgung sichern, sondern auch Exportkapazitäten für den europäischen Markt schaffen.
## Logistische Neuausrichtung
Die Ukraine plant den systematischen Ausbau von Transportkorridoren. Eine Nord-Süd-Achse soll die Verbindung von der Ostsee zum Schwarzen Meer herstellen, während eine Ost-West-Achse einen Transportkorridor von Lissabon bis Charkiw schaffen soll, wie Schymal in Berlin darlegte. Hinzu kommen die Modernisierung der Hafeninfrastruktur am Schwarzen Meer und die Integration in europäische Logistiknetzwerke. Diese Planungen für entsprechende Transportkorridore sind in drei Phasen angelegt: Bis 2026 soll die Nord-Süd-Verbindung zur Ostsee modernisiert werden, bis 2028 folgt der Ausbau der Schwarzmeerhäfen. Die Ost-West-Achse ist als längerfristiges Projekt bis 2030 konzipiert. Vorrangig sind dabei der Ausbau der Schieneninfrastruktur und die Anpassung an europäische Spurweiten.
## Geopolitische Dimension

Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik 1922-1991 © mr-kartographie Gotha / CC-NC-ND 4.0
Die Rohstoffstrategie der Ukraine ist eng mit ihrer sicherheitspolitischen Lage verknüpft. Internationale Konzerne, die in den Konfliktgebieten investieren, benötigen robusten militärischen Schutz. Dies würde die Geberländer zu einem verstärkten Engagement für die territoriale Integrität der Ukraine zwingen.
Der ukrainische Politikwissenschaftler Igor Tschalenko vom Zentrum für Analysen und Strategien bestätigt: „Die Präsenz amerikanischer Unternehmen wäre eine Art Schutzschild, der die Entscheidungen der US-Regierung über die Sicherheit bestimmter ukrainischer Regionen beeinflussen würde."
## Risiken und Perspektiven
Die akute Kriegssituation birgt erhebliche Risiken. Wie ein Schuldner, dem das Wasser bis zum Hals steht, könnte die Ukraine gezwungen sein, ihre wertvollen Rohstoffe weit unter Wert zu verhökern. Internationale Erfahrungen zeigen, dass einmal geschlossene Rohstoffverträge sich später kaum nachverhandeln lassen.
Auch räumlich gleicht die Situation einer tickenden Zeitbombe: Ein wesentlicher Teil der Bodenschätze liegt in russisch besetzten oder heftig umkämpften Gebieten. Würde der Frontverlauf zur dauerhaften Grenze, wären diese Vorkommen für die Ukraine auf absehbare Zeit verloren – und mit ihnen die darauf aufbauende Entwicklungsstrategie. Bei einer Verfestigung der aktuellen Frontlinien zu einer dauerhaften Waffenstillstandslinie würden Investitionen in diesen Risikogebieten praktisch unmöglich. Dies könnte ein Motiv für Russland sein, den Konflikt fortzusetzen und die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine zu blockieren.
Doch was bedeutet es für eine Nation, wenn ihr buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Die ukrainische Rohstoffstrategie verbindet drei zentrale Elemente: das erhebliche Rohstoffpotenzial des Landes, dessen strategische Bedeutung für die globale Versorgung mit kritischen Mineralien und die Chance zur industriellen Transformation. Der Erfolg dieser Strategie hängt von drei Faktoren ab: der militärischen Rückgewinnung der ressourcenreichen Gebiete, der Etablierung verlässlicher rechtlicher Rahmenbedingungen für internationale Investoren und dem Aufbau einer modernen Verarbeitungsindustrie. Gelingt diese Kombination, könnte die Ukraine nicht nur ihre Position als Rohstofflieferant stärken, sondern sich als integraler Bestandteil der europäischen Industrielandschaft etablieren.
### Kulturkampf in der Merz-CDU
URL: https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Intrigen, Loyalitäten und ein Erbe, das die Partei spaltet: In der CDU tobt ein interner Machtkampf, der an die großen Schlachten der Vergangenheit erinnert. Während eine Gruppe das Erbe Angela Merkels verteidigt, drängt eine andere um die neue Gallionsfigur Friedrich Merz auf einen radikalen Kurswechsel. Im Zentrum: ein diskreter Strippenzieher mit besten Verbindungen – Bernhard Gauly. Er berät diskret, doch sein Einfluss reicht tief. Wer setzt sich durch? Und welche Richtung schlägt die CDU ein? Wer steuert die Partei in der Post-Merkel-Ära?**
Es ist ein vertrauliches Treffen in Berlin, und welches verschlossenen Türen ringen einflussreiche CDU-Strategen um die zukünftige Richtung der Partei. Argumente werden ins Feld geführt – es geht um mehr als bloße Strategie: Es geht um die Macht im Land. Ich habe die CDU in den Hochzeiten der Merkel-Jahre begleitet, die inneren Spannungen miterlebt. Die Gräben zwischen den Lagern sind tief, der Kampf um Einfluss tobt nun wieder im Verborgenen. Die Partei erneut am Scheideweg. Wer setzt sich durch? Und welche Rolle spielt ein Mann, den kaum jemand so richtig kennt, aber alle fürchten?
Inhalt
Inhaltsverzeichnis
## Die zerrissene Volkspartei
Der Niedergang einer politischen Institution vollzieht sich selten spektakulär. Meist beginnt er schleichend, manifestiert sich in scheinbar nebensächlichen Episoden, bis plötzlich das ganze Ausmaß der Erosion sichtbar wird. Die jüngste Abstimmungsniederlage der CDU im Bundestag – ihr „Zustrombegrenzungsgesetz" fand keine Mehrheit – ist solch ein Moment der Erkenntnis: Hier offenbart sich mehr als das taktische Scheitern eines überforderten Parteivorsitzenden. Es ist das Symptom einer tiefer liegenden Krise, die die deutsche Christdemokratie in ihrem Kern erschüttert.
### Nicht enden wollender Kulturkampf
Im Maschinenraum der Union tobt seit Jahren ein Kampf um ihre politische Seele. Zwei fundamental unterschiedliche Politikverständnisse ringen um die Deutungshoheit: Hier die Erben des Merkel'schen Pragmatismus, dort die selbsternannten Bewahrer einer „wahren" konservativen Identität. Dieser Konflikt, der sich während der Merkel-Jahre in unterschwelligem Grummeln manifestierte, bricht nun mit voller Wucht hervor.
### Gespenster der Vergangenheit
Die Urszene dieses Konflikts lässt sich präzise datieren: 2002, als Angela Merkel den damaligen Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz aus dem Amt drängte. Was damals als persönliche Rivalität erschien, enthüllt sich heute als Vorbote einer tektonischen Verschiebung im konservativen Lager. Merkels nüchterner Pragmatismus, ihre Politik der kleinen Schritte und der behutsamen Modernisierung, stand in fundamentalem Gegensatz zu Merz' ideologisch gefestigtem Konservatismus.
### Merkel-Paradox und moderner Kulturschock

Friedrich MERZ, als MdEP 481 in einer Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg © Communautés européennes – 1989
Die Welt der frühen 2000er Jahre veränderte sich in atemberaubendem Tempo. Plötzlich sprach man auch in der CDU von „Liebe Freundinnen und Freunde" oder „Bürgerinnen und Bürgern". Es war die Zeit, als der einsame Eisbär auf seiner schmelzenden Scholle zum Symbol einer neuen Politik wurde und Angela Merkel mit ihrem Umweltminister Norbert Röttgen in Funktionskleidung die „Tagesschau“ dominierte.
In dieser sich wandelnden Welt erschien Friedrich Merz wie ein politischer Tasmanischer Teufel – ein Relikt aus einer Epoche, die es so nicht mehr gab. Er wurde zur Projektionsfläche all jener, die sich nach Turbokapitalismus, Filetsteak an Grillsauce und atomstrombetriebener Straßenbeleuchtung sehnten. Doch wie der Tasmanische Teufel, der sich an eine nicht mehr existierende Umwelt angepasst hatte, verkörperte Merz eine politische Spezies, deren Zeit abgelaufen war.
https://patrick-pehl.de/blog/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
Die Tragik der Situation liegt in ihrer scheinbaren Ausweglosigkeit: Merkels erfolgreiche Modernisierung der CDU hatte die Partei nachhaltig verändert. Doch dieser Erfolg trug den Keim der aktuellen Krise bereits in sich. Je mehr sich die CDU zur pragmatischen Kraft der Mitte entwickelte, desto stärker wuchs der innere Widerstand jener Kräfte, die in dieser Entwicklung einen Verrat an konservativen Grundwerten sahen. Merz wurde ihr Heilsbringer – ein Mann von gestern, der das Gestern ins Heute zurückholen sollte.
### Die zwei Seelen der Union
Das Merkel-Lager, heute vertreten durch Politiker wie Daniel Günther, steht für:
- Politik als Kunst des Möglichen
- Gesellschaftliche Integration als Leitbild
- Pragmatische Lösungen statt ideologischer Dogmen
- Führung durch Moderation und Ausgleich
Im Gegensatz dazu sammeln sich im restaurativen Lager jene Kräfte, die eine Rückkehr zu vermeintlich klaren Positionen fordern:
- Ideologische Verhärtung als Programm
- Konfrontation statt Konsens
- Rückwärtsgewandte Zukunftsangst
- Führung durch Konfrontation
Diese Spaltung durchzieht alle wesentlichen Politikfelder: Von der Migrations- über die Wirtschafts- bis zur Gesellschaftspolitik prallen diese unterschiedlichen Grundverständnisse aufeinander.
## Die inszenierte Führung

Friedrich Merz' Wahlplakat Europawahl 1989
### Konstruierter Heilsbringer Friedrich Merz
Dass ausgerechnet Friedrich Merz zum Protagonisten des restaurativen Lagers wurde, entbehrt nicht der Ironie. Wie ein politischer Dinosaurier, dessen fossile Überzeugungen durch modernste PR-Technik wiederbelebt werden sollten, trat er seinen Weg zur Parteispitze an. Die [Beauftragung der Agentur Gauly Advisors](https://www.focus.de/politik/deutschland/kampf-um-cdu-spitze-ex-kohl-vertrauter-zieht-strippen-das-sind-die-berater-von-merz-akk-und-spahn%5Fid%5F10011876.html?ref=patrick-pehl.de) markiert dabei einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der Christdemokratie – zum ersten Mal wurde ein Parteivorsitzender nicht aus eigener Kraft, sondern durch externe Inszenierung an die Spitze gebracht. Die [Kommunikation in der Hauptstadt Berlin hat sich stark verändert](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/) und so tun es auch die Kommunikationsagenturen – es gibt weitere bekannte Firmen wie etwa die *Sherpas 365*.
### Die Gauly-Operation: „Make Merz Modern Again“
Die Dimensionen dieser politischen Reanimation sind bemerkenswert. Unter der Regie von Alexander Cordes, dem orchestrierenden Kopf bei Gauly Advisors, entstand ein minutiös durchkomponiertes Programm der Modernisierungskosmetik: Jede Geste wurde entstaubt, jeder Auftritt zeitgemäß choreographiert, selbst die Gesichtsausdrücke wurden auf „modern“ getrimmt und [große Summen flossen](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kramp-karrenbauer-merz-und-spahn-wer-ihre-kampagnen-organisiert-a-1237630.html?ref=patrick-pehl.de) vermutlich in den Versuch, *einen Mann von gestern als Mann von morgen zu verkaufen*.
Zumindest bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es in den Bildarchiven kaum Fotos vom alten Friedrich Merz gibt. Einige wenige konnte man wohl nicht aus der kollektiven Erinnerung tilgen, etwa ein kleines Konvolut aus seiner Legislatur im Europäischen Parlament (EP) oder vereinzelte Lichtbilder in öffentlichen Archiven. Man wollte und hat den alten *Fritze Merz* bewusst aufgefrischt.
### Bild eines chronischen Verlierers
Friedrich Merz' politische Karriere gleicht einer Perlenkette des Scheiterns. Seine Geschichte ist die eines Mannes, der nur dann „gewinnt“, wenn alle stärkeren Kandidaten bereits aus dem Rennen sind. Die Serie seiner Niederlagen ist bemerkenswert:
#### Erstes Aus 2002
Nach nur 31 Monaten verliert er den Fraktionsvorsitz an Angela Merkel – ein Trauma, das zwei Jahrzehnte nachwirken sollte.
#### Erfolgloser Phönix
Sein groß inszeniertes Comeback endet in einer Serie von Demütigungen:
- 2018: Scheitert trotz millionenschwerer PR-Maschinerie an AKK
- Januar 2021: Unterliegt selbst dem glücklosen Armin Laschet
- Dezember 2021: „Siegt" endlich – aber nur, weil nach dem Bundestagsdebakel niemand sonst den Job will
- Januar 2022: Wird als „Restekandidat" Parteichef – ein Pyrrhussieg par excellence
#### Meister des Verlierens
Was Merz von anderen gescheiterten Politikern unterscheidet, ist die bemerkenswerte Beharrlichkeit, mit der er das Scheitern kultiviert. Selbst als Parteivorsitzender perpetuiert er sein Verlierer-Image: Seine „Brandmauer"-Strategie scheitert, seine Migrationspolitik findet keine Mehrheit, seine Führungsansprüche verpuffen.
### Devianz des Friedrich Merz

*Friedrich Merz* (MdB) mit EU-Kommissionspräsidentin *Ursula von der Leyen* und *Manfred Weber* (MdEP) beim EPP Congress in Bucharest. © EVP via Wikimedia
In Merz' politischem Verhalten zeigt sich ein konsistentes Muster der Abweichung von erfolgreichen Führungsprinzipien:
#### Unfähigkeit zur Integration
Wo Merkel verschiedene Strömungen zu moderieren verstand, zeigt sich bei Merz eine beharrliche Tendenz zur Polarisierung. Seine „Brandmauer"-Strategie etwa offenbart die fundamentale Unfähigkeit, komplexe politische Realitäten jenseits simpler Freund-Feind-Schemata zu erfassen.
#### Dogmatische Verhärtung
Die von Parteifreunden schon 2002 diagnostizierte „Neigung zur Dogmatik und zur Sturheit“ manifestiert sich heute in einer bemerkenswerten Lernresistenz. Selbst offensichtliche strategische Fehlkalkulationen führen nicht zur Korrektur des Kurses.
### Inszenierung frisst ihre Kinder
Die professionelle PR-Maschinerie, die Merz' Comeback ermöglichte, erweist sich zunehmend als zweischneidiges Schwert. Je mehr die Inszenierung bröckelt, desto deutlicher tritt die Substanzlosigkeit des restaurativen Projekts hervor. Die minutiöse Kontrolle jeder öffentlichen Äußerung durch Gauly Advisors kann nicht kaschieren, was immer offensichtlicher wird: Hier wurde ein Führungsanspruch konstruiert, der jeder realen Grundlage entbehrt.
### Symptom wird zur Krankheit
Die eigentliche Tragik liegt in der Transformation: Was als Symptom der Parteienkrise begann – die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen, die Merz zu bedienen versprach –, entwickelt sich unter seiner Führung zur eigenständigen Krankheit. Seine politische Devianz, ursprünglich Ausdruck der Zerrissenheit der Union, verstärkt nun die Spaltung, die zu heilen sie vorgab.
## Ende der Volkspartei?
### Erosion einer politischen Institution
Die Krise der CDU reicht tiefer als die aktuelle Führungsschwäche. Dass sich die Partei ausgerechnet einem Mann anvertraut, der wie ein politischer Zeitreisender aus den 1990er Jahren wirkt, ist mehr als eine personelle Fehlentscheidung – es stellt die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Volkspartei-Modells im 21\. Jahrhundert. Die traditionelle Stärke der Union lag in ihrer Fähigkeit zur Integration verschiedener gesellschaftlicher Strömungen – eine Kunst, die unter der Führung eines durch PR-Agenturen modernisierten Gestrigen zusehends verloren geht.
### Versagen der Integration
Die fundamentale Schwäche des aktuellen CDU-Kurses liegt in der Verwechslung von Führung mit Konfrontation. Während Angela Merkel die verschiedenen Parteiflügel durch geschickte Moderation zusammenhielt, setzt ihr Nachfolger auf Polarisierung. Diese Strategie mag kurzfristig mediale Aufmerksamkeit generieren – langfristig untergräbt sie jedoch die Integrationskraft, die das Wesen einer Volkspartei ausmacht.
### Phantomschmerz der Macht
Der Verlust der Regierungsverantwortung hat in der CDU eine gefährliche Dynamik freigesetzt. Die Sehnsucht nach der verlorenen Macht artikuliert sich in zunehmend destruktiven Mustern:
- Fundamentalopposition statt konstruktiver Alternativen
- Ideologische Verhärtung statt pragmatischer Lösungen
- Taktische Manöver statt strategischer Vision
### Strukturelle Dimension
Der aktuelle Zustand der CDU ist Symptom einer tieferen Transformation des politischen Systems. Die klassische Volkspartei, die verschiedene gesellschaftliche Milieus integrierte, verliert in einer fragmentierten Gesellschaft ihre Funktion. Drei mögliche Entwicklungspfade zeichnen sich ab:
#### Weg der Modernisierung
Eine Rückkehr zum pragmatischen Modernisierungskurs der Merkel-Ära. Dies würde bedeuten:
- Öffnung zur gesellschaftlichen Mitte
- Flexible Anpassung an neue Realitäten
- Integration statt Ausgrenzung
#### Weg der Verhärtung
Die Fortsetzung des aktuellen Kurses der ideologischen Polarisierung:
- Verschärfung der Konfrontation
- Weitere Entfremdung von moderaten Wählern
- Risiko der dauerhaften Marginalisierung
#### Weg der Spaltung
Die möglicherweise unvermeidliche Konsequenz der aktuellen Entwicklung:
- Aufbrechen in verschiedene Teilparteien
- Ende des Volkspartei-Modells
- Neuordnung der politischen Landschaft
### Niedergangsdialektik

Der EP-Abgeordnete Friedrich Merz leitet 1992 eine Sitzung im Europäischen Parlament in Brüssel. © Communautes Europeennes 1992 – Source : PE
Die aktuelle Führungskrise der CDU erscheint in dieser Perspektive als Teil einer dialektischen Entwicklung: Die erfolgreiche Modernisierung unter Merkel schuf jene Gegenkräfte, die nun in Form eines durch PR-Agenturen aufgebauten Gegenentwurfs die Partei zu zerreißen drohen. Die Unfähigkeit zur Synthese dieser widerstreitenden Kräfte könnte das Ende der CDU als Volkspartei bedeuten.
## Zukunft des Konservativen?
Die eigentliche Frage geht über die Zukunft der CDU hinaus: Wie lässt sich konservative Politik im 21\. Jahrhundert gestalten? Die aktuelle Krise zeigt die Grenzen eines rückwärtsgewandten Konservatismus, der komplexe Gegenwartsprobleme mit den Antworten von gestern zu lösen versucht.
## Preis der Inszenierung
Die Beauftragung von Gauly Advisors markiert dabei einen echten Wendepunkt: Den Moment, in dem die CDU begann, Inszenierung über Substanz zu stellen. Die [sechsstelligen Investitionen in die Konstruktion einer Führungsfigur](https://www.spiegel.de/politik/deutschland/kramp-karrenbauer-merz-und-spahn-wer-ihre-kampagnen-organisiert-a-1237630.html?ref=patrick-pehl.de) symbolisieren den Verlust jener authentischen Führungskraft, die die Partei einst auszeichnete.
Die Zukunft der CDU wird sich nicht an der Frage entscheiden, ob Friedrich Merz scheitert oder reüssiert. Sie wird sich daran entscheiden, ob die Partei einen Weg findet, ihre verschiedenen Strömungen neu zu integrieren – oder ob sie als weiteres Opfer einer gesellschaftlichen Fragmentierung in die Geschichte eingeht, die das klassische Modell der Volkspartei obsolet macht.
### Merz’ falsches Bauernspiel
URL: https://patrick-pehl.de/merz-falsches-bauernspiel-leitartikel-agrarzeitung/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Die Union probt den Ausbruch – mit großen Gesten, kleinen Chancen und einem agrarpolitischen Schaufensterantrag. Friedrich Merz, einst aus dem Amt gedrängt, formt die Partei nun nach seinem Bild. Während die Bauern Substanz fordern, erstickt das Parlament in Inszenierung. Ein konservativer Monolith wächst – und mit ihm die Frage: Wer bleibt auf der Strecke?**
Die Union nutzt die verbleibende Parlamentszeit für Initiativen, die keine Chance mehr auf Umsetzung haben. Die Union probt den Ausbruch aus der Opposition. [Friedrich Merz, im dritten Anlauf zum Parteiführer neuen Typs avanciert, formt die Partei nach seinem Bild](https://patrick-pehl.de/friedrich-merz-machtkampf-kulturkampf-in-der-cdu/) – ein spätes Echo jenes Machtwillens, der ihn vor zwanzig Jahren aus dem Amt des Fraktionschefs schob. Mit der „großen und gewaltigen Idee“, Bundeskanzler zu werden, nimmt Merz – gleich einem Thälmannschen Revolutionär – die Leiden seiner Partei und die Enttäuschung seiner potenziellen Wähler billigend in Kauf. Die Sache ist seine Sache – und schließlich größer.
Das erklärt die Dynamik dieser Tage: In der letzten regulären Sitzungswoche – viele andere wurden auf Betreiben der Union gestrichen – erreicht ein hastig aufgewärmter Parteitagsbeschluss als 10-Punkte-Plan zur Landwirtschaft das Parlament. Ausgerechnet jene Fraktion, die der Ampel stets legislative Hauruck-Aktionen vorwarf, verfällt nun selbst in hektischen Aktionismus.
Während die Union beim Energiegesetz den Konsens sucht, präsentiert sie der Landwirtschaft einen Schaufensterantrag im Wahlkampf. Die Bauern haben in den vergangenen Monaten unmissverständlich demonstriert: Sie erwarten Substanz statt Symbolik, verlässliche Partner statt politischer Hausierer mit taubem Korn im Beutel. Die Landwirtschaft ächzt unter Klimawandel, Biodiversitätsverlust und ökonomischem Druck. Diese Herausforderungen verlangen mehr als hastige Fraktionsbeschlüsse zwischen Wahlkampfständen und Marktplatzpodien.
https://patrick-pehl.de/blog/friedrich-merz-arbeitsplatz-spitzenpolitiker-schreibtisch-analyse-bildanalyse-politik-und-arbeit/
Die Strategie verfängt aber – während das Parlament Luftnummern bearbeitet, erstickt die Grundsatzarbeit. Merz inszeniert sein Theater der großen Gesten – und selbst diese Zeilen bezeugen seinen PR-Erfolg. Während die Augen eher auf Sarah Wagenknechts BSW-Polemik gerichtet sind, vollzieht sich in der politischen Mitte eine bemerkenswerte Veränderung. Wie einst Thälmann seine Partei zu einem monolithischen Block formte, in dem andere Positionen keinen Platz mehr fanden, entsteht unter Merz nun eine Partei neuen Typs – diesmal überraschend im konservativ-bürgerlichen Milieu. Leidtragende sind die Fachpolitiker, denn die Landwirtschaft wird hier zur Kulisse der Merz-Inszenierung, die viel über den Zustand der Union verrät.
Dieser Artikel erschien zuerst in der [Agrarzeitung 05.2025](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/agrarspitzen/patrick-pehl-zur-union-merz-falsches-bauernspiel-117099?ref=patrick-pehl.de).
### Dirk Wiese: „Wir müssen die GAP im EU-Budget verteidigen“
URL: https://patrick-pehl.de/dirk-wiese-wir-muessen-die-gap-im-eu-budget-verteidigen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**In Berlin habe ich in meiner Funktion als Hauptstadtkorrespondent der dfv Mediengruppe die wichtigsten Parteien zu ihren Plänen nach der anstehenden Bundestagswahl am 23\. Februar 2025 befragt. Der Bundestag verspricht einen gewaltigen Umbruch zu vollziehen, denn nicht nur das Wahlrecht ist geändert, sondern auch die Arithmetik des Parlaments wird sich wohl grundlegend verändern.**
Dieses Mal spreche ich mit dem SPD-Politiker **Dirk Wiese** über agrarpolitische Gestaltungsmöglichkeiten in Zeiten knapper Haushalte, die Integration der Ukraine, Tierhalter vor Ort im ländlichen Raum und Märkte der Zukunft. Dirk Wiese ist [Politiker des Seeheimer Kreises](https://patrick-pehl.de/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/) und tritt im gleichen Wahlkreis wie CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz an.

Dirk Wiese (SPD) muss sich den Fragen der agrarzeitung stellen. Dazu hat der Fußballfan eine Mannschaft von Unterstützern dabei. © Max Hartmann 2025
**agrarzeitung:* Eine Ihrer Kolleginnen zeichnete kürzlich das Bild einer gelähmten Politik, die nichts gestalten könnte. Wie groß ist der Gestaltungsspielraum tatsächlich?*
**Dirk Wiese (SPD):** Ich bin der festen Überzeugung, dass die Politik im Landwirtschaftsbereich erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten hat. Eine der größten Aufgaben für eine neue Bundesregierung wird die Neuaufstellung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sein. Das wird relativ zügig nach einem neuen Koalitionsvertrag, nach der Regierungsbildung losgehen. Da hat die Politik viele Möglichkeiten. Das sind dicke Bretter die es zu bohren gilt, mit vielen unterschiedlichen Interessen. aber Das wird einer der großen Hauptpunkte werden.
**agrarzeitung:* Von Berlin wird gern so getan, als sei der deutsche Einfluss in Brüssel marginal. Wie stark ist unser Einfluss tatsächlich?*
**Dirk Wiese:** Stark, das würde ich definitiv unterstreichen. Vielleicht ist es ein gewisses Understatement von deutscher Seite, es anders darzustellen. Aber Deutschland muss sich da nicht verstecken. Eine der großen Herausforderungen im Hinblick auf die nächste GAP-Förderperiode wird sein, dass wir erst mal den jetzigen Anteil im EU-Haushalt überhaupt halten. Das wird ein wichtiger Punkt werden. Und da ist Deutschland definitiv nicht ohne Einfluss.
***agrarzeitung:*** *Wogegen konkurriert die GAP im EU-Haushalt?*

**Dirk Wiese:** Wenn Sie sehen, was mit dem Green Industrial Deal vorbereitet wird, was da auf den Weg gebracht werden soll zur Stützung der europäischen Wirtschaft, insbesondere auch der energieintensiven Industrien – da sind viele in Brüssel unterwegs, die ein Stück vom Kuchen haben wollen. Wir haben mittlerweile 31 Prozent des EU-Haushalts, das ist der aktuelle Anteil. Da haben wir prozentual auch schon einiges verloren in den letzten Jahren. Und es wird ein Kraftakt, den aktuellen Anteil im EU-Haushalt tatsächlich zu halten.
***agrarzeitung:*** *Wie könnte eine künftige GAP ausgestaltet werden?*
**Dirk Wiese:** Wir als SPD haben immer gesagt, wir wollen es danach ausrichten: öffentliches Geld für öffentliche Leistungen. Wir müssen den Fokus stärker auf die finanzielle Unterstützung der jungen Landwirte legen. Das werden definitiv Punkte sein, hinter die wir uns auch klemmen werden. Allerdings hängt das natürlich auch ein bisschen von der Koalitionsregierung ab, die sich nach dem 23\. Februar bildet. Mir ist wichtig, dass die Betriebe mehr Planbarkeit erhalten, und es muss das Ziel sein, dass mehr Wertschöpfung auf den Höfen verbleibt und Landwirte guten Gewissens den Hof an die nächste Generation weitergeben können.

**agrarzeitung:* Was bedeutet die EU-Aufnahme der Ukraine für die Gemeinsame Agrarpolitik?*
Dirk Wiese: Ich glaube tatsächlich, dass die kommende GAP-Förderperiode noch nicht betroffen sein wird. Aus heutiger Sicht würde ich spontan sagen: Danach wird dann mit erheblichen Übergangsregelungen gearbeitet werden.
*(Wiese nimmt sich einen Moment zum Nachdenken.)*
Weil die Landwirte hier auf die Ukraine natürlich auch als Wettbewerberin im Landwirtschaftsbereich schauen, wenn sie Teil der EU wird. Wenn man mit den Beitrittsverhandlungen weiterkommt, sind wir zeitlich eher Mitte der 2030er-Jahre und arbeiten dann auch eher mit Übergangsregelungen.
**agrarzeitung:* Die Verhandlungen zum Düngerecht im Vermittlungsausschuss sind gescheitert. Was ist passiert?*
**Dirk Wiese:** Ich war letzte Woche überrascht, dass ich aus der Presse erfahren musste, dass die CDU vom Tisch aufsteht. Wir hatten einen Kompromissvorschlag aus Mecklenburg-Vorpommern, der die Stoffstrombilanz auch aufhebt und den Bundesländern mehr Möglichkeiten gibt. Das kommt auch den Vorstellungen von der Union entgegen und wäre etwas gewesen, worüber es sich wirklich gelohnt hätte, noch weiter zu reden, auch mit den unionsregierten Ländern. Aber das war von der Union nicht gewollt. Das Vorhaben wird jetzt die nächste Bundesregierung sofort wieder beschäftigen. Der Vorschlag von Till Backhaus wäre aller Mühen wert gewesen, noch mal eine Runde zu drehen.

SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese im Interview mit Patrick Pehl zur Bundestagswahl 2025 vor einer Bücherwand. © Max Hartmann 2025
**agrarzeitung:* Wie bewerten Sie die Arbeit der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL)?*
**Dirk Wiese:** Ich begrüße die Arbeit der ZKL ausdrücklich. Schon damals, als die ZKL eingerichtet wurde, bei den damaligen Protesten, fand ich das eine gute Sache. Ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass sich die Beteiligten so zusammenfinden, weil man ja den ein oder anderen Protagonisten mit den unterschiedlichen Ansichten kannte. Was die Landwirte stört – und das gewaltig –, aber auch eint, ist, dass sie den Eindruck haben, dass ihre fachliche Praxis nicht in die Gesetzgebungsverfahren einfließt.
**agrarzeitung:* Sollte die ZKL eine Grundlage für den nächsten Koalitionsvertrag sein?*
**Dirk Wiese:** Ich glaube ehrlicherweise, dass eine künftige Bundesregierung nicht an dem vorbeikommen wird, was die ZKL jetzt noch mal veröffentlicht hat. Der Bericht wird vermutlich nicht eins zu eins in den Koalitionsvertrag kommen. Aber er wird eine Grundlage sein für die Gespräche. Die ZKL ist ein Dauerprojekt und sollte nicht als abgeschlossenes Ereignis gesehen werden. Die Themen sind so groß, dass man kontinuierlich daran arbeiten muss.

**agrarzeitung:* Wir sehen seit Jahren ein Höfesterben. Was bedeutet das für den ländlichen Raum?*
**Dirk Wiese:** Was mir Sorgen bereitet: Wir haben im Sauerland 280 Dörfer und Ortsteile. Früher haben Sie in jedem Dorf einen Landwirt gehabt. Das ist mittlerweile nicht mehr so. Da bricht was weg, weil der Landwirt vor Ort nicht nur die Funktion hatte, den Hof zu bewirtschaften und Lebensmittel zu produzieren. Er hat viele Aufgaben im Ort wahrgenommen, war ansprechbar. Mittlerweile haben Sie Ortschaften, in denen gar kein Landwirt mehr ist. Ich kenne Betriebe, da ist der weiteste Ackerschlag 60 Kilometer entfernt. Das zeigt, wie sich die Struktur verändert hat.
**agrarzeitung:* Wo sehen Sie die größten Probleme für die Landwirte?*
**Dirk Wiese:** Wir haben eine Situation extrem ansteigender Pachtpreise, die mittlerweile eine erhebliche Rolle spielen.
**agrarzeitung:* Bei der Grünen Woche hat jemand gesagt, wir brauchen nicht nur eine Mietpreisbremse, wir bräuchten auch in einigen Regionen eine Pachtpreisbremse?*
Ich weiß nicht, ob die Pachtpreisbremse der richtige Ansatz ist tatsächlich. Aber ich glaube, wir müssen eigentlich viel stärker im Grundstücksverkehrsgesetz nach Möglichkeiten schauen, dass Landwirte wirklich Zukunft auf den Flächen haben und Bauern wie Landwirte auch Zugriff auf die Flächen haben. Da, glaube ich, kann man noch mal genauer hinschauen.
*(Wiese schaut kämpferisch vorwärts planend.)*
Wenn man sieht, was für Flächen mittlerweile bezahlt wird, auch bei uns in der Region, ist das schon problematisch. Das wäre tatsächlich ein guter Punkt für die kommende Legislatur und eine SPD-Regierungsbeteiligung.
***agrarzeitung:*** *Gibt es auch Probleme mit dem Naturschutz?*
**Dirk Wiese:** Wir haben tatsächlich ein Problem mit dem § 31 Bundesnaturschutzgesetz. Wenn Landwirte extensiv wirtschaften, und die Fläche entwickelt sich hervorragend, wie alle Umweltverbände sich das wünschen, dann kommt irgendwann jemand von der unteren Naturschutzbehörde und stellt die Fläche komplett unter Schutz.
(*Wiese richtet sich im Stuhl auf.*)
Das ist mittlerweile wirklich ein Aufregerthema bei den Landwirten.
**agrarzeitung:* Man könnte doch zum Beispiel sagen, dass es ein Werbeverbot für bestimmte Grundnahrungsmittel geben sollte – etwa mit tiefen Milchpreisen.*
**Dirk Wiese:** Da muss ich drüber nachdenken. Wir haben gerade schwierige Diskussionen mit anderen Werbeverboten gehabt.
**agrarzeitung:* Aber es gibt ja auch Werbeverbote, die funktioniert haben.*
*Dirk Wiese:* Ja klar.
**agrarzeitung:* Mit den Werbeverboten ist man heute eigentlich ganz zufrieden. Mir fehlen die Zigarettenwerbungen in den Magazinen nicht. Ich glaube, die fehlen uns allen nicht, oder?*
**Dirk Wiese:** Ich finde es einen interessanten Ansatz. Da muss ich drüber nachdenken.
**agrarzeitung:* Hat der Lebensmitteleinzelhandel zu viel Macht? Wie kann mehr Wertschöpfung bei Landwirten ankommen?*

**Dirk Wiese:** Die Kartellamtsuntersuchungen haben wir ja, die gibt es nicht erst seit gestern. Wir haben im SPD-Wahlprogramm die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel stehen. Das ist ein Ansatz, den man verfolgen kann. Ich will jetzt nicht so vermessen sein, dass wir plötzlich statt der vier großen Lebensmitteleinzelhändler demnächst acht haben und noch vier staatlich geförderte. Wenn ich höre, was aus Brüssel kommt vom neuen Agrarkommissar, stärker auch im Bereich der Marktregulierung tätig zu werden, um dadurch die Landwirte in eine bessere Position zu bringen – das kann schon ein Weg sein. Aber beim Eingreifen in den Markt muss man immer ein bisschen vorsichtig sein.
agrarzeitung: Wie steht es um die Wertschätzung der Landwirte in der Bevölkerung?
ZUR PERSON
Dirk Wiese (SPD) ist 41 Jahre alt, evangelisch-lutherisch, verheiratet und Vater zweier Kinder. Seit 2013 vertritt er den Hochsauerlandkreis im Bundestag und übernahm 2024 die Verantwortung für Landwirtschaft und ländliche Räume in der SPD-Fraktion.
Sein agrarpolitisches Profil wurde durch die Mitgliedschaft im Landwirtschaftsausschuss geprägt. Zudem war er forstpolitischer Sprecher. Im CDU-geprägten Hochsauerlandkreis tritt er erneut gegen Friedrich Merz für das Direktmandat an.
Wiese setzt sich für höhere Einkommen der Landwirte ein und dafür, dass der Hof guten Gewissens an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann. Wiese wuchs im sauerländischen Brilon auf und studierte Jura in Marburg und Münster. Danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Franz Müntefering. Der BVB-Fan ist Mitglied zahlreicher Vereine und für seine Nahbarkeit vor Ort bekannt. *pwp*
**Dirk Wiese:** Was die Proteste tatsächlich bewirkt haben, ist, dass viele Bürger jetzt anders auf die Landwirtschaft schauen. Da wird mit einer anderen Wertschätzung aus der Bevölkerung darauf geguckt, was die Landwirte sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag leisten. Ob sich das im Supermarkt zeigt, beim Kauf der entsprechenden Produkte, da mache ich noch mal ein Fragezeichen dran. Da ist immer noch der Preis der entscheidende Punkt.
**agrarzeitung:* Der größte Nachhaltigkeitshebel scheinen digitale Technologien zu sein. Gleichzeitig wirkt die Politik hier überfordert. Wie sehen Sie das?*
**Dirk Wiese:** Der Handlungsbedarf ist definitiv da. Hier muss sich Politik den Vorwurf gefallen lassen, dass man nicht genug Förderungen möglich gemacht hat. Unser früherer agrarpolitischer Sprecher Rainer Spiering war immer massiv hinterher, Förderprojekte im BMEL anzusiedeln. Ich habe miterlebt, wie sehr er gegen Wände gelaufen ist, weil man keine Veränderungen wollte, nach dem Motto: „Wir haben das immer so gemacht“. Ich bin komplett offen dafür, Förderkulissen anders zu gestalten. Ob es am Ende neue Förderprogramme sein müssen, muss man sich anschauen.Aber die Digitalisierung auf den Höfen, die gerade die junge Generation einbringt, die müssen wir stärker unterstützen. Die Jungen haben Spaß dran und es sorgt für Arbeitserleichterungen auf den Höfen.
### WIESES FOKUS
1. Unsere Landwirte verdienen Planungssicherheit, wirtschaftliche Perspektiven und mehr Wertschätzung.
2. Unser Ziel ist, dass mehr Wertschöpfung auf den landwirtschaftlichen Höfen verbleibt.
3. Wir brauchen mehr bürokratische Erleichterungen für die Betriebe in der Landwirtschaft.
4. Auch die Regeln für die nächste Gemeinsame Agrarpolitik der EU müssen praxisnah und bürokratiearm werden.
5. Die Herabstufung des Schutzstatus des Wolfs muss schnell in deutsches Recht umgesetzt werden, um zeitnah den Schutz unserer Weidetierhaltung zu erhöhen.
**agrarzeitung:* Könnten Sie sich vorstellen, auf die Flächensubvention ganz zu verzichten und nur noch auf öffentliche Leistungen zu setzen?*
**Dirk Wiese:** Es gibt diese Diskussion, und die Forderung aus den Verbänden, komplett auf den Flächenbezug zu verzichten und alles an eine Konditionalität zu knüpfen. Ich bin da realistisch. Ich glaube, das wird aufgrund der vielen Interessen, die in der GAP-Diskussion eine Rolle spielen, und der unterschiedlichen Länderinteressen in einem Aufschlag nicht funktionieren. Aber perspektivisch ist das, glaube ich, der richtige Weg.
**agrarzeitung:* Wie stark sollte die soziale Konditionalität in der Förderung sein?*
https://patrick-pehl.de/blog/esra-limbacher-spd-seeheimer-im-interview-wirtschaft-nicht-stiefmutterlich-behandeln/
**Dirk Wiese:** Ich fand da insbesondere den Forderungskatalog der Landfrauen zur Bundestagswahl einen spannenden Ansatz. Die Landfrauen haben deutlich gemacht, dass sie mehr Wertschätzung haben wollen für das, was auf den Höfen alles geleistet wird, was letztendlich gar nicht gesehen, was einfach so hingenommen wird. Das finde ich einen entscheidenden Punkt. Hier sollten wir noch stärker in die Diskussion gehen.
**agrarzeitung:* Sie sprechen oft von der Mutterkuhhaltung. Welche Rolle spielt sie für Kulturlandschaft?*
**Dirk Wiese:** Meine Heimatregion Sauerland, Südwestfalen, die ist tatsächlich nur so liebens- und lebenswert, weil die Mutterkuhhalter dafür sorgen, dass Kulturlandschaftspflege betrieben wird, dass die Grünlandflächen vorhanden, die Tiere letztendlich da drauf sind. Und da ist der Ansatz einer auskömmlichen Weidetierprämie, da stärker Gelder reinzugeben und anzuerkennen, was geleistet wird, wichtig. Das wird den Betrieben wirklich helfen.
### ÜBERZEUGUNG UND VERANTWORTUNG
„Hardrock statt Blackrock“ – in dieser Losung verdichtet sich der politische Kampf, den Genosse Wiese führen will. Wiese, als Vertreter der SPD, richtet seine Botschaft gegen die Umtriebe der Finanzwelt, verkörpert durch seinen Wahlkreiskontrahenten Friedrich Merz, den CDU-Spitzenkandidaten und einstigen Aufsichtsrat des Konzerns Blackrock.
An diesem regnerischen Donnerstag betritt der hochgewachsene Jurist Wiese mit fester Überzeugung sein Büro in den Berliner Liegenschaften des Bundestags, wo seine Mitarbeiter bereits zusammengekommen sind. Seine Antworten sind durchdrungen von Sachkenntnis und einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Landwirte und Agrarhändler. Seine Pressereferentin: aufmerksam und doch ruhig. Wieses Politik soll den Menschen dienen, nicht den Märkten. pwp
**agrarzeitung:* Wie nehmen Sie die unterschiedlichen Interessen der Landwirtschaft wahr?*
**Dirk Wiese:** Sehr divers. Wir sehen das bei uns schon in Westfalen so: Wenn wir versuchen, eine landwirtschaftliche Position zu entwickeln, die mit den intensiv wirtschaftenden Betrieben im Münsterland – Stichwort: große Schweinehaltung – kompatibel sein soll mit einer eher Mutterkuh- und Milchviehregion wie bei uns – da auch in einem Verband schon ein einheitliches Interesse zu finden, wie Landwirtschaft sich zukünftig aufstellen soll, das wird schon schwierig. Und da knallt es dann auch wirklich an vielen Punkten.

SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese im Interview mit Patrick Pehl zur Bundestagswahl 2025 vor einer Bücherwand. © Max Hartmann 2025
**agrarzeitung:* Was brauchen die jungen Landwirte für ihre Zukunft?*
**Dirk Wiese:** Wenn ich unterwegs bin auf den Betrieben, erlebe ich, wie hochtechnisiert gerade die Junglandwirte, die als nachfolgende Generation jetzt auf den Höfen übernehmen, arbeiten. Was für ein hohes Maß an Technikaffinität dort tatsächlich auch genutzt wird. Ich erinnere nur an das Beispiel des Melkroboters. Ich erlebe immer, wie die nachfolgende Generation dann ihre Väter überzeugt, manchmal auch die Großväter noch, die ja auch noch mitreden: „Okay, wir machen jetzt mal hier was.“ Bei solchen Themen ist die nachfolgende Generation der Landwirte der Motor.
*Das [Gespräch führte ich am 16\. Januar 2025 in Berlin](https://www.agrarzeitung.de/nachrichten/politik/spitzenpolitiker-im-interview-dirk-wiese-wir-muessen-die-gap-im-eu-budget-verteidigen-116964?ref=patrick-pehl.de) als Politik-Redakteur und Hauptstadtkorrespondent für die dfv Mediengruppe.*
### Kursk: Wie die Ukraine Russlands tiefste Wunde öffnet
URL: https://patrick-pehl.de/kursk-wie-die-ukraine-russlands-tiefste-wunde-frontlinie-uboot-atom-uboot-militaer/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**August 2000, die Tragödie der „Kursk“ in der Barentssee prägt das kollektive Gedächtnis einer Generation. Heute, fast ein Vierteljahrhundert später, dringen ukrainische Verbände in die Oblast Kursk vor. Ein tödlicher Tanz der Atommächte und ein langjähriger Konflikt, der die russische Führung vor neue Herausforderungen stellt. Die Parallelen zwischen damals und heute zeigen die Verwundbarkeit russischer Macht.**
Der stahlgraue Himmel über der Barentssee verschmolz im August 2000 mit dem bleiernen Wasser zu einer undurchdringlichen Wand aus Dunst und Kälte. Die Fernsehbilder brannten sich ins kollektive Gedächtnis: Ein gespenstisches Blau-Grau, das die Tragödie der „Kursk" in surreale Ferne rückte, während die Nachrichten aus Wladiwostok wie Hammerschläge der Hilflosigkeit hallten. Der massive Rumpf des atomgetriebenen Stolzes der Nordmeerflotte, 154 Meter geballte sowjetische Ingenieurskunst, ruhte in der Tiefe wie ein gefallener Titan. Die Rettungsbojen auf der Wasseroberfläche markierten sein nasses Grab wie stumme Ankläger, während an Land die ersten Mütter um ihre Söhne zu weinen begannen.
Die amerikanischen Hilfsangebote, mit hochmütiger Geste ausgeschlagen, schwebten wie ein zusätzlicher Schatten über der Szenerie. [Das Überlegenheitsgefühl der einen, der verletzte Stolz der anderen](https://patrick-pehl.de/linkspartei-tanzt-auf-broeckelndem-fundament-die-linke-politik/) – ein tödlicher Tanz der Atommächte, während unter der spiegelnden Oberfläche 118 Leben erloschen.
Heute, fast ein Vierteljahrhundert später, dringen ukrainische Verbände in die Oblast Kursk vor. Der Name, der einst für maritimes Desaster stand, erfährt eine territoriale Neuinterpretation. Damals wie heute ringt die russische Führung mit dem Element der Durchdringung – seinerzeit war es das eisige Wasser der Barentssee, das unaufhaltsam in die Sektion 8 des U-Boots sickerte, heute sind es ukrainische Einheiten, die die vermeintliche Undurchdringlichkeit der Grenzregion in Frage stellen. Diese Parallelität manifestiert sich als ontologische Krise des russischen Machtverständnisses: In beiden Fällen kollabiert die Illusion der absoluten Kontrolle an der Realität durchlässiger Grenzen – seien sie physikalischer oder [geopolitischer Natur](https://patrick-pehl.de/ukraine-rohstoffe-fuer-den-sieg-geopolitische-bedeutung-neue-wirtschaftliche-perspektiven-ihk-konferenz-in-berlin-2024/).
## Bilder der Vergangenheit
Die Fernsehbilder von damals bleiben unvergessen: Russische Bergungsschiffe, deren Silhouetten sich kaum vom nebelverhangenen Horizont abhoben. Ihre hilflosen Rettungsversuche wurden zur Metapher einer Großmacht im Niedergang. Die norwegischen und britischen Rettungstaucher, die man zu spät hinzuzog, konnten nur noch die grausame Gewissheit liefern: In der Dunkelheit der Tiefe hatte sich das Drama längst vollendet.
## Geschichte wiederholt sich
In den Nachrichtenbildern dieser Tage erscheint der Oblast Kursk wie ein Echo jener atomaren Tragödie. Wo einst der Nuklearantrieb der „Kursk" durch arktische Gewässer schnitt, bewegen sich heute ukrainische Aufklärungseinheiten durch das Territorium einer Macht, die ihre Grenzen nicht mehr hermetisch zu versiegeln vermag. Ein Atomkraftwerk steht dort, wo einst nur Felder waren – die nukleare Dimension russischer Macht manifestiert sich nun in ziviler Form, doch die Verwundbarkeit bleibt.
Wie der Reaktor der „Kursk" in der Tiefe verstummte, so erscheint heute die atomare Infrastruktur des Oblasts als Symbol einer fragilen Macht. Wieder bangen Mütter um ihre Söhne, wieder hallt der Name Kursk durch die Nachrichtensendungen, wieder steigt der Dunst der Hilflosigkeit auf.
Die maritime Metapher gewinnt neue Bedeutung: Wie das Wasser durch die Torpedoschächte der „Kursk" drang, sickern heute militärische Verbände durch die Verteidigungslinien. Damals wie heute verweigert sich die russische Führung der Realität ihrer Verwundbarkeit.
Die Bergungsversuche im Jahr 2000 wurden zu einem Schauspiel der Ohnmacht, das sich in das visuelle Gedächtnis einer ganzen Generation einbrannte. Russische Mini-U-Boote, winzig vor der Unendlichkeit der See, versuchten verzweifelt, an der havarierten „Kursk" anzudocken. Ihre Scheinwerfer durchdrangen das trübe Wasser wie schwache Hoffnungsschimmer, während in den Fernsehbildern die Gesichter der Admiräle zwischen Trotz und Verzweiflung schwankten. Das dumpfe Klopfen aus dem Inneren des U-Boots, das die norwegischen Sonargeräte aufzeichneten, wurde zum akustischen Mahnmal einer sterbenden Seemacht – ein Echo, das bis heute nachhallt in den Korridoren der Macht.
https://patrick-pehl.de/blog/ukraine-rohstoffe-fuer-den-sieg-geopolitische-bedeutung-neue-wirtschaftliche-perspektiven-ihk-konferenz-in-berlin-2024/
Die semiotische Architektur der ukrainischen Operation im Oblast Kursk transzendiert die reine Militärstrategie und etabliert einen mehrdimensionalen Diskursraum, in dem sich historische Traumata und gegenwärtige Vulnerabilität überlagern. Die symbolische Dimension dieser Operation scheint diese historischen Bilder bewusst zu evozieren. Wie die internationale Gemeinschaft damals die technologische Impotenz der russischen Marine beobachtete, demonstriert die Ukraine heute die Verletzlichkeit russischer Territorialverteidigung. Das Eindringen in die Grenzregion folgt dabei einer präzisen Choreographie der Demontage – es ist ein kalkulierter Angriff auf die russische Selbstwahrnehmung als unantastbare Macht.
## Nukleare Machtdimensionen „Kursk“
In den letzten Aufnahmen der „Kursk" vor ihrem verhängnisvollen Einsatz lag das atomgetriebene Boot majestätisch im Hafen von Murmansk. Seine schwarze Hülle glänzte im arktischen Licht, ein Symbol nuklearer Überlegenheit und vermeintlicher Unbesiegbarkeit. Nach der Bergung, Monate später, offenbarten die Bilder des aufgeschnittenen Rumpfes die brutale Realität: Der Atomreaktor, einst Quelle scheinbar unbegrenzter Macht, lag still wie ein erkalteter Stern.
Heute spiegelt sich diese nukleare Dimension in der Oblast Kursk auf neue Weise. Die Reaktorblöcke des Atomkraftwerks ragen wie stumme Mahnmale einer Technologie empor, die sowohl Stärke als auch Verwundbarkeit symbolisiert. Die ukrainische Strategie zielt präzise auf diese Dualität – wie einst die Torpedoexplosion die atomare Macht der „Kursk" zum Erliegen brachte, so demonstrieren die Vorstöße heute die Fragilität russischer Nuklearinfrastruktur.
Die Oblast Kursk wird heute zum Schauplatz einer ähnlichen Desillusionierung. Die ukrainische Strategie zielt präzise auf jene Stelle im russischen Selbstverständnis, an der sich maritimes Trauma und territoriale Verwundbarkeit überlagern. Es ist eine Operation, die ihre Wirkung weniger in militärischer als in psychologischer Dimension entfaltet – sie bohrt sich wie ein norwegischer Rettungsbohrer in die Tiefen russischer Selbstwahrnehmung.
Das bleiche Licht der arktischen Sonne, das damals die Rettungsarbeiten begleitete, schien die Zeit einzufrieren. In dieser Zeitlosigkeit manifestierte sich die Transformation einer Weltmacht. Barack Obamas späteres Diktum von der „Regionalmacht" fand in den grauen Fernsehbildern der „Kursk"-Tragödie seine erste visuelle Entsprechung. Die gegenwärtigen Entwicklungen im Oblast Kursk scheinen diese zeitgefrorenen Bilder wieder in Bewegung zu setzen – als würde ein lange unterbrochener Film seine Fortsetzung finden.
In der Phänomenologie der Macht manifestiert sich hier eine bemerkenswerte Dialektik des Zerfalls: Der physische Untergang des U-Boots und die territoriale Penetration des Oblasts repräsentieren zwei Modalitäten derselben existenziellen Krise.
## Zeitlose Dimension der atomaren Hybris
Die Dualität der Kursk-Ereignisse führt uns zu einer fundamentalen menschlichen Dimension: der Versuchung technologischer Überheblichkeit. Der Atomreaktor der „Kursk", einst Inbegriff maritimer Dominanz, liegt heute als stiller Zeuge dieser Hybris am Meeresgrund. In der biblischen Überlieferung mahnt Jesus: „Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen" (Matthäus 26,52) – eine Warnung, die im atomaren Zeitalter neue Bedeutung gewinnt.
Die ukrainische Wahl des Oblast Kursk als Operationsgebiet, mit seinen Reaktorblöcken als moderne Manifestation nuklearer Macht, trägt unverkennbar Züge historischer Vergeltung. Sie spiegelt die atomare Tragödie der Kursk-Katastrophe zurück auf ihren Ursprung, transformiert das maritime Trauma in territoriale Verwundbarkeit.
Doch was lernen wir daraus? Die Geschichte lehrt uns, dass Vergeltung oft ihre eigene Dialektik entwickelt. Die Instrumentalisierung historischer Traumata, so strategisch klug sie erscheinen mag, birgt die Gefahr neuer Gewaltzyklen. Der Untergang der Kursk und die gegenwärtige territoriale Penetration sind mehr als militärische Ereignisse – sie sind Lehrstücke über die destruktive Kraft verletzten Stolzes.
Für uns heute bedeutet dies eine doppelte Mahnung: Einerseits zur Demut gegenüber den Grenzen menschlicher Macht, andererseits zur Wachsamkeit gegenüber den Mechanismen der Vergeltung. Die Jesus zugeschriebene Warnung vor dem Kreislauf der Gewalt zeigt sich jetzt als zeitlose Weisheit. In der Überlagerung der Kursk-Ereignisse manifestiert sich diese Wahrheit mit besonderer Deutlichkeit.
### Ende des Herrschaftswissens – Journalismus vor Ort
URL: https://patrick-pehl.de/korrespondenten-expertise-qualitaetsjournalismus-digitales-zeitalter/
Last updated: 2026-07-14T11:41:15.000Z
**Als BBC-Korrespondent Secunder Kermani im August 2021 vom chaotischen Abzug der NATO-Truppen aus Kabul berichtete, manifestierte sich ein fundamentaler Wandel in der Kriegsberichterstattung. Während Smartphone-Videos von verzweifelten Menschen am Flughafen viral gingen und soziale Medien mit Echtzeitberichten geflutet wurden, zeigte sich der besondere Wert journalistischer Vor-Ort-Präsenz.**
Die wenigen verbliebenen Korrespondenten in Kabul lieferten durch ihre persönlichen Kontakte und ihr tiefes Verständnis der Region jene Einordnung und Authentizität, die keine noch so schnelle digitale Nachrichtenkette ersetzen konnte. Sie verkörperten damit einen neuen Typ des Auslandsjournalismus: digital versiert, global vernetzt und dennoch – oder gerade deshalb – auf physische Präsenz und persönliche Expertise angewiesen.
### Neuordnung der Medienlandschaft
In einer Zeit wie unserer, in der Informationen ubiquitär verfügbar sind und künstliche Intelligenz den Zugang zu Wissen demokratisiert, durchläuft der Journalismus einen fundamentalen Wandel. Die traditionelle [Rolle der Medien als Gatekeeper des Wissens erodiert](https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/) zugunsten einer neuen Funktionalität, die sich an den Bedürfnissen einer zunehmend vernetzten Gesellschaft orientieren muss.
### Globale Klasse als neue Realität
Die „[Globale Klasse“, wie sie der Medientheoretiker Michael Seemann beschreibt](https://mspr0.de/die-globale-klasse-eine-andere-welt-ist-moeglich-aber-als-drohung/?ref=patrick-pehl.de), charakterisiert sich durch ihre intensive Vernetzung, transnationalen Lebensstil und selbstverständliche Integration digitaler Technologien in ihren Alltag. Diese Gruppe hat die klassische Funktion der Medien als Vermittler von Herrschaftswissen obsolet gemacht, indem sie Informationen peer-to-peer teilt und verifiziert. In diesem Kontext müssen sich Medien neu definieren.
### Renaissance des Korrespondentenwesens
Der Schlüssel zu dieser Transformation liegt in der Rückbesinnung auf fundamentale journalistische Tugenden bei gleichzeitiger Anpassung an die digitalen Realitäten. Zentral ist hierbei die Rolle der Korrespondenten, die als authentische Beobachter vor Ort fungieren. Ihre tiefgreifende Kenntnis lokaler Gegebenheiten, kultureller Nuancen und gesellschaftlicher Zusammenhänge ist durch keine noch so ausgefeilte Fernrecherche zu ersetzen.
### Problematik der medialen Beschleunigung
Diese Form des "langsamen Journalismus" steht im direkten Gegensatz zu aktuellen Trends der medialen Berichterstattung. Die gegenwärtige Praxis der künstlichen Dramatisierung, der vorschnellen Interpretation und der zunehmenden Vermischung von Nachricht und Kommentar untergräbt das Vertrauen in die Medien. Der sogenannte „Haltungsjournalismus“, der Ereignisse primär durch eine ideologische Linse betrachtet, vereinfacht komplexe Realitäten und vernachlässigt die notwendige Differenzierung.
### Drei Säulen eines zukunftsfähigen Mediensystems
Ein zukunftsfähiges Medienmodell basiert auf drei Säulen:
- Erstens, der Präsenz kompetenter Korrespondenten als Fundamentalpfeiler der Berichterstattung. Ihre jahrelang aufgebauten Netzwerke und ihr tiefes Verständnis lokaler Kontexte ermöglichen eine authentische und nuancierte Darstellung der Ereignisse.
- Zweitens, einer klaren Trennung zwischen Nachricht und Einordnung. Die sachliche Vermittlung von Fakten muss von ihrer Interpretation deutlich unterscheidbar sein. Das erfordert aber eine Abkehr von der aktuellen Tendenz zur permanenten Kommentierung und Bewertung.
- Drittens, der Bereitschaft zur gründlichen Kontextualisierung. In einer Welt, in der Einzelinformationen ubiquitär verfügbar sind, liegt der Mehrwert journalistischer Arbeit in der sorgfältigen Einbettung von Ereignissen in größere Zusammenhänge.
### Synergie von Vor-Ort-Expertise und digitaler Recherche
Die Unterstützung dieser Vor-Ort-Expertise durch fundierte Fernrecherche kann die Qualität der Berichterstattung zusätzlich erhöhen. Dabei gilt es, die Vorteile digitaler Technologien zu nutzen, ohne der Versuchung zu erliegen, Schnelligkeit über Sorgfalt zu stellen. Die Kombination aus lokaler Präsenz und globaler Vernetzung ermöglicht eine neue Berichterstattungsqualität.
Diese Neuausrichtung des Journalismus entspricht den Bedürfnissen einer globalisierten Gesellschaft nach verlässlicher Information und tiefgehendem Verständnis. Sie ermöglicht es Medien, ihrer Funktion gerecht zu werden, ohne in Aktivismus oder Oberflächlichkeit abzugleiten.
### Herausforderungen und Perspektiven
Die zentrale Herausforderung besteht darin, diesen qualitativ hochwertigen Journalismus in einer Zeit der verkürzten Aufmerksamkeitsspannen und der sofortigen Gratifikation zu etablieren. Doch gerade die wachsende Desinformation und die zunehmende Komplexität globaler Zusammenhänge machen deutlich, wie wichtig eine solche Form der Berichterstattung ist.
### Neue Medien-Rolle
In einer Zeit, in der algorithmische Systeme und künstliche Intelligenz zunehmend die Informationsverteilung bestimmen, wird die Rolle der Medien als Orientierungsgeber wichtiger denn je. Ihre Aufgabe verschiebt sich von der reinen Informationsvermittlung hin zur qualifizierten Einordnung und Kontextualisierung. Dies erfordert eine neue Form der journalistischen Professionalität, die technologische Kompetenz mit traditionellen journalistischen Tugenden verbindet. Die Transformation des Journalismus im digitalen Zeitalter erfordert somit nicht weniger – sondern mehr Professionalität. Sie verlangt eine Rückbesinnung auf kernjournalistische Werte bei gleichzeitiger Anpassung an die Bedürfnisse einer vernetzten Gesellschaft. Der Weg in die Zukunft führt über die Verbindung von authentischer Vor-Ort-Präsenz und intelligenter Nutzung digitaler Möglichkeiten. Nur so können Medien ihrer Rolle als vertrauenswürdige Vermittler von Information und Kontext gerecht werden.
### Kennedys überflüssiger Appell
URL: https://patrick-pehl.de/der-ueberfluessige-kennedy-und-sein-gemeinschafts-appell-eine-europaeische-kritik/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Neulich bin ich mal wieder über das Zitat von John F. Kennedy gestoßen, man solle zunächst fragen was man für sein Land tun solle und nicht was das Land für einen selbst. Ich habe schon oft über diese Phrase nachgedacht und sie nie ganz verstanden. Sie transportiert aber ein mir fremdes Weltbild – sicher geht es bei näherer Betrachtung vielen Menschen so.**
Es gibt Sätze, die werden mit solcher Inbrunst zitiert, als hätte man das Evangelium der Demokratie entdeckt: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.” In Festreden, politischen Manifesten und staatstragenden Sonntagsreden wird dieser [Satz des verstorbenen US-Präsidenten john F. Kennedy](https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:John%5FF.%5FKennedy%5FInauguration%5FSpeech.ogv?ref=patrick-pehl.de) wie ein Orakelspruch vorgetragen. Dabei steht man fassungslos daneben und fragt sich: Woher rührt diese andächtige Verehrung des Banalen?
Wer wie ich in den [1990er Jahren in Ostberlin aufwuchs](https://patrick-pehl.de/polyester-im-plattenbau/), kann über diese vermeintliche Erleuchtung nur befremdet den Kopf schütteln. Als wäre es eine epochemachende Erkenntnis, dass Menschen füreinander einstehen. Als bedürfte es erst der Mahnung eines Präsidenten, um die Selbstverständlichkeit des Miteinanders zu begreifen. Der pathetisch vorgetragene Appell hallt in unseren Ohren wie ein überflüssiges Echo längst gelebter Wirklichkeit.
https://patrick-pehl.de/blog/polyester-im-plattenbau/
In der katholischen Kirchengemeinde, wo sich das Gemeindeleben in der Eucharistie als Gemeinschaft der Gläubigen in der Gemeinschaft als Teil der Weltkirche manifestiert, war die Sorge um den Nächsten keine präsidiale Direktive, sondern gelebter Alltag. Die katholische Soziallehre, die seit Generationen das Gemeinwohl als Richtschnur allen Handelns begreift, musste nicht erst von einem Staatsoberhaupt in Erinnerung gerufen werden. Wenn Papst Franziskus heute von der „Kultur der Begegnung" spricht, knüpft er an diese tiefverwurzelte Tradition an, die das „Wir“ nicht erst mühsam aus der Taufe heben muss.
## Kennedys hohle Worte
Der Kontrast zwischen dem alten Kontinent und Amerika offenbart hier einen geradezu tektonischen Kulturbruch: Während die USA von rastlosen Siedlertrecks und einem geradezu mythisch überhöhten Pionierindividualismus geprägt wurden, entfaltete sich in Europa über Jahrhunderte eine vielschichtige Kultur der Verbundenheit. Die europäischen Nationalstaaten erwuchsen nicht aus der Vereinzelung, sondern aus dem dichten Gewebe gewachsener Gemeinschaften. Bis heute durchdringt diese Haltung unsere Verfassungen: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen." Was Kennedy als moralische Großtat beschwört, ist hier schlichter Verfassungsalltag.
## Europas andere Tradition
Diese gemeinschaftliche Verwurzelung durchzieht wie ein roter Faden alle Schichten des europäischen Lebens: vom quirligen Stadtviertel über das pulsierende Vereinsleben bis hin zum sprichwörtlichen Berliner „Kiez" mit seiner eigenen sozialen Gravitationskraft. Das Miteinander beschränkt sich nicht auf die Blutsbande oder den engen Familienkreis, sondern umspannt die vielfältigen Lebenswelten des Alltags. Vor diesem Hintergrund erscheint der individualistische Appell Kennedys wie ein verzweifelter Versuch, etwas heraufzubeschwören, das in Europa nie zur Disposition stand.
Gerade die seltsame Strahlkraft des Kennedy-Zitats im heutigen Deutschland nährt die Besorgnis. Sie zeugt von einer schleichenden Erosion gesellschaftlicher Bindungen, die ihre Selbstverständlichkeit einzubüßen drohen. Der Kontrast zur puritanisch-calvinistischen Tradition der USA tritt hier besonders scharf hervor: Während dort der Individualismus theologisch verklärt und die Gemeinschaft zum Gegenstand präsidialer Beschwörungen wird, war in Europa die Balance zwischen Einzelnem und Gesellschaft stets natürlicher Bestandteil der sozialen DNA.
## Des Präsidenten falsche Formel
Meine Position im Zwischenreich der Welten - herangewachsen im vereinten Deutschland, eingebettet in eine katholische Gemeinde und umgeben von Menschen, deren moralischer Kompass noch von kollektiver Verantwortung geeicht war - macht diese Kluft besonders augenfällig. Die Generation der Nachwendekinder wurde Zeuge eines tektonischen Übergangs: von einer Gesellschaft, die das Miteinander als Ausgangspunkt allen Handelns verstand, zu einer Ordnung, die den Individualismus glorifiziert und dann händeringend nach gesellschaftlichem Kitt sucht.
Vielleicht liegt gerade in dieser kritischen Distanz zum Kennedy-Mythos eine Chance zur Besinnung: Sie könnte den Blick schärfen für die Wiederbelebung jener gemeinschaftlichen Traditionen, die in Europa nie gänzlich verschüttet wurden - vom lebendigen Kiez bis zur weltumspannenden Kirche, vom vitalen Vereinsleben bis zum fürsorgenden Sozialstaat. Eine solche Renaissance wird sich allerdings kaum aus präsidialen Floskeln speisen können, sondern nur aus der Revitalisierung jener vielschichtigen Gemeinschaftskultur, die Europa seit Jahrhunderten prägt. Der viel beschworene Kennedy-Satz wäre dann endlich das, was er aus europäischer Warte immer war: eine überflüssige Fußnote der Geschichte.
### Formationslichter der deutschen Theaterlandschaft
URL: https://patrick-pehl.de/formationslichter-der-deutschen-theaterlandschaft-in-deutschland-grosse-kunst-auf-allen-buehnen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Bekannterweise bin ich gern im Theater, und das Haus, dem meine besondere Verbundenheit gilt, ist das Berliner Ensemble. Das ist Hochkultur auf allerhöchstem Niveau. Hier sind einige Schauspieler vereint, die wohl zu den Besten des gesamten deutschsprachigen Raumes zählen. Die Wahrhaftigkeit wird hier durch die Maske des Schauspiels enorm gut erzeugt.**
Doch während der [Berliner Theaterhimmel](https://patrick-pehl.de/tag/theater/) von solch hellen Sternen erleuchtet wird, erstreckt sich das Firmament der deutschen Bühnenkunst weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus. Ein faszinierendes Geflecht aus Lichtern unterschiedlichster Intensität durchzieht das Land – ein komplexes System kultureller Leuchtfeuer, das es zu erkunden gilt.
## Theater im Land der Regionen
Während die Flakscheinwerfer der Metropolen ihre dominanten Lichtkegel gen Himmel werfen, sind es die Formationslichter der regionalen Bühnen, die durch ihr koordiniertes Zusammenspiel erst die wahre Orientierung in der deutschen Theaterlandschaft ermöglichen. Sie bilden jene unverzichtbaren Referenzpunkte, ohne deren Präzision selbst die machtvollsten Leuchtfeuer der Großstädte im kulturellen Äther verblassen würden.
https://patrick-pehl.de/blog/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/
Diese Erkenntnis verdanke ich nicht zuletzt meiner Tätigkeit bei einem namhaften Verlag, in dem unter anderem die *[Theater heute](https://www.der-theaterverlag.de/theater-heute/?ref=patrick-pehl.de)* oder die *[Opernwelt ](https://www.der-theaterverlag.de/opernwelt/?ref=patrick-pehl.de)*erscheinen. Ein Blick in diese Publikationen offenbart die erstaunliche Dichte des kulturellen Geflechts: Von Annaberg-Buchholz bis Kiel, von Görlitz bis Ulm erstreckt sich ein Netzwerk von Bühnen, deren künstlerische Strahlkraft sich keineswegs hinter den großen Häusern verstecken muss.
Betrachtet man die aktuellen Spielpläne, so zeigt sich die beeindruckende Bandbreite: [In Görlitz](https://www.g-h-t.de/de/spielplan/?ref=patrick-pehl.de) wird am Stadttheater der „Geizige“ nach Molière geboten, am [Stadttheater Gießen](https://stadttheater-giessen.de/?ref=patrick-pehl.de) erwacht Kästners „Fabian“ zum Leben, und in Ulm marschiert Brechts „Mutter Courage“ über die Bretter. Und in [Magdeburg wir etwa Schneewittchen als Ballett](https://www.theater-magdeburg.de/inszenierungen/ballett/sz-20242025/wiederaufnahmen-2425/schneewittchen/?ref=patrick-pehl.de) gespielt. Diese Inszenierungen beweisen, dass große Dramatik auch auf vermeintlich kleinen Bühnen ihre volle Wirkung entfalten kann.
## Kulturelle Entdeckungsreise fernab der Metropolen
Es ist ein besonderes Merkmal unserer föderalen Kulturlandschaft, dass diese Formationslichter der Kunst nicht etwa in unerreichbaren Winkeln flackern, sondern sich dank eines engmaschigen Schienennetzes wie Perlen an einer Kette aufreihen. Die Theater, meist in den historischen Stadtkernen beheimatet, sind durch Regionalbahnen und Expresszüge vortrefflich erschlossen. Eine Matinee in Weimar, eine Abendvorstellung in Erfurt – die Kombination aus dezentraler Kulturpflege und durchdachter Infrastruktur macht solche Theaterreisen zu mühelosen Unternehmungen. Selbst entlegenere Spielstätten lassen sich dank des doch recht dichten Verkehrsnetzes mühelos in einen Tagesausflug verwandeln. Diese Verschränkung von Kultur und Mobilität ist ein oft übersehenes Privileg unserer flächendeckend ausgebauten Republik – ob nun mit dem Auto, der Bahn oder gar dem Flugzeug.
## Auf zu den Bühnen in der Umgebung
Lassen Sie uns dieses Privileg nicht ungenutzt verstreichen. Die kommenden Monate bieten die perfekte Gelegenheit, die Regionalbahn zu einem dieser leuchtenden Kulturorte zu besteigen. Vielleicht entdecken Sie in Eisenach eine Inszenierung, die Sie tief berührt, oder erleben in Rostock eine Aufführung, die Ihnen neue Perspektiven eröffnet. Die Spielpläne sind reich, die Verbindungen per Bahn oder Flugzeug gut getaktet, und die Theater warten darauf, auch Sie in ihren Bann zu ziehen. Nutzen wir die Gunst unserer kulturellen Reichhaltigkeit – sie ist ein Geschenk, das es zu würdigen gilt.
### Kollektiv als moderne Identität
URL: https://patrick-pehl.de/kollektiv-als-moderne-identitat-mann-ist-mann-berliner-ensemble/
Last updated: 2026-06-20T13:41:30.000Z
**Ein kleiner Fisch sollte es werden, ein Elefantengeschäft wurde daraus und am Ende steht die totale Transformation: Brechts mechanistische Verwandlung des Hafenarbeiters Galy Gay zum Soldaten der Kolonialmacht offenbart die Grausamkeit standardisierter Massenproduktion von Identitäten. Eine Analyse des fordistischen Menschen im militärischen Gewand. „Mann ist Mann“ im Berliner Ensemble.**
Gesellschaftliche Atomisierung und der Kult des Individuellen prägen unsere Gegenwart. Doch [Bertolt Brechts](https://patrick-pehl.de/dreigroschenoper-peachum-und-das-mitleid-bettlermafia-monolog-zur-oekonomie/) »Mann ist Mann« hält uns auch fast 100 Jahre nach seiner Erstaufführung einen Spiegel vor, der die Austauschbarkeit unserer Identitäten reflektiert. [Das Stück](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/mann-ist-mann?ref=patrick-pehl.de), oberflächlich die Geschichte von Galy Gay, der morgens einen kleinen Fisch kaufen will, mittags einen großen Elefanten hat und abends Angehöriger der Streitkräfte ist, bietet ein abstraktes Abbild unserer Formbarkeit durch gesellschaftliche Kräfte.
## Die Dialektik von Individuum und Kollektiv im Prisma der Austauschbarkeit
Brechts Protagonist Galy Gay, brillant verkörpert von einer energischen [Nele Trebs](https://www.agentur-kokon.de/darsteller/junge-erwachsene/frauen/nele-trebs/?ref=patrick-pehl.de) als verängstigten, bestimmten und zeitweise folgsamen Charakter, demonstriert paradigmatisch die Formbarkeit des Individuums durch kollektive Kräfte. Eine simple Blechmarke mit einer Nummer darauf verwandelt einen Packer in einen Soldaten - eine Metamorphose, die uns an die Macht offizieller Dokumente in unserer eigenen Realität erinnert, wo ein Pass zum Ausdruck der Individualität eines Menschen wird.
[Das Theater: Letzte Bastion der sozialen GleichheitEntdecken Sie, warum das Theater als Bastion der sozialen Gleichheit gilt. Erfahren Sie, wie Kunst und intellektueller Austausch im Theater soziale Hierarchien überwinden und eine inklusive Gesellschaft fördern.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/)
## Der Fordismus und die Mechanisierung der Menschlichkeit
Die Kritik am Fordismus, jenem System der standardisierten Massenproduktion, das den Menschen zur austauschbaren Komponente degradiert, manifestiert sich in Brechts Darstellung der Armee. „Die Zeit der Unordnung ist vorbei, es ist Krieg!“ – dieser Ausruf im Stück markiert den Übergang von individueller Freiheit zu militärischer Gleichschaltung. Der Maschinengewehr-Trupp, zur Entstehungszeit des Stücks der Inbegriff mechanisierter Unmenschlichkeit, verkörpert gleichzeitig die ultimative Austauschbarkeit des Individuums. Diese Dualität von Mechanisierung und Entmenschlichung hallt in unserer postindustriellen Gesellschaft nach, wo Algorithmen und maschinelles Lernen zunehmend menschliche Funktionen übernehmen.
Wie am Fließband werden hier Identitäten demontiert und neu zusammengesetzt. Die militärische Maschinerie funktioniert dabei nach denselben Prinzipien wie die Fabrik: Standardisierung, Effizienz, Austauschbarkeit der Einzelteile. Ein defektes Bauteil – der verschwundene Soldat – wird einfach durch ein neues – Galy Gay – ersetzt. Die Ummontierung erfolgt mit der gleichen technischen Präzision, mit der in Fords Fabriken Autos zusammengebaut werden. Diese Dualität von Mechanisierung und Entmenschlichung hallt in unserer postindustriellen Gesellschaft nach, wo die Logik der Austauschbarkeit längst die Fabrikhallen verlassen hat und alle Lebensbereiche durchdringt.
## Das Paradoxon der Identität
Galy Gays surreale Situation, in der er seine eigene Totenrede hält und nicht mehr weiß, ob er nun im Sarg liegt, der ihm eine „Berechtigung im Massengrab“ gibt, oder ob er ein freundlicher Ehemann ist, dessen Frau mit dem Fischwasser wartet, illustriert das Paradoxon der Identität in einer Welt, die von Kollektiven geformt wird. Diese Szene, gepaart mit der herausragenden Darstellung von der entzückenden [Joana Damberg](https://www.instagram.com/joanadamberg/?ref=patrick-pehl.de) als Soldat Uria Shelly, unterstreicht die Fragilität und Fluidität persönlicher Identität.
## Klamauk als Vehikel der Kritik
Typisch für Brecht nutzt das Stück Elemente des Klamauks, um ein ernstes Thema zu vermitteln. Das *Beefsteak* und die komödiantischen Elemente erlauben es dem Publikum, einen scheinbar unbedarften Abend zu verleben, während sie gleichzeitig mit tiefgreifenden Fragen zur menschlichen Existenz konfrontiert werden. Diese Strategie erinnert an Arthur Millers *Tod eines Handlungsreisenden*, der ebenfalls die Austauschbarkeit des Menschen in der modernen Gesellschaft thematisiert.
## Das Kollektiv neu denken
In einer Zeit, in der der Individualismus zur Ideologie erhoben wurde, fordert uns *Mann ist Mann* heraus, das Kollektiv neu zu denken. Nicht als Antipode zur individuellen Freiheit, sondern als deren Voraussetzung und Garant. Das Stück erinnert uns daran, dass wir als Menschen nur in der Gemeinschaft wirklich zu uns selbst finden können - eine Erkenntnis, die in unserer fragmentierten Gegenwart aktueller ist denn je.
Während der Zug der Soldaten in Richtung Grenze rollt, stellt sich unweigerlich die Frage: Welche Rolle kann der Mensch in einer rationalisierten und von maschinellem Lernen überwältigten Umwelt spielen? Brechts zeitloses Werk mahnt uns, wachsam zu bleiben gegenüber den Kräften, die unsere Identitäten formen und verformen, sei es durch kollektive Strukturen oder technologischen Fortschritt.
In einer Welt, in der Identitäten so flüssig sind wie das Fischwasser, das Galy Gays Frau bereithält, bleibt *Mann ist Mann* ein kraftvoller Aufruf, die Dialektik zwischen Individuum und Kollektiv, zwischen persönlicher Autonomie und gesellschaftlicher Einbindung, stets neu zu verhandeln.
### St. Hedwig Berlin: Von der Arbeiterkirche zum Designtempel
URL: https://patrick-pehl.de/st-hedwigskathedrale-berlin-kontroverse-um-neugestaltung-verlust-von-identitaet-und-liturgischer-funktion-st-hedwig/
Last updated: 2026-06-14T11:39:12.000Z
**Sechs Jahre lang war die [St. Hedwigskathedrale, Berlins bedeutendster katholischer Sakralbau](https://patrick-pehl.de/requiem-fuer-eine-kirche-st-hedwigskathedrale-berlin/), hinter Bauzäunen verborgen. Was sich dahinter vollzog, war weit mehr als eine bloße Sanierung – es war eine radikale Neuinterpretation des Raumes, die nun, nach der feierlichen Wiedereröffnung zum Christkönigsfest, heftige Klimax einer Kontroverse ist.**
Der Umbau, der rund 60 Millionen Euro verschlang, hat einen Kirchenraum geschaffen, der die Gemeinde spaltet: Zwischen moderner Abstraktion und liturgischer Funktion, zwischen intellektuellem Anspruch und gelebter Spiritualität öffnet sich ein Graben, der Fragen nach dem Wesen sakraler Architektur im 21\. Jahrhundert aufwirft.
Die kürzlich zum Christkönigsfest wiedereröffnete St. Hedwigskathedrale in Berlin steht exemplarisch für ein tiefgreifendes Dilemma moderner Sakralarchitektur: den Konflikt zwischen zeitgenössischer Ästhetik und gelebter spiritueller Praxis. Die Neugestaltung des Kirchenraums offenbart dabei eine fundamentale Diskrepanz zwischen architektonischem Anspruch und liturgischer Realität, zwischen intellektueller Konzeption und praktischer Nutzbarkeit.
## Death of Detail als Verlust kultureller Identität
Die neue [Gestaltung der Kathedrale](https://www.hedwigs-kathedrale.de/kathedrale/?ref=patrick-pehl.de) manifestiert sich in einer bemerkenswerten Reduktion, die als „Death of Detail“ bezeichnet werden kann. Was auf den ersten Blick als moderne Klarheit erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als problematische Nivellierung historisch gewachsener Bedeutungsschichten. Die ehemals charakteristische Gestaltung, die von der Geschichte der Berliner Katholiken und ihrer schlesischen Wurzeln zeugte, ist einer anonymen Glanzlosigkeit von Schwarz und Weiß gewichen.

St. Hedwig nach Renovierung - Projektion der Zahlen des Liederanschlages
Besonders augenfällig wird diese Transformation an den Fenstern: Der Versuch, einen „Sternenhimmel von Bethlehem“ zu kreieren, resultiert in einer Gestaltung, die ungewollt an simple Baumarktfolien erinnert. Während traditionell in Kirchenfenstern die Geschichten der Heiligen und der Bibel lebendig gemacht wurden, weichen die kleinteiligen bunten Flächen nun einer wabernden Folie, wie man sie aus calvinistischen Bildersturmkirchen kennt.
Diese unbeabsichtigte Analogie zum Profanen steht symptomatisch für eine grundlegendere Problematik: die Unfähigkeit, eine authentische sakrale Formensprache zu entwickeln, die sich von der Ästhetik alltäglicher moderner Funktionsbauten unterscheidet. Eine Kathedrale ist eben kein Finanzamt.
## Von der Arbeiterkirche zur intellektuellen Abstraktion
Die Geschichte der St. Hedwigskathedrale ist eng mit der Berliner Arbeiterkultur verwoben. Von der katholischen Verfolgung in Preußen über die Einschränkungen in der DDR-Zeit bis hin zur mühevollen Nachkriegsrekonstruktion mit ihren charakteristischen Betonbögen - der Bau verkörperte stets den Geist einer tatkräftigen Gemeinde. Eine überlieferte Anekdote besagt sogar, dass die ursprünglichen Erbauer nicht einmal genug Geld für das Dach hatten. Die Geschichte des Baus ist damit eng verwoben mit der Geschichte der Not und des Durchhaltevermögens seiner Gemeinde. Die handwerkliche Qualität der früheren Ausstattung, von den Wandteppichen bis zur Mondsichelmadonna auf dem Betonsockel, spiegelte diese Verbundenheit mit der arbeitenden Bevölkerung wider.

St. Hedwig nach Renovierung - Balkonempore neben der Orgel
Das St. Hedwig nach dem Umbau hingegen erscheint wie eine intellektuelle Abstraktion ohne Bodenhaftung - eine *Kopfgeburt aus dem Elfenbeinturm*, die den Bezug zur gelebten Religiosität verloren hat. Diese Entfremdung zeigt sich besonders deutlich in der Tradition des Festes *Joseph der Arbeiter* am 1\. Mai - während die alte Kathedrale mit ihrer handgemachten Struktur diese Verbindung zur Arbeiterkultur authentisch verkörperte, wirkt der neue Raum wie eine sterile Übung in Abstraktion. Die Beliebigkeit der Formensprache, die ebenso gut zu einem Museum, einer evangelischen Kirche, einer Moschee oder einem Finanzamt passen würde, negiert die spezifische Geschichte und Identität des Ortes. Besonders problematisch erscheint dabei die unverkennbare „Protestantisierung“ des katholischen Kirchenraums. [Die neue Gestaltung folgt einer protestantischen Ästhetik](https://kirchenbauforschung.info/2024/11/24/endlich-sankt-hedwig-mitte/?ref=patrick-pehl.de) der Reduktion, die dem traditionell bildreichen und sinnlichen Charakter katholischer Sakralräume fundamental widerspricht. Die Transformation erinnert an die Umgestaltungen katholischer Kirchen während der Reformation - nur dass sie diesmal nicht aus theologischer Überzeugung, sondern aus gestalterischem Kalkül erfolgt. Die Vereinheitlichung der konfessionellen Formensprachen verwischt dabei nicht nur historisch gewachsene Unterschiede, sondern entfremdet den Raum von seiner liturgischen Tradition und seinem ekklesiologischen Selbstverständnis.
## Funktional kaputt designed

St. Hedwig nach Renovierung - Silvesterandacht - Erzbischof Heiner Koch Prälat Tobias Przytarski und Diakon Wolfgang Willsch im Chorgestühl
Die praktischen Mängel der neuen Raumkonzeption offenbaren sich besonders während der liturgischen Nutzung. Die fehlende Erhöhung des Altarraums erschwert die visuelle Teilhabe an der Eucharistie, die doch als äußere Gestalt der Konsekration zentrale Bedeutung hat. Die akustische Gestaltung zeigt eine bezeichnende Fehlgewichtung: Während Orgel und Chor gut zu hören sind, ist das eigentlich zentrale Altargeschehen schwer zu verstehen - ein Mangel, der selbst von beteiligten Priestern bemängelt wird. Die Bestuhlung mit ihren überdimensionierten Abständen konterkariert den Gemeinschaftsaspekt des Gottesdienstes, macht selbst den einfachen Austausch über Liedtexte zum Rufen über mehrere Plätze hinweg und verhindert die gewünschte Nähe zu Familie und Freunden während des Gottesdienstes., während die mangelnde Akustik die Verständlichkeit der Liturgie beeinträchtigt.
Details wie unbequeme Kniebretter, fehlende Ablage für liturgische Bücher und die an Flughafen-Lounges oder ICE-Interieurs erinnernde Holzverkleidung zeugen von einer fundamentalen Verkennung liturgischer Bedürfnisse. Die Holzbretter der Bänke und Einbaumöbel wirken durch ihre nicht gehehrte Ausführung grobschlächtig, wenn auch handwerklich gut ausgeführt. Die Stühle selbst klappern und sind mit einem dünnen Filz versehen, der an IKEA-Einrichtungsideen erinnert, während ausgerechnet die tiefen und scharf gekanteten Kniebretter keine Polsterung aufweisen. Der Altar selbst, in seiner Anmutung eines Designer-Waschbeckens, symbolisiert die Kluft zwischen ästhetischem Anspruch und sakraler Funktion.
## Musealisierung nur Frage der Zeit
Die radikale Modernisierung der St. Hedwigskathedrale droht, den Bau in ein "Museum seiner selbst" zu verwandeln. Während der Raum früher von einer organisch gewachsenen Gestaltung lebte, in der jedes Detail eine Geschichte erzählte und von der aktiven Nutzung durch die Gemeinde zeugte - von selbstgeschweißten Bänken bis zu charaktervollen Liedertafeln - präsentiert sich der Raum heute in einer sterilen Reduktion, die zwar designorientiert, aber leblos wirkt. Die sterile Pflege des Raums könnte paradoxerweise zu seinem spirituellen Tod führen, wenn sie die Menschen entfremdet, die diesem Ort bisher Leben und Bedeutung gaben. Eine Kathedrale ohne aktive Gemeinde, ohne Menschen, die sich mit ihr identifizieren und sie als spirituelle Heimat annehmen, verliert ihre eigentliche Funktion als Ort der Gemeinschaft und des Lernens.
## Verlust des Genius Loci
Was sich in der Neugestaltung der St. Hedwigskathedrale manifestiert, ist letztlich der Verlust des genius loci - jenes spezifischen Geistes des Ortes, der sich über Jahrzehnte in der Wechselwirkung zwischen Architektur und Gemeinde entwickelt hatte. Die neue Gestaltung ignoriert die emotionale und spirituelle Dimension des Raums zugunsten einer zeitgenössischen Ästhetik, die zwar modern erscheinen mag, aber die eigentliche Funktion einer Kathedrale als Ort der gelebten Spiritualität und Gemeinschaft verfehlt.
Die Transformation der St. Hedwigskathedrale steht damit ganz herausgehoben für eine breitere Entwicklung in der zeitgenössischen Sakralarchitektur: die zunehmende Entfremdung zwischen architektonischer Vision und religiöser Praxis, zwischen ästhetischem Anspruch und spiritueller Realität. Interessanterweise findet sich in der Gestaltung der inneren Kuppel mit ihrem an Berliner Techno-Clubs erinnernden Würfel-Design zwar ein lokaler Bezug, doch auch dieser wirkt eher beliebig und dem Raum nicht angemessen. Selbst wenn man dem Schwarz-Weiß-Konzept grundsätzlich aufgeschlossen gegenübersteht, zeigt sich hier, dass ein Gestaltungsansatz, der für eine Bibliothek oder ein Theater angemessen sein mag, nicht automatisch für einen Kirchenraum taugt. Die Frage, wie sich authentische sakrale Räume im 21\. Jahrhundert gestalten lassen, ohne dabei ihre spirituelle und gemeinschaftsstiftende Funktion zu verlieren, bleibt damit dringlich aktuell.
### Wenn Konzeptkunst zur Publikumsverachtung wird
URL: https://patrick-pehl.de/berliner-ensemble-frank-castorf-kleiner-mann-was-nun-fallada-kritik-konzeptkunst-und-publikumsverachtung/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Nach Jahren an der Berliner Volksbühne, die er maßgeblich prägte, inszeniert Frank Castorf nun als eine Art Regie-Rentner an verschiedenen Gastbühnen. Diesmal hat es das Berliner Ensemble getroffen – eine Begegnung, die man dem Haus gerne erspart hätte.**
Es gibt diese Momente im Theater, in denen sich die Frage stellt: Wem dient diese Inszenierung eigentlich? [Castorfs Interpretation](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/kleiner-mann-was-nun?ref=patrick-pehl.de) von Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ am Berliner Ensemble liefert darauf eine eindeutige, wenn auch ernüchternde Antwort: Sich selbst. Die Tatsache, dass sich der Saal nach der Pause um etwa ein Fünftel leerte, spricht dabei eine deutliche Sprache.
## Ensemble Gefangene der Regie
Vorweg muss gesagt werden: Auf der Bühne des Berliner Ensembles standen an diesem Abend exzellente Schauspieler, deren Können sich in anderen Produktionen des Hauses regelmäßig beweist. Die gleichen Darsteller, die hier durch Castorfs Inszenierung zum schieren Übermaß gezwungen wurden, zeigen in anderen Stücken auf derselben Bühne fein ziselierte Darstellungen mit präzisen, subtilen Gesten. Es ist die schmerzliche Erkenntnis dieses Abends, dass selbst die besten Schauspieler gegen eine verfehlte Regiekonzeption machtlos sind. Wenn der Regisseur es so will, bleibt auch dem versiertesten Darsteller nur die Überzeichnung – eine anspruchsvolle Aufgabe für das Ensemble, gewiss, aber eine letztlich fruchtlose.
[](https://patrick-pehl.de/11%5Fkleiner-mann%5Ffoto%5Fjoerg-brueggemann/)
1920 verfasste Fallada den Text in der Psychiatrie, unter Einfluss seiner Kokain – und Morphiumsucht. © BE / Jörg Brüggemann
In einer marathonhaften Aufführung von fünf Stunden entfaltet sich ein Theaterabend, der die grundlegendsten Prinzipien der Bühnenkommunikation missachtet. Die fundamentale Verweigerung, Theatermikrofone zu nutzen, wäre dabei noch das geringste Übel – wenn denn wenigstens in Richtung des Publikums gespielt würde. Stattdessen murmeln die Schauspieler oft in die falsche Richtung, machen selbst von den besten Plätzen im Rang aus das Verständnis zur Glückssache. Verschärft wird diese Problematik noch durch den Einsatz von Live-Kameras, deren Bilder von der Unter- und Hinterbühne auf zwei mobile Rückprojektoren übertragen werden – auch diese so unglücklich positioniert, dass ein Verfolgen der Handlung nahezu unmöglich wird. Was hinter einem großen Banner auf der Hinterbühne geschieht, bleibt größtenteils im Verborgenen, die Kameraübertragung macht es nicht besser.
[Der Traum ist aus! Klares kaltes Wasser für die Kultur in Berlin | Patrick Pehl„Der Traum ist aus” sang einst Rio Reiser, „Kaltes klares Wasser” Gudrun Gut von Malaria. Beide Songs entstanden in den 80ern, als West-Berlin noch Insel der Kreativen und Außenseiter war. Heute klingen sie wie düstere Prophezeiungen für die Kulturmetropole an der Spree. Denn die Berliner Kulturszene steht vor massiven Kürzungen, die viele Einrichtungen hart treffen \[…\]Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/)
## Überforderung als vermeintliches Konzept
Was als künstlerische Strategie der Verfremdung gedacht sein mag, entpuppt sich schnell als simple Überforderung des Publikums. Dabei ist die Kenntnis des Ursprungstextes „Kleiner Mann - was nun?“ nahezu Voraussetzung, um dem Abend überhaupt folgen zu können. Selbst das wiederkehrende poetische Motiv „Die Kuh, der Schuh, dann du“ - eigentlich als verbindendes Element gedacht - verstärkt nur den Eindruck einer willkürlichen Aneinanderreihung von Fragmenten.
## Von allem zu viel, von nichts genug
Diese konzeptionelle Überladung spiegelt sich besonders deutlich im Bühnenbild wider. Das Kleidungsgeschäft - weder modern noch klassisch - schwebt in einem seltsamen Zwischenraum: inhaltlich leer, aber visuell überbordend mit glänzenden Farben. Man könnte darin einen Kommentar zur Reizüberflutung der Konsumgesellschaft vermuten, doch auch dies wäre eine Überinterpretation. Es ist schlicht ein weiteres Element einer nicht zu Ende gedachten Inszenierung, die auch hier wieder zu viel will, zu viel baut und am Ende keinen Beitrag zum Verständnis leistet.
Wie ein überfüllter Eisbecher von Ben & Jerry's präsentiert sich die gesamte Inszenierung: Von allem ist zu viel da, aber nichts davon ergibt einen kohärenten Geschmack. Die musikalischen Einsprengsel, von Ton Steine Scherben bis Ernst Busch, wirken wie lieblos hingeklatschte Garnitur auf einem bereits überladenen Dessert. Die einzelnen Segmente ziehen sich endlos hin, ohne dass sich ein dramaturgischer Bogen erschließen würde. Wenn dann plötzlich ein russischer Soldat mit dem Ausruf „хлеб“ (Brot) im *Räderwerk des Bühnenbodens* sein Brot teilt, wirkt das wie ein weiteres beliebiges Stück Konfekt in einem ohnehin schon überfüllten Eisbecher.
Die Szenen in der Unterbühne, die in ihrer Nacktheit menschliche Vulnerability zeigen sollen, mögen für sich genommen noch diskutabel sein - wie Keksteigstücke in einem Topf Sahneeis. Doch im Gesamtkontext einer Inszenierung, die sich permanent selbst im Weg steht, werden auch sie zum bloßen Effekt.
## Lichtblick in der Dunkelheit
Inmitten dieser konzeptionellen Verwirrung sticht die Arbeit der Dramaturgin Amely Joana Haag hervor. Ihre Bemühungen, dem Abend Struktur und Verständlichkeit zu verleihen, sind bemerkenswert - auch wenn sie gegen die Flut der [Castorf**’**schen Eigenwilligkeiten](https://patrick-pehl.de/tag/frank-castorf/) letztlich nicht ankommen kann.
[Mann ist Mann im Berliner Ensemble – Kollektiv-Dialektik | Patrick PehlKI revolutioniert die Arbeit, aber Bertolt Brechts Parabel über die Austauschbarkeit des Menschen behält Aktualität im Berliner Ensemble: „Mann ist Mann“ führt vor, wie ein Hafenarbeiter zur Soldatenmaschine wird.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/kollektiv-als-moderne-identitat-mann-ist-mann-berliner-ensemble/)
## Fazit: Theater als Selbstzweck
Was bleibt, ist der fade Nachgeschmack einer Inszenierung, die sich weder um Bühnentauglichkeit noch um zeitgenössische Relevanz bemüht. Stattdessen scheint sie sich in selbstreferentiellen Verweisen auf Castorfs eigene Prägungsphase zu verlieren - Insider-Witze für ein Publikum von einem, während der Rest des Saals ratlos zurückbleibt.
Von einer Gruppe von sieben Besuchern verließen fünf das Theater vorzeitig - ein deutliches Zeichen dafür, dass hier nicht etwa produktive Verstörung, sondern schlichte Überforderung das Resultat war. Was als Modernisierung eines zeitlosen Stoffes gedacht war, gerät zur Demonstration dessen, wie Theater nicht funktioniert: als hermetisch abgeriegelte Kunstübung ohne Bezug zu seinem Publikum.
Die Überforderung des Publikums mag in manchen Fällen ein legitimes künstlerisches Mittel sein - hier wird sie zum Vorwand, um künstlerische Beliebigkeit als avantgardistisches Theater zu verkaufen. Das ist mehr als schade, denn Falladas Roman hätte gerade in unseren Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit viel zu sagen. Diese Chance wurde gründlich verspielt.
### Kaltes Berlin
URL: https://patrick-pehl.de/koordinaten-der-kaelte/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Der ICE fährt in das unterirdische Gewölbe des Berliner Hauptbahnhofs ein. Die Bremsen bringen ihn sanft und präzise zum Stehen. Die Türen öffnen sich, und der Zug entlässt seine menschliche Fracht auf den gefüllten Bahnsteig und auf den Granitplatten treffen Absätze mit einem verhallenden Geräusch auf.**
## I. Sonntagabend, Hauptbahnhof
Wie eine Insel in der Bewegung, die eleganten Schritte einer einzelnen Frau. Ihr Rollkoffer folgt, ein regelmäßiger Begleiter. Die Frau bewegt sich mit bedachter Routine zum Vorplatz, zu einer schwarzen Limousine mit einem Kennzeichen der Fahrbereitschaft – diskret, aber für Kenner eindeutig. Der Motor läuft bereits und der Fahrer wartet, warme Abgasschwaden steigen hinter dem polierten Wagen auf. Der Fahrer öffnet die Tür mit einer eingeübten Geste – kein gesprochener Gruß, nur eine technische Präzision, die den Übergang von der lärmenden Öffentlichkeit in die gepolsterte Stille des Fahrzeugs markiert. Die Tür schließt sich und die Außenwelt schiebt sich davon.
Jede Ampel, jede Kreuzung sind weitere Koordinaten auf der vorgezeichneten Bahn zwischen den Planeten dieses einstudierten Getriebes. Die jährliche kontinentale Ostlage, eine Kaltluftadvektion, lässt im Winter kalte, trockene Luftmassen aus dem sibirischen Hochdruckgebiet nach Mitteleuropa strömen. Die kontinentale Kälte aus dem Osten hat Berlin erreicht. Diese Luftmasse stammt aus den Höhen des Polarmeers und dem arktischen Sibirien, sie kriecht über den harten Berliner Asphalt und schiebt sich zwischen den Häuserzeilen entlang.
### II. Die Wohnung
Die Wohnung empfängt sie mit wohltemperierter Leblosigkeit. Ihre Schritte hallen durch die aufgeräumten Räume des renovierten Altbaus, während der Rollkoffer seinen Platz findet. Im Kühlschrank wartet ein hartes Stück Butter neben einem Fertigessen in Pappverpackung – stumme Zeugen einer zweckmäßigen Existenz. Das Geschirr im Schrank: ohne Gebrauchsspuren. Das Besteck: unberührt in der Schublade.
Die Ordnung des perfekt gemachten Bettes wird erst durch die bewusste Hinnahme des Schlafes gebrochen. Eine notwendige menschliche Spur in der sterilen Umgebung.
### III. Montag, Paul-Löbe-Haus
Der Wecker klingelt später als in der Heimat. Die morgendliche Routine vollzieht sich in bedachten Bewegungen. Gegen 10:00 Uhr erwarten die Mitarbeiter sie im Büro. Die Fahrdienstlimousine dient als gesetzlichgarantierte Vereinzelungsanlage, trägt sie durch die erwachende Stadt. Das Paul-Löbe-Haus erhebt sich: blaugrauer Beton, der Eingang aus Stahl und Glas. Der graue Abgeordnetenausweis ermöglicht die reibungslose Passage durch die Sicherheitsanlage.
Der einzige menschliche Kontakt bleibt der Fahrer der Limousine. Er bringt sie an den Ort, an dem sie ein Jemand ist: Frau Abgeordnete. Die Rolle nimmt sie an wie ein maßgeschneidertes Kleidungsstück. Besprechungen folgen, der Arbeitstrubel baut sich langsam auf. Am Abend: Vorbereitung kommender Termine der nächsten Tage. Ihre Aufmerksamkeit wandert von Dokument zu Dokument, nimmt jeden Vorgang mit gleichbleibender Sorgfalt auf.
### IV. Die stahlkalte Einsamkeit der Gänge
Spät abends reduziert die Haustechnik das Licht auf ein Minimum. Die stahlkalte Einsamkeit wird greifbar. Das helle Grau des Tages wandelt sich in ein düsteres Blaugrau, das jedes Licht zu schlucken scheint. Die Fensterrahmen aus Beton und Stahl schneiden geometrische Muster aus der Nachtschwärze. Vereinzelt steht eine Bürotür offen, ein schmaler Streifen warmweißen Lichts dringt in den Flur – ein kurzes Aufbegehren gegen die allgegenwärtige Kälte des Raumes. Das graue Blau frisst das güldene Gelb. Die Temperatur sinkt unmerklich, aber stetig.
https://patrick-pehl.de/blog/metamorphose-der-politischen-kommunikation/
Ihre Schritte durch diese nächtlichen Gänge sind präzise, zielbewusst. Keine Eile, keine Verzögerung. Nur die stetige Bewegung durch die geometrische Kälte.
### V. Donnerstag, Die Ausschusssitzung
Die Ausschusssitzung beginnt nach dem Mittagessen. Draußen wirft die winterliche Sonne noch Helligkeit in die polarkalte Stadt. Erst die vorbereitende Sitzung mit den Fraktionsmitgliedern. Dann die Vorbereitung mit dem Ausschuss für die öffentlichen Teile des Tages.
Die Luft ist trocken und verbraucht, die Lüftungsanlage schiebt unermüdlich Außenluft hinein. Die Kälte kriecht durch die großen Glasfensterflächen. Sie kommt aus dem Osten, aus Sibirien, wo sie sich über verschneiten und gefrorenen Böden gebildet hat. Eine jährliche kontinentale Kaltluftadvektion, die ihren Ursprung über dem Polarmeer hat. Sie durchdringt die Stadt, die Gebäude, die Menschen.
Mit ernster Präzision werden Seiten gewendet. Ihre Hände bewegen sich bedacht über die Dokumente, folgen den Zeilen mit ruhiger Aufmerksamkeit. Die konzentrierte Stille wird nur vom gelegentlichen Rascheln des Papiers unterbrochen. Ab und an verrät ein verzweifelter Griff zur Kaffeetasse die wachsende Erschöpfung der Anwesenden. Sie nimmt einen bewussten Schluck, ihre Haltung bleibt aufrecht. Während die ersten Stunden der öffentlichen Sitzung vergehen, zieht sich die Sonne langsam hinter die kahlen Baumkronen zurück. Sie versinkt hinter den Hausdächern des Regierungsviertels.
Die erste Unterbrechung kommt, als es draußen bereits kalt ist. Manche schaffen es nicht ohne kurze Flucht auf das Raucherdeck – mehrere Etagen und hundert Gehmeter entfernt. Die Sitzung zieht sich weiter. Die Nacht wartet, während sie mit gleichbleibender Konzentration den Vorgängen folgt.
### „Die schmutzigen Hände“ als Geometrie des Zweifels
URL: https://patrick-pehl.de/geometrie-des-zweifels-die-schmutzigen-haende-sartre-berliner-ensemble/
Last updated: 2026-06-22T18:26:27.000Z
**Ein zehn Meter hoher schwarzer Würfel dominiert die Bühne des Berliner Ensembles, dreht sich wie ein gewaltiger Metaphernkörper und lässt durch seine Spalten kaltes Licht in den Zuschauerraum schneiden. In dieser geometrischen Präzision verhandelt das BE Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ als spektakulär-aktuelle Frage nach der Rolle des Intellektuellen zwischen Denken und Handeln.**
## Historische Resonanzräume
Auf der Drehbühne des Theaters am Schiffbauerdamm, wo einst Brechts dialektische Dramatik die Bühne beherrschte, spielt das Berliner Ensemble gegenwärtig eine durchaus bemerkenswerte Neuinterpretation von Jean-Paul Sartres existenzialistischem Schlüsselwerk „[Die schmutzigen Hände](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/die-schmutzigen-haende?ref=patrick-pehl.de)“. Die Aufführung im ehemaligen Ost-Berliner Theaterhaus schlägt einen faszinierenden Bedeutungsbogen vom französischen Nachkriegsexistenzialismus in die deutsche Postwendemoderne – eine Transformationsleistung, die sich in Bühnenbild und Inszenierungssprache gleichermaßen manifestiert.
## Tektonik des politischen Raums

BERLINER ENSEMBLE: „Die schmutzigen Hände“ von Jean-Paul Sartre, Regie: Mateja Koležnik Pauline Knof, Lili Epply und Paul Zichner © BE / Matthias Horn
Das Bühnenbildkonzept besticht durch seine architektonische Präzision und metaphorische Durchdringung: Ein zehn Meter messender Schwarzkubus aus minutiös arrangierten Palettenhölzern rotiert auf der historischen Drehbühnenanlage, deren imposanter Zwölf-Meter-Durchmesser die technische Grandezza des Theaterhauses bezeugt. Die Gesamtkomposition, eingebettet in den vierzehn Meter breiten Bühnenraum, entwickelt eine überwältigende Raumchoreografie der politisch-philosophischen Konfliktlinien.
Die Palettenkonstruktion – gleichzeitig rohes Industrieprodukt und präzises Architekturelement – wird zum vielschichtigen Bedeutungsträger. Ihre schwarzen Spalten fungieren als Lichtdurchlässe, die das Bühnengeschehen in eine komplexe Helldunkel-Dialektik tauchen.
## Licht-Dramaturgie
Mal durchschneidet kaltes, hartes Licht den Zuschauerraum, mal modelliert farbige Illumination die Raumtiefen des Kubus. Die zu Beginn und Ende mit durchdringendem Knallgeräusch zusammenklappenden Seitenwände markieren dabei nicht nur dramaturgische Zäsuren, sondern symbolisieren auch das gewaltsame Zusammenbrechen intellektueller Distanzierungsversuche.
In diesem abstrakt-präzisen Raumgefüge entfaltet sich das Drama um den Intellektuellen Hugo, dessen „zarte Hände“ sich nach revolutionärer Tathandlung sehnen – eine Sehnsucht, die in der Post-Wende-Perspektive des Hauses neue Resonanzräume erschließt. Die Kostümierung, die gekonnt zwischen westlicher Businesseleganz und östlicher Funktionalästhetik changiert, unterstreicht diese zeitgenössische Lesart.
## Biografische Resonanzen und handfeste Sehnsucht
In diesem abstrakt-präzisen Raumgefüge entfaltet sich das Drama um den Intellektuellen Hugo, dessen „zarte Hände" sich nach revolutionärer Tathandlung sehnen – eine Sehnsucht, die in der Post-Wende-Perspektive des Hauses neue Resonanzräume erschließt. Diese Sehnsucht nach dem Handfesten wird für den Betrachter unmittelbar nachvollziehbar: Als Spross einer DDR-geprägten Familie, in der die Großelterngeneration den akademischen Aufstieg in Handelsdirektion und Rechtswesen vollzog, während die Eltern- und Tantengeneration in einfacheren Berufen verblieb, spiegelt sich im eigenen Werdegang die Entfernung von der physischen Arbeit. In den gut geheizten Büroräumen der Hauptstadt, fernab von Werkbank und Acker, manifestiert sich diese Distanz zum Handfesten – nur unterbrochen von der Episode des Militärdienstes in der Heeressanität der Luftlandetruppe, deren Erinnerung der Kopf längst verklärt hat. Hugos Sehnsucht nach der Tat wird so zur Reflexionsfläche eigener biografischer Erfahrung. Die Kostümierung, die gekonnt zwischen westlicher Businesseleganz und östlicher Funktionalästhetik changiert, unterstreicht diese zeitgenössische Lesart.
[The Writer im Berliner Ensemble: Häutungen im BodennebelElla Hicksons „The Writer“ von 2018 ist im Werkraum des Berliner Ensembles zu sehen, ist mehr als nur ein weiteres Stück über das Schreiben – es ist ein radikales Formexperiment, das die Grenzen des konventionellen Theaters sprengt. In ihrer metatheatralischen Struktur hinterfragt die britische Dramatikerin die Form des „Well-made Play“. DasPatrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/the-writer-im-berliner-ensemble-2024/)
Die Drehbühnenmechanik ermöglicht dabei multiple Perspektivwechsel auf den ewigen Konflikt zwischen Theoriearbeit und Praxiszwang, zwischen moralischem Absolutheitsanspruch und realpolitischer Kompromissnotwendigkeit. In der räumlichen Choreografie, wenn etwa [Lili Epplys](https://www.instagram.com/liliepply/?ref=patrick-pehl.de) Jessica hinter der Palettenwand verharrt, während Marc Oliver Schulzes Hoederer und [Paul Zichners](https://www.berliner-ensemble.de/paul-zichner?ref=patrick-pehl.de) Hugo ihre ideologischen Positionskämpfe austragen, materialisiert sich die Gleichzeitigkeit verschiedener Realitätsebenen.
## Dialektik der Transformation
Das Zwielicht der Existenz des Hugo findet in der differenzierten Lichtdramaturgie seine bühnenbildnerische Entsprechung. Während im Außenraum die politischen Machtkämpfe eskalieren und schließlich die National-Liberalen ihre Herrschaft etablieren, wird der intellektuelle Innenraum zum Schauplatz existenzieller Zerrissenheit. Die lunzenden Spalten im schwarzen Würfelgefüge werden zur architektonischen Metapher für die Durchlässigkeit vermeintlich gesicherter Ideologiegebäude.
## Resonanzen der Geschichte
Die Inszenierung am historischen Ort des Berliner Ensembles gewinnt dabei eine zusätzliche Bedeutungsebene: Die Analyse des revolutionären Intellektuellen aus der Feder des westgebundenen Sartre, dessen eigene Position im Nachkriegsfrankreich von transatlantischer Orientierung geprägt war, trifft hier auf die spezifische Atmosphäre eines postwiedervereinigten Theaters. In den Räumen des ehemaligen Ost-Berliner Theaterhauses verdichtet sich so die deutsch-deutsche Transformationsgeschichte zu einer neuen Lesart des revolutionären Dilemmas. Der präzise konstruierte Bühnenraum wird so zum Resonanzkörper verschiedener historischer Schichten – von Brechts dialektischem Theater über den Existenzialismus bis zur postsozialistischen Gegenwart.
Diese Vielschichtigkeit findet ihre formale Entsprechung in der abstrakten, aber nie reduktionistischen Bühnensprache. Mit Tarkowski gesprochen, zwingt sie uns vom oberflächlichen „Schauen" zum vertieften „Sehen“ überzugehen. Die poetische Verknüpfung von Form und Inhalt macht die philosophische Komplexität des Stoffes nicht nur intellektuell erfassbar, sondern sinnlich erlebbar.
Der rotierende Schwarzkubus wird zum Sinnbild für die unauflösbare Verstrickung des Intellektuellen in die Widersprüche politischen Handelns – ein zeitloses Dilemma, das in der präzisen Abstraktion des Bühnenbilds neue Dringlichkeit gewinnt. Die Inszenierung schafft damit nicht nur eine Neuinterpretation des existenzialistischen Schlüsselwerks Sartres, sondern auch eine reflexive Standortbestimmung des zeitgenössischen politischen Theaters im wiedervereinigten Deutschland.
### Der Traum ist aus! Klares kaltes Wasser für die Kultur in Berlin
URL: https://patrick-pehl.de/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**„Der Traum ist aus” sang einst Rio Reiser, „Kaltes klares Wasser” Gudrun Gut von Malaria. Beide Songs entstanden in den 80ern, als West-Berlin noch Insel der Kreativen und Außenseiter war. Heute klingen sie wie düstere Prophezeiungen für die Kulturmetropole an der Spree. Denn die Berliner Kulturszene steht vor massiven Kürzungen, die viele Einrichtungen hart treffen werden.**
Die schwarz-rote Koalition in Berlin plant, den Landeshaushalt in den kommenden Jahren deutlich zusammenzustreichen – um bis zu fünf Milliarden Euro bis 2026\. Auch der Kulturetat soll um bis zu zehn Prozent gekürzt werden. Das trifft die Kulturszene der Hauptstadt ins Mark.
Theater, Museen, Bibliotheken, Opern- und Konzerthäuser schlagen Alarm. Bei Kürzungen in diesem Ausmaß seien massive Einschnitte im Programm und beim Personal unvermeidbar bis hin zu drohenden Schließungen. Berlin drohe ein Kahlschlag im Kulturbereich mit unabsehbaren Folgen für die Attraktivität und Anziehungskraft der Stadt.
## Joe Chialo – ein Kultursenator ohne Gespür für die Szene?
Umso befremdlicher wirken da die Prioritäten von Kultursenator Joe Chialo (CDU). Der gelernte Musik- und Eventmanager sieht Kultur primär als Wirtschaftsfaktor. So fördert er bevorzugt kommerzielle Formate wie Großevents und Clubs, die sich auch selbst tragen könnten. Die subventionierten Häuser und die freie Szene bleiben auf der Strecke.
Hier rächt sich, dass mit Chialo jemand zum obersten Kulturhüter der Stadt berufen wurde, der die Nöte und Belange des öffentlich geförderten Kulturbetriebs nicht von innen kennt. Für ihn scheint Kultur vor allem ein Business zu sein, das möglichst viele Besucher und Geld in die Stadt spülen soll. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Kultur ist kein Sternerestaurant für betuchte Touristen, sondern ein Grundnahrungsmittel für die Stadtgesellschaft.
## Kultur in Berlin – Kein Luxus, sondern Elixier?
Die Sorgen und Nöte der Kultureinrichtungen sind nachvollziehbar. Viele kämpfen nach den Belastungen der Pandemiejahre um ihre Existenz. Sie sind auf die öffentliche Förderung angewiesen. Gerade die freie Szene, die Berlin so besonders macht, wäre überproportional betroffen.
https://patrick-pehl.de/blog/berliner-ensemble-frank-castorf-kleiner-mann-was-nun-fallada-kritik-konzeptkunst-und-publikumsverachtung/
Doch bei aller Sympathie für die Kulturschaffenden drängt sich auch ein Unbehagen auf. Ist die hochsubventionierte Kulturszene nicht längst abgehoben von den realen Nöten der Bevölkerung? Für viele Berliner sind die Ticketpreise der großen Häuser nihct wirklich erschwinglich, da deutliche Eintrittsbarrieren vorhanden sind. Die Debatte wirkt wie ein Stellungskampf privilegierter Eliten.
Gewiss, Kultur ist kein beliebiger Luxus, sondern elementarer Teil einer lebenswerten Stadt. Aber dann muss sie auch allen offenstehen. Niedrigschwellige Angebote, kulturelle Bildung, Projekte in den Kiezen – hier müssten die Prioritäten liegen. Stattdessen hört man vor allem das Klappern der großen Player.
Natürlich profitiert auch Berlin als Ganzes von seiner pulsierenden Kulturszene. Sie lockt Touristen und Talente aus aller Welt an. Aber dieser Effekt darf nicht überschätzt werden. Viele kommen wegen der Clubszene, der Start-up-Kultur oder einfach des Flairs der Stadt. Die Hochkultur spielt da eine untergeordnete Rolle.
## Kulturförderung mit dem Rasenmäher
Gewiss müssen auch die [Kultureinrichtungen ihren Sparbeitrag](https://archive.is/o/5cj48/https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2024/10/berlin-sparplaene-senat-aktionstag-protest.html?ref=patrick-pehl.de) leisten. Aber ein pauschales Rasenmäherprinzip ist der falsche Weg. Es braucht vielmehr eine inhaltliche Debatte über Sinn und Zweck der Kulturförderung: Wo sind die Mittel am effektivsten eingesetzt? Wie können sie gerechter verteilt werden – zwischen etablierten Häusern und freier Szene, zwischen Sparten und Stadtteilen? Wie gelingt mehr kulturelle Teilhabe gerade von marginalisierten Gruppen? Wie kann die Förderung agiler und innovativer auf neue Formate und Bedarfe reagieren?
Parallel braucht es neue Modelle für eine diversifizierte und krisenfeste Kulturfinanzierung – auch jenseits der öffentlichen Hand. Nicht zuletzt sind die Häuser selbst gefragt, Synergien und Effizienzpotenziale zu heben.
## Kulturlose Spardebatten
So bitter es ist: Die Kürzungen im Kulturetat sind auch eine Chance für einen Realitätscheck. Berlin muss sich ehrlich machen, was es sich noch leisten kann und will. Eine Stadt, die jeden sechsten Euro für Zinsen ausgibt, kann nicht so weitermachen wie bisher.
Alle werden [Federn lassen müssen](https://nachtkritik.de/recherche-debatte/spardiktat-in-berlin-stimmen-der-theater-zu-den-bevorstehenden-kuerzungen-im-kulturbereich?ref=patrick-pehl.de) – auch die Leuchtturmprojekte der Hochkultur. Vielleicht ist das auch heilsam. Ein Kulturleben, das sich mehr an den Bedürfnissen der Bewohner als am Glanz der Feuilletons orientiert, könnte lebendiger und integrativer sein.
Bequem wird dieser Umbau nicht. Er erfordert schmerzhafte Schnitte und heilige Kühe. Vor allem aber braucht es ein Umdenken: Weg vom Anspruchsdenken, hin zu kreativen Lösungen und neuen Allianzen.
Die fetten Jahre sind vorbei. Das muss kein Nachteil sein, wenn dadurch die Bindung zwischen Stadtgesellschaft und Kulturleben wieder enger wird. In diesem Sinne können die Spardebatten bei allem Frust auch heilsam sein.
### Das Theater: Letzte Bastion der sozialen Gleichheit
URL: https://patrick-pehl.de/das-theater-letzte-bastion-der-sozialen-gleichheit/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**In einer Gesellschaft, die von Statussymbolen und finanziellen Unterschieden geprägt ist, hebt sich das Theater als ein Raum hervor, in dem soziale Hierarchien eine geringere Rolle spielen. Trotz gewisser Einschränkungen wird das Theater als ein Ort betrachtet, der Kunst und intellektuellen Austausch in den Vordergrund stellt, während der finanzielle Hintergrund der Besucher an Bedeutung verliert.**
In einer Gesellschaft, die zunehmend von Statussymbolen und materiellen Unterschieden geprägt ist, erhebt sich das Theater als eine bemerkenswerte Ausnahme – ein Ort, an dem die üblichen Regeln des sozialen Prestiges weitgehend außer Kraft gesetzt sind. Während diese These sicherlich Nuancen und Einschränkungen unterliegt, lohnt es sich, die einzigartige Position des Theaters als einen Raum zu betrachten, in dem Geld und Status eine deutlich geringere Rolle spielen als in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens.
## Die begrenzte Macht des Geldes im Theater
Im Gegensatz zu Großveranstaltungen wie Konzerten von Superstars, wo VIP-Pässe und exklusive Meet-and-Greets die soziale Hierarchie zementieren, bietet das Theater eine erfrischend egalitäre Erfahrung. Selbst die teuersten Theaterkarten sind im Vergleich zu anderen Luxusgütern erstaunlich erschwinglich. Ein Millionär mag sich zwar den besten Platz im Haus leisten können, doch der Preisunterschied zu den günstigeren Plätzen ist oft überraschend gering. Mit Vergünstigungen wie der BE Card des Berliner Ensembles, die 50% Rabatt auf alle Tickets gewährt, wird hochwertige Kultur sogar für ein breites Publikum zugänglich – wie eindrucksvoll etwa bei der [Inszenierung „Was ihr wollt“ von Antú Romero Nunes nach William Shakespeare bewiesen wird](https://patrick-pehl.de/was-ihr-wollt-am-berliner-ensemble-be-rezension-und-kritik/).
## Abwesenheit der Statusjäger
Es ist bezeichnend, dass weder die superreiche Elite noch statusbewusste Influencer das Theater als ihre bevorzugte Plattform zur Selbstdarstellung wählen. Im Theater gibt es schlichtweg weniger Möglichkeiten, durch extravagante Ausgaben oder exklusive Privilegien zu glänzen. Die Aufmerksamkeit gilt hier nicht dem Publikum, sondern den Künstlern auf der Bühne. Diese Fokussierung auf die Kunst selbst, statt auf oberflächliche Statussymbole, macht das Theater zu einem Zufluchtsort für jene, die echte kulturelle Bereicherung suchen.
https://patrick-pehl.de/blog/der-traum-ist-aus-klares-kaltes-wasser-fuer-die-kultur-in-berlin/
## Raum für geistige Bereicherung
Das Theater lockt ein Publikum an, das offen ist für intellektuelle und emotionale Herausforderungen. Es erfordert eine gewisse Vorbildung und die Bereitschaft, sich auf komplexe Narrative und Ideen einzulassen. Diese gemeinsame geistige Einstellung schafft eine Art Gleichheit unter den Zuschauern, die soziökonomische Unterschiede in den Hintergrund treten lässt. Hier zählt nicht der Kontostand, sondern die Fähigkeit und Bereitschaft, sich kritisch mit dem Dargebotenen auseinanderzusetzen.
Natürlich wäre es naiv zu behaupten, das Theater sei vollkommen frei von sozialen Unterschieden. Es gibt durchaus Distinktionsmerkmale, wie etwa die Wahl der Garderobe oder das Verhalten in den Pausen. Doch im Vergleich zu vielen anderen kulturellen Räumen sind diese Unterschiede oft subtil und spielen für das eigentliche Theatererlebnis eine untergeordnete Rolle.
## Inklusive Gesellschaft Theaterpublikum
In einer Zeit, in der soziale Ungleichheit in vielen Bereichen zunimmt, bietet das Theater ein bemerkenswertes Gegenmodell. Es zeigt, dass es möglich ist, einen kulturellen Raum zu schaffen, in dem der Wert einer Person nicht primär an ihrem finanziellen Status gemessen wird. Stattdessen steht hier die gemeinsame Erfahrung von Kunst und Kultur im Mittelpunkt – eine Erfahrung, die potenziell jedem offen steht, der bereit ist, sich darauf einzulassen.
Das Theater erinnert uns daran, dass wahre Bereicherung oft nicht materieller Natur ist. Es lädt uns ein, über die oberflächlichen Statussymbole hinauszublicken und uns stattdessen auf das zu konzentrieren, was uns als Menschen verbindet: unsere Fähigkeit, Kunst zu erleben, zu reflektieren und dadurch zu wachsen. In diesem Sinne ist das Theater vielleicht nicht perfekt klassenlos, aber es kommt diesem Ideal näher als viele andere Institutionen unserer Gesellschaft.
### Brechts Gespenster im Berliner Ensemble
URL: https://patrick-pehl.de/brechts-gespenster-im-berliner-ensemble/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Suse Wächters Puppeninszenierung feierte bereits 2022 im Berliner Ensemble Premiere – das sich trug sie sogar nach China. Die Regisseurin präsentiert ein innovatives Puppentheater, das Brechts Geist und historische Figuren zum Leben erweckt. Auf der Vorderbühne verschmelzen etwa 100 Puppen Vergangenheit und Gegenwart, sprechen Kenner wie Neulinge an und unterstreichen Brechts anhaltende Relevanz.**
Auf der Bühne des Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm erweckt Regisseurin [Suse Wächter mit „Brechts Gespenster“](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/brechts-gespenster?ref=patrick-pehl.de) nicht nur den Geist des großen Dramatikers, sondern eine ganze Epoche zum Leben. Auf der vier Meter tiefen Vorderbühne – auf der Hinterbühne scheint dir Kulisse der von mir geliebten [Dreigroschenoper](https://patrick-pehl.de/tag/dreigroschenoper/) hindurch – entfaltet sich ein faszinierendes Spektakel, das die Grenzen zwischen Puppenspiel und klassischem Theater verwässert lässt.
Das Bühnenbild, geschaffen von Konstanze Kümmel, vermittelt eine Probenraum- und Fundusatmosphäre. Alle Elemente stehen eng beieinander. Ein schwarzes Podest dient als Hauptspielfläche, gekrönt von einem etwa 2,50 Meter hohen schwarzen Metallgerüst, an dem der Puppenfundus angebracht ist und in dem etwa 80 Puppen verschiedener Größen hängen. Einige Töne erklingen von einem Xylophon und erinnern an die Moritat von Mackie Messer – eine subtile Hommage, [die den Geist Brechts von Beginn an spürbar macht](https://patrick-pehl.de/barbaras-song-boot-der-befreiung-und-selbstbestimmung-polly-peachums-lied-vom-nein-und-ja/).
## Puppenspieler
Was „Brechts Gespenster“ von konventionellem Puppentheater abhebt, ist die imposante Dualität der Darstellung. Die darbietenden Spieler, allen voran Suse Wächter und Hans-Jochen Menzel, führen ein eigenes Schauspiel auf, bei dem die Puppen als Erweiterung ihrer selbst fungieren. In schwarze Gewänder gehüllt, treten die Spieler zwar in den Schatten hinter dem Lichtkegel, der ihre Puppen illuminiert, doch ihre Ausdruckskraft bleibt selbst im Dunkel spürbar. Es ist, als würden die Puppen zu Masken werden, hinter denen sich ein zweites, subtileres Schauspiel verbirgt.
https://patrick-pehl.de/blog/dreigroschenoper-peachum-und-das-mitleid-bettlermafia-monolog-zur-oekonomie/
Bertolt Brecht, der Namensgeber und geistige Vater des Stücks, ist omnipräsent, auch wenn er als physische Puppe nur selten in Erscheinung tritt. Sein Geist durchdringt jede Szene, jede Melodie, jede kulturelle Referenz. Das Stück ist durchzogen von Anspielungen auf [Brechts Werke](https://archive.is/o/lhr7w//blog/tag/brecht/?ref=patrick-pehl.de), Filme und Theatertheorie. Die brechtsche Dialektik und das epische Theater finden in dieser Inszenierung eine wirklich moderne Interpretation. Brecht ist, wie treffend beobachtet, „anwesend abwesend“ – ein Gespenst unter Gespenstern, das die Gegenwart ebenso beeinflusst wie die Vergangenheit.
> Puppentheater ist unterschätzt!
## Panoptikum historischer Figuren
Die Bühne wird bevölkert von einer beeindruckenden Anzahl historischer Persönlichkeiten – an die 100 Puppen sind versammelt, von denen viele zum Leben erweckt werden. Von Margaret Thatcher über Karl Marx bis hin zu Sigmund Freud und sogar Schrödingers Katze – jede Figur bringt ihre eigene Geschichte und Perspektive ein. Besonders bemerkenswert ist, wie diese historischen Gestalten in einen modernen Kontext gesetzt werden. Sie sprechen von ihrer Zeit, kommentieren aber gleichzeitig unsere Gegenwart.
## Brechts Verfremdungseffekt in Aktion
Ein besonders eindrucksvoller Moment des Stücks demonstriert Brechts Verfremdungseffekt auf brillante Weise: Als sich die Figur Fritz Dietz, die dem namenlosen Arbeiter aus Brechts Film *Kuhle Wampe* einen Namen gibt, aus dem Fenster stürzt, durchzuckt ein Moment des Schreckens das Publikum. Doch getreu Bertholt Brechts Theaterphilosophie geht die Handlung unbarmherzig weiter. Diese Szene zielt nicht auf bloßes Mitgefühl ab, sondern fordert das Publikum heraus, sich zu empören und über das Gesehene nachzudenken.
## Surreale psychoanalytische Begegnungen
Die Inszenierung scheut sich nicht vor surrealen und humorvollen Momenten, denn die mystifizierte Psychoanalyse darf bei einem Stück über Gespenster natürlich nicht fehlen. In einer besonders bemerkenswerten Szene holt Suse Wächter Sigmund Freud aus derselben Kiste, in der zuvor Lenin aufgebahrt lag. Freud setzt dem Ganzen die Krone auf, indem er eine namenlose Schrödinger-Katze aus der Kiste zieht, um sie einer gemeinschaftlichen Therapie zu unterziehen. Diese Szene vereint auf geniale Weise historische Figuren, wissenschaftliche Konzepte und psychoanalytische Theorie.
Die Beleuchtung, entworfen von Steffen Heinke, erweist sich als ein Schlüsselelement der Inszenierung. Obwohl auf den ersten Blick einfach gehalten, unterstützt sie meisterhaft das Sehen und Schauen des Publikums. Gespenster schweben in schummrigem Licht am Publikum vorbei, während die Theatermacher im Scheinwerferlicht stehen. Die Musik, komponiert von Matthias Trippner und Martin Klingeberg, wird live auf der Bühne gespielt und trägt wesentlich zur dichten Atmosphäre des Stücks bei.
## Publikumsresonanz und Zugänglichkeit
Trotz der intellektuellen Tiefe und der vielschichtigen Anspielungen gelingt es dem Stück, ein breites Publikum anzusprechen. Die Vorstellung war von Heiterkeit und Lachen geprägt, wobei verschiedene Zuschauergruppen an unterschiedlichen Stellen reagierten – ein Zeichen dafür, dass das Stück auf mehreren Ebenen funktioniert. Besonders beeindruckend ist die Tatsache, dass selbst theaterunerfahrene Zuschauer von der Aufführung begeistert waren.
## Theatralisches Meisterwerk
„Brechts Gespenster” erweist sich als ein theatralisches Meisterwerk, das Puppenspiel, historische Reflexion und brechtsche Theatertheorie auf innovative Weise verbindet. Die Inszenierung schafft es, komplexe Ideen zugänglich zu machen, ohne dabei an intellektueller Tiefe zu verlieren. Sie fordert das Publikum heraus, unterhält es aber gleichzeitig auf höchstem Niveau.
Der wiederholt aufkommende Gedanke „Puppentheater ist unterschätzt!“ kristallisiert sich im Laufe der Vorstellung immer deutlicher heraus. Die Puppenspieler erweisen sich als virtuose Schauspieler, die das Medium Puppe meisterhaft nutzen, um komplexe Charaktere und Situationen darzustellen.
Mit ihrer Mischung aus Humor, Nachdenklichkeit und technischer Brillanz setzt diese Produktion neue Maßstäbe im zeitgenössischen Theater und unterstreicht einmal mehr die Relevanz von [Brechts Werk](https://patrick-pehl.de/tag/brecht/) für unsere heutige Zeit. Brechts Gespenster ist ein Stück, das lange im Repertoire des Berliner Ensembles bleiben sollte, um möglichst vielen Menschen die Chance zu geben, diese kurzweilige und schöne Unterhaltung zu erleben und dabei wertvolle Nahrung für den Geist zu erhalten.
### Kulturkapital und Ohrenjucken
URL: https://patrick-pehl.de/kulturkapital-und-ohrenjucken/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Eine Kulturveranstaltung in Berlin-Prenzlauer Berg bietet überraschende Einblicke zu echten Menschen. Bei der Reformbühne Heim und Welt treffen sich etwa 200 Zuschauer zu einer Lesung mit Musik. Die Atmosphäre ist ausgelassen und eine junge Frau erregt mittels menschlicher Alltagsgeste mein Interesse.**
An einem Sommerabend, der Berlin in träge Hitze hüllt, finde ich mich auf dem wild bewachsenen Hof einer ehemaligen Tankstelle in Prenzlauer Berg wieder. Hier, unter einem weißen Zeltdach, das gnädig Schatten spendet, hat sich die [Reformbühne Heim und Welt](https://archive.is/o/6FSXo/https://reformbuehne.de/?ref=patrick-pehl.de) versammelt – ein Treffpunkt für Berlins Kulturbeflissene. Herrlich!
Etwa 200 Zuschauer haben sich eingefunden, ihre Gesichter ein Mosaik aus Erwartung und leichtem Schwitzen. Die Atmosphäre ist eine Mischung aus Freilufttheater und intellektuellem Salon, aufgelockert durch die schmutzigen Klänge der “bolschewistischen Kurkapelle schwarz rot” – ein Name, der nach ironischer Selbstbeweihräucherung klingt und die Erwartungen wundervoll Erfüllt.
## Abiturientin in stiller Rebellion
Inmitten dieses urbanen Biotops fällt mein Blick auf eine kleine Gruppe, offensichtlich eine Familie, die so viel Kulturkapital ausstrahlt, dass man damit problemlos eine mittelgroße Galerie eröffnen könnte. Sie sehen aus, als hätten sie den Prenzlauer Berg nicht etwa gentrifiziert, sondern vor 20 Jahren eigenhändig aus Lehm geformt.
Besonders faszinierend ist die Tochter, schätzungsweise knapp unter 20, ein Paradebeispiel der Spezies “Digital Native im analogen Exil”. Mit großer Gelassenheit hält sie ihr iPhone in der Hand – ungenutzt, wohlgemerkt. In Zeiten, in denen selbst Kleinkinder ihre Aufmerksamkeitsspanne in Bildschirmzeit messen, ist das nichts weniger als ein Akt der stillen Rebellion.
Ihr Outfit ist ein Meisterwerk der kalkulierten Nonchalance: lässige Jacke, helles Oberteil, filigrane Kette, kurze Hose, weiße Socken und moderne Turnschuhe. Die Haare sind wohlgepflegt, sie liegen nonchalant auf dem Kopf und die Spitzen berühren sanft den Kragen. Der Haarschnitt ist leicht herausgewachsen – vermutlich ein Statement gegen die Vergänglichkeit der Mode.
Ihr Gesichtsausdruck wechselt zwischen einer Philosophin beim Nachdenken und einem Teenager, der gerade erfährt, dass das 5G-Netz ausfällt – eine beeindruckende emotionale Bandbreite. Die Mutter, in ihrer Rolle als kulturelle Simultanübersetzerin, tippt sie gelegentlich an, um Kommentare abzugeben. Die Tochter reagiert darauf mit der Begeisterung eines Pesketariers an der Fleischtheke.
## Drängende Menschliche Bedürfnisse
Doch dann, nach der Pause und einem weiteren schmissigen Lied der Kurkapelle, offenbart sich das wahre Drama des Abends. Die menschlichen Bedürfnisse melden sich – in Form eines juckenden Ohrs. Was folgt, ist eine Performance, die selbst renommierte Konzeptkünstler vor Neid erblassen lassen würde.
Mit der Präzision eines Neurochirurgen und der Langsamkeit einer Zeitlupenaufnahme führt unsere Heldin ihren Finger zum Ohr. Es folgt ein kleines Rütteln, das an eine sanfte Erdbebenübung erinnert. Die Hand gleitet dann in einer Bewegung, die Michelangelo Tränen in die Augen getrieben hätte, am Unterkiefer entlang zum Kinn.
Aber warten Sie, es wird noch besser. In einer Wendung, die selbst Hitchcock nicht hätte vorhersehen können, wandert die Hand zur Nase, dann zu den Lippen. Es ist, als würde sie eine geheime Botschaft entschlüsseln, die ihr Ohrenschmalz ihr zugeflüstert hat.
Ich bin fasziniert und leicht verstört zugleich. Ist dies eine avantgardistische Interpretation von Jogi Löws berühmter Spielfeldrand-Choreographie? Eine Kritik an der Überintellektualisierung der Kunst? Oder einfach nur ein juckendes Ohr? Bevor ich zu einer Antwort kommen kann, wiederholt sich das Spektakel mit der anderen Hand. Natürlich, denke ich mir, wenn das eine Ohr juckt, juckt das andere auch. Es ist die perfekte Symmetrie des Unbehagens.
## Wahrer proletarischer Prunk
In diesem Moment wird mir klar: Das hier, diese kleine, alltägliche Szene, ist die wahre Kunst des Abends. Ungefiltert, ungeschliffen, unglaublich menschlich. Vielleicht, so denke ich, während um mich herum die Vorstellung weitergeht, ist das der eigentliche Geist von Prenzlauer Berg. Nicht die hippe Fassade, nicht das zur Schau gestellte Kulturkapital, sondern diese kleinen, unvermittelten Momente der Menschlichkeit.
Und während die bolschewistische Kurkapelle schwarz rot den Hit “[Du hast den Farbfilm vergessen](https://archive.is/o/6FSXo/https://www.youtube.com/watch?v=zTuzXvLk7AQ&ref=patrick-pehl.de)” schmissig anstimmt, lächle ich in mich hinein. Denn in diesem Moment fühle ich mich endlich wirklich angekommen – nicht als Beobachter, sondern als Teil dieses wunderbaren, skurrilen, zutiefst menschlichen Moments in einer Sommernacht in Prenzlauer Berg.
### „The Writer“: Häutungen im Bodennebel
URL: https://patrick-pehl.de/the-writer-im-berliner-ensemble-2024/
Last updated: 2026-06-22T18:26:27.000Z
**Ella Hicksons „The Writer“ von 2018 ist im Werkraum des Berliner Ensembles zu sehen, ist mehr als nur ein weiteres Stück über das Schreiben – es ist ein radikales Formexperiment, das die Grenzen des konventionellen Theaters sprengt. In ihrer metatheatralischen Struktur hinterfragt die britische Dramatikerin die Form des „Well-made Play“.**
Das Stück bildet verschiedene Realitätsebenen in sich aus, die jeder kreative Werkschaffende kennt. Wie Dramaturgin Jan Stephan Schmieding im Programmheft treffend beschreibt, ist Hicksons namenlose Autorin „eine Wesensverwandte von Thomas Bernhards Theatermacher“ – sie krankt „an der Welt, den eigenen hochfliegenden künstlerischen Ambitionen und der Ignoranz der sie umgebenden Menschen.“ In diesem Vexierspiel stellt die Autorin des Stücks Ella Hickson die Frage, wie neue, moderne – auch feministische – Perspektiven Struktur und Inhalte des kreativen Schaffensbetriebs verändern können.
Es gibt diese seltenen Theatermomente, die mehr sind als Kunst – sie werden zu Spiegeln der Seele. Als der letzte Ton im Theater am Schiffbauerdamm verklang, blieb ich zurück: erschüttert, entblößt, verwandelt. [Hicksons „The Writer“ am Berliner Ensemble](https://www.youtube.com/watch?v=hECjM08RkJs&ref=patrick-pehl.de), inszeniert von Fritzi Wartenberg und Jan-Stephan Schmieding, hatte mich nicht nur berührt, es hatte mich regelrecht aufgerissen. Noch Wochen später hallte das Gesehene in mir nach – mit seltener emotionaler Wucht, die mich mitten im Alltag, in Gesprächen, in stillen Momenten überwältigte. Das Stück hatte sich in mein Bewusstsein geschmolzen, leuchtete vergrabene Winkel aus, die ich lange nicht ersonnen hatte. Ich war zutiefst berührt, erschüttert, manchmal regelrecht von mir und der theatralischen Analyse auf der Bühne des [Berliner Ensemble](https://patrick-pehl.de/tag/berliner-ensemble/) überwältigt von der schonungslosen Wahrhaftigkeit, mit der Hickson reale Lebenswirklichkeiten in mir und davon der Welt um mich herum offenlegte. Diese Kunst hatte mich durchdrungen, sogar in einer gewissen Metaphyse gewandelt. Es ließ mich nicht mehr los, eine Resonanz, die ich seit längerem nicht mehr in mir erlebt hatte.

Die **Autorin* kommt nach Hause zu ihrem **Boyfriend*. Sie ist erschöpft von der Lieb- und Leblosigkeit in ihrem Innern. © Moritz Haase / BE
## Spiegelbilder der Leere
Die Anfangsszene bohrte sich wie ein Dorn in mein Bewusstsein. [Pauline Knof](https://www.berliner-ensemble.de/pauline-knof?ref=patrick-pehl.de) als Autorin, heimkehrend in die Enge des Alltags, erschöpft vom kreativen Kampf – in ihrem Gesicht sah ich meine eigene Geschichte. Die Zufriedenheit über das Geschaffene, aber keine wirkliche Freude; die unmögliche Aufgabe, die Erwartungen des Partners zu erfüllen, während man selbst ausgezehrt ist vom immateriellen Ringen mit Worten und Gedanken, vom täglichen Versuch, die Seele auf Papier zu bannen.
Wenn ein Autor stundenlang an Formulierungen arbeitet, Tonalitäten neu arrangiert, die Seele in Worte gießt – und der Lebenspartner nichts sieht als den Geldbetrag am Ende! BWL statt Kunst, Ergebnis statt Prozess, Format statt Hingabe. Diese Szene zerschnitt meine Fassade. Der „*Boyfriend*“ (gespielt von [Max Gindorff](https://www.berliner-ensemble.de/magazin/lasst-uns-nie-aufhoeren-einander-zu-begegnen?ref=patrick-pehl.de)) sieht im gemeinsamen Essen den Höhepunkt des Tages – kochen, essen, in formatierten Rollenbildern existieren. Und man selbst will sich als Autor auch damit begnügen, mit dem eilig zusammengerührten Fertigessen, mit ehelichen Pflichten ohne Feuereifer. Man kann von so einem Menschen nie bekommen, was man eigentlich braucht – Verständnis, echte Verbindung, Resonanz.
[](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/writer?ref=patrick-pehl.de)
Cover des Programmhefts zum Stück „The Writer“ im Berliner Ensemble. Ein Stück aus der WORX-Reihe. © Berliner Ensemble / Cover
## Patriarchat im Schlafzimmer
Die Sofa-Szenen wurden zum schmerzlichen Spiegel meiner eigenen Erfahrungen. Die Autorin, die mit ihrem Freund auf dem Sofa Sex hat – er will es als Routine, sie lässt es zu, als würde sie ihm ein Stück Brot zubereiten. Gelangweilt, erleichtert wenn es vorbei ist, innerlich abwesend. Der Versuch des Boyfriends, sie zu affizieren mehr zu geben – sie körperlich und seelisch in Bewegung zu versetzen, in ein System einzupassen, das nicht ihres ist – scheitert an der emotionalen Leere, die sich zwischen ihnen aufgetan hat. In dieser körperlichen Begegnung wird Sex zur Währung, zum Tauschgeschäft ohne Leidenschaft. Die Berührungen auf dem Sofa sind mechanisch, entfremdet, als würden zwei Fremde ein stummes Abkommen einhalten. Die körperliche Nähe verstärkt paradoxerweise nur die seelische Distanz – eine Choreografie der Entfremdung, bei der jede Bewegung, jedes Stöhnen zur einstudierten Pflichtübung wird. Der Körper ist präsent, während der Geist längst auf Reisen gegangen ist.
Ich kannte diese Lieblosigkeit, diese einseitigen Anstrengungen, diesen Versuch, in ein Format zu passen, das nicht meins war; die brillante Regie machte aus kleinen Gesten – der Position eines Beines, der Haltung eines Arms – ganze Erzählungen über innere Leere.
Noch erschütternder war die spätere Umkehrung. Die Autorin, nun mit ihrer „Girlfriend“ (eindrucksvoll gespielt von [Theresa Gmachl](https://www.instagram.com/theresagmbh/?ref=patrick-pehl.de)), übernimmt selbst die Rolle des emotionalen Ausbeuters. Sie nutzt ihre neue Partnerin, wie ihr Freund sie zuvor nutzte – der Kreislauf schließt sich, [nur die Rollen haben sich vertauscht](https://patrick-pehl.de/gefangen-im-kreislauf-the-writer-berliner-ensemble-theater/). Vielleicht ist das die bitterste Erkenntnis: dass auch wir, die Unterdrückten, die Muster übernehmen können, gegen die wir uns auflehnen. Dass wir selbst zu dem werden können, was wir einst bekämpft haben.
## Kreisläufe des Werdens
Mit jeder Szene erkannte ich die Spiralen meines eigenen Lebens. Wir bewegen uns nicht in geraden Linien, sondern in Kreisen; die Protagonistin durchlebte Konflikte, die mir nur allzu vertraut waren – und doch sah ich in ihren neuen Kämpfen meine alten gespiegelt. Wie oft hatte ich geglaubt, mich weiterentwickelt zu haben, nur um festzustellen, dass ich vor den gleichen Problemen stand, wenn auch in neuem Gewand! Das Stück zeigte unbarmherzig, wie wir in unserem kreativen Streben immer wieder an ähnliche Punkte zurückkehren, gefangen in einem Tanz aus Fortschritt und Regression, der sich über Jahrzehnte erstrecken kann und doch nie wirklich endet.

Die **Autorin* steht groß hinter ihrem **Girlfriend* – ist sie nun wie der „**Produzent*“? © Moritz Haase / BE 2025
Als ich das Theater verließ, trug mich eine nachdenkliche Leichtigkeit, die kaum zu beschreiben ist. Zu Hause, auf meinem azurblauen Sofa sitzend, während draußen die Dunkelheit hereinbrach und klassische Musik durch mein Wohnzimmer schwebte. Ich versuchte zu verstehen. Die Musik half dabei. Oder auch nicht. Es wurde mir die volle Tragweite des Gesehenen bewusst. Ich dachte über das Leben nach, das ich einst geführt hatte, und warum ich es nicht geschafft hatte, damit zufrieden zu sein – dieses Leben, das mir manchmal wie eine fremde Hülle erschien. Das Stück hat Urgewalt.
Mein eigener Weg ähnelte so sehr dem der Protagonistin – am Anfang meines spätadoleszenten Lebens hilflos und kompasslos, versuchend, durch Kreativität einen Platz zu finden, ohne wirklich mich selbst zu finden. In einem kreativen Hotspot der Stadt wohnend, Heil in Religion suchend, unsicher, wer ich war und sein wollte. Ich hatte mich durchgewurschtelt, versucht zur Geltung zu kommen, Medien geschaffen, Bildungsabschlüsse nachgeholt, mich zwischenmenschlich entwickelt. Ich hatte mich gehäutet, Schicht um Schicht, Emotionen gelernt und verlernt, bis die Corona-Zeit kam und mir alles nahm – ein erzwungener Neuanfang, eine grundlegende Neujustierung, ein Riss durch die Kontinuität meiner Existenz.
Manchmal denke ich, dass wir alle die gleichen Fehler wiederholen, nur in anderer Verpackung. Dass wir die gleichen Kämpfe durchleben, nur mit anderen Namen und Gesichtern. Vielleicht ist das auch okay so. Ich weiß es nicht. Das Stück hat mir keine Antworten gegeben, nur neue Fragen aufgeworfen.
## Dionysos und Leda
Der Dialog zwischen der Autorin und der griechischen Mutter Natur hallte in meinen Gedanken nach – ein Nachklang, der Tage anhielt. Dionysos und Leda, diese mythologischen Figuren im Stück, wurden zu Metaphern meiner eigenen Transformation. Dionysos – der griechische Gott des Weines, der Ekstase und des Theaters – symbolisiert den kreativen Rausch, den Taumel der Inspiration, der manchmal an Wahnsinn grenzt. Leda hingegen – die sterbliche Frau, die von Zeus in Gestalt eines Schwans verführt wurde – verkörpert das Ausgeliefertsein an höhere Mächte, die Verletzlichkeit gegenüber überwältigenden Kräften und zugleich die transformative Macht dieser Begegnung.
[„The Writer“ am Berliner Ensemble: Gefangen im Kreislauf des SchaffensElla Hicksons „The Writer” am Berliner Ensemble zeigt die Erschöpfung kreativer Berufe, Selbstentfremdung und die Erlösung im Scheitern. Eine persönliche Kritik über kreative Spiralen und die Frage, ob im ewigen Kreislauf des Schaffens nicht auch Erlösung liegt.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/gefangen-im-kreislauf-the-writer-berliner-ensemble-theater)
Für mich war das einer der Schlüsselmomente, wenn man sich aus seinem eigenen Bodensatz befreit, sich an einer Liane durch den Dschungel an Möglichkeiten und Gefühlen selbst hinaus ziehen muss und dabei eine komplette Häutung durchlebt – einen Wandel der eigenen Persönlichkeit. Aus dem Bodennebel, der Anfangszeit, der Halt- und Hilflosigkeit hinaus in eine neue Wahrnehmung, Form gebracht zu werden – eine Metamorphose, die gleichermaßen beängstigend und befreiend ist.
Manchmal frage ich mich, ob ich je wirklich verstanden habe, was es bedeutet, ein Künstler zu sein. Diese Zerrissenheit zwischen dem, was man erschaffen will, und dem, was die Welt von einem verlangt. Die Autorin im Stück hat es verstanden. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das gar nicht der Punkt.

Die **Autorin* in den Ruinen ihres Heims, ihres warmen Rudiments, das doch so fern und kalt ist. © Moritz Haase / BE
Tagelang nach der Aufführung wandelte ich wie ein Geist durch mein Leben, eingehüllt in diesen Bodennebel der Selbstreflexion. Manchmal braucht man „einen großen Ventilator", um diesen Nebel zu vertreiben – doch manchmal ist es schwierig, die Steckdose für den Stecker des Ventilators zu finden. Vielleicht war mein eigener „Ventilator" die Einsicht in eine sehr schwere Trennung – nicht nur von einer besonderen Frau, sondern von Gewissheiten, die ich für unerschütterlich gehalten hatte.
## Schmerz der Häutung
Was mich am meisten erschütterte: Das Stück bestätigte meine Erfahrungen, anstatt sie zu verändern. Ich fühlte mich zutiefst verstanden von Hicksons Text und Knofs kraftvoller Darstellung; die Anspannung, die Traurigkeit, der „mitfühlende Stress" – all das überraschte mich in seiner Intensität, „weil es ja eigentlich nur ein Stück ist." Doch wie oft sind es gerade die Kunstwerke, die uns am tiefsten berühren, weil sie Wahrheiten aussprechen, die wir selbst nicht zu formulieren wagen? Wie oft haben wir das Gefühl, dass ein fremder Geist unsere verborgensten Gedanken gelesen hat und sie uns nun, in der schonungslosen Ehrlichkeit der Kunst, zurückspiegelt?
In diesem ewigen Kreislauf des Schaffens und Scheiterns, des Wachsens und Zurückfallens liegt vielleicht unsere tiefste menschliche Wahrheit. Jeden Tag entwickeln wir uns ein bisschen weiter. Manchmal gibt es eine Art Kipppunkt, einen Evolutionsschritt in der eigenen Entwicklung. Aber immer wieder finden wir uns in äußeren Zwängen wieder, die doch große Ähnlichkeit aufweisen. Manchmal ändern wir auch bloß die eigene Rolle – man ist in derselben schwierigen Situation wie vielleicht vor einigen Jahren schon einmal, nur an einer anderen Position.
Die gleichen Konflikte. Das gleiche Ringen. Und doch bin ich heute ein anderer als damals, als ich noch versuchte, mich in die Formen zu pressen, die andere für mich vorgesehen hatten. Das Stück hat mich daran erinnert. Es hat mich zurückgeworfen und gleichzeitig nach vorn gedrängt.

Pauline Knof als "Autorin" in der Natur, während sie ihre Erweckung hat.
Sich immer wieder zu hinterfragen und weiterzuentwickeln ist furchtbar schwierig. Es fordert nicht nur von einem selbst sehr viel ab, sondern auch vom eigenen Umfeld – den Menschen, die uns nahe stehen und mit jeder unserer Häutungen konfrontiert werden. Die eigenen Umstände, die eigenen Verhältnisse können sich immer wieder anpassen und verändern, man selbst aber nicht – oder doch? Man selbst ist nur eine Art Körper, der immer wieder geschält wird; Lage für Lage kann Selbsterkenntnis freigelegt werden, doch das ist furchtbar – viel Arbeit, die manchmal niemand zu würdigen weiß.
Dennoch, in den Tiefen dieser Verzweiflung keimt ein winziger Funke Hoffnung. Vielleicht liegt in diesem Kreislauf nicht nur unser Fluch, sondern auch unsere Erlösung. In jedem Durchgang, in jeder schmerzhaften Häutung, kommen wir unserem wahren Selbst ein Stück näher – wie Dionysos und Leda, die durch Transformation zu einer tieferen Wahrheit finden.
### Operation Coolness – Als ich mich selbst karikierte
URL: https://patrick-pehl.de/operation-coolness-als-ich-mich-selbst-karikierte/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Es ist ein heißer Sonntag, der die Stadt sanft zerschmelzen lässt. Ich bin außerordentlich gut gelaunt, denn ich habe frei und bin voller Vorfreude. Am Abend bin ich verabredet, zu einer Lesung mit Musik in Prenzlauer Berg zu gehen. Am Vormittag ist der Abend noch fern, doch in Gedanken bin ich schon dort.**
Ich weiß noch nicht genau, was mich erwartet, doch eins wird mir immer klarer: Ich muss lässig aussehen, cool wirken, bella Figur machen. Aber wie genau, weiß ich noch nicht. Schon beim Aufwachen spüre ich dieses Kribbeln – pure, unverfälschte Vorfreude, die ich unbedingt hinter einer Fassade von Coolness verstecken will.
Über den Tag verteilt kippe ich mehrere Tassen Kaffee in mich hinein. Als ich einen mittäglichen Spaziergang machte, mussten meine lieben Nachbarn zu unfreiwilligen Zeugen meiner überbordenden guten Laune werden. Beim nachbarschaftlichen Spaziergang überschütte ich sie mit Vorfreude. Sie nicken höflich, vermutlich in der stillen Hoffnung, dass mein Enthusiasmus bald weicht. Der Tag fängt also schon ganz gut an – zumindest für mich.
## Weißes Shirt und graues Jäckchen
Die Sonne steht hoch am Himmel, als ich beschließe, meinen Look für den Abend zu planen. Mein Kleiderschrank, normalerweise ein Tempel der Eleganz, wird zum Laboratorium meiner neu zu erfindenden Lässigkeit. Geschneiderte Anzüge und [makellose Hemden](https://archive.is/o/gokA5//blog/das-weisse-hemd-die-leinwand-fuer-modische-eleganz/?ref=patrick-pehl.de) schauen mich vorwurfsvoll an, als ich nach einem einfachen, aber sehr wohl ausgewählten weißen Baumwoll-T-Shirt ohne Markenaufdruck greife. „Verräter“, scheinen sie zu flüstern. Ich kombiniere es mit einer freundlichen lichtgrauen Trainingsjacke der Marke Adidas, die ich sportlich halboffen trage – ein Meisterwerk der Pseudo-Nonchalance.
https://patrick-pehl.de/blog/kulturkapital-und-ohrenjucken/
Meine heiß geliebte Braun Uhr mit Metallarmband – ein Klassiker des Industriedesigns – findet ihren Weg an mein Handgelenk. Sie tickt im Rhythmus meiner wachsenden Aufregung. Dazu eine sorgfältig ausgewählte Nadelstreifenhose, die Seriosität und exzentrischen Look in perfekter Balance hält. Meine mit billigsten Strumpfwaren besockten Füße stecken in ziemlich bequemen handgefertigten Schuhen, die ich zwar immer trage, die aber heute als Stilbruch besonders beiläufig wirken sollen.
## Lässig am Anschlag
Die Stunden verstreichen, und meine Vorfreude wächst mit jeder Minute. Ich übe betont ausdruckslose Blicke im Spiegel, probiere verschiedene Arten aus, wie ich meine Haare verwuscheln kann, damit sie perfekt unfrisiert aussehen. Es ist eine Wissenschaft für sich, und ich bin entschlossen, sie zu meistern. Gegen 17 Uhr erreicht mein Vorfreude-Level den Anschlag. Jetzt heißt es: Ruhe bewahren und so tun, als wäre dieser Abend nichts Besonderes. Nur eine weitere Nacht im Leben eines weltgewandten Kulturkenners. Ein Hauch Schminke hier, ein Häubchen Haarstylingschaum da, und natürlich die Sonnenbrille – das ultimative Accessoire für den gewollt-lässigen Auftritt.

Fan-Schnappschuss mit dem berühmten Autor Jakob Hein bei der Reformbühne Heim und Welt in Berlin (rechts: Patrick Pehl)
Als der weiße Zeiger meiner Designklassiker-Wanduhr in Richtung sechs wandert, schnappe ich mir mein Fahrrad und mache mich auf den Weg in den Nachbarbezirk. Die Straßen von Prenzlauer Berg empfangen mich mit ihrem typischen Flair aus geordnetem Kopfsteinpflaster, pittoresken Altbaufassaden und einer aus der Zeit gefallenen Tankstelle. Ich habe selbst mal in der Gegend gewohnt und fühle mich wie ein Tourist, der schon unzählige Male da war und sich über die Unveränderung freut – alles noch wie letztes Mal, nur ich bin jetzt cooler. Oder?
## So cool wie Himmelblau-Eis
Vor der Spielstätte in einer alten Tanke angekommen, stehe ich unschlüssig herum. Wie stellt man sich hin, wenn man cool sein will? Ich lehne mich an eine Laterne, ein Bein lässig angewinkelt, und versuche, desinteressiert in die Ferne zu blicken. In meinem Kopf sehe ich mich als das supersüße Abbild der Lässigkeit, wie ein himmelblaues Eis in einer Honigwaffel an einem heißen Sommertag. Um besonders beiläufig herüberzukommen, denke ich mir: “Ich brauche ein Attribut!” Vielleicht eine Zigarette? Nein, ich rauche ja nicht. Ein Buch? Zu offensichtlich. Eine Tüte Gummibärchen? Jetzt wird’s albern.
Mit einem innerlichen Schulterzucken und einem nun nicht mehr unterdrückten Lächeln lasse ich meine mühsam aufgebaute Fassade fallen. Was auch immer der Abend bringen wird – es wird auf jeden Fall eine Geschichte wert sein. Und wer weiß, vielleicht werde ich ja doch noch zum erfrischendsten Typen des Abends – nicht weil ich so tue, als wäre ich cool, sondern weil ich einfach ich selbst bin. Ein leicht überdrehter, koffeingeladener Kulturenthusiast, der sich als himmelblaues Eis verkleidet hat. Prenzl’berg, mach dich bereit für einen Abend voller Überraschungen!
### Gefangen im Kreislauf: „The Writer“
URL: https://patrick-pehl.de/gefangen-im-kreislauf-the-writer-berliner-ensemble-theater/
Last updated: 2026-06-22T18:26:27.000Z
**Als der letzte Ton verklang, saß ich im Theater am Schiffbauerdamm, gefangen zwischen zwei Welten – der Realität und dem emotionalen Abgrund, in den mich Ella Hicksons „The Writer**“ **gestürzt hatte. Mein Hirn war getränkt in Emotionen, mein Herz drückte Botenstoffe durch meinen hilflosen Körper. Ich war mehr als nur berührt – ich war aufgerissen, bloßgelegt, zerschmettert.**
Die erste Szene traf mich wie ein Blitz. [Pauline Knof als Protagonistin](https://www.berliner-ensemble.de/pauline-knof?ref=patrick-pehl.de), heimkehrend in eine Welt der Erwartungen, die sie nicht erfüllen konnte. Ihr Gesicht – eine Maske der Erschöpfung, gezeichnet von der Zufriedenheit des Schaffens, aber bar jeder Freude. In ihren Augen sah ich mich selbst, gefangen im ewigen Kampf zwischen künstlerischer Erfüllung und den gnadenlosen Forderungen des Alltags. Es war, als hätte jemand meine dunkelsten Momente auf die Bühne gezerrt.
Knofs Darstellung war mehr als Schauspiel – es war eine Vivisektion meiner Seele. Jede ihrer Gesten, jeder Blick schnitt tief in mein Innerstes. Ich fühlte physischen Schmerz, als ich die Qualen der Protagonistin miterlebte – das Ringen um Verständnis in einer Beziehung, wo der Partner blind ist für die Tiefen des kreativen Abgrunds. Wie oft hatte ich selbst vor diesem Abgrund gestanden, schreiend nach Verständnis, nur um Leere zu ernten?
[The Writer im Berliner Ensemble: Häutungen im BodennebelElla Hicksons „The Writer“ von 2018 ist im Werkraum des Berliner Ensembles zu sehen, ist mehr als nur ein weiteres Stück über das Schreiben – es ist ein radikales Formexperiment, das die Grenzen des konventionellen Theaters sprengt. In ihrer metatheatralischen Struktur hinterfragt die britische Dramatikerin die Form des „Well-made Play“. DasPatrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/the-writer-im-berliner-ensemble-2024/)
Die Sofa-Szenen waren ein Kaleidoskop der Verzweiflung. Jede Bewegung, jede Nuance in der Körpersprache erzählte von der Tragödie der menschlichen Existenz. Von der Langeweile einer erloschenen Leidenschaft bis zur kurzen Euphorie der Neuentdeckung und zurück in die Fänge der Konformität – ich durchlebte jeden Moment, als wäre es mein eigenes Leben, das dort seziert wurde.
Mit jeder Szene wurde mir schmerzlich bewusst: Wir bewegen uns in Spiralen, nicht in geraden Linien. Die Protagonistin durchlebte Konflikte, die mir nur allzu vertraut waren – und doch sah ich in ihren neuen Kämpfen meine alten gespiegelt. Wie oft hatte ich geglaubt, mich weiterentwickelt zu haben, nur um festzustellen, dass ich vor den gleichen Problemen stand, wenn auch in neuem Gewand? Das Stück zeigte unbarmherzig, wie wir in unserem kreativen Streben immer wieder an ähnliche Punkte zurückkehren, gefangen in einem Tanz aus Fortschritt und Regression.

Die Autorin steht groß hinter ihrem Girlfriend – ist sie nun wie der „Produzent“? © Moritz Haase / BE 2025
Der Dialog mit der griechischen Mutter Natur hallte in mir nach wie ein uralter Gesang. Er riss alte Wunden auf, erinnerte mich an die Kämpfe mit meinem eigenen Dämon der Kreativität. Ich fühlte mich wie Leda, verführt und transformiert von einer höheren Macht, gefangen zwischen Ekstase und Verzweiflung. War ich nicht selbst immer wieder Dionysos und Leda zugleich – berauscht von der Kraft des Schaffens und doch Opfer meiner eigenen Ambitionen?
Tagelang nach der Aufführung wandelte ich wie ein Geist durch mein Leben. Der Bodennebel der Erkenntnis umhüllte mich, drohte mich zu ersticken. Ich suchte verzweifelt nach dem Ventilator, der diesen Nebel vertreiben könnte, tastete blind nach der Steckdose der Erleuchtung. Doch die Kraft zur Veränderung schien unerreichbar, verborgen hinter Mauern aus Angst und Gewohnheit.
„[The Writer](https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/writer?ref=patrick-pehl.de)“ war keine Aufführung – es war ein Ritual der Selbstzerstörung und Neuerschaffung. Es zwang mich, jede Schicht meines Seins abzustreifen, mich nackt und verletzlich der grausamen Wahrheit zu stellen: Wir sind gefangen im ewigen Kreislauf des Schaffens, verdammt dazu, uns immer wieder neu zu erfinden, nur um am Ende vor den gleichen Abgründen zu stehen.
Und doch, in den Tiefen dieser Verzweiflung, keimte ein winziger Funke Hoffnung. Vielleicht liegt in diesem Kreislauf nicht nur unser Fluch, sondern auch unsere Erlösung. In jedem Durchgang, in jeder schmerzhaften Häutung, kommen wir unserem wahren Selbst ein Stück näher.
Als ich schließlich das Theater verließ, war ich nicht mehr derselbe Mensch. „The Writer“ [hatte mich zerschmettert und neu zusammengesetzt](https://patrick-pehl.de/the-writer-im-berliner-ensemble-2024/). Ich trat hinaus in die Nacht, verwundet, erschöpft, aber lebendig wie nie zuvor – bereit, mich erneut in den Strudel des Schaffens zu stürzen, in der ewigen Hoffnung, diesmal vielleicht, nur vielleicht, dem Geheimnis meiner Existenz ein Stück näher zu kommen.
### Metamorphose der politischen Kommunikation
URL: https://patrick-pehl.de/metamorphose-der-politischen-kommunikation/
Last updated: 2026-06-14T11:39:11.000Z
**Die digitale Welt verändert die politische Kommunikation grundlegend. Experten warnen vor einer Informationsüberflutung und einem Verlust an Reflexionszeit für Politiker. Das traditionelle Sommerloch ist verschwunden, während soziale Medien und Echtzeitkommunikation den politischen Diskurs rund um die Uhr antreiben. Politiker und Journalisten ringen um ein neues Gleichgewicht zwischen Transparenz und effektiver Entscheidungskommunikation.**
Es ist ein schwüler Augustnachmittag in Berlin. Die Hitze staut sich zwischen den imposanten Fassaden des Regierungsviertels. Wo in früheren Jahren um diese Zeit gähnende Leere herrschte, herrscht heute geschäftiges Treiben. In den klimatisierten Büros des Reichstagsgebäudes sitzen Abgeordnete vor flimmernden Bildschirmen, die Augen auf die neuesten Twitter-Feeds und Nachrichtenticker gerichtet. Das einstige Sommerloch ist zu einem Relikt vergangener Tage geworden, verdrängt von einem nicht enden wollenden Strom politischer Kommunikation.
## Die Persistenz des politischen Diskurses
“Früher gab es noch so etwas wie ein Sommerloch, heute eigentlich nicht mehr”, konstatiert ein langjähriger Parlamentarier, während er stirnrunzelnd auf sein Smartphone blickt. Diese Beobachtung ist symptomatisch für einen tiefgreifenden Wandel in der politischen Landschaft. Die Digitalisierung hat die Spielregeln der politischen Kommunikation fundamental verändert, die Grenzen zwischen öffentlichem und politischem Raum zusehends verwischt.
In den Tunneln unter dem Reichstag, wo einst in der Sommerpause Stille herrschte, hallt heute das Echo hitziger Debatten wider. “In 95 Prozent der Fälle verliert man, nur in 5 Prozent der Fälle gewinnt man und bekommt das, was man will”, erklärt der FDP-Politiker Otto Fricke. Seine Aussage offenbart die Kehrseite der digitalen Revolution: In einer Welt, in der jede Äußerung, jede Positionierung in Echtzeit öffentlich wird, sehen sich Politiker einem ständigen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt.

Otto Fricke (FDP) mit seinem Stab erklärt Patrick Pehl die Haushaltspolitik im Sommer 2024 © Max Hartmann
Das Verschwinden des medialen Sommerlochs ist mehr als eine Anekdote aus dem politischen Alltag. Es symbolisiert einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie Politik kommuniziert und wahrgenommen wird. “Der Haushalt wurde beschlossen, die Ukraine-Krise läuft weiter, es ist einfach viel los”, berichtet ein Mitarbeiter des Bundespresseamtes. Die Kontinuität globaler Krisen und die Omnipräsenz digitaler Medien haben eine neue Realität geschaffen, in der die Politik keinen Stillstand mehr kennt.
## Dilemma ständiger Präsenz
Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf: Wie viel Kommunikation ist notwendig, um den Anforderungen einer aufgeklärten Demokratie gerecht zu werden? Ab welchem Punkt wird der Überfluss an Information kontraproduktiv? Die ständige Verfügbarkeit von Informationen und die Möglichkeit, jede [politische Entwicklung in Echtzeit zu kommentieren, haben zweifellos zu einer Dynamisierung ](https://www.politik-kommunikation.de/politik/hintergrundguetiger/?ref=patrick-pehl.de)des politischen Diskurses geführt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Fülle an “Wasserstandsmeldungen” den Blick auf wesentliche politische Entscheidungen und langfristige Entwicklungen verstellt.
Für Politiker ergibt sich daraus ein Dilemma: Einerseits müssen sie dem wachsenden Bedürfnis der Wählerschaft nach Partizipation und Transparenz gerecht werden. Andererseits besteht die Gefahr, dass die ständige mediale Präsenz den eigentlichen Prozess der politischen Entscheidungsfindung beeinträchtigt. “Sollten Politiker nicht manchmal ein bisschen länger Dinge für sich behalten und am Ende die Ergebnisse präsentieren statt den Nachdenkprozess?”, fragt sich ein erfahrener Parlamentskorrespondent.

Otto Fricke (FDP) mit seinem Stab erklärt Patrick Pehl die Haushaltspolitik im Sommer 2024 © Max Hartmann
## Macht im Wandel
Als [Journalisten](https://patrick-pehl.de/hauptstadt-journalismus-in-der-zwickm-hle-zwischen-anspruch-und-eitelkeit/) stehen wir vor der Herausforderung, unsere Rolle als Vermittler und Erklärer komplexer politischer Prozesse neu zu definieren. Es gilt, eine Balance zu finden zwischen der Befriedigung des unmittelbaren Informationsbedürfnisses und der Notwendigkeit, politische Entwicklungen in einen größeren Kontext einzuordnen.
Die Debatte um die angemessene Form politischer Kommunikation im digitalen Zeitalter steht erst am Anfang. Sie wird uns in den kommenden Jahren weiter beschäftigen und möglicherweise zu einer Neujustierung des Verhältnisses zwischen Politik, Medien und Öffentlichkeit führen. Es liegt an allen Beteiligten, diesen Prozess aktiv zu gestalten, um die Qualität unseres demokratischen Diskurses zu bewahren und zu stärken.
Während die Sonne hinter den Kuppeln des Reichstags versinkt, geht ein weiterer Tag im nie endenden Zyklus der politischen Kommunikation zu Ende. Doch die Fragen, die er aufgeworfen hat, werden uns noch lange beschäftigen.
### Freiheit durch die Brotbüchse
URL: https://patrick-pehl.de/kolumne-freiheit-durch-die-brotbuechse-von-esskultur-und-lieferdiensten/
Last updated: 2026-06-22T18:26:28.000Z
**Die Stadt wird von Lieferdiensten und Restaurants dominiert, während die Brotbüchse zum Symbol vergangener Zeiten verkümmert. Doch in dieser unscheinbaren Box verbirgt sich mehr als ein Behältnis – sie steht für eine Esskultur der Selbstbestimmung. Ist die Rückeroberung kulinarischer Freiheit der Luxus, den wir uns heute wirklich leisten sollten?**
Meine Brotbüchse ist aus Metall und früher hatte ich eine aus halbtransparentem Plastik mit einem Trennfach gegen verrutschende Brote. In meiner Familie kamen die Speisen ohne zusätzliche Umhüllung hinein, andere wickelten ihre Stullen noch in Papier oder Alufolie. Die Stulle wird in der Brotbüchse konserviert und zum selbstbestimmten Mahl eleviert. Heute sieht man das immer seltener – wann geriet unsere Welt aus den Fugen und stellte auf Restaurantbesuche um statt sich was mitzunehmen?
Es war Auguste Escoffier, der vor 150 Jahren dem Restaurantbesuch seinen Nimbus der Exklusivität verlieh. Was damals distinguierte Freizeitgestaltung des Bürgertums war, ist in unserer Gegenwart zur merkwürdigen Selbstverständlichkeit geworden. Die Metamorphose vollzog sich etappenweise: In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden die ersten Betriebsküchen als pragmatische Antwort auf die Schichtarbeit – eine Mahlzeit außer Haus aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, nicht als lifestylegetriebener Konsum.
## Von der Freiheit zur bedürftigen Esskultur
Wie obskur erscheint heute die Epoche der allgegenwärtigen Brotbüchse! Sie war mehr als Behältnis – sie war Ausdruck von Eigenständigkeit, häuslicher Fürsorge und ökonomischer Vernunft. In ihrer Funktionalität verkörperte sie eine Selbstbestimmung, die wir heute mit erstaunlicher Leichtfertigkeit preisgeben. Ein Anachronismus, so scheint es – dabei ist sie Symbol einer [kulinarischen Haltung](https://patrick-pehl.de/freitags-die-richtige-milch-finden/), die wir wieder zu schätzen lernen sollten.
Doch wann vollzog sich dieser Wandel? Die mediale Darstellung suggeriert eine Normalität des Auswärtsessens, die sich jeder kritischen Überlegung entzieht. In Lifestyle-Magazinen und sozialen Medien wird der tägliche Restaurantbesuch oder die Lieferdienstbestellung als natürlicher Bestandteil modernen Lebens inszeniert. Als wäre tägliches Bedientwerden das apodiktische Erfordernis unserer Zeit.
## Kolonisierung des Stadtraums
Die Stadt ist der Monotonie anheimgefallen. Wo einst der Schreibwarenladen, der Fisch-, der Blumenladen oder der Fleischer das Straßenbild prägten, dominieren nun Restaurants fragwürdiger Qualität. Die vermeintliche Vielfalt täuscht: Überall die gleichen auf deutschen Geschmack abgewandelten Speisen in oller gebundener Soße, Pommes aus der Tüte mit frittiertem Schnitzel, Dönerläden, die auch Pizza anbieten. Die [Stadt verliert ihr Gesicht](https://patrick-pehl.de/st-hedwigskathedrale-berlin-kontroverse-um-neugestaltung-verlust-von-identitaet-und-liturgischer-funktion-st-hedwig/) – ein kulinarischer Einheitsbrei, der die Viertel in gastronomische Wüstenlandschaften verwandelt.
[Kennedys Gemeinschafts-Appell: Eine europäische KritikJohn F. Kennedys “Frage nicht was Dein Land für dich tun kann, sondern was Du für dein Land machen kannst” ist für Europäer wohl seltsam und ein Ausdruck egoistischer Gesellschaften.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/blog/der-ueberfluessige-kennedy-und-sein-gemeinschafts-appell-eine-europaeische-kritik/)
Und das Lieferessen! Diese Stufe kulinarischer Entfremdung verdient besondere Betrachtung. Uniformierte Fahrradkuriere durchziehen die Straßen mit dampfenden Styroporschachteln, deren Inhalt mit jedem Kilometer an Qualität verliert. Die Prozession der Plastiktüten durch Treppenhäuser ist zum dystopischen Sinnbild unserer Zeit geworden. Die Wärmedeckchen in den Transportboxen kämpfen vergeblich – die Fritten labbrig, die Soße entmischt, das einst knusprige Fleisch schlaff auf durchweichtem Gemüse.
Für dieses zweifelhafte Vergnügen: dreißig Prozent Aufschlag plus Liefergebühr plus Trinkgeld für den prekär beschäftigten Fahrer. Eine absurde Kakophonie aus Kosten und Kompromissen. Diese Form des Speisens ist weder ökonomisch, noch ökologisch, noch kulinarisch zu rechtfertigen – ein Symptom kollektiver Bequemlichkeit, die Qualität, Geschmack und finanzielle Vernunft opfert. Dabei sitzt der Konsument doch zuhause! Die Zeit für ein einfaches selbstzubereitetes Gericht wird stattdessen vor dem Bildschirm vertrödelt, wartend auf die enttäuschende Lieferung.
## Esskultur als Pfad zur Freiheit
Selbstversorgung ist Freiheit. Es ist ein Gewinn an Autarkie, nicht von Öffnungszeiten oder Liefergebühren eines börsennotierten Unternehmens abhängig zu sein. Eine simple Kartoffel birgt mehr kulinarische Möglichkeiten als so manches Restaurantmenü: Als Püree, als Salat oder neben Brechbohnen serviert – ohne Warten, ohne Gang durch den Regen, ohne Plastiktüten.
Die Rückbesinnung auf die Kunst der Selbstversorgung ist kein nostalgischer Reflex, sondern ein Plädoyer für kulinarische Autonomie. Es geht um die Freude am eigenen Tun, um Kontrolle über Zutaten und nicht zuletzt um eine Unabhängigkeit, die in Zeiten allgegenwärtiger Verfügbarkeit zum wahren Luxus geworden ist. Eine authentische Esskultur entsteht nicht durch täglichen Konsum, sondern durch bewusste Zubereitung.
Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, welche Rolle der Gastronomie im Leben zugestanden wird – und welcher Wert der vergessenen Kunst des Sich-etwas-Mitnehmens beigemessen wird. In einer Welt scheinbar grenzenloser kulinarischer Möglichkeiten erweist sich die Fähigkeit zur Selbstversorgung vielleicht als die eigentliche Form der Distinktion.
### Sommer-Flirt am Beckenrand
URL: https://patrick-pehl.de/sommer-flirt-am-beckenrand/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
Im Freibad herrscht sommerliche Ausgelassenheit, die Zeit scheint stillzustehen – Urlaub im Alltag der Werktätigen. Neben den typischen Wegplatten recken sich wilde Gräser mannshoch den Baumkronen entgegen. Inmitten dieser städtischen Bruthitze liegt das Freibad wie ein brutales Kleinod der Erfrischung. Der gekachelte Boden reflektiert das harte Sonnenlicht, während sich in der Luft eine Duftkomposition entfaltet: Der typische Berliner Benzingeruch vermählt sich mit dem Aroma von Sonnencremes, dem frischen Hauch gechlorten Wassers und dem Geruch der Bäume im angrenzenden Park.
Am gefliesten Beckenrand tummelt sich die Jugend in Ausgelassenheit. Auf einem zur Liegedecke umfunktionierten Handtuch ruht eine junge Frau, deren lange Haare man wohl am besten mit straßenköterblond bezeichnen kann. In die wuschigen Haare ist eine Sonnenbrille wie ein modisches Diadem gesteckt. Halb aufgerichtet und auf dem Rücken liegend, die Beine in einer lässigen Pose leicht angewinkelt, präsentiert sie ihre gebräunte Haut. Sie ist in diesem Sommer wohl nicht das erste Mal an diesem Ort.
## Badeanzug und Badeshorts
Ihr dunkler Badeanzug mit den markanten drei Streifen hebt sich ab von der Bikinimode ihrer Gefährtinnen. Neben ihr liegt ein ungebleichter Stoffbeutel mit dem Logo der Humboldt Universität und ein vom Wasser gewelltes Philosophie-Magazin.
Während ihre Freundinnen in ein Gespräch vertieft sind, lässt sie ihren Blick gelangweilt durch die bunte Szenerie am Becken schweifen. Das lebendige Treiben der Badenden und das ferne Rauschen der Stadt bilden die Geräuschkulisse dieses sommerlichen Tableaus.
Nach einigen Minuten des umherschweifenden Blickes bleibt dieser auf einem jungen Mann haften. Er steht am Beckenrand, eine Gestalt wie einem Werbeprospekt entsprungen. Seine Schwimm-Short ziert ein kleines Krokodil auf dem hellblauen Funktionsstoff. Sein Körper zeigt Spuren gelegentlichen Trainings, ohne den Anspruch auf Perfektion zu erheben: die Schultern gestärkt, der Bauch undefiniert, die Brust leicht behaart und das Gesicht glatt rasiert.
## Bella Figura im Stadtbad
Er bemerkt die nonchalante Beobachterin. Nach einem Moment, in dem er sich innerlich versicherte, dass er erfasst ist, fährt er sich mit der Hand durch das wie angeklebt wirkende, nasse, dunkelbraune Haar. Einen Moment später taucht er mit einem Sprung ins Wasser ein und exponiert sich mit einigen kräftigen Zügen, nur um kurz darauf dem Becken wieder über die stählerne Leiter zu entsteigen. Bella Figura vor der nüchternen Betonkulisse.
Mit einer bemerkenswert beiläufigen Bewegung dreht sie ihren Kopf leicht ein, greift nach der Sonnenbrille, ihre Augen fixieren ihn weiter. Die Luft knistert ob der unausgesprochenen Möglichkeiten. Ob aus diesem ephemeren Flirt zwischen der Philosophie-Prinzessin und dem Chlor-Casanova mehr wurde, vermag ich nicht zu sagen, da ich mich widerwillig anderen Pflichten zuwenden musste.
### Strausberger Platz ohne Ring
URL: https://patrick-pehl.de/strausberger-platz-ohne-ring/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**Der ikonische „Schwebende Ring” am Strausberger Platz in Berlin wird für mehrere Jahre demontiert. Die Entfernung des beliebten Brunnens, ein Wahrzeichen aus der DDR-Zeit, markiert den Beginn einer umfangreichen Sanierung.**
Heute Morgen – ich hatte meinen hübschen braunen Nadelstreifen an und mal wieder eine Krawatte herausgekramt – machte ich mit meinem Hund an der Leine einen kleinen Umweg auf dem Weg ins Büro. Ein routinierter Blick zum „schwebenden Ring” auf dem Strausberger Platz. Moment mal! Zurückspulen. Der Ring ist weg, der Springbrunnen wird demontiert. Unser „Schwebender Ring”, dieses bizarr-liebenswerte Ding aus Sowjet-Chic und Sixties-Futurismus, hat sich aus dem Morgendunst gemacht.
Man hatte es kommen sehen, gewiss. Der [Beton bröckelte schon länger](https://archive.is/o/DBQrB/https://entwicklungsstadt.de/strausberger-platz-in-friedrichshain-umbau-von-radwegen-und-ampeln/?ref=patrick-pehl.de), und das Wasser suchte sich Wege, die selbst ein Berliner Untergrundkünstler für zu avantgardistisch gehalten hätte. [Die Folge: Betonkrebs](https://archive.is/o/DBQrB/https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/04/berlin-friedrichshain-brunnen-strausberger-platz-sommer-2024-abgebaut-saniert.html?ref=patrick-pehl.de). Trotzdem: Der nun leere Platz ist wie ein Gesicht ohne Brille – irgendwie nackt und ein bisschen verloren.
## Veränderung und Wehmut
Für Außenstehende mag der Strausberger Platz nur eine überdimensionierte Verkehrsinsel sein, aber für uns Eingeweihte ist er mehr. Er ist der Ort, wo sich Monument und Profanbau die Hände zum Brudergruß erheben, wo Geschichte und Gegenwart aufeinanderprallen wie Currywurst und Trüffelpaste auf einer Vernissage. Morgens riecht er nach Erwartung und Werkbank, abends nach Feierabend und den Großstadtverheißungen. Und jetzt? Jetzt riecht er nach Veränderung.
Die Ampelanlage dirigiert weiter den Verkehr wie ein strenger Kapellmeister sein widerspenstiges Orchester. Die Autos kreisen um eine unsichtbare Mitte, Radfahrer schlängeln sich durch den Verkehr wie bei einem urbanen Hindernislauf. Berliner Alltag, könnte man meinen. Aber der fehlende Ring ist wie ein fehlendes Puzzleteil in einem sonst vollständigen Bild – die Leere schreit es geradezu heraus.
## Der schwebende Ring kommt wieder
In ein paar Jahren soll er wiederkommen, unser Ring. Generalüberholt, kernsaniert, fit für die Zukunft. Bis dahin müssen wir uns mit der Erinnerung begnügen. Mit dem Gedanken an plätscherndes Wasser, das die Sommerhitze erträglicher machte. An die Kupferplatten, die in der Abendsonne glänzten wie frisch polierte Türklinken in einem Altbau.
Der Strausberger Platz ohne seinen Ring ist wie Berlin ohne Baustellen – unvorstellbar, aber irgendwie auch aufregend. Was wird kommen? Wie wird es sich anfühlen? Und vor allem: Werden wir bis dahin noch immer hier flanieren, oder hat uns die unaufhaltsame Welle der Stadterneuerung längst in die Randbezirke gespült?
## Berlin ist der Strausberger Platz
Eines ist sicher: Der Platz wird sich verändern, so wie wir uns verändern, so wie sich diese Stadt ständig neu erfindet. Und vielleicht ist das genau das, was Berlin ausmacht. Diese ständige Metamorphose, dieses Nie-fertig-Sein, diese ewige Jugend in alten Mauern.
Also, ein stilles Prosit auf den Strausberger Platz! Auf seine Geschichte, seine ringlose Gegenwart und seine ungewisse Zukunft. Möge er uns weiterhin überraschen, herausfordern und faszinieren – ganz so, wie wir es von unserem geliebten, sich stets wandelnden Kiez gewohnt sind. Und möge der Ring bald zurückkehren, um wieder über uns zu schweben, als stiller Zeuge unserer täglichen Choreographie des Lebens.
### Standby-Stillleben „Sommerpause“
URL: https://patrick-pehl.de/standby-stillleben-8220-sommerpause-8221/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
In diesen Sommertagen verwandelt sich die Metropole Berlin in ein Gemälde der Abwesenheit. Das sonst so geschäftige Regierungsviertel, Zentrum der Macht, liegt wie verzaubert unter einer Glocke sommerlicher Lethargie. An der Kreuzung vollführt eine Ampel ihren einsamen Tanz – ein Stehblues aus rot, gelb, grün. Doch kein Automobil wartet darauf, den schwarzen sonnengewärmten Asphalt zu queren – nicht mal ein blaues.
Die Berliner scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben, als hätte ein Hexer einen Spruch gesagt. Das politische Berlin hat sich selbst ins Exil geschickt. Telefone verbinden vergeblich in die Anschlussstelle, Nachrichten verhallen ungelesen im modernen Mobilfunknetz. Selbst der Coiffeur des Bundespräsidenten hat seine Schere an den Nagel gehängt – Sommerurlaub.
Die Armada der Fahrbereitschaft ist verdunstet, als wäre sie nie gewesen. In Postfächern wichtiger Büros wachsen Papierberge, getürmt aus Hochglanzmagazinen, bis sie zu leise zusammenfallenden Monumenten der Geschäftigkeit werden. Wer in diesen Tagen die Gesellschaft von Kollegen meiden möchte wie der Teufel das Weihwasser, der pilgert am besten nach Berlin-Mitte. Hier herrscht die hohe Kunst der Absenz – während die Lichtzeichenanlage, treu wie ein alter Schäferhund, weiter ihre Pflicht erfüllt und sehnsüchtig aufs Wiederkehren des politischen Zirkus wartet.
*Diese Kolumne habe ich für die Rubrik „Berliner Schnitzel” in der [Agrarzeitung ](http://agrarzeitung.de/?ref=patrick-pehl.de)als deren Korrespondent verfasst.*
### Sommerverheißung: Vergänglichkeit städtischer Gefühle
URL: https://patrick-pehl.de/sommerverheissung-vergaenglichkeit-staedtischer-gefuehle-flirt-berlin-sommer-romantik/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**Die Julisonne steht hoch am Himmel über Berlin und taucht die kleine, aber belebte Straße in grelles Licht. Es ist Wochenende, und die Werktätigen genießen ihre Freizeit. Hier reihen Cafés und Boutiquen wie an einer Kette, die sich von der Eberswalder Straße bis zum Alexanderplatz zieht. In der Luft senkt sich ein Bouquet von Schnittblumen, Staub und Benzin.**
Im ersten Stock eines hellelfenbeinfarbenen Altbaus, dessen glatte Fassade von horizontalen Zierelementen durchbrochen wird, lehnt eine junge Frau aus dem eilig geöffneten Fenster. Ihr dunkles Haar das Sonnenlicht ein, während ihr Blick freundlich auf den Mann unten auf der Straße fällt. Ihr kontrastreich quer-gestreiftes Oberteil verrät die Lässigkeit eines freien Tages. Der junge Mann steckt in einem weißen Niki, das sich mit letzter Kraft über die starken Schultern spannt. Er blickt suchend hinauf, die Hand an die Frisur getastet. Sie lächelt in wortlos aus etwa viereinhalb Metern an, am Nachbarfester eine Rabatte mit bunt blühenden Blumen. Sie reckt eine weiße Basecap hinter dem holzfarbenen Fensterrahmen empor und lächelt. Vielleicht erhofft sie sich seine Rückkehr? Zurück oder Vorwärts, er muss sich entschließen.
Beide tragen dieses undefinierbare, beseelte Lächeln zur Schau, das von einer Nacht erzählt, die mehr war als nur ein flüchtiger Moment. Die Straßenbahn rasselt vorbei, eine kurze Unterbrechung in ihrem stillen Abschied.
Sie wirkt wie ein junges Mauerblümchen, vielleicht eine Studentin, für die diese Begegnung eine reizende Abwechslung in ihrem sonst behüteten Alltag darstellt. Sie wirkt wie eine jener jungen Frauen, die neu in der Stadt sind. Unerfahren im Erleben solcher von Abenteuer. Sie sieht jeden Tag Neues, doch ruhen ihre Blicke in diesem Moment auf ihm allein. Sein Blick hinauf lässt erahnen, dass er die vergangenen Stunden ebenso genossen hat wie sie es vermutlich getan hat. Sie wirft ihm die Basecap hinunter, als wäre sie ein gehauchter Kuss. Gefangen. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen, eingefroren in der Hitze des Julitages. Eine ephemere Erinnerung wurde geschaffen, zart und verheißungsvoll.
### Die Zuhälterballade im digitalen Zeitalter
URL: https://patrick-pehl.de/dreigroschenoper-zuhaelterballade-im-modernen-zeitalter/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**Brechts „Zuhälterballade” - ein Stück von gestern? Da sag' ich nur: Nein. Das beklemmende Porträt einer Welt, in der Liebe und Ausbeutung untrennbar vereint sind, ist aktuell. Eine schonungslose Analyse moderner Machtverhältnisse aus Sicht der Dreigroschenoper.**
Die „Zuhälterballade" aus [Bertolt Brechts „Dreigroschenoper"](https://patrick-pehl.de/dreigroschenoper-peachum-und-das-mitleid-bettlermafia-monolog-zur-oekonomie/) zeichnet ein schonungsloses Bild der Beziehung zwischen Prostituierter und Zuhälter im Berlin der 1920er Jahre. Doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich die zeitlose Relevanz dieses Werks - gerade im Kontext unserer modernen, digitalisierten Gesellschaft.
## Liebe, Ausbeutung und Überlebenskampf
Im Zentrum der Ballade steht die Beziehung zwischen der Prostituierten Jenny und ihrem Zuhälter Mackie Messer. Es ist eine Verbindung, die von Abhängigkeit, Ausbeutung und der ständigen Bedrohung durch Gewalt geprägt ist. Jenny ist auf Mackie angewiesen, um in der rauen Welt des Bordells zu überleben. Sie ernährt ihn mit ihrer Arbeit, während er ihr im Gegenzug Schutz bietet - ein fragiles Arrangement in einer Gesellschaft, in der das Recht des Stärkeren regiert.
https://patrick-pehl.de/blog/barbaras-song-boot-der-befreiung-und-selbstbestimmung-polly-peachums-lied-vom-nein-und-ja/
Doch diese Konstellation ist keineswegs nur ein historisches Relikt. Auch in unserer scheinbar aufgeklärten Gegenwart finden sich Beziehungsmuster, die von Machtgefällen und Abhängigkeiten durchzogen sind. Man denke nur an die prekären Arbeitsverhältnisse in vielen Bereichen der Dienstleistungsbranche, wo Beschäftigte oft gezwungen sind, demütigende Bedingungen zu akzeptieren, um ihre Existenz zu sichern.
## Die Verdinglichung des Körpers
Ein zentrales Motiv der „Zuhälterballade" ist die Verdinglichung des weiblichen Körpers. Jenny ist für Mackie in erster Linie eine Ware, eine Quelle des Profits. Ihre individuellen Bedürfnisse und Gefühle spielen keine Rolle - was zählt, ist allein ihre Fähigkeit, zahlende Kunden zu bedienen.
Diese Objectifizierung des Körpers hat in Zeiten von sozialen Medien und Online-Pornographie eine neue Dimension erreicht. Die Zurschaustellung von Intimität ist zu einem Massenphänomen geworden, bei dem die Grenzen zwischen Selbstbestimmung und Ausbeutung zunehmend verschwimmen. Plattformen wie OnlyFans ermöglichen es Individuen, durch die Monetarisierung ihrer Sexualität einen Lebensunterhalt zu verdienen - doch zu welchem Preis?
## Exkurs: Amateurpornografie und moderne Sexarbeit
Hier lohnt ein kurzer Exkurs in die Welt der Amateurpornografie und modernen Formen der Sexarbeit. Plattformen wie OnlyFans, ManyVids oder Chaturbate haben einen Boom an selbstproduzierten pornografischen Inhalten ausgelöst. Models, oft junge Frauen, vermarkten hier ihre Körper und ihre Sexualität direkt an ein zahlendes Publikum - ohne Umweg über die traditionelle Pornoindustrie.
Einerseits lässt sich argumentieren, dass diese Entwicklung ein Moment der Selbstermächtigung beinhaltet. Die Darstellerinnen behalten die Kontrolle über ihre Inhalte und profitieren direkt von den Einnahmen. Andererseits reproduzieren viele dieser Angebote problematische Muster der Objectifizierung und bedienen vor allem männliche Begehrensstrukturen. Die Grenze zwischen Empowerment und Ausbeutung ist oft schwer zu ziehen.
## Soziologische Betrachtung
Aus soziologischer Perspektive lässt sich die Beziehung zwischen Jenny und Mackie als Spiegel der Machtverhältnisse in einer patriarchalischen, kapitalistischen Gesellschaft lesen. Die Frau wird auf ihre Rolle als Objekt männlicher Begierden und ökonomischer Interessen reduziert. Ihre Sexualität wird zur Ware, ihr Körper zum Austragungsort von Herrschaftsverhältnissen.
Gleichzeitig zeigt die Ballade aber auch die Handlungsmacht und Widerständigkeit der weiblichen Figur. Jenny ist kein passives Opfer, sondern navigiert aktiv die Zwänge und Zumutungen ihrer Lebenswelt. Sie entwickelt Strategien des Überlebens und behauptet ihre Würde, selbst in einem System, das darauf ausgelegt ist, sie zu zerbrechen.
Diese dialektische Spannung zwischen Unterwerfung und Eigensinn, zwischen Fremdbestimmung und Autonomie durchzieht die gesamte „Dreigroschenoper" - und sie bleibt auch für unsere Gegenwart relevant. In einer Welt, in der die Imperative des Marktes bis in die intimsten Bereiche des Lebens vordringen, stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen von Selbstbestimmung mit neuer Dringlichkeit.

Cynthia Micas als Polly Peachum in der Dreigroschenoper am Berliner Ensemble © Berliner Ensemble
Brechts schonungslose Darstellung der Ausbeutungsverhältnisse im Berlin der Weimarer Republik wirft damit zugleich ein Licht auf die prekäre Situation all jener, die auch heute noch gezwungen sind, ihre Körper und ihre Arbeitskraft unter widrigsten Bedingungen zu verkaufen. Sie mahnt uns, genau hinzuschauen - und uns nicht von der glitzernden Oberfläche einer scheinbar egalitären Konsumwelt blenden zu lassen.
## Fazit
Die „Zuhälterballade" mag auf den ersten Blick wie ein Relikt aus einer fernen, dunklen Vergangenheit erscheinen. Doch bei genauerem Hinsehen erweist sie sich als erschreckend aktuell. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Intimität und Öffentlichkeit zunehmend verschwimmen und der Druck zur Selbstvermarktung allgegenwärtig ist, gewinnen Brechts Einsichten eine neue Brisanz.
Die Beziehung zwischen Jenny und Mackie konfrontiert uns mit unbequemen Fragen: Was bedeutet es, wenn Sexualität und Körperlichkeit zur Ware werden? Wo verläuft die Grenze zwischen Selbstbestimmung und Ausbeutung? Und wie können wir Räume der Autonomie und Solidarität schaffen in einer Welt, die von Ungleichheit und Unterdrückung geprägt ist?
Die Antworten darauf sind nicht einfach. Aber die „Zuhälterballade" gibt uns eine Ahnung davon, was auf dem Spiel steht - und mahnt uns, wachsam zu bleiben gegenüber allen Formen der Entmenschlichung und Objectifizierung. Darin liegt ihre ungebrochene Relevanz, gerade für uns heute.
### Sojamilch beim Milchkongress
URL: https://patrick-pehl.de/sojamilch-beim-milchkongress-2/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
Auf einem Kongress der Milcherzeuger in einem schnieken Hotel in Berlin fand kürzlich ein Ereignis statt, das die Gemüter in der Milchwirtschaft erregte: Die Milch war aus. Man mag meinen, bei einem Treffen, das der Milch gewidmet ist, würde der Ausrichter sensibel auf die Beigaben am Heißgetränkebereiter achten. Doch die Realität sah anders aus: In hohen Glasgefäßen fanden sich Hafer- und Sojadrink, mit und ohne Zucker – daneben in kleinen Kännchen echte Milch von heimischen Tieren.
Wahrhafte Meister ihres Fachs erkannten die Chance und diversifizierten die Marktlage an den strategischen Punkten: den Heißgetränk-Entnahmestellen. Während die Alternativen durchaus ihre pragmatischen Befürworter fanden, zogen richtige Sahne und Milch heimlich die Aufmerksamkeit der Massen auf sich. Nach und nach schob sich nämlich ein buntes Band geleerter Marken-Tetrapacks den Tisch entlang, während die unbeschrifteten Glasbehälter der Ersatzprodukte am Abend kaum weniger Inhalt aufwiesen. Eine Molkereivermarkterin, deren Augen im Licht der Halogenstrahler des Tagungsortes funkelten, fasste die Stimmung mit wenigen Worten voller Weisheit zusammen: „Is‘ zwar ärgerlich, aber eigentlich könnte es nicht besser sein. So sieht man unsere guten Produkte viel besser.“ Recht hat sie!
*Diese Kolumne habe ich für die [agrarzeitung](http://agrarzeitung.de/?ref=patrick-pehl.de) verfasst.*
### Bass, Beton und Begierde
URL: https://patrick-pehl.de/bass-beton-und-begierde/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**In Berlin ist immer etwas los. Fast vier Millionen Einwohner erleben täglich kleine und große Dinge. So war es auch am letzten Wochenende. Die Stadt ist gerade etwas von ihren eigentlichen Bewohnern entleert, denn es ist Sommer, doch zuverlässig speien die Flugzeuge tausende Besucher in die Stadt – es passiert immer etwas.**
Berlin ist bekannt für seine lockere Sexualmoral, so trafen sich, bekannt oder nicht, am Sonnabend zwei Seelen in einem der Clubs entlang der Spree, die gern als Abklingbecken oder Aufwärmbehälter genutzt werden, um aus dem Tanzklub heraus oder in ihn hinein zu zelebrieren. Je nach Stimmung und Status der Visite. Es ist schön, wenn sich Menschen gut finden, Zuneigung zeigen. So geschieht es auch recht regelmäßig, dass sich noch Fremde in dieser Stadt einlassen.
Die Verbindungsstraße durchtrennt den Stadtteil, trennt den feierwütigen Szenebezirk vom beschaulichen Wohnviertel. Immer entlang der Straße verläuft die Hochbahntrasse. Sie gibt der Stadt ihren Takt. Im Minutentakt zischen S-Bahnen vorüber. Auf der einen Seite der gemauerten Hochbahntrasse die vielbefahrene Straße, auf der anderen Seite lauschige Baustellen und der anregende Geruch unfertiger Bauwerke, menschlicher Begierden und Bedürfnisse aller Art. Hinter dem Bogen legt sich Stille, die durch das Rattern der S-Bahn gestört wird – ein urbaner Herzschlag. Die Baustelle, tagsüber ein Ort geschäftiger Aktivität, ruht nun im Dämmerlicht der großen Freiheit.
Die kleine Stichstraße, die unter dem S-Bahnbogen abgeht, ist mit Unrat gesäumt – stumme Zeugen vergangener Nächte und kurzweiliger Treffen. Die Baustelle ruht am Abend.
Zwei Fremde, die sich aus dem Kollektiv der Tanzenden herausgestohlen haben, um sich nun genauer kennenzulernen, laufen suchenden Schrittes durch den offenen Hochbahnbogen von der Straße in das Areal, während eine S-Bahn Unwissende über ihnen entlang transportiert. Die zwei halten sich an den Händen, Sie ist forscher als Er und zieht in einen kleinen einigermaßen befestigten Weg direkt zwischen der Mauer und Baugrube. Der verborgene Winkel bietet Schutz vor allzu interessierten Blicken, aber nicht vor der Ungeduld.
## In Berlin, im Jetzt
Die zwei zögern nicht, sie leben in der Situation. Sie haben keine Vergangenheit außer der letzten Stunden, sie haben keine Zukunft, die weiterreicht als wenige Minuten. Sie werden sich gleich den Takt der Stadt machen. Im Schutze der Hochbahnmauer klammern sich die beiden. Sie gießen an diesem Wochenende das Benzin in den Tank der Freiheit, um sich ihren Begierden hinzugeben und sich ihr dann zu entledigen.
An diesem Ort vermischt sich der Geruch von Scham und Abenteuer zu einer berauschenden Essenz. Es ist der erregende Duft vergangener Erregung und zukünftiger Lust, der die Luft schwer macht und die Sinne benebelt. Die zwei zögern nicht. Sie leben ganz in diesem Moment, geborgen in einer Zeitblase, die weder Vergangenheit noch Zukunft kennt. Ihre Geschichte beginnt mit den letzten Stunden und endet in wenigen Minuten. In ihren Augen spiegelt sich die Entschlossenheit, sich dem Rhythmus der Stadt hinzugeben, ihn zu ihrem eigenen zu machen. Ihre Körper, noch bebend von der Vibration der großen Bassboxen, sind bereit, einen neuen Takt aufzunehmen. Ein unterdrückter Schrei von Ihr, ein uriger Ruf von Ihm – entledigte Begierde. Ephemere Ekstase.
### Berlins seltsamer Katzenkult
URL: https://patrick-pehl.de/berlins-seltsamer-katzenkult/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**In den Straßen Berlins entfaltet sich ein seltsames Schauspiel: Junge Frauen führen ihre Katzen an der Leine aus. Dieser Trend, der zunächst amüsant erscheint, offenbart tiefere gesellschaftliche Probleme einer orientierungslosen Generation, die zwischen Bindungsangst und Selbstverwirklichung schwankt. Das Phänomen wirft Fragen zu urbaner Sehnsucht und Verantwortung auf.**
In den Straßen Berlins entfaltet sich oft in den Abendstunden ein Schauspiel von geradezu surrealer Anmutung: Junge Frauen, zumeist unter 30, führen Stuben-Katzen an der Leine hinaus in den urbanen Vorgarten. Was auf den ersten Blick wie eine skurrile Modeerscheinung wirkt, offenbart bei näherer Betrachtung die tiefgreifenden Verwerfungen einer Generation im Umbruch.
Seit einem halben Jahr beobachte ich dieses Phänomen – kein flüchtiger Trend, sondern Symptom einer gemeinen Schieflage. Anders als stoische Hundehalter, die bei jedem Wetter ihre Pflicht erfüllen, zeigen sich die Katzenführerinnen nur nach eitlem Sonnenschein – etwas das die Beliebigkeit dieses urbanen Rituals entlarvt.
## Samtpfoten-Statisten
Die Katzen selbst wirken wie Statisten in einem absurden Theaterstück. Sie verkriechen sich im Gras oder flüchten panisch auf Bäume, während ihre Besitzerinnen hilflos an der Leine zerren. Ein groteskes Sinnbild für den Konflikt zwischen menschlicher Kontrollsucht und feliner Natur.
Doch warum dieser Irrsinn? Die Antwort liegt in der toxischen Mischung aus Wohnungsnot, Bindungsangst und infantiler Selbstverwirklichung, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation prägt. In einer Stadt, in der bezahlbarer Wohnraum zum Mythos geworden ist, wird die Katze zum Ersatz für echte Beziehungen. Sie ist der “Hund light” für jene, die Gesellschaft suchen, aber vor Verantwortung zurückschrecken.
## Situationship statt Verantwortung?
Die Parallelen zur vielzitierten “Situationship” – jenem beziehungstechnischen Niemandsland zwischen Freundschaft und Partnerschaft – sind frappierend. Wie die Katze an der Leine ist die “Situationship” der klägliche Versuch, Nähe zu simulieren, ohne sich festlegen zu müssen.
Gleichzeitig spiegelt sich in diesem Trend die infantile Sehnsucht nach einem nomadischen Lifestyle wider. Der Traum vom “Van-Camper-Life”, jener Instagram-tauglichen Illusion von Freiheit und Abenteuer, findet in der tragbaren Katze seine groteske urbane Entsprechung.
Doch dieser Trend wirft auch unbequeme Fragen auf: Wird hier das Wohl der Tiere auf dem Altar der Selbstverwirklichung geopfert? Ist die Katze an der Leine nicht letztlich Ausdruck eines erschreckenden Egozentrismus, der die Natur dem menschlichen Geltungsdrang unterwirft?
In der Summe offenbart das kultig wirkende Phänomen der die tiefe und orientierungslose Traurigkeit einer Generation, die zwischen Bindungswunsch und Verantwortungsphobie taumelt. Es ist mehr als ein kurioser Trend – es ist das Symptom einer Generation, die nur schwerlich Bezug zur Welt halten kann.
## Einsamkeit und Egozentrismus
Ob dieser bizarre Katzenkult von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Eines ist jedoch gewiss: Er zwingt uns, unser Verständnis von urbaner Koexistenz kritisch zu hinterfragen. In einer Stadt der anonymen Individualisten, wird die Ausführkatze zum mahnenden Symbol einer Stadtgemeinschaft im freien Fall. Die Generation der Millennials wird still verrückt, erdrückt von Einsamkeit und entrückt vom Egozentrismus.
### Polyester im Plattenbau
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Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**In den 90er Jahren erlebten die Plattenbausiedlungen Ost-Berlins eine modische Revolution. Der Trainingsanzug wurde zum Symbol gesellschaftlicher Veränderungen, beeinflusst durch Zuwanderung und wirtschaftliche Umbrüche. Dieser Artikel beleuchtet die kulturelle Bedeutung dieses Kleidungsstücks und seine Rolle in der Transformation einer Generation.**
Draußen in den grünen Oasen zwischen den Plattenbauten Ost-Berlins vollzog sich in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine stille Revolution. Als Kind, das in dieser Zeit in einer der ikonischen Plattenbausiedlungen aufwuchs, erlebte ich hautnah, wie ein simples Kleidungsstück zum Spiegel gesellschaftlicher Umwälzungen wurde: der Trainingsanzug.
Die Plattenbausiedlungen, oft fälschlich als Beton-Wüsten stigmatisiert, waren in Wirklichkeit durchzogen von Grünflächen und Spielplätzen. In diesem Mikrokosmos manifestierte sich der Trainingsanzug als Indikator [sozialer Strömungen](https://patrick-pehl.de/tag/soziale-betrachtung/). Er war allgegenwärtig, doch seine Bedeutung variierte je nach Träger und Kontext.
Mit der Zuwanderung aus den ehemaligen Sowjetrepubliken erfuhr der Trainingsanzug eine kulturelle Aufladung. Die pauschal als „Russen” bezeichneten Neuankömmlinge – oft tatsächlich wohl eher aus verschiedenen Sowjetrepubliken stammend – importierten nicht nur ihre Version des Kleidungsstücks, sondern auch dessen sozialen Subtext. Was in Moskau oder Kiew der späten 80er Jahre Statussymbol war, wurde in Ost-Berlin der 90er zum [Erkennungszeichen einer Subkultur](https://www.bpb.de/themen/europa/russland-analysen/nr-279/186859/notizen-aus-moskau-gopniki/?ref=patrick-pehl.de).
## Im Trainingsanzug zur Kaufhalle
In meiner Schulklasse saß ich neben Ljudmilla aus der Ukraine, die mir von ihrem Heimatland erzählte – ein Land, das ich damals nur aus dem Erdkundeunterricht kannte. Diese persönlichen Begegnungen verdeutlichten die Komplexität der vermeintlich homogenen „russischen“ Einwanderergruppe. Den Trainingsanzug sah man in den Spezialitätenregalen in der Kaufhalle, dort wo man Fisch in Dosen oder Plombir-Eis finden konnte.
## Polenmarkt als Prädikat
Der Polenmarkt fungierte als Umschlagplatz dieser textilen Zeitenwende. Hier fand der ökonomische Pragmatismus sein modisches Äquivalent. Originalware war die Ausnahme, Fälschungen die Regel. „Die Qualität ist genau so gut“, hieß es oft, wenn man auf dem Polenmarkt einkaufte. Diese Einstellung spiegelte die wirtschaftliche Realität einer Gesellschaft im Umbruch wider.
Paradoxerweise wurde der Trainingsanzug in Zeiten des aufkeimenden Turbokapitalismus zum Gleichmacher im positiven Sinne. Er verwischte [soziale Grenzen, während er gleichzeitig neue Distinktionsmerkmale schuf](https://patrick-pehl.de/materielle-teilhabe-als-voraussetzung-fuer-verteidigungsbereitschaft-bundeswehr/). Die Russen trugen oft farblich aufeinander abgestimmte Trainingsanzüge aus glänzendem Kunststoff – ein Look, der sie von der einheimischen Bevölkerung deutlich unterschied.
## Metamorphose zur Ernsthaftigkeit
Im Laufe des Jahrzehnts vollzog der Trainingsanzug eine interessante Metamorphose. Von der ernsthaften Alltagskleidung mutierte er zum ironischen Statement. Deutsche Jugendliche trugen plötzlich Trainingsanzüge mit der Aufschrift „Ost-Berlin“ – eine [Form der Identitätsbehauptung in Zeiten von Wandel](https://patrickpehl.substack.com/p/linkspartei-tanzt-auf-broselndem?ref=patrick-pehl.de).
Die Wahrnehmung der „russischen“ Einwanderer war ambivalent. Einerseits gab es Vorurteile – laute Feiern und übermäßiger Alkoholkonsum wurden oft kritisiert. Andererseits lernten viele deutsche Schüler Russisch, sei es aus Interesse oder um sich das Abitur zu erleichtern.
Heute bewohne ich Berlin-Mitte und arbeite auch in Mitte, in einem der nun begehrten ehemaligen DDR-Plattenbauviertel. Ich betrachte diese Entwicklung mit großem Interesse. Der Trainingsanzug war mehr als ein Kleidungsstück – er war Seismograph einer Gesellschaft im Umbruch. Und diese Bedeutung bekommt er wieder – er ist zurück in den Straßen Berlins. In dem Teil aus Kunstfaser manifestierten sich die Hoffnungen, Ängste und Widersprüche einer ganzen Generation – vielleicht sogar einer Epoche.
Diese modische Zeitenwende verdeutlicht, wie sehr Alltagskultur und gesellschaftlicher Wandel verwoben sind. Einst brachten „die Russen” ihren Kleidungsstil mit nach Ost-Berlin und nun trägt er die breite der Gesellschaft. Heute ist der Trainingsanzug ein Gegenstand für nostalgische Betrachtungen – ein Stück Stoff, das die Geschichte der Verwandlung in sich trägt. Er zeigt uns wie kulturelle und soziale Hierarchien neu verhandelt werden.
### Parlamentskreis Hund im Bundestag
URL: https://patrick-pehl.de/parlamentskreis-hund-im-bundestag/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**In den republikanischen Räumen des Souveräns, wo sonst nur das Rascheln von Aktenpapier und das gedämpfte Murmeln politischer Debatten zu vernehmen ist, könnte bald ein neuer Klang ertönen: das leise Tappen von Hundepfoten auf dem ehrwürdigen Betonboden der Bundestagsliegenschaften.**
Ein neu gegründeter „Parlamentskreis Hund” – eine Koalition der Hundefreunde quer durch alle Fraktionen – hat sich auf die Fahnen geschrieben, dem besten Freund des Menschen Einlass in die Büros der Volksvertreter zu gewähren. Es ist nicht der erste Versuch, die vierbeinigen Gefährten in den Olymp der deutschen Politik zu hieven. Schon in früheren Legislaturperioden gab es immer wieder Bestrebungen, die pelzigen Begleiter aus ihrem Exil zu befreien.
Die Idee mag manchem als Hundsverlocherei erscheinen, doch sie ist zeitgemäßer denn je. In einer Welt, in der Bürohunde längst zum Alltag vieler Unternehmen gehören, mutet das strikte Hundeverbot im Bundestag geradezu anachronistisch an. Sollte nicht gerade das hohe Haus der Republik, diese gigantische Ansammlung von Büroräumen, mit gutem Beispiel vorangehen?
Gewiss, die Entscheidungen, die hier getroffen werden, sind oft von großem Gewicht. Doch sind sie wirklich gewichtiger als die in anderen Bürohäusern? Und könnte nicht gerade die Anwesenheit eines treuen Vierbeiners dazu beitragen, die oft verhärteten Fronten aufzuweichen? Man stelle sich vor: Während im Plenarsaal die Fetzen fliegen, könnte ein kurzer Austausch über das seidige Fell des vierbeinigen Begleiters im Fahrstuhl vielleicht Brücken bauen.
Bertholt Brecht, [dessen Hund Rolf](https://www.berliner-ensemble.de/index.php/magazin/wer-war-bertolt-brecht?ref=patrick-pehl.de) bekanntlich sein Lieblingstier war, schrieb einst in seinem „Alfabet” von 1934:
> *Mariechen auf der Mauer stund*
> *Sie hatte Angst vor einem Hund.*
> *Der Hund hatte Angst vor der Marie*
> *Weil sie immer so laut schrie.*
> – Bertholt Brecht
Vielleicht würde die Anwesenheit von Hunden im Bundestag ja auch dazu führen, dass so mancher politische Lautsprecher seine Lautstärke mäßigt – aus Rücksicht auf die empfindlichen Hundeohren. Die Sehnsucht nach vierbeiniger Gesellschaft in den Gängen des Bundestags ist keineswegs ein Novum der jüngsten Zeit. Schon im Jahre 2013 wagte eine Gruppe von etwa 15 Abgeordneten aus den Reihen von SPD, Grünen und Linken einen kühnen Vorstoß. Sie stellten beim damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert den Antrag, ihre treuen Gefährten mit an den Arbeitsplatz bringen zu dürfen. Heinz Paula, seinerzeit Tierschutzbeauftragter der SPD-Fraktion, argumentierte leidenschaftlich für die positive Ausstrahlung der Vierbeiner auf ihre Umgebung. Doch nicht alle Volksvertreter teilten diese Begeisterung. Der CDU-Politiker Franz-Joseph Holzenkamp warnte gar vor einer „Tierliebe in absurder Form” und malte das Schreckensszenario von Hamsterkäfigen im Plenarsaal und durch die Gänge streunenden Katzen an die Wand. Dieser erste Versuch, die Hausordnung des Bundestags für pelzige Mitarbeiter zu öffnen, versandete – doch er legte den Grundstein für die heutige Debatte und zeigte, dass die Idee des „Kollegen Hund” schon lange in den Köpfen und Herzen mancher Abgeordneter schlummert.
Und wer weiß, vielleicht würden wir dann ganz neue Seiten an unseren Volksvertretern entdecken. Der harte Hund aus dem Innenausschuss, der plötzlich ganz sanft mit seiner kalbsgroßen deutschen Dogge im Aufzug parliert? Der Haushaltspolitiker, der beim Gassigehen im Tiergarten über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens sinniert?
Es wird Zeit, dass auch unter die kartonbraunen Schreibtische der Abgeordneten Hundeschnauzen ihre Wege finden. Denn wenn der Bundestag den Anspruch hat, die Gesellschaft zu verstehen und zu repräsentieren, dann muss er auch offen sein für die treuen Begleiter, die für so viele Menschen längst zum Alltag gehören.
### Podcasts erklären Politik besser
URL: https://patrick-pehl.de/tiefer-politik-journalismus-mittels-podcasts/
Last updated: 2026-06-14T11:39:10.000Z
**Podcasts revolutionieren politische Berichterstattung: Tiefe statt Schlagzeilen. Erfahren Sie, wie Langformate wie der 'Berateraffäre Podcast' komplexe politische Prozesse verständlich machen und Einfluss schaffen. Fachmedien setzen neue Maßstäbe durch detaillierte Analysen und multimediale Aufbereitung.**
Podcasts bieten eine einzigartige Plattform, um Politik tiefgehend zu erklären. Während klassische Medien oft nur Schlagzeilen liefern, ermöglichen Podcasts wie der „Berateraffäre Podcast“ eine detaillierte und nuancierte Berichterstattung. Erfahren Sie, warum Langformate die Zukunft des Journalismus sind.
Zehn Stunden Untersuchungsausschuss in einem Neunzigsekünder in den Tagesthemen erklären ist wohl unmöglich. Als ich 2019 mit meinem [Kollegen Kenny Dettmers](https://kenny-dettmers.de/?ref=patrick-pehl.de) den Untersuchungsausschuss zur Berateraffäre begleitete, wurde uns die strukturelle Schwäche klassischer Medien schmerzhaft bewusst. Während Publikumsmedien abstrakt über den Untersuchungsgegenstand berichteten, [dokumentierten wir mit unserem „Berateraffäre Podcast“](https://berateraffaere.de/?ref=patrick-pehl.de) die komplexen Hierarchien und Choreographien parlamentarischer Kontrolle.
## Fachmedien schaffen Einfluss durch Tiefe

Die SPD-Abgeordneten Siemtje Möller und Dennis Rohde waren die Shooting-Stars des Untersuchungsausschusses. © Kenny Dettmers
Die Aufteilung der Aufgaben war klar. Kenny Dettmers übernahm Livestreams und dokumentarische Fotografie vor Ort, ich den inhaltlichen Anteil. Sitzungen begannen mittags und endeten gern nach Mitternacht. Diese Detailarbeit ermöglichte es, uns als Experten zu profilieren – größere Medien fragten uns an. Während die institutionellen Mechanismen des Parlamentarismus ihre vorgegebenen Bahnen durchlaufen, kristallisieren sich in den minutiösen Protokollen der Ausschussarbeit jene substanziellen Erkenntnisse heraus, die das demokratische Kontrollprinzip erst mit Leben erfüllen. Ein Fachmedium erreicht zwar nur Zehntausende statt Hunderttausende, aber erzeugt innerhalb seiner Fachrichtung überproportionalen Einfluss.
Beispiel: Die damals jungen SPD-Abgeordneten Siemtje Möller und Dennis Rohde nahmen im Ausschuss eine eloquente Position ein, obwohl sie eigentlich mit der CDU/CSU hätten gemeinsame Sache machen müssen. Unsere detaillierte Berichterstattung machte diese Nuancen sichtbar. Heute ist Rohde Staatssekretär im Finanzministerium, Möller im SPD-Fraktionsvorstand und zuvor im Kabinett von Olaf Scholz Staatssekretärin im Verteidigungsministerium (BMVg). Solche Karriereverläufe werden in der Langform erkennbar – nicht in Kurzmeldungen.
## Multimediale Aufbereitung schlägt Abstraktion
Podcasts ermöglichen eine asynchrone Wissensvermittlung, denn [Expertengespräche, Interviews als Primärquellen](https://patrick-pehl.de/interessante-persoenlichkeiten-politik-im-interview/) und Hintergrundanalysen können mit diesem nicht mehr ganz brandneuen Medium unabhängig von Zeitbudgets oder Längenbeschränkungen umgesetzt werden. Wir arbeiteten schnell und detailliert – was sogar Eingang in Sitzungsprotokolle des Untersuchungsausschusses fand. Bei Publikumsmedien muss jede Meldung erklären, welche Akteure überhaupt geladen sind. Fachmedien können einen gewissen Wissensstand voraussetzen.
Wolfgang M. Schmitt und Stefan Schulz [demonstrieren in „Die neuen Zwanziger“ diese Überlegenheit](https://neuezwanziger.de/?ref=patrick-pehl.de) der Langform: Monatsrückblicke zeigen, welche Tagesschau-Schlagzeilen völlig irrelevant waren und von der Realität überrollt wurden. Was N-TV einen Tag dominiert, erweist sich in der Nachschau oft als Nebelwand.
Die Berateraffäre brachte hochkomplexe Details hervor: Wie funktioniert die Hierarchie eines Untersuchungskomplexes? Wie decken Regierungsfraktionen ihre Mitglieder? Diese Mechanismen erschließen sich nur durch intensive Begleitung, nicht durch Schlagzeilen-Journalismus.
### Barbara's Song: Ein Boot der Befreiung
URL: https://patrick-pehl.de/barbaras-song-boot-der-befreiung-und-selbstbestimmung-polly-peachums-lied-vom-nein-und-ja/
Last updated: 2026-06-22T18:26:28.000Z
**In Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ entpuppt sich „Barbara's Song”, oder „Der Song vom Nein und Ja“ als eine subtile, aber kraftvolle Ode an weibliche Selbstbestimmung. Durch die geschickte Verwendung einer Bootsmetapher zeichnet Brecht den Weg einer Frau zur sexuellen und persönlichen Emanzipation nach.**
Polly Peachum beginnt ihre Erzählung in der Dreigroschenoper mit: „Einst glaubte ich, als ich noch unschuldig war”, und ist geprägt von den mahnenden Worten ihrer Mutter. In diesen frühen Versen bleibt das symbolische Boot ihrer Sexualität fest am Ufer vertäut: „Sicher wird das Boot am Ufer losgemacht, ja, aber weiter kann nichts sein.” Polly hält sich an die gesellschaftlichen Normen, wehrt „anständige” Verehrer ab und behält, wie sie betont, „ihren Kopf oben”. Eine herausragende Polly spielt [Cynthia Micas](https://www.berliner-ensemble.de/cynthia-micas?ref=patrick-pehl.de) gerade am Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm.
## Der Mann vom festgemachten Boot
Doch dann tritt ein Mann in ihr Leben, der alle Konventionen sprengt. Er ist weder wohlhabend noch besonders gepflegt – „Und als er kein Geld hatte, und als er nicht nett war, und sein Kragen war auch am Sonntag nicht rein”. In diesem Moment vollzieht sich Pollys Wandlung. Das bisher festgemachte Boot wird zum Werkzeug ihrer Befreiung: „Und es ward das Boot am Ufer festgemacht, und es konnte gar nicht anders sein!”
Diese Transformation ist der Kern von ihr emanzipatorischer Fahrt. Sie entdeckt, dass wahre Freiheit oft bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen und gesellschaftliche Erwartungen zu durchbrechen. Ihre Entscheidung, sich dem „falschen” Mann hinzugeben, wird zur Metapher für weibliche sexuelle Befreiung und Selbstbestimmung.
[Brechts Gespenster im Berliner EnsembleSuse Wächters innovative Puppeninszenierung „Brechts Gespenster“ im Berliner Ensemble. Ein faszinierendes Stück, das Brechts Geist und historische Figuren zum Leben erweckt und Grenzen des Puppentheaters zeigt.Patrick PehlPatrick Pehl](https://patrick-pehl.de/brechts-gespenster-im-berliner-ensemble/)
## Sie findet ihre Identität
[Bertolt Brecht](https://patrick-pehl.de/brechts-gespenster-im-berliner-ensemble/) illustriert meisterhaft, wie Polly die Fesseln der kleinbürgerlichen Moral abstreift. Das losgemachte Boot symbolisiert ihre Entscheidung, den eigenen Wünschen zu folgen, fernab von den Zwängen einer vorgegebenen Rolle als „Dame”. In ihrer Beziehung zu diesem unkonventionellen Mann findet Polly Peachum ihre wahre Identität.
Der „Barbara Song“ lädt uns ein, konventionelle Moralvorstellungen zu hinterfragen und die Kraft der persönlichen Freiheit neu zu entdecken. Er zeigt, dass Emanzipation nicht in der Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen liegt, sondern in der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen – selbst wenn diese den herrschenden Normen widersprechen.
In einer Zeit, als solche Themen noch tabu waren, setzt Brecht die Segel für eine offenere Diskussion über Sexualität und Selbstbestimmung. Der „Barbara Song” bleibt somit ein zeitloses Plädoyer für das Recht der Frau, Kapitänin ihres eigenen Schicksals zu sein – ein feinsinniges Manifest für die Emanzipation und die Kraft der Selbstbestimmung.
### Der Bundestag baut einen Burggraben
URL: https://patrick-pehl.de/der-bundestag-baut-einen-burggraben/
Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
**Im Zentrum Berlins erhebt sich das Reichstagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages, als Manifestation demokratischer Transparenz. Seine gläserne Kuppel, weithin sichtbar, verkörpert den Anspruch auf Offenheit und Zugänglichkeit. Das Gebäude, dem Volk gewidmet, lädt zum Umrunden, Berühren und Betreten ein.**
Doch ein kontradiktorisches Schauspiel entfaltet sich gegenwärtig: Inmitten dieses Symbols der Bürgernähe entsteht ein anachronistisches Bauwerk – ein Burggraben um das Parlament. Dieser „Aha-Graben”, (\\1), ausgestattet mit Spundwänden und Überwachungstechnik, fügt sich als Fremdkörper in die etablierte Struktur des Regierungsviertels ein. Er steht im Widerspruch zur proklamierten Offenheit des Parlaments, das sich sonst als nahbares Haus präsentiert.
## Wenn Beton zu Leinwand wird
Das Umfeld des Reichstags pulsiert vor Leben. An warmen Abenden verwandelt sich das Ufer in eine improvisierte Tanzfläche. Vor dem Paul-Löbe-Haus, oft als “Motor der Republik” bezeichnet, treffen sich Menschen zum Flanieren und Diskutieren. Neben der Parlamentarischen Gesellschaft erstrahlen zum Tag der Deutschen Einheit die Gebäude in bunten Illuminationen.
Unterirdisch setzt sich diese Dynamik fort. Am U-Bahnhof Bundestag, einst Zeuge historischer Ereignisse, strömen täglich Abgeordnete, Mitarbeiter und Besucher ein und aus. Vor sechs Dekaden zogen die Arbeiter der Stalinallee hier her, während der Reichstag noch im Niemandsland stand – ein Zeugnis deutscher Teilung.
Die Errichtung des Grabens sendet ein problematisches Signal: Die politische Macht zieht sich zurück, verschanzt sich hinter Barrieren, statt den Dialog zu suchen. Dabei lebt eine Demokratie vom Austausch zwischen Bürgern und Volksvertretern. Der Graben erscheint wie ein Rückschritt, eine Kapitulation vor diffusen Bedrohungen.
## Risse im republikanischen Fundament?
Der Graben ist ein anachronistisches Projekt, das mehr Fragen aufwirft als es Antworten gibt. Soll er die Demokratie schützen oder sie isolieren? “Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht. Und man sieht die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht”, meint Brecht in einem meiner Lieblingsstücke, der Dreigroschenoper. Zweifellos benötigt auch ein offenes Parlament Sicherheitsmaßnahmen. Diese ließen sich jedoch mit weniger einschneidenden Mitteln realisieren als mit einem mittelalterlich anmutenden Verteidigungsgraben. Statt sich abzuschotten, sollte der Bundestag seine bisherigen Stärken – Transparenz und Bürgernähe – weiter ausbauen.
In dieser Entwicklung offenbart sich ein zeitgenössischer Widerspruch: Während man Offenheit proklamiert, errichtet man Barrieren. Das Volk, dem dieses Haus gewidmet ist, sieht sich mit einem neuen Hindernis konfrontiert. Diese Veränderung stellt das Fundament der Beziehung zwischen Volk und Volksvertretung infrage. Im Sommer treffen sich Gruppen zum Tanz am Reichstagufer an der Spree, direkt am Paul-Löbe-Haus – lediglich einige Millimeter Glas trennen die feiernden Gruppen vom Innern des Hauses, das wegen seiner Gestaltung in der Form eines V8-Motors als Motor der Republik bezeichnet wird.
## Tanz am Fuß der Macht
Der Reichstag steht an der Schwelle zu einer neuen Ära. Der gläserne Koloss, einst Sinnbild der Zugänglichkeit, umgibt sich mit einem Graben. Es bleibt abzuwarten, wie die Öffentlichkeit auf diese Metamorphose reagieren wird. Die Geschichte wird zeigen, ob dieser Graben die Kluft zwischen Regierenden und Regierten vertieft oder ob er, wie von seinen Planern postuliert, lediglich ein weiteres architektonisches Element in der sich stetig wandelnden Landschaft der Berliner Republik sein wird.
In diesem Kontext gewinnt Brechts Zeile aus der Dreigroschenoper neue Relevanz: “Und der Haifisch, der hat Zähne”. Hier sind es die Zähne der Demokratie, die sich dem Bürger präsentieren – greifbar, aber zunehmend durch Barrieren geschützt. Der Graben, in seiner apriorischen Funktion als Sicherheitsmaßnahme konzipiert, könnte sich als Katalysator für eine tiefergehende gesellschaftliche Reflexion erweisen. Er verkörpert die Dichotomie zwischen (\\1), zwischen physischer Abgrenzung und ideeller Zugänglichkeit.
In seiner Quintessenz bleibt der Reichstag ein Ort der Antinomien: Ein Gebäude, das Transparenz symbolisiert, umgeben von einem Graben, der Distanz schafft. Es ist ein architektonisches Oxymoron, das die komplexen Herausforderungen moderner Demokratien verkörpert.
### Freitags die richtige Milch finden
URL: https://patrick-pehl.de/freitags-die-richtige-milch-finden/
Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
An einem dieser Freitagnachmittage sitze ich in einem dieser Atrien aus Beton und Glas im Berliner Regierungsviertel. Die Sonnenstrahlen teilen den Raum in den Bereich, der schon im Wochenende ist, und den, der noch an wichtigen Themen für die Republik arbeitet. Ein Imbisstisch der örtlichen Catering-Firma ist aufgebaut, doch es schert sich keiner mehr drum – es ist eines dieser Pflichtbuffets. Einer Besucherin, die gerade ihren Pott voll Kaffee umrührt, fällt das zu dieser Stunde Wichtige auf. Sie raunt ihrem Begleiter zu: „Es gibt hier nur diese eklige Milch, keine richtige.“ Natürlich meint sie mit der richtigen die von Kühen, nicht etwa die von Ziegen oder Schafen.
Nein, richtige Milch muss es sein. Die nicht mehr ganz junge Dame in der mit bunten Blumen bestickten Jeansjacke zieht sich unter der trüben Plastikfolie, die allerlei Backwaren und belegte Brote verbirgt, einen veganen Kirschkuchen vom Blech. Sie geht mit vollen Händen die Treppe zur Besuchertribüne hinauf und hört den freitagnachmittäglichen Ausführungen zur Zukunft der Tierhaltung zu. Ganz in ihrem Moment, hat sie den Aufzug nicht bemerkt, ebenso wenig wie den Servierwagen mit portionierter richtiger Kaffeesahne.
*Diese Kolumne habe ich für die [agrarzeitung](http://agrarzeitung.de/?ref=patrick-pehl.de) verfasst.*
### Sojamilch beim Milchkongress
URL: https://patrick-pehl.de/sojamilch-beim-milchkongress/
Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
Auf einem Kongress der Milcherzeuger in einem schnieken Hotel in Berlin fand kürzlich ein Ereignis statt, das die Gemüter in der Milchwirtschaft erregte: Die Milch war aus. Man mag meinen, bei einem Treffen, das der Milch gewidmet ist, würde der Ausrichter sensibel auf die Beigaben am Heißgetränkebereiter achten. Doch die Realität sah anders aus: In hohen Glasgefäßen fanden sich Hafer- und Sojadrink, mit und ohne Zucker – daneben in kleinen Kännchen echte Milch von heimischen Tieren.
Wahrhafte Meister ihres Fachs erkannten die Chance und diversifizierten die Marktlage an den strategischen Punkten: den Heißgetränk-Entnahmestellen. Während die Alternativen durchaus ihre pragmatischen Befürworter fanden, zogen richtige Sahne und Milch heimlich die Aufmerksamkeit der Massen auf sich. Nach und nach schob sich nämlich ein buntes Band geleerter Marken-Tetrapacks den Tisch entlang, während die unbeschrifteten Glasbehälter der Ersatzprodukte am Abend kaum weniger Inhalt aufwiesen. Eine Molkereivermarkterin, deren Augen im Licht der Halogenstrahler des Tagungsortes funkelten, fasste die Stimmung mit wenigen Worten voller Weisheit zusammen: „Is‘ zwar ärgerlich, aber eigentlich könnte es nicht besser sein. So sieht man unsere guten Produkte viel besser.“ Recht hat sie!
*Diese Kolumne habe ich für die agrarzeitung verfasst.*
### Das weiße Hemd: Die Leinwand für Eleganz
URL: https://patrick-pehl.de/das-weisse-hemd-die-leinwand-fuer-eleganz-mode-kleidung/
Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
**Das weiße Hemd ist die Essenz männlicher Raffinesse. In seiner schlichten Perfektion liegt eine unwiderstehliche Anziehungskraft, die den Träger erstrahlen lässt, ohne selbst die Schau zu stehlen. Es ist die Leinwand für das Spiel des Lichts als Trennschicht zwischen Außenwelt und Leib.**
Yves Saint Laurent erkannte einst die Macht dieses unscheinbaren Kleidungsstücks: „Ein weißes Hemd ist die Grundlage der Eleganz. Es ist immer angemessen und steht jedem Mann.“ Wahre Worte eines visionären Meisters.
Die Vielseitigkeit des weißen Hemdes ist sein Trumpf. Ob lässig oder formell, es schmiegt sich mühelos an jeden Anlass an, verleiht dem Träger eine selbstbewusste Ausstrahlung und unterstreicht seine einzigartige Persönlichkeit. Tom Ford, der Architekt moderner Herrenmode, bringt es auf den Punkt: „Ein gut sitzendes weißes Hemd ist der Schlüssel zu einem gelungenen Outfit.“ Eine Weisheit, die jeder Mann verinnerlichen sollte.
## Unvergessliche Eleganz
Ein gut geschnittenes weißes Hemd ist die Essenz der klassischen Männermode. Der Schnitt betont die Figur des Trägers, ohne aufdringlich zu wirken. Es zeichnet die Silhouette nach und verleiht dem Körper eine wohlgeformte Kontur. Giorgio Armani sagte treffend: „Eleganz ist nicht auffällig, sondern unvergesslich.“ Ein perfekt sitzendes weißes Hemd bleibt in Erinnerung, nicht durch Extravaganz, sondern durch seine makellose Passform und Schlichtheit.
## Die Bedeutung des Stoffs
Doch was macht ein perfektes weißes Hemd aus? Die Antwort liegt in der Synergie von erlesenem Stoff und präzisem Schnitt. Feinste Baumwolle oder kostbare Seide, die sich wie eine zweite Haut an den Körper schmiegt und ein Tragegefühl von unvergleichlichem Komfort bietet. Jede Naht, jeder Knopf zeugt von höchster Handwerkskunst und einer Liebe zum Detail, die ihresgleichen sucht. Pietro Loro Piana, ein Meister der Textilkunst, betonte stets die Bedeutung hochwertiger Materialien. Ein sanft fallender Stoff, der weich auf der Haut liegt, bringt die subtile Eleganz des weißen Hemdes erst richtig zur Geltung. Brunello Cucinelli, der Maestro italienischer Schneiderkunst, bringt es auf den Punkt: „Ein weißes Hemd ist ein Kunstwerk. Es erfordert höchste Handwerkskunst, um seine zeitlose Schönheit zu erschaffen.“ Er erzeugt Schatten und Konturen, die das Licht einfangen und eine zarte, fast poetische Aura schaffen. Diese fließenden Linien und weichen Übergänge sind es, die ein einfaches weißes Hemd in ein Kunstwerk verwandeln.
## Naht als Detail
Die Perfektion liegt im Detail – und dies gilt besonders für das weiße Hemd. Die Nahtstiche an den Kanten des Hemdes sind mehr als nur funktionale Elemente; sie sind ein Zeichen von Handwerkskunst und Präzision. Paul Smith sagte einmal: „Inspiration kann überall herkommen. Die Kunst besteht darin, die feinen Details zu erkennen und sie in das Gesamtbild zu integrieren.“ Die subtilen Stiche und die präzise Verarbeitung eines weißen Hemdes sprechen von einer sorgfältigen und respektvollen Auseinandersetzung mit dem Handwerk.
## Vielseitigkeit voller Ausdruck
Ein weißes Hemd ist ein Chamäleon der Modewelt. Es kann mit zugeknöpften Manschetten formell und elegant wirken oder lässig und entspannt, wenn die Ärmel hochgekrempelt sind. Es passt zu nahezu jeder Gelegenheit und lässt sich mühelos in verschiedene Stile integrieren. Karl Lagerfeld, bekannt für seine Vorliebe für das weiße Hemd, sagte einmal: „Wenn Sie unsicher sind, tragen Sie weiß.“ Dieses einfache Kleidungsstück bietet eine solide Grundlage, die sowohl Raum für Kreativität als auch für klassische Eleganz lässt.
Modejournalistin Suzy Menkes schrieb in der International Herald Tribune über den Stil-Evergreen: „In Zeiten wie diesen, in denen sich alles so schnell verändert, ist das weiße Hemd eine verlässliche Konstante. Es überdauert kurzlebige Trends und steht wie kaum ein anderes Kleidungsstück für zeitlose Eleganz.”
## Graduiere Intensität der Schatten
Man stelle sich den Träger vor, wie er in einer entspannten Pose in der pulsierenden Stadt steht, geduldig wartend. Die Sonne strahlt ihn an, und das weiße Hemd lebt durch seine Bewegungen. Sanfte Falten bilden sich entlang des Stoffes, jede Falte eine stille Zeugin seiner Anmut. Der Verlauf der Schatten auf dem weißen Grund ist beeindruckend: durch die reflektierende Oberfläche des Stoffes graduiert die Intensität der Schatten und erzeugt subtil beeindruckende Nuancen. Diese Schatten verleihen dem Hemd eine lebendige Struktur und betonen die sanften Bewegungen des Trägers. Es ist, als würde das Hemd selbst Teil des Lichtspiels werden, und jede Falte, jeder Schatten erzählt eine eigene kleine Geschichte der Eleganz und Anmut. Dieses Zusammenspiel von Licht, Stoff und Körper verleiht dem weißen Hemd eine beinahe künstlerische Dimension.
## Unverzichtbar durch schlichte Reinheit
Das weiße Hemd ist ein unverzichtbares Element der Herrengarderobe, das durch seine Reinheit und Schlichtheit besticht. Es verkörpert die Essenz von Klarheit und Eleganz, während es gleichzeitig eine Vielzahl von Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Valentino Garavani bringt es auf den Punkt: „Eleganz bedeutet, die innere Schönheit nach außen zu tragen.“ Ein weißes Hemd ermöglicht es dem Träger, seine Persönlichkeit und seinen Stil auf eine Weise zu präsentieren, die sowohl dezent als auch wirkungsvoll ist.
Ralph Lauren, der Inbegriff amerikanischer Eleganz, fasst die Essenz des weißen Hemdes prägnant zusammen: „Das weiße Hemd ist der Inbegriff von Stil – es ist einfach, klassisch und immer angemessen.“ Eine zeitlose Wahrheit. Das weiße Hemd bleibt ein Fels in der Brandung, ein treuer Begleiter des stilbewussten Mannes. Letztendlich ist das weiße Hemd ein stiller Verbündeter, der die besten Eigenschaften seines Trägers zum Vorschein bringt. Es unterstreicht Charakter, Ausstrahlung und Individualität, ohne je die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen. Raf Simons, der Vorreiter avantgardistischer Mode, bringt es auf den Punkt: „Ein weißes Hemd ist wie eine Leinwand. Es liegt am Träger, daraus ein Meisterwerk zu machen.“
Das weiße Hemd bleibt ein Leuchtfeuer der Einfachheit und Raffinesse. Es erinnert uns daran, dass wahre Eleganz in der Klarheit und Reinheit liegt – ein zeitloses Erbe, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
### Kleider in Marineblau
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Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
Die Magie der Materialien\\nStellen Sie sich vor, wie sich seidige Navy-blaues Gewebe wie eine zweite Haut an Ihren Körper schmiegt. Der luxuriöse Glanz der Seide verstärkt die Tiefe der Farbe und bringt eine unvergleichliche Eleganz hervor. Ein navy-blaues Seidenhemd oder eine fließende Seidenbluse verleihen jedem Outfit einen Hauch von Opulenz.\\nIn der Welt der Herrenmode ist der navy-blaue Wollanzug ein unverzichtbarer Klassiker. Die Textur der Wolle gibt dem Farbton eine Struktur und Tiefe, die Autorität und Professionalität ausstrahlt. Egal, ob für ein Geschäftsmeeting oder eine formelle Abendveranstaltung, der navy-blaue Wollanzug bleibt stets die richtige Wahl.\\nFür den alltäglichen Chic offenbart Navy-blau auf gebürsteter Baumwolle seinen lässigen Charme. Denken Sie an ein perfekt geschnittenes Baumwollhemd oder eine bequeme Chinohose. Diese Stoffe betonen die Vielseitigkeit der Farbe und lassen sie sowohl entspannt als auch edel wirken.\\n## Die Kunst der Kombination\\nNavy-blau harmoniert meisterhaft mit einer Vielzahl anderer Farben und schafft so endlose Kombinationsmöglichkeiten. Mit pudrigem Crème und sanftem Grau zeigt sich Navy-blau von seiner weichen, femininen Seite, während metallische Akzente in Gold oder Silber den Look veredeln und einen Hauch von Glamour hinzufügen. Diese Farben harmonieren wunderbar mit Navy-blau und verleihen dem Outfit eine sanfte Eleganz. Ein cremefarbener Rollkragenpullover unter einem navy-blauen Blazer oder eine graue Anzughose zu einem navy-blauen Sakko schaffen eine ästhetisch ansprechende Balance. Goldene oder silberne Accessoires können den Look aufwerten und einen Hauch von Glamour hinzufügen. Denken Sie an eine silberne Uhr, goldene Manschettenknöpfe oder eine elegante Kette, die das Outfit vervollständigen.\\nDie Vielseitigkeit von Navy-blau\\nNavy-blau ist die Farbe der Vielseitigkeit. Von legerer Lässigkeit bis hin zu royaler Opulenz – Navy-blau bleibt immer Haltung. In der Casual-Welt enthüllt sich Navy-blau auf bestem Denim in markanten Fältchen und Schattierungen. Gebürstete Baumwolle betont seinen lässigen Charme, saftige Knöpfe seinen verspielten Esprit.\\nIn edler Haute Couture umschmeichelt Navy-blau jeden Körper wie flüssige Mitternacht. Hochgezogene Taillen und wallende Röcke aus fließendem Crêpe zelebrieren die Mode einst mehr als Verführung. Besticktes Lamé funkelt wie der Sternenhimmel, während massige Applikationen aus Seide von kraftvoller Extravaganz künden.\\n## Eine Ikone in der Mode\\nDie Vielseitigkeit und die tiefgründige Eleganz von Navy-blau machen diese Farbe zu einer Ikone der Modewelt. Egal ob in edlen Stoffen oder lässiger Baumwolle, Navy-blau ist das Credo der Stilsicherheit. Es ist die Farbe, die immer Haltung zeigt und dabei sowohl leger als auch majestätisch wirken kann.\\nPaul Smith und Valentino Garavani haben beide die Bedeutung und die Vielseitigkeit von Farben in der Mode betont. Paul Smith sagt: „Farben sind ein kraftvolles Mittel, um eine Geschichte zu erzählen. Navy-blau spricht von Tiefe, Vertrauen und Unendlichkeit.“ Valentino Garavani ergänzt: „Eleganz und Raffinesse sind in der Einfachheit zu finden. Navy-blau ist der Inbegriff von stiller Autorität und zeitloser Schönheit.“\\nNavy-blau ist mehr als nur eine Farbe. Es ist eine Aussage, ein Symbol für Eleganz und Zeitlosigkeit. Egal ob in luxuriöser Seide, klassischer Wolle oder lässiger Baumwolle, Navy-blau bleibt immer ein Zeichen von Stil und Klasse. Von der legeren Lässigkeit bis hin zur royalen Opulenz – Navy-blau verkörpert eine Haltung der Stilsicherheit und Erhabenheit.
### Guide für die Sitzungswoche
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Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
**Neu in zehn117-Berlin? Dann werden Sie festgestellt haben, dass die Zeit stark verallgemeinert in Sitzungswochen und sitzungsfreie Zeiten eingeteilt sind – der Takt des Parlamentsbetriebs.**
Eine Sitzungswoche läuft eigentlich immer gleich ab. Je nach persönlicher Vorliebe und Anreisewegdauer kommen die Abgeordneten am Sonntagabend oder Montagvormittag in Berlin an und nehmen gegen Abend die ersten Termine in Präsenz Berlin wahr. Manche Fachgruppen treffen sich auch schon, um die Schlachtpläne für die Woche zu besprechen – so etwas geht meist besser, wenn man sich sieht. Dienstags finden sich die Arbeitsgruppen der Fraktionen zusammen und bereiten die wichtigen Fraktionssitzungen vor und am Nachmittag findet die ritualisierte „Fraktionsebene“ statt. Hier geben die Fraktionsspitzen der Reihe nach kurze Stellungnahmen – oder Statements – für die Presse ab.
## Es wird stressig
Im Anschluss wird weitergetagt. Die Fraktionssitzungen laufen. Je nach Fraktion und Tradition ist das wie eine Messe, in der die Abgeordneten die Zielrichtung für die laufende Sitzungswoche von der Fraktionsspitze erörtert bekommen, wichtige Termine besprochen werden und auch der ein oder andere Diskurs statt findet. Selbstverständlich läuft das alles hinter dicken verschlossenen Türen ab, manchmal bleiben die Fenster aber offen.

Der Reichstag aus dem Paul-Löbe-Haus heraus © Max Hartmann
Ist der Dienstag einigermaßen gut überstanden, fängt die wirklich schwere Arbeit an: Mittwochs sind die Ausschusssitzungen im Paul-Löbe-Haus, das aufgebaut ist wie ein V8 Motor – das Vorzeigestück deutscher Ingenieurskunst in den 90er Jahren. Diese Sitzungen können diffizil sein und Streit zu Tage fördern, um den guten Austausch zu fördern und keine Diskussionen zu verhindern, sind auch diese nicht öffentlich. Meist sind auch noch Akteure aus der Leitungsebene des jeweilig gespiegelten Ministeriums geladen – Staatssekretäre und seltener auch Minister. Die Abgeordneten kommen zwar mit ihren Mitarbeitern und reden manchmal danach auch über die Inhalte, aber wirklich willkommen sind Außenstehende nicht. Informationen werden hier an Eingeweihte gesteuert gestreut. Je nach dem wie der Bundestag gerade verfasst ist, schließen sich dann Sondersitzungen, Anhörungen, Untersuchungsausschüsse oder andere Sitzungen an. Parallel wird gegen 13:00 Uhr im Reichstag mit der Eröffnung der Tagesordnung im Plenum begonnen. Erstmal kommen die Formalia auf den Tisch der Abgeordneten, etwa die Bestätigung der Tagesordnung, Änderungen zur Tagesordnung, Feststellung der Beschlussfähigkeit, Geburtstagsgrüße, Krankmeldungen, etc.
## Doch wieder lange Tage
Vor einigen Jahren beschloss das Parlament, dass es nicht mehr all zu lang arbeiten wolle und die Sitzungsdauer begrenzt werden soll. Das hat ein paar Monate lang geklappt und war nicht unumstritten. Inzwischen können die Sitzungen wieder bis in den Abend hinein dauern. Müssen keine Reden gehalten oder Abstimmungen getroffen werden, treffen sich Abgeordnete, Journalisten, Lobbyisten und deren Mitarbeiter bei einem der vielen Abendveranstaltungen im Regierungsviertel. Dort kommt man sich informell auf allen Ebenen und dem gesamten politischen Spektrum näher und legt wichtige Grundlagen für die übrige Zusammenarbeit. Mittwoch ist für Kontaktpflege da und sollte nicht unterschätzt werden. Hier kann man grob zwischen zwei Lagern unterscheiden: Die Langebleiber und die Frühgeher. Beide Gruppen haben ihre Vorzüge und im Laufe einer Karriere ändern sich die Zugehörigkeiten auch. Der Salonlöwe, der bis zur Sperrstunde der Berliner S-Bahn bleibt trifft halt mehr Leute und kann mit einer mathematischen Potenz anbandeln. Wohingegen der, der früher geht meist stärker im Gedächtnis bleibt und auch gern bis zum Schluss eine gern umworbene Gestalt bleibt.
Nun, ist auch der Mittwoch geschafft, beginnt der Donnerstag. Hier sollte man sich vernünftig vorbereiten, denn das Plenum läuft von morgens um 9:00 Uhr an uns kann auch schon mal bis nachts um 3:00 Uhr laufen. Natürlich ist solange kaum noch jemand im Plenarsaal und man hofft seine Rede dem Protokoll übergeben zu können, wenn man spät dran ist. Tagsüber werden die Dinge verhandelt, die Aufmerksamkeit bekommen sollen: Regierungserklärungen, das nächste große Gesetzespaket, aktuelle Stunden. Im Vorfeld findet ein gewisses Ringen um die Reihenfolge der Tagesordnung statt – je nach dem, ob man ein Thema vor den Redaktionsschlussterminen der Abend-Newsletter, Tages- und Fachzeitungen oder den Übertragungen der Fernsehsender retten will oder es bewusst ins gleißende Licht der Scheinwerfer werfen will. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert der andere. Gegen Abend sind die wichtigsten Entscheidungen häufig getroffen und die Meute macht sich wieder bereit für einen parlamentarischen Abend, einen Empfang oder ähnliche Events. Wer will, kann auch zum Warmwerden einen Fachtermin wahrnehmen und mit seinem Fachwissen zum Thema glänzen. Warum auch nicht? Es heißt wieder Visitenkarten austauschen, Hände schütteln, Schultern klopfen und immer einigermaßen gut im Thema sein. Das sind schließlich keine vergnüglichen Termine, sondern Arbeitszeit.
## Ab ins Wochenende
Freitage sind kurz: Hier macht zwar nicht ganz jeder um eins sein, aber um vier ist auch eigentlich keiner mehr hier. Legen Sie sich also ein paar angenehme Termine zum Ausklang der Woche. Fachgespräche der Fraktion, Fototermine und Interviews sind am Freitag gut platziert, denn man kann den Tag gut planen und wenn doch etwas dazwischen kommt, hat jeder ein bisschen Zeit zu warten. Ist das alles geschafft, wartet für Abgeordnete der Fahrdienst zum Flughafen oder zum Hauptbahnhof. Alle anderen, die die Stadt gen Heimat verlassen wollen tun es gleich und steuern mit den typischen Verkehrsmitteln gen Autobahn, Flughafen oder Bahnhof. Generell hat die Bundestagspolizei ab 15:00 Uhr nicht mehr viel zu tun. Die Gänge sind ruhig, die Telefonkabinen leer und die Taxis bereits sich auf die Partytouristen vor.
Die Sitzungswochen findet man im Sitzungskalender, der zu Beginn des Jahres in nahezu allen Büros der Hauptstadt aufgegangen werden. In jedem Jahr rotiert die Farbe zwischen pink, blau und grün. Man bekommt den Kalender in allerlei Formaten im [Bestellservice des Bundestages](https://archive.is/o/3nEEA/https://www.btg-bestellservice.de/?ref=patrick-pehl.de) oder bei den Infostellen und natürlich ist er auch als [unhandliches PDF online](https://archive.is/o/3nEEA/https://www.bundestag.de/parlament/plenum/sitzungskalender/?ref=patrick-pehl.de).
### Rennlizenz – ein Muss für schnelle Autos
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Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
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### Hochglanz-Illusionen
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### Gelassenheit am Reichstagufer
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Last updated: 2026-06-14T11:39:09.000Z
Zwischen den Mauern der Macht, wo das Schicksal Deutschlands gewoben wird, flitzt eine Quelle unbeschwerter Freude entlang der Spree: Mein Hund, politisch desinteressiert, trägt triumphierend seinen gerade gefundenen Stock. Im Schatten des Reichstags, unberührt von der Tragweite der Entscheidungen dieser Tage, verkörpert er eine Leichtigkeit, die in diesen Zeiten rar geworden ist. Sein kleines Glück, gefunden in einem simplen Stück Holz, bildet einen Kontrast zur Komplexität der umgebenden Politik. Hier, im Epizentrum der Macht, erinnert mich mein vierbeiniger Freund daran, dass Gelassenheit und ein Herz für die kleinen Freuden vielleicht das Gegengift für unsere von Hektik getriebene Welt sind. Ein Stock, ein Hund, ein Moment – eine Lektion in purer Lebensfreude.
*Diese Kolumne habe ich für die [agrarzeitung](http://agrarzeitung.de/?ref=patrick-pehl.de) verfasst.*
### Baskerville – Lesbarkeit und Klarheit im Schriftbild
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
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### Das Lotterie-Spiel der Demokratie: Bürgerräte und die Ausdünnung der repräsentativen Demokratie
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Bürgerräte per Lotterie – eine Brise frischer Demokratie oder die Erosion parlamentarischer Prinzipien? Unser neuer Meinungsbeitrag hinterfragt kritisch diese politische Innovation.\\nEs ist ein bemerkenswerter Schritt, den die amtierende Ampelkoalition gewagt hat, indem sie die Einführung von (\\1) beschlossen hat. Die Absicht, Bürgernähe zu generieren und somit das Gefühl von politischer Partizipation zu verstärken, mag auf den ersten Blick ehrenhaft wirken. Jedoch bedarf es einer kritischen Betrachtung dieser Entwicklung und ihrer Implikationen für die parlamentarische Demokratie.\\nBürgerräte sind eine Form der direkten Demokratie, in der eine Gruppe von Bürgern, ausgewählt durch das Schicksal der Lotterie, zusammenkommen, um über bestimmte politische Fragen zu diskutieren und Empfehlungen zu erarbeiten. Die Idee ist verführerisch in ihrer Einfachheit: Mehr Bürgerbeteiligung führt zu mehr Demokratie, oder etwa nicht?\\n## Losverfahren statt politische Willensbildung\\nDas ungeschriebene Manuskript der repräsentativen Demokratie mag uns jedoch eine andere Geschichte erzählen. Während das Losverfahren eine Chance für jeden Bürger bietet, sich einzubringen, marginalisiert es zugleich die Rolle gewählter Vertreter, die sich jahrelang in der politischen Arena bewährt haben. Ist es nicht gerade das Schöne an unserer repräsentativen Demokratie, dass wir uns auf Expertise und Erfahrung verlassen können, anstatt das Steuer der politischen Richtungsentscheidungen dem Zufall zu überlassen?\\nDie durch Wahlen legitimierte Führung, das Herzstück unserer parlamentarischen Demokratie, wird durch diese Vorgehensweise entwertet. In unserer parlamentarischen Demokratie wählen wir Vertreter, die die Fähigkeiten, das Wissen und die Erfahrung besitzen, um politische Entscheidungen zu treffen. Durch die Einführung von Bürgerräten schaffen wir ein Paralleluniversum, in dem die gewählten Entscheidungsträger aus der Verantwortung entlassen werden und sich auf den Lorbeeren ihrer Stellung ausruhen können.\\n## Erschütterte Grundfeste\\nDie Einführung von Bürgerräten durch ein Lotterie-Verfahren mag anmuten wie eine erfrischende Brise direkter Demokratie, aber es besteht die Gefahr, dass sie die Grundfesten unserer repräsentativen Demokratie erodiert. Anstatt “mehr Demokratie zu wagen”, riskieren wir, die repräsentative Demokratie zu untergraben und die gewählten Vertreter, die wir mit unseren Stimmen ins Amt befördert haben, zu entmachten.\\nWir müssen wachsam bleiben und diese Entwicklung kritisch betrachten. Ist es das wert, die Komplexität politischer Entscheidungsfindung auf eine Lotterie zu reduzieren? Ist es gerecht, die Verantwortung unserer gewählten Vertreter an eine Gruppe von Bürgern zu delegieren, die nicht durch eine Wahl legitimiert sind? Oder riskieren wir damit, die Stärke und Integrität unserer repräsentativen Demokratie zu verwässern?\\nIn der politischen Landschaft, in der wir uns bewegen, sind diese Fragen nicht nur relevant, sondern von entscheidender Bedeutung. Lassen Sie uns den Dialog nicht aus den Augen verlieren und dafür Sorge tragen, dass das Fortbestehen unserer repräsentativen Demokratie nicht dem Zufall überlassen wird. Denn in der Politik, wie in der Lotterie, gibt es keine Gewissheit – und die repräsentative Demokratie ist ein Preis, den wir uns nicht leisten können, zu verlieren.
### Hauptstadt-Journalismus in der Zwickmühle: Zwischen Anspruch und Eitelkeit
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Eitelkeit, Manipulation und die Gefahr der Instrumentalisierung – im Herzen Berlins tobt ein Ringen um die Wahrheit im politischen Journalismus. Es ist mal wieder so weit: Sommerinterviews stehen dabei im Fokus – ein Schauplatz, der so manche Hauptstadt-Journalisten auf eine Zerreißprobe stellt. Auch ich kann und konnte mich dem nicht entziehen.
Im politischen Berlin, wo die Bundesregierung und der Bundestag das Zentrum der Macht bilden, stehen die Hauptstadt-Journalisten vor besonderen Herausforderungen. In diesem hochkomplexen Umfeld ist es ihre Aufgabe, das politische Geschehen kritisch zu beleuchten und die Bürgerinnen und Bürger mit fundierten Informationen zu versorgen. Doch inmitten der politischen Klasse und Kollegen lauern Gefahren, die den eigentlichen Zweck des Journalismus gefährden.
Gleichzeitig bekommen Journalisten immer mehr Konkurrenz zu wirkmächtigen und nach Einfluss strebenden Privatpersonen – Influencern, Social Media Phänomene, Agendapublikationen. Die äußere Form des Journalismus und seiner ist für die Akzeptanz und das Vertrauen wichtig, Abgrenzung zu nicht-journlalistischen Medienformen ist die der letzten anderthalb Jahrzehnte Herausforderung.
## Die Herausforderungen des Hauptstadt-Journalismus
Eine der prominenten Gefahren ist die Eitelkeit der Journalisten selbst. Der Grundsatz, dass der Erkenntnisgewinn des Rezipienten im Vordergrund stehen sollte, wird oft vernachlässigt. Der Wunsch, sich vor den Kollegen zu profilieren und prestigeträchtige Interviews zu führen, kann die eigentliche Aufgabe des Journalismus aus den Augen verlieren. Ähnlich wie in der Serie „Mad Men“, in der die Werbeagenten in ihren persönlichen Ambitionen gefangen sind, könnten Hauptstadt-Journalisten den Fokus von den Bedürfnissen des Publikums abwenden.
Ein weiteres Problem liegt im Fragestil, der häufig nicht an das Publikum, sondern an die politische Klasse und Kollegen gerichtet ist. Dadurch könnten Journalisten zu Stichwortgebern verkommen und den Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit beeinträchtigen. Dieser Aspekt erinnert an die Ich-Bezogenheit der Charaktere in der Serie „Mad Men“, die sich nach Macht und Einflussnahme sehnen und dabei die Bedürfnisse der Bürger vernachlässigen.
Nicht nur während der „Berateraffäre“ haben auch wir [Sommerinterviews geführt](https://berateraffaere.de/?ref=patrick-pehl.de), die ein Garant für langlaufende Inhalte und Klicks sind.
## Sommerinterviews: Ein Schauplatz des inneren Zerriss
Ein zentraler Punkt ist auch die Gefahr der Instrumentalisierung von Hauptstadt-Journalisten. Ähnlich wie in der Serie „The Newsroom“, in der Journalisten den Druck spüren, sich den politischen Akteuren zu beugen, könnten Journalisten ihre Unabhängigkeit verlieren und sich von politischen Interessen beeinflussen lassen. Dies kann zu einer Verzerrung der Berichterstattung führen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in den Journalismus untergraben.
Die Ausführungen von Claudia Schwart in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) verdeutlichen die Schwächen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Kontext der Sommerinterviews. Die Eitelkeit der Politiker und der Moderatoren kann dazu führen, dass die Wahrheitsfindung in den Hintergrund rückt und wichtige Fragen nicht gestellt werden. Das Proporzdenken im Öffentlich-rechtlichen könnte dazu führen, dass politische Vielfalt in den Interviews fehlt und relevante Stimmen nicht gehört werden.
Ein weiteres bedenkliches Problem ist die fehlende Offenheit und Neugierde des Hauptstadt- Journalismus. Wenn Moderatoren Diskussionsteilnehmer unterbrechen oder bloßstellen, werden echte Diskurse verhindert und unliebsame Argumente ignoriert. Ein solcher Journalismus, der vorbestimmte Meinungen bestätigt und unerwünschte Argumente unterdrückt, steht im Widerspruch zu den Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft.
## Die Rolle des Journalismus
Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Hauptstadt-Journalisten ihre eigene Eitelkeit überwinden, den Erkenntnisgewinn für das Publikum in den Fokus rücken und sich nicht instrumentalisieren lassen. Die Hauptstadtpresse muss ihre Rolle als Wächter der Demokratie und unabhängige Informationsquelle ernst nehmen. Eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Verhalten und eine ständige Ausrichtung auf den Erkenntnisgewinn für die Leserinnen und Leser sind unerlässlich, um eine ehrliche und relevante Berichterstattung zu gewährleisten.
Der Journalismus hat die Verantwortung, das Vertrauen der Öffentlichkeit zu stärken, indem er die Interessen des Publikums über persönliche Ambitionen oder politische Agenda stellt. Nur so kann der Hauptstadt-Journalismus seine Rolle als kritischer Beobachter der Machtstrukturen wahrnehmen und zu einer informierten und aufgeklärten Gesellschaft beitragen. Es liegt an den Journalisten, die Herausforderungen zu erkennen und mutige Schritte zu unternehmen, um eine unabhängige und verantwortungsvolle Berichterstattung zu gewährleisten.
### Warum die katholische Kirche keinen Bischof in London hat: Eine respektvolle Geste mit einer faszinierenden Geschichte
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
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### Die Vorzüge von Affinity-Produkten: Leistung, Benutzerfreundlichkeit und ein attraktives Kaufmodell
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
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### Europa als Kneipe
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Europa braucht Zusammenhalt, und dafür sollten wir uns auf das konzentrieren, was uns verbindet. In diesem Blogartikel geht es darum, wie die Kneipen Europas eine wichtige Rolle bei der Schaffung einer starken und vielfältigen europäischen Gemeinschaft spielen können.\\nIch schaue über diese Stadt Berlin. Die pulsierende Metropole an Spree, Wuhle und Havel, die für so viele Dinge bekannt ist – ihre Geschichte, ihre Kultur, ihre Vielfalt. Doch heute möchte ich Ihnen von einer Idee erzählen, die noch viel wichtiger ist als all das. Berlin ist eine bedeutende Stadt auf dem Kontinent Europa.\\n## Die Kneipe als Abbild Europas\\nIch glaube, dass die Kneipen Europas eine wichtige Rolle dabei spielen können, Europa wieder zusammenzuführen und eine starke europäische Gemeinschaft zu schaffen. In diesen Kneipen gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen. Hier ist jeder willkommen, unabhängig von der Nationalität oder dem sozialen Stand. Hier treffen sich Menschen aus allen Schichten und Berufen, um sich auszutauschen, zu (\\1). Hier geht es nur um die Gemeinsamkeiten, um das, was uns zusammenbringt.\\nWenn wir uns für einen Moment vorstellen, dass wir uns alle in einer Kneipe treffen, uns zusammensetzen, ein Getränk teilen und miteinander sprechen, dann können wir uns vorstellen, wie wir uns als Teil einer großen europäischen Familie fühlen können. Wir können uns gegenseitig kennenlernen, unsere Kulturen und Traditionen teilen und uns gemeinsam für eine bessere Zukunft einsetzen.\\n## Auf das konzentrieren, was uns eint\\nIch glaube, dass die Kneipen Europas eine wichtige Rolle dabei spielen können, Europa wieder zusammenzuführen und eine starke europäische Gemeinschaft zu schaffen. Wenn wir uns auf das konzentrieren, was uns verbindet, anstatt uns auf das zu konzentrieren, was uns trennt, können wir eine starke und (\\1) schaffen, die in der Lage ist, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.\\nEs ist an der Zeit, dass wir uns auf das konzentrieren, was uns verbindet. Wir sind Europäer, Teil einer großen und vielfältigen Gemeinschaft. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, um eine bessere Zukunft für uns alle zu schaffen. Lassen Sie uns gemeinsam an einer Vision arbeiten, in der die Kneipen Europas eine wichtige Rolle bei der Schaffung einer starken und vielfältigen europäischen Gemeinschaft spielen.\\nIch lade Sie alle ein, sich uns anzuschließen. Gehen Sie in eine Kneipe in Ihrem Viertel, treten Sie ein! Setzen Sie sich, trinken Sie ein Bier oder anderes Getränk und sprechen Sie mit den Nachbarn am Tisch. Lassen Sie uns unsere Gemeinsamkeiten entdecken und uns für eine bessere Zukunft einsetzen. Gemeinsam können wir Europa zu einem Ort machen, an dem jeder willkommen ist, wo Kultur und Tradition gefeiert werden und wo wir uns als Teil einer großen europäischen Familie fühlen können. Werden Sie Europa!
### Aufbruch in eine neue Zeit: Die “Freiburger Thesen” und ihre Bedeutung
URL: https://patrick-pehl.de/aufbruch-in-eine-neue-zeit-die-8220-freiburger-thesen-8221-und-ihre-bedeutung/
Last updated: 2026-06-15T11:48:55.000Z
Der Freiburger Parteitag der FDP im Jahr 1971 gilt als einer der wichtigsten Parteitage in der Geschichte der Partei. Auf diesem Parteitag wurden die [Freiburger Thesen](https://de.wikipedia.org/wiki/Freiburger%5FThesen?ref=patrick-pehl.de) beschlossen, die bis heute eine wichtige Rolle für die Positionierung der Partei spielen. Freiheit, Eigenverantwortung und soziale Gerechtigkeit Die „Freiburger Thesen“ betonen die Bedeutung von Freiheit, Eigenverantwortung, sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz. Die FDP erklärte damals, dass sie nicht nur eine Partei für die Wirtschaft und Unternehmer sein möchte, sondern auch für die Arbeitnehmer und sozial Schwachen. Die Partei betonte die Bedeutung staatlicher Regelungen, um soziale Ungerechtigkeiten zu vermeiden, ohne dabei jedoch die individuelle Freiheit und Eigenverantwortung zu vernachlässigen.\\nInsgesamt war der Freiburger Parteitag ein wichtiger Schritt für die FDP, um sich als sozial-liberale Partei zu etablieren. Die „Freiburger Thesen“
haben bis heute einen großen Einfluss auf die Positionierung der Partei. Alle Menschen berücksichtigen – dank Freiburger Beschlüssen Die FDP setzte sich auf dem Parteitag für eine ausgewogene Politik ein, die die Interessen aller Menschen berücksichtigt. Die Betonung von Freiheit, Eigenverantwortung und sozialer Gerechtigkeit zeigt, dass eine ausgewogene Politik möglich ist. Die „Freiburger Thesen“ sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der Positionierung der FDP und zeigen, dass eine ausgewogene Politik im Einklang mit Freiheit, Eigenverantwortung und sozialer Gerechtigkeit möglich ist.
### Innere Schönheit – Simone Gerhardt und ihr Kampf um Unabhängigkeit und sexuelle Selbstbestimmung
URL: https://patrick-pehl.de/innere-sch-nheit-8211-simone-gerhardt-und-ihr-kampf-um-unabh-ngigkeit-und-sexuelle-selbstbestimmung/
Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Die Freiheitskämpferin im Konflikt mit ihrem konservativen Vater. Entdecke in diesem Artikel, wie die blühende Natur und Simones aufkeimende Sexualität ein Abbild ihrer inneren Konflikte darstellen. Eine Hommage an die fantastische Frauenfiguren in Fargo: Simone Gerhardt!\\nDie schillernde Schönheit der Schmetterlinge steht oft im Kontrast zur Raupenzeit, die von Einsamkeit und Verletzlichkeit geprägt ist. In ähnlicher Weise entfaltet sich (\\1) in der Serie Fargo, eine der faszinierendsten Figuren in der zweiten Staffel der TV-Serie Fargo, vor unseren Augen. Simone ist eine junge Frau, die sich nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sehnt und sich von den Einschränkungen ihrer patriarchalischen Familie befreien will.\\n## Eine Tochter im Schatten des Vaters\\nSimones Kampf um Unabhängigkeit beginnt bei ihrer Beziehung zu ihrem Vater, Dodd Gerhardt, einem raubeinigen Gangsterboss. Dodd sieht in seiner Tochter eine Verlängerung seiner selbst und fordert von ihr Gehorsam und Loyalität. Doch (\\1) Frau, die sich von den Erwartungen ihres Vaters befreien möchte. Sie träumt von einem Leben, das sie selbst bestimmen kann, und von einem Mann, der sie liebt und respektiert. Sie versucht ihre noch junge, unerfahrene Realität zu leben. Allerdings hat sie mit ihrem Vater und dessen Bruder eine schlechte Vorlage. Dennoch versucht sie sich ihr Leben zu nehmen.\\n## Sexualität: Die Schmetterlingsflügel brechen\\nhttps://www.youtube.com/watch?v=Qc8uO-y2T\_E\\nMike und SImone – ein Paar aus. Pragmatismus?\\nObwohl Simone von den Erwartungen ihrer Familie erdrückt wird, lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie findet Trost und Sicherheit in der Beziehung zu Mike Milligan, einem rivalisierenden Gangsterboss, der ihr seine Zuneigung zeigt. Doch ihre Romanze mit Mike geht über einfache Liebe hinaus. Es geht um Macht, um den Kampf gegen das traditionelle Patriarchat und um ihre eigene sexuelle Emanzipation. Simone sieht in Mike einen Verbündeten und Wegbegleiter, der ihr helfen kann, aus dem Schatten ihres Vaters herauszutreten und ihre Flügel auszubreiten.\\n## Eine Schönheit, die innere Stärke und Selbstbewusstsein ausstrahlt\\nIn den schwierigsten Momenten, wenn Simone mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen konfrontiert wird, zeigt sie ihre innere Stärke und ihr Selbstbewusstsein. Sie lässt sich nicht unterkriegen und kämpft weiter für das, was sie für richtig hält. Simone ist eine Schönheit, die nicht nur durch ihre äußere Erscheinung, sondern auch durch ihre innere Stärke und ihren Mut begeistert. Sie setzt ihre Sexualität, ihre Reize bewusst ein, um Vorurteile zu erzielen. Sie ist ein Vorbild für moderne Frauen, die nach Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und sexueller Emanzipation streben. Wenn auch ein Tragisches.\\nSchlussendlich erlangt Simone durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit die Freiheit, die sie sich immer gewünscht hat. Wie ein Schmetterling, der aus seinem Kokon schlüpft, entfaltet sich Simone in ihrer ganzen Schönheit und strahlt eine unglaubliche Stärke und Freiheit aus.\\nSimones Geschichte zeigt uns, dass es möglich ist, sich von den Erwartungen anderer zu lösen und sein Leben selbst zu bestimmen. Wir können von ihr lernen, dass es der Kampf wert ist, für unsere Freiheit und unsere Träume zu kämpfen.
### Simone Gerhardts tragisches Ende in Fargo: Eine Analyse
URL: https://patrick-pehl.de/simone-gerhardts-tragisches-ende-in-fargo-eine-analyse/
Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Tauche in die tragischen Umstände von Simone Gerhardts Hinrichtung in Fargo ein. Entdecke die Geheimnisse, die zu ihrer Todesstrafe führten, und die tiefgreifenden Auswirkungen ihrer Emanzipation, die sie auf die Serie und die Gesellschaft hat. Erlebe die Dramatik und Emotionen hautnah in diesem analytischen und bewegenden Artikel.\\nSimone Gerhardt war eine komplexe Figur in der zweiten Staffel von Fargo. Als Frau in einer von Männern dominierten Welt war sie immer auf der Suche nach Macht und Anerkennung. Doch ihr Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung führte letztendlich zu ihrem tragischen Ende.\\n## Die Hinrichtung\\nDie Hinrichtung von Simone Gerhardt war eine der schockierendsten Szenen in der Serie. Sie wurde von ihrem Onkel Otto Gerhardt und seinem rechten Hand Mann, Hanzee Dent, wegen Verrats und des Verdachts auf Zusammenarbeit mit den Konkurrenten, den Kansas City Mafia, hingerichtet.\\nie Hinrichtung von (\\1) in der Serie Fargo war ein unvermeidliches Ergebnis ihrer Handlungen und Entscheidungen. Nachdem ihr Liebhaber, der verfeindete Gangsterboss Mike Milligan, von ihrer Familie aufgespürt und gefoltert wurde, um Informationen über den Standort von Kansas City Mafia-Boss Joe Bulo zu erlangen, wurde Simone von ihrem eigenen Vater, Floyd Gerhardt, für den Verrat an ihrer Familie verurteilt.\\nFloyd, die mächtige Patriarchin der Gerhardt-Familie, war zuvor bereit gewesen, eine Allianz mit der Kansas City Mafia einzugehen, um den Frieden zu bewahren und ihr Familienimperium zu schützen. Simone, die ihrer Mutter und ihrem Bruder Dodd Gerhardt misstraute, entschied sich jedoch, einen eigenen Plan auszuführen, indem sie sich mit Mike Milligan und seinem Team verbündete, um die Kansas City Mafia anzugreifen und ihre Machtstellung innerhalb der Familie zu festigen.\\n## Simone Gerhardts Gangstar-Familienmitgliedschaft als Pech\\nhttps://www.youtube.com/watch?v=KQb00kKRA08\\nEs ist grauenvoll. In den 70ern waren emanzipatorische Frauen selten, doch Simone Gerhardt war es und ist zugleich Vorbild für Frauen heute. Das sagt (\\1)..\\nDie Hinrichtung von Simone erfolgte durch ihre eigene Familie, die von ihrer Verräterin enttäuscht und verraten war. In einer bewegenden Szene wurde Simone gefesselt und gezwungen, auf ihre Knie zu fallen, während sie sich um Vergebung von ihrer Familie und von Gott bat. Floyd Gerhardt, eine unerbittliche Matriarchin, sprach das Todesurteil aus und beauftragte ihre Männer, Simone hinzurichten.\\nDie Szene war brutal und schockierend, da Simone von ihren eigenen Verwandten hingerichtet wurde, die sie einmal als ein Mitglied ihrer Familie und Erbin ihres Erbes betrachtet hatten. Es zeigte auch die Härte und Kälte der kriminellen Unterwelt, in der Loyalität und Verrat eine ständige Präsenz sind und die Handlungen einer Einzelnen das Schicksal einer ganzen Familie beeinflussen können.\\nInsgesamt war die Hinrichtung von Simone Gerhardt ein trauriges und brutales Ende einer Figur, die durch ihre Entscheidungen und ihr Verhalten ihr Schicksal selbst herbeigeführt hatte. Es verdeutlichte auch die hohen Kosten, die mit der kriminellen Lebensweise verbunden sind, und die Tatsache, dass die Familie manchmal das größte Opfer ihrer eigenen Mitglieder werden kann.\\n## Simones Verhältnis mit Mike Milligan\\nSimones Tod hatte auch mit ihrem Verhältnis zu dem verfeindeten Gangsterboss Mike Milligan zu tun. Simone und Mike hatten eine komplizierte Beziehung, die von Leidenschaft und Verrat geprägt war. Als Simone sich entschied, Mike gegen ihre Familie zu unterstützen, nahm sie ihr Schicksal in die Hand und bereitete so ungewollt ihren eigenen Untergang vor.\\n## Die Rolle ihres Onkels Otto Gerhardt\\nOtto Gerhardt, Simones Onkel, spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle in ihrem Tod. Er hatte bereits zuvor seine Macht und Autorität als Familienoberhaupt verloren und sah in der Hinrichtung von Simone eine Möglichkeit, seine Autorität wiederherzustellen und seinen Einfluss innerhalb der Familie zu stärken.\\n## Das Schicksal einer Frau mit Emanzipation\\nSimones Tod ist ein weiteres Beispiel für das Schicksal von Frauen in einer Welt, die von Männern dominiert wird. Sie kämpfte ihr ganzes Leben lang für Anerkennung und Freiheit, aber am Ende wurde sie von den Männern in ihrer Familie verraten und hingerichtet.\\nSimone Gerhardts Tod in Fargo war ein tragisches Ereignis, das die Komplexität und Brutalität der Welt, in der sie lebte, verdeutlichte. Ihr Tod war das Ergebnis einer komplizierten Beziehung zu einem Mann, der ihr Verderben war, und der Verrat von Familienmitgliedern, die sich gegen sie wandten. In Simones Tod spiegelt sich das Schicksal vieler Frauen wider, die in einer männerdominierten Welt um Anerkennung und Freiheit kämpfen müssen.\\n## Was heißt das für unsere liberalen Gesellschaften?\\nDie Figur Simone Gerhardt verkörpert in der Serie Fargo eine selbstbewusste Frau, die sich nicht den Normen der patriarchalen Gesellschaft beugen möchte. Ihr Streben nach sexueller Emanzipation und Selbstbestimmung wird jedoch von ihrem Vater und der kriminellen Welt, in der sie lebt, unterdrückt. Ihr tragischer Tod zeigt, dass der Weg zur Freiheit oft von Hindernissen geprägt ist und dass sich das patriarchale System auch durch Gewalt und Unterdrückung durchsetzt.\\nIn einem größeren Kontext lässt sich Simones Tod als eine Kritik an der kriminellen Welt und dem damit verbundenen Machtkampf um Geld und Macht verstehen. Es verdeutlicht, dass auch in einer liberalen Gesellschaft wie der unseren, die Freiheit und Selbstbestimmung schätzt, die patriarchale Unterdrückung und Gewalt immer noch allgegenwärtig sind. Die Serie zeigt, dass es notwendig ist, dass Frauen wie Simone kämpfen müssen, um ihre Rechte und Freiheiten zu verteidigen und sich gegen das patriarchale System aufzulehnen.\\nSimones Tod kann auch als Symbol für den Kampf gegen das Patriarchat und die Unterdrückung von Frauen interpretiert werden. Ihre mutige Einstellung und ihr Wille, sich nicht den patriarchalen Normen zu beugen, sind ein Beispiel dafür, dass Frauen auch in einer von Männern dominierten Welt ihre Stimme erheben und kämpfen müssen, um ihre Freiheit und ihre Rechte zu verteidigen.\\nInsgesamt kann man sagen, dass Simones Tod nicht nur eine Tragödie innerhalb der Serie ist, sondern auch ein Kommentar zur Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Die Serie zeigt, dass es notwendig ist, sich gegen das patriarchale System aufzulehnen und für die Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen zu kämpfen. Es ist ein Aufruf zur Solidarität und zum Handeln, um das patriarchale System zu überwinden und eine gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen.
### Berlin: E-Sport-Hauptstadt Europas
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
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### Simone Gerhardt – Eine Femme fatale, die Grenzen sprengt
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In der zweiten Staffel von Fargo kämpfen rivalisierende Gangsterbanden um Macht und Einfluss. Mitten im Geschehen: Simone Gerhardt, eine selbstbewusste Frau, die mit ihrer Sexualität und Macht spielt. Erfahre, warum Simone ein Vorbild für moderne Frauen, auf Grund ihrer pragmatischen Weiblichkeit ist.\\nWie ich ja schon erklärte, habe ich die zweite Staffel der Serie Fargo besonders mit Blick auf die (\\1) geschaut. Ich bin begeistert von dieser Rolle. Sie ist ein modernes Vorbild für unsere Zeit.\\n## Sexualität adoleszenter rebellischer Frauen: Die Doppelmoral der Gesellschaft\\nDie Frage nach der Rolle der Sexualität im Alltag und der Gesellschaft ist eine, die seit jeher die Gemüter erhitzt. Insbesondere die weibliche Präsenz und ihre Bedeutung innerhalb dieses Themas ist ein Aspekt, der immer wieder für Kontroversen sorgt. Doch gerade in der (\\1), und hier insbesondere durch die Figur der Simone Gerhardt, wird dieser Aspekt auf eine Art und Weise beleuchtet, die das Publikum in den Bann zieht. Sie ist unverdient als Nebenrolle sie sollte eine Miniserie bekommen.\\nSimone Gerhardt ist eine Figur, die sich in ihrer Sexualität äußerst selbstbewusst präsentiert. Sie zeigt sich offen und verführerisch, spielt mit ihren Reizen und genießt die Aufmerksamkeit, die sie dadurch erhält. Doch während sie sich in dieser Hinsicht frei entfalten kann, muss sie sich gleichzeitig den Erwartungen und Anforderungen ihrer Familie unterordnen. Denn obwohl sie die Tochter des Patriarchen der Gerhardt-Familie ist, wird sie ständig daran erinnert, dass ihre Rolle als Frau in erster Linie darin besteht, ihrem Mann und ihrer Familie zu dienen. Eine Doppelmoral, die auch in der heutigen Gesellschaft noch allzu oft anzutreffen ist.\\n\*\\nDoch Simone gibt sich damit nicht zufrieden. Sie kämpft um ihre Selbstbestimmung und ihre Freiheit, um ihre Sexualität ausleben zu können, ohne dafür verurteilt zu werden. Dabei geht es ihr nicht nur um die körperliche Seite, sondern auch um die emotionale und geistige Verbindung, die sie zu ihren Liebhabern aufbaut. Simone ist eine Frau, die weiß, was sie will, und die bereit ist, dafür zu kämpfen – auch wenn das bedeutet, sich gegen die eigenen Familienmitglieder zu stellen.\\nhttps://www.youtube.com/watch?v=Qc8uO-y2T\_E\\nSimones Weg mit Mike, dem Feind der Familie. Sie ging ihren Bedürfnissen und Gelüsten nach. Simone Gebhardt ist eine Heldin der Geschichte.\\n## Ein Zeichen für die Emanzipation\\nIn dieser Hinsicht ist Simone eine Inspirationsquelle für viele Frauen da draußen, die ebenfalls gegen die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen kämpfen. Sie ist ein Zeichen für die Emanzipation und die Selbstbestimmung, für die Freiheit, die jede Frau verdient hat. Denn am Ende des Tages geht es darum, dass Frauen in der Lage sein sollten, ihre Sexualität und ihre Beziehungen so zu gestalten, wie es für sie am besten ist – ohne dafür verurteilt oder diskriminiert zu werden.\\n## Die Bedeutung von Simone Gerhardt\\nIn der Serie Fargo ist (\\1) (Fandom) eine Figur, die zeigt, dass es in der heutigen Gesellschaft noch immer viel zu tun gibt, um die Rechte und Freiheiten der Frauen zu stärken. Sie verdeutlicht die Bedeutung der Selbstbestimmung und der Emanzipation, und sie zeigt, dass der Kampf um diese Ziele auch in der heutigen Zeit noch lange nicht vorbei ist. Denn solange Frauen immer noch mit Doppelmoral und Vorurteilen konfrontiert werden, wird es immer notwendig sein, starke Frauen wie Simone Gerhardt zu haben, die sich für ihre Rechte und ihre Freiheit einsetzen.
### Fargo: Simone Gerhardt ist der Star der zweiten Staffel
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Last updated: 2026-06-14T11:39:08.000Z
Die zweite Staffel von Fargo spielt im Jahr 1979 in Sioux Falls in South Dakota, in Luverne in Minnesota sowie in Fargo in North Dakota und handelt von Peggy Blumquist und ihrem Ehemann Ed Blumquist, die die Unfallflucht und die Tötung von Rye Gerhardt zu vertuschen versuchen. Ich bin aber ganz fasziniert von der Figur der Simone Gerhardt, die von Rachel Keller hervorragend gespielt und gezeichnet wird.\\nIn der preisgekrönten Serie Fargo gibt es viele Charaktere, die mit ihrer Leistung fesseln. Doch wenn man genauer hinsieht, gibt es eine Figur, die sich durch ihre Präsenz und ihr unvergleichliches Können abhebt: Simone Gerhardt. Simone ist ein Mensch voller Widersprüche und komplexer Emotionen. Sie ist die Tochter des mächtigen Patriarchen der Gerhardt-Familie, aber trotzdem in vielen Aspekten seiner Kontrolle entzogen.\\n## Mike Milligan und Simone Gerhardt\\n\*\*Ich bin ja gerade im Fieber der zweiten Staffel der Serie Fargo und betrachte mit großem Interesse die Figur der Simone Gerhardt. In dieser lockeren Serie möchte ich mien Beobachtungen und Uberlegungen teilen. Was für eine Frau mitten in de ausgehenden 1970ern. \*\*\\nSimones ehrgeizige Natur ist unbestreitbar. Sie will unbedingt ihren Platz im inneren Kreis der Familie verdienen und die Erwartungen ihres Vaters erfüllen. Doch ihr Wunsch nach Anerkennung und Respekt wird oft durch ihre selbstsüchtigen und impulsiven Entscheidungen vereitelt. Simone ist eine Frau, die sich auf ihre Instinkte und Emotionen verlässt und sich nicht scheut, Risiken einzugehen. Obwohl sie oft unüberlegt handelt, zeigt sie eine beeindruckende Fähigkeit zur Anpassung und Überlebensfähigkeit.\\nSimones Beziehung zu ihrem Freund Mike Milligan ist faszinierend. Obwohl die beiden auf der Oberfläche sehr unterschiedlich sind, teilen sie eine ungewöhnliche Verbindung, die auf ihren gemeinsamen Werten von Leidenschaft und Intensität beruht. In bestimmten Momenten sind sie fast unbesiegbar und trotzen jeder Herausforderung. Doch Simones Liebe zu Mike ist auch ihre Achillesferse, denn ihre Beziehung stellt eine Bedrohung für ihre Familie dar und führt zu Konflikten und tragischen Ereignissen.\\n(\\1) ist auch eine visuell bemerkenswerte Figur. Ihr Aussehen, ihr Stil und ihre Ausstrahlung sind von der Zeit und der Umgebung der Serie perfekt eingefangen. Sie ist eine Frau, die bereit ist, ihre Schönheit und Weiblichkeit als Waffe zu benutzen, aber auch die Fähigkeit hat, sich in rauen und gefährlichen Situationen zu behaupten. Ihr markantes Erscheinungsbild und ihre kraftvolle Ausstrahlung machen sie zu einem unvergesslichen Charakter.\\n## Serie spielt in den 80er und ist doch so modern\\n\*\\nTrailer der zweiten Staffel Fargo\\nEin Symbol ist Simone Gerhardt auch für die Themen und Stimmungen der Staffel. Fargo ist eine Serie, die sich um die Idee von Familien, Blut und Macht dreht, und Simone verkörpert all diese Dinge. Sie ist das Produkt ihrer Umgebung und ihrer Erziehung, aber auch eine Person, die versucht, ihr Schicksal zu beeinflussen und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie ist ein faszinierender und unvergesslicher Charakter, der die zweite Staffel von Fargo bereichert und die Serie zu einem noch größeren Kunstwerk macht.\\nInsgesamt ist Simone Gerhardt eine komplexe und vielschichtige Figur, die durch ihre Präsenz und ihr unvergleichliches Können beeindruckt. Ihre Ehrgeizigkeit und ihre Leidenschaft sind bewundernswert, aber auch ihre Fehler und Schwächen machen sie zu einem menschlichen und mitfühlenden Charakter. Sie ist der heimliche Star der zweiten Staffel von Fargo. Nicht zu unrecht haben die Episoden der Staffel einen konstanten (\\1) von circa 9.
### Der Genuss der Fahrt: Das Auto und sein Bändiger
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
Heute schreibe ich über ein Thema, das viele von uns begeistert: die Ästhetik des Autofahrens. Denn das Fahren kann nicht nur ein Mittel zum Transport sein, sondern auch ein Erlebnis, das unsere Sinne erweckt und uns in eine andere Welt entführt.\\nWenn wir uns hinter das Lenkrad setzen, fühlen wir uns mächtig und in Kontrolle. Wir können die Maschine beherrschen, wir können sie lenken und lenken uns selbst. Wir spüren den Widerstand der Straße unter uns, die Kräfte, die wir kontrollieren müssen, um die Kurven und die Geraden zu meistern.\\n## Autofahren: Freiheit ganz anders erleben\\nUnd wenn wir auf der Autobahn fahren, spüren wir die Freiheit und die Geschwindigkeit, die uns durch den Wind umgibt. Wir sind eins mit dem Auto, eins mit der Straße, eins mit der Landschaft. Die Landschaft zieht an uns vorbei, und wir spüren, wie das Leben sich in all seinen Facetten vor uns entfaltet.\\nBesonders in Brandenburg gibt es viele Alleen, die uns in eine andere Welt entführen. Eine Welt der Ruhe, des Friedens, der Schönheit. Wenn wir durch die brandenburgischen Alleen fahren, fühlen wir uns wie in einem Gemälde. Wir bewundern die Schönheit der Landschaft, die uns umgibt, und wir sind dankbar dafür, dass wir sie erleben dürfen.\\n## Ich habe diese Art der Freiheit zu spät erkannt\\nUnd wenn wir dann an einem netten Restaurant am Wegesrand anhalten, um eine Pause vom Fahren einzulegen, fühlen wir uns noch mehr mit der Welt verbunden. Wir genießen die Köstlichkeiten der Region, wir unterhalten uns mit den Menschen, die wir treffen, und wir fühlen uns ein Teil von allem, was uns umgibt.\\nDenn das Fahren ist nicht nur ein Akt des Transports. Das Autofahren ist ein Akt des Lebens. Es ist ein Akt der Freiheit, der Kontrolle, der Verbundenheit. Es ist ein Akt der Schönheit und der Emotionen, die wir in uns tragen. Und das alles können wir erleben, wenn wir uns auf das Fahren einlassen.\\nIn diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser, denken Sie daran: Wenn Sie das nächste Mal in Ihr Auto steigen, lassen Sie sich auf das Erlebnis des Fahrens ein. Spüren Sie die Kontrolle, die Freiheit, die Verbundenheit. Und genießen Sie die Ästhetik des Fahrens, die uns so viel mehr bietet als nur einen Weg von A nach B.\\n\*\*\\n\\nIch hab heute mal ein bisschen Autobahnromantik. (\\1)\\n— Daggi (@ljusdagen) (\\1)
### Warum melden sich junge Männer sich freiwillig für den Kriegsdienst?
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
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### Eine Hommage an den Anzug des Lebens
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
Ein Anzug, das ist mehr als nur ein Kleidungsstück. Es ist ein Gefühl, eine Emotion, die tief in unserem Inneren wurzelt. Wenn ich meinen Anzug anziehe, fühle ich mich wie ein anderer Mensch, wie jemand, der bereit ist, die Welt zu erobern. Ein Anzug gibt mir das Gefühl, dass alles möglich ist, dass ich unbesiegbar bin.
## Der perfekte Sitz
Es ist der perfekte Sitz, der das Gefühl auslöst. Ein Anzug, der wie für mich gemacht ist, ist wie eine zweite Haut. Er schmeichelt meinen Proportionen, betont meine Stärken und verbirgt meine Schwächen. Kein Zwicken, kein Ruckeln, alles sitzt, wie es soll. Ein Anzug, der nicht passt, ist wie ein Date mit einer falschen Schuhgröße: man fühlt sich unwohl, unangenehm. Doch ein Anzug, der sitzt, der ist wie ein Liebhaber, der einen umarmt, der einen beschützt.
## Das Gefühl von Sicherheit
Ein gut sitzender Anzug gibt mir das Gefühl von Sicherheit, von Selbstbewusstsein. Ich fühle mich bereit für jede Herausforderung, sei es ein Meeting oder ein Vortrag. Ein Anzug strahlt Kompetenz aus, und das gibt mir das Gefühl, dass ich alles schaffen kann.
## Der individuelle Touch
Ein weiterer Vorteil des Anzugs ist die Möglichkeit, ihn nach meinem Geschmack zu gestalten. Ob es nun eine schlichte Eleganz oder ausgefallenere Schnitte sein sollen, die Möglichkeiten sind schier unerschöpflich. Ein Anzug ist wie eine Leinwand, auf die ich meine Persönlichkeit malen kann. So entsteht etwas ganz Individuelles, ein echtes Unikat, das mich auszeichnet und mich von der Masse abhebt.
Doch es ist nicht nur die Passform, die den Anzug zu etwas Besonderem macht. Es ist auch die Wahl des Stoffes. Ob es nun leichte Baumwolle oder schwere Wolle ist, jeder Stoff verleiht dem Anzug eine andere Note, eine andere Seele. So kann ich meinen Anzug jeder Situation anpassen und dabei immer noch meine Persönlichkeit ausdrücken. Ich kann mich für einen klassischen naviblauen Anzug entscheiden, der mir eine Aura der Autorität verleiht, oder für einen bunten Anzug, der meine Lebensfreude unterstreicht. Jeder Stoff hat seinen eigenen Charakter und lässt mich in einem anderen Licht erscheinen. Kombiniert mit [einem weißen Hemd](https://patrick-pehl.de/das-weisse-hemd-die-leinwand-fuer-eleganz-mode-kleidung/) macht man eigentlich nie etwas falsch.
## Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung
Ein Anzug, das ist ein Statement. Es ist eine Botschaft, die ich an die Welt sende. Ich zeige damit, dass ich mich wohl fühle in meiner Haut, dass ich mir selbst ernst nehme und dass ich mein Bestes geben werde. Ein Anzug ist ein Symbol für Anstand, Höflichkeit und Respekt. Er ist ein Ausdruck meiner Wertschätzung gegenüber mir selbst und anderen.
Ein Anzug, das ist ein Gefühl. Es ist die Liebe zum Detail, zur Perfektion und zur Schönheit. Jedes Mal, wenn ich den Stoff anfasse, die Knöpfe öffne und den Anzug anziehe, fühle ich mich, als ob ich Teil einer langen Tradition bin, einer Tradition der Eleganz und der Würde. Ein Anzug ist mehr als nur ein Kleidungsstück, es ist ein Ausdruck meiner Identität, ein Ausdruck meiner Persönlichkeit.
## Ein Anzug, das ist die Liebe zum Leben
Ein Anzug, das ist die Liebe zum Leben. Er erinnert mich daran, dass das Leben kostbar und wertvoll ist und dass ich es in vollen Zügen genießen sollte. Jeder Tag ist eine Chance, um unser bestes Ich zu zeigen und uns von unserer besten Seite zu präsentieren. Ein Anzug ist eine Hommage an die Würde des Menschen und an die Schönheit des Lebens.
Ein Anzug ist mehr als nur ein Kleidungsstück, es ist eine Lebenseinstellung. Es ist die Entscheidung, das Beste aus sich selbst zu machen, jeden Tag aufs Neue. Und das ist die wahre Liebe zum Anzug.
### Militär: Menschlichkeit und Selbstbestimmung
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
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### Dreh geht schief: was beim Interview los sein kann
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
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### Mit dem iPhone unterwegs ProRes filmen
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
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### Podcast interaktiv machen
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
Podcasts sind ein fabelhaftes Onlinemedium. Allerdings ist es auf Grund der Verbreitungsstruktur ein Medium, welches häufig nur in eine Richtung sendet. Der Rückkanal fehlt häufig. Wie schafft man es, dass der Podcast ansprechbar wird? Ob Text- oder Audiokommentar – einen Kanal zu den Hörer braucht man.\\nPodcasts sind ja technisch eigentlich nur Audiodateien, die per RSS allokiert werden. Doch mittlerweile sind Podcasts ein bedeutendes kulturelles Phänomen. Fast alle hören irgendwie einen Podcast – ob nun einen klassischen Laberpodcast oder eine geskriptete Serie. Das Problem ist immer das gleiche: Ich höre etwas relevantes und möchte mich dazu verhalten, doch das geht nicht direkt.\\n## Kommentare\\nHier kann eine klassische Blogfunktion helfen, nämlich die Kommentare. Allerdings ist die Tendenz alles möglichst leicht auf Plattformen abzubilden das Problem. Mal abgesehen davon, dass Spotify ein lausiger Podcast-Player ist, so ist das Hosting via Anchor und Co. keine so richtig gute Idee. Der Podcaster gibt die Hoheit über seine Publikation in völlig fremde Hände und verliert die Kontrolle. Eine richtige dazugehöre Website, auf der man Kommentare freischalten, moderieren und diskutieren kann, gibt es schlicht nicht.\\nAls Krücke kann dann ein Hashtag pro Episode genommen werden und auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen eingesammelt werden. Diskussion oder gegenseitiges Befruchten oder Anfeuern geht so aber auch nicht richtig. Mein Tipp: Nutzen Sie einen richtigen Podcasthoster, der auch eine Kommentarfunktion kennt – oder betreiben Sie ein eigenes Blog auf dem Sie Ihre Episoden veröffentlichen. WordPress in Kombination mit (\\1) ist wohl der übliche Standard.\\n## Anrufbeantworter\\nWas liegt näher als Audionachrichten der Hörer in einen Podcast einzubinden? Man könnte beispielsweise eine Reaction-Episode aufnehmen, wie es eine zeitlang der Podcast (\\1) aus dem Hause Viertausend Hertz machte. Doch wie kommt man leicht an diese Audiokommentare? Meist will man auch nicht seine privaten Kanäle dazu nutzen. Viele haben zu ihrem DSL Tarif eine ungenutzte Festnetztelefonnummer, mit dem eigenen WLAN Router ist oft schon eine Mailboxfunktion integriert. Eine AVM Fritzbox kann beispielsweise so konfiguriert werden, dass bei der hinterlegten Nummer der automatische Anrufbeantworter ran geht und dann eine MP3 Datei an eine zuvor hinterlegte Mailadresse geht. Das geht aber auch mit einem SIP-Telefonie-Anbieter, wie Sipgate und ist völlig kostenlos. Ein netter Nebeneffekt kann hier sein, dass die Telefonnummer im Impressum angegeben wird.\\n## Messenger: Telegram und WhatsApp\\nKomplizierter wird es schon, wenn man den kinderleichten und sehr barrierearmen Zugang via Messenger anbieten will. So gibt es sicher auch eine Vielzahl von Teilnehmern. Nur ist für die Verwendung der Messenger meist eine Mobilfunknummer nötig. Auch hier gilt wieder: Die private Nummer will man nicht so gern heraus geben. Der Anbieter (\\1), eine Marke der Sipgate aus Düsseldorf, bietet schon lange eine kostenlose Handynummer an. Diese funktioniert rein digital, also ohne Plastikkarte, sondern per App und eSIM. Seit kurzem bietet Sipgate auch in seinem Produkt Sipgate Basic eine kostenlose Mobilfunknummer an. Diese wird ebenfalls als eSIM provisioniert und braucht nicht einmal eine App.\\nDoch das Gesetz schreibt eine Identifikation eines Anschlussinhabers vor. Damit soll Terror und anderen Untaten vorgebeugt werden. Das Lästige an der Lösung mit einer eigenen Telefonnummer ist also das jeweilige ID Verfahren. Ich selbst nutze aber genau diese Dienste von Sipgate. Die Festnetznummer kommt auf echten Telefonen und in Software auf all meinen geschäftlichen Geräten heraus, die Mobilfunknummer von Sipgate läuft im O2 Netz und ergänzt meinen Anschluss bei der Telekom.\\n## E-Mail\\nDas einfachste für Podcaster ist vielleicht die E-Mail. Für den Absender der Audio- oder Textkommentare ist es aber aufwändig. Wir kennen alle die Probleme mit den maximalen Uploadgrößen. Wie bekommt man eine Sprachdatei aus der Sprachmemo-App in eine Mail oder wie tippe ich nun längere Beiträge. Außerdem ist da dieses Problem, dass Mails kulturell etwas formaler sind: \*Welche Anrede wählt man als Absender, mache ich einen höflichen Einstiegsabschnitt und nutze ich eine Schlussformel?\* Die Hürde kann zum Abbruch führen und wertvollen Input verhindern. Andererseits lässt sich in den Shownotes ein mailto-Link schnell einbauen und das Mailprogramm geht dann schon von allein auf – das Richtige hoffentlich.\\nIch kann also nur dazu aufrufen etwas intensiver über diesen kommunikativen Rückkanal nachzudenken. Über Rückmeldungen freut man sich eigentlich immer und es zeigt auch, dass man nicht ins Leere sendet. Eine Kombination aus den eben genannten Wegen ist sicher gut und am Ende muss es sicherlich nicht der Vollausbau sein, ein Angebot ans Publikum ist aber nicht schlecht.
### Gimbal: Sinnlos oder modern?
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Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
Wie werden mobil gemachte Filme professioneller? Das typische Ruckelvideo kennt wohl jeder, der schon mal aus der Hand versucht hat eine Szene aufzunehmen. Mit einem Gimbal wird das Ergebnis stabiler. Braucht also jeder einen Gimbal für sein Smartphone?\\nWas ist ein Gimbal überhaupt? Die allwissende Müllhalde, die Wikipedia, hat natürlich auch auf diese Frage eine handliche Antwort:\\n\*\*\\n\\nEin Gimbal ist eine motorisierte kardanische Aufhängung, welche die Bewegungen eines optischen Gerätes, meist einer Kamera, ruckelärmer und flüssiger machen soll. \[…\] Die eingesetzten Elektromotoren gleichen Erschütterungen und andere ungewollte Bewegungen des Menschen beziehungsweise der Drohne aus.\\nEs handelt sich also um einen physischen Bildstabilisator. Vor einigen Jahren sah es noch etwas ungewohnt und vielleicht auch witzig aus, wenn ein iPhone in einem dieser Geräte eingeklemmt war. Mittlerweile ist das für jeden modernen Medienschaffenden eine gewohnter Anblick. Die kleinen Dinger können inzwischen auch mehr als “nur gerades Bild”. Sie schwenken, drehen oder simulieren sogar in Zusammenarbeit mit Software einen Dolly Zoom. Also richtige Video-Allrounder.\\nIch selbst habe einen etwas älteren Gimbal: den DJI Osmo Mobile 3\. Und ich bin immer wieder erstaunt, was dieses Teil so leistet. Ich kann dazu den (\\1) empfehlen. Doch mittlerweile benutze ich das gute Stück immer seltener, obwohl ich selbst gern (\\1).\\n## Hat der Gimbal ausgedient?\\nVor wenigen Wochen machte sich ein findiger Medienlenker über Journalisten lustig, die aus einer Veranstaltung heraus mit einem Gimbal filmen und dann schnell Beitrage heraus lassen. So irritierend ich diese Aussage fand, so sehr hat mich das überlegen lassen wie sinnvoll ein Gimbal denn wirklich ist. Er ist ein zusätzliches Packstück, muss geladen werden und irgendwann werden auch die zusätzlichen circa 400 Gramm schwer in der Hand. Zusammen mit meinem 203 Gramm schweren iPhone 13 Pro ist das dann aber auch 20 Prozent schwerer als eine normale Packung Trockenpasta.\\nIch würde mich nicht über einen Gimbal lustig machen, allerdings sind die Bildstabilisatoren – physisch wie softwareseitig – so gut, dass es schwer ist ein wirklich verwackeltes Bild zu erzeugen. Sicher macht der Gimbal alles noch sanfter, aber ist das den Mehraufwand im Alltag wert? Ich bin nicht sicher, tendiere aber aus den vorgenannten Gründen zu einem “Nein”.\\nDer Gimbal hat seine Berechtigung. Die Handhabung muss aber geübt werden, eingebaute Lösungen für stabile Bilder sind aber gar nicht mal so schlecht. Und so wird der Gimbal mit zunehmender Rechenkraft und Pixelzahl ein noch nischigeres Dasein fristen als jetzt schon. Es ist also okay, dass man sich als (\\1) über die Nutzung eines Gimbals lustig macht, aber nicht weil die große Cam besser ist, sondern weil die kompakten Alltagskameras immer besser werden.\\nPS: Wenn ich Lust und Zeit habe, lade ich noch ein Videobeispiel hoch.
### Interview mit zwei iPhones filmen
URL: https://patrick-pehl.de/interviews-mit-dem-iphone-richtig-filmen-ultra-mobile-video/
Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
Mit zwei iPhones und anständigem Ton-Equipment können sehr stimmungsvolle und fokussierte Aufnahmen entstehen. In der Beschränkung auf enorm mobiles Equipment liegen viele Vorteile.
In dieser Kategorie schildere ich lose Umsetzungen ultra mobiler Produktionen oder Aufbauten. Gern möchte ich ein Setup darstellen, welches auf den ersten Blick seltsam aussieht. Häufig erlebe ich die Arroganz alter Medienmacher: „Da stehen die da bloß mit ‘nem Gimbal und einem iPhone.” Stimmt. Allerdings ist der hochmütige Duktus nicht angebracht. Wenn man weiß was man tut, kann man mit der besten Kamera der Welt – der die man immer bei sich hat – ausgezeichnete und sendefähige Videos erstellen.
In der politischen Berichterstattung muss es schnell gehen und meistens sind die Verhältnisse gut genug. Mit etwas eigenem Licht aus dem Akku und genügend Strom aus der Steckdose kommt man ziemlich weit.
## Machen wir es konkret
Anlässlich der so genannten [Berateraffäre](https://berateraffaere.de/?ref=patrick-pehl.de) drehte ich Im Sommer mit einem [Kollegen](http://kenny-dettmers.de/?ref=patrick-pehl.de) ein Interview mit Bewegtbild. Ort war das Büro eines hochrangigen Bundestagsabgeordneten im Paul-Löbe-Haus. Das Problem an diesen Büros ist, dass sie sehr klein und sehr warm sind. Vor allem die Wärme ist nicht zu unterschätzen, da Kameratechnik bei langem Betrieb gern mal in den Verweigerungsmodus geht – auch iPhone und Co. An diesem Tag liefen wir nicht in dieses Problem hinein, aber es war uns bewusst. Die Räume sind ziemlich gut gedämmt, weshalb der die Tonabnahme im Prinzip nie ein echtes Problem darstellt, wenn man halbwegs geeignete Technik nutzt.
Zur Tonabnahme kamen zwei AKG CK-97 Lavaliermikrofone an einem Zoom H4, mit je einem AKG MKG Adapter zum Einsatz, was die solide XLR-Technik ermöglicht. Der Ton wurde getrennt vom Bewegtbild aufgenommen.
## Aufbau
\*Eine Schematische Darstellung des Aufbaus. Wir saßen über Kreuz (Ledersessel und Sofa), ein Kollege war als Techniker / Bediener dabei.
Ich möchte wenig über die Aufstellung sprechen, da dies sehr klassisch ist. Ein Interviewer und ein Gast, jeder hat ein Ansteckmikrofon und eine eigene Tonspur. Damit Übersprechen verhindert wird, sollten die Leute relativ weit auseinander sitzen. Wir hatten uns dafür entschieden den Zoom H4 hinter den Gesprächsteilnehmern zu platzieren, um lange Kabelwege zu vermeiden. In letzter Sekunde warfen wir den Plan aber um und legten ihn hinter die Kameras. Warum? Ganz einfach: Das Audiomonitoring hat Vorrang. Kratzen an den Mikrofonen oder das gefürchtete 50-Hertz-Brummen, ein leerer Akku oder falsch gepegelter Ton sind eine reale Gefahr. Somit haben wir jeweils 10 Meter lange XLR Kabel eingesetzt und natürlich in 48kHz / 24 Bit / WAV aufgezeichnet.
Als große Lichtquelle konnten wir die große Fensterfront nutzen, haben aber noch ein kleines und handliches Akku-Licht (Manfrotto Pixie) verwendet sowie einen Reflektor positioniert. Weil Licht mit das wichtigste ist, haben wir auch die Deckenleuchten im Büro genutzt – kurz alles was möglich war, hat den Raum erhellt.
## Video aufnehmen
Das Video wurde wie immer mit Filmic Pro aufgenommen – auf beiden Geräten. Zum Einsatz kam das Profil Log V2 und als Auflösung haben wir uns für 2K in “Filmic Extreme” entschieden. Das hatte den praktischen Gedanken, dass der Speicher begrenzt ist und die Datenmenge auch wieder irgendwie auf einen Schnittrechner muss. Publiziert wurde das Material dann auch in 2K.
Im Schnitt gab es die große Überraschung: Eine Stunde 2K Filmic Extreme Videomaterial ist ziemlich groß und so einen Block kriegt man schwer vom iPhone. Per Cloud oder AirDrop kann man es gleich vergessen, die einzig praktikable Lösung ist es per Lightning (USB 2.0) vom Gerät zu bekommen.
Einen filmischen Look bekam das Material trotz der kleinen Linsen in der Postproduktion. Wir haben keine zusätzliche optische Hardware benutzt.
### Politische Interviews meistern: Was zu beachten ist
URL: https://patrick-pehl.de/politische-interviews-meistern-was-zu-beachten-ist/
Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
**Politik und Interviews in Online-Medien prägen die heutige Medienlandschaft. Trotz neuer Formate wie Podcasts haben sich die grundlegenden Herausforderungen der politischen Gesprächsführung nicht verändert.**
Die effektive Nutzung der begrenzten Zeit von Mandatsträgern ist entscheidend für ein gelungenes Interview. Der folgende Text analysiert, worin sich der politische Dialog vom Gespräch mit Wirtschaftsvertretern unterscheidet, basierend auf meinen Erfahrungen mit verschiedenen Medienformaten, die ich zusammen mit meinem Kollegen, guten Freund und Kumpanen [Kenny S. Dettmers](https://kenny-dettmers.de/?ref=patrick-pehl.de) entwickelt habe.
Meine Erfahrungen aus der Interviewpraxis im politischen Bereich zeigen: Politische Gespräche haben ihre eigenen Regeln. Sie erfordern gründliche Vorbereitung, strategische Vorbereitung und ein ausgeprägtes Gespür für Nuancen. Der professionelle Umgang mit der knappen Zeit eines Politikers ist für den Erfolg des Gesprächs ausschlaggebend.
Der folgende Artikel richtet sich an Journalistenkollegen und Medienschaffende, die ihre Interviewtechnik im politischen Bereich verfeinern möchten.
## Politische Nuancen verstehen
Im politischen Kontext hat jedes Wort Gewicht. Während Wirtschaftsvertreter Produkte bewerben, navigieren Politiker zwischen übergreifenden Konzepten und konkreten Details. Ein einzelnes Wort oder eine spezifische Betonung kann die Schlagzeilen des nächsten Tages bestimmen.
Der demokratische Auftrag verpflichtet Politiker zur öffentlichen Kommunikation. Diese folgt jedoch strategischen Überlegungen. In unserem parlamentarischen System ist jedes Interview Teil politischer Positionierung. Verhandlungspositionen oder konkrete Festlegungen während laufender Prozesse werden vermieden, da sie Kompromissmöglichkeiten einschränken können. Für Journalisten bleibt oft nur die äußere Form – der eigentliche Kern verbirgt sich in Andeutungen.
## Protokollieren und Protokoll
Die eigentliche Herausforderung besteht nicht im Protokollieren des Gesagten, sondern im Erkennen des bewusst Unausgesprochenen. Der Journalist muss analysieren, welche Themen ausgelassen werden, warum bestimmte Formulierungen gewählt und welche Bereiche gezielt umgangen werden.
Im aktuellen Medienumfeld verändert sich das Verhältnis zwischen journalistischer Recherche und politischer Kommunikation. Regierungshandeln wird von Faktoren wie Umfragewerten und parteiinternen Dynamiken beeinflusst. Eine genaue journalistische Analyse muss diese Zusammenhänge berücksichtigen.
Wirtschaftsvertreter präsentieren sich oft direkt und sachbezogen. Sie sprechen mit Begeisterung über ihre Produkte und teilen bereitwillig Details. Politiker hingegen wissen, dass unbedachte Äußerungen Schaden anrichten können. Ihre Offenheit ist kalkuliert. Die tatsächlichen Positionen müssen zwischen den Zeilen gelesen werden.
## Zeit und journalistische Taktik
Der politische Terminkalender ist minutiös durchgeplant. Politiker behandeln Zeit als knappe Ressource. Diese zeitliche Begrenzung dient nicht nur der Effizienz, sondern ermöglicht auch Kontrolle über das Gespräch. Zeithoheit bedeutet Gesprächshoheit. Unpünktlichkeit wird von Politikern gelegentlich strategisch eingesetzt.
Ministerielle und parlamentarische Abläufe erfordern strikte Zeitdisziplin. Die Position der Mandatsträger setzt professionelle Strukturen voraus. Technische Probleme oder mangelnde Organisation diskreditieren den Journalisten und können zu seinem Ausschluss aus relevanten Informationskreisen führen. Im politischen Betrieb gibt es selten zweite Chancen.
Kostbare Zeitquanten nutzen versierte Politiker zur Platzierung präparierter Statements. Wer unvorbereitet in solche Gespräche stolpert, wird zu rhetorischem Spielball degradiert. Was hilft: Erfahrung, Menschenkenntnis, akribische Recherche. Der disziplinierte Journalist entwickelt ein hochsensibles Radar für Standardfloskeln, erkennt Ausweichmanöver und presst sanft, aber unnachgiebig auf den wunden Punkt – dort, wo authentische Information schlummert.
Ein präziser Schlusspunkt ermöglicht es, auch nach konfrontativen Fragen einen angemessenen Abschluss zu finden. Der Politiker mag zerknirscht sein, doch mit einem klaren Gesprächsende lassen sich Spannungen auflösen. Die Begleitung des Politikers zurück zu seinem Büro, bevor Aufräumarbeiten beginnen, gehört zur professionellen Etikette.
Begleitende Kollegen oder Techniker können hierbei wertvolle Unterstützung bieten, müssen jedoch außerhalb des direkten Sichtbereichs platziert werden. Ihre Anwesenheit darf keinesfalls als Ausflucht bei unangenehmen Fragen dienen. Die Gesprächsführung liegt ausschließlich beim Interviewer – genau diese Klarheit macht das Format des politischen Interviews so wertvoll.
## Technik und Autorisierung
Im deutschen Politikjournalismus ist die Autorisierung von Interviews üblich. Gegen nachträgliche Änderungen hilft nur technische Absicherung. Eine Tonaufnahme ist unerlässlich, idealerweise mehrspurig angelegt.
Empfehlenswert ist eine separate Tonspur pro Sprecher in verlustfreiem Format. Die Tonqualität muss nicht perfekt sein; wichtiger ist die getrennte Aufzeichnung jedes Teilnehmers. Professionelle Ansteckmikrofone mit digitaler Signalverarbeitung bieten hier klare Vorteile. Diktiergeräte oder Smartphone-Aufnahmen sind Notlösungen, die keine ausreichende Qualität für die weitere Verarbeitung gewährleisten. Für den politischen Journalisten sind ein hochwertiges Audio-Interface und professionelle Aufnahmetechnik keine Option, sondern Notwendigkeit.
Die Aufnahmen ermöglichen die spätere Transkription mit Software wie Dragon Dictate oder spezialisierten Diensten wie [Auphonic](https://auphonic.com/?ref=patrick-pehl.de). Das genaue Transkript dient als Dokumentation und schützt vor nachträglichen Umdeutungsversuchen, die bei der im politischen Journalismus üblichen Autorisierungspraxis häufig vorkommen.
[Podcasts und digitale Formate](https://patrick-pehl.de/tiefer-politik-journalismus-mittels-podcasts/) haben die Rezeptionsgewohnheiten verändert und erfordern angepasste Interviewtechniken. Das Grundproblem bleibt jedoch bestehen: Politiker vermeiden präzise Aussagen und neigen dazu, sich in allgemeinen Formulierungen zu verlieren. Journalisten müssen darauf achten, sich nicht mit wohlklingenden, aber inhaltsleeren Formulierungen abspeisen zu lassen – eine Gefahr, die im klassischen Ausdruck des „Bequatschtwerdens“ treffend beschrieben wird.
Gute Interviewführung erfordert, freundlich und zugleich konsequent zu sein, ohne sich dabei lächerlich zu machen. Der Interviewer muss Abschweifungen unterbinden und Floskeln als solche kenntlich machen. Höflichkeit und gleichzeitige Beharrlichkeit sind entscheidend. Mehrspurige Aufnahmetechnik hilft, das tatsächlich Gesagte vom implizit Angedeuteten zu unterscheiden. So kann ein erfahrener Journalist politische Gespräche in inhaltlichen Erkenntnisgewinn umsetzen.
Das Können offenbart sich in der Dialektik zwischen Freundlichkeit und Bestimmtheit. Gleichzeitig existiert eine eherne Regel, dass Lächerlichkeit um jeden Preis vermieden werden muss. Es ist offensichtlich, dass Darwins Prinzip der natürlichen Selektion auch im journalistischen Biotop gilt. Der Interviewer muss rhizomatisches Abschweifungsverhalten rigoros blockieren und Phraseologie sofort enttarnen. Es ist von größter Bedeutung, dass er höfliche Beharrlichkeit bei gleichzeitiger Unbeeindruckbarkeit gegenüber rhetorischer Brillanz ohne Substanz demonstriert.
Die Verfassung garantiert Pressefreiheit und stellt damit sicher, dass kritische Nachfragen Teil unserer demokratischen Kultur sind. Faktentreue und präzise Begrifflichkeit sind hierbei essentiell. Die grundgesetzlich garantierte Position der Medien als vierte Gewalt verpflichtet zu einer sachlichen, aber nachdrücklichen Befragung politischer Entscheidungsträger. Hier muss der Journalist die Balance zwischen kritischer Distanz und respektvoller Anerkennung der demokratischen Legitimation seines Gegenübers wahren.
Erfolgreiche [politische Interviews](https://patrick-pehl.de/interessante-persoenlichkeiten-politik-im-interview/) folgen bestimmten Regeln: respektvoller, aber beharrlicher Nachfragestil, präzise Vorbereitung und Kenntnis parlamentarischer Abläufe. Journalisten, die politische Sprachmuster erkennen, Ausweichstrategien durchschauen und eine angemessene technische Ausrüstung nutzen, können auch zurückhaltende Politiker zu konkreten Aussagen bewegen. Dies ist keine Glückssache, sondern das Ergebnis professioneller Herangehensweise.
### Silk Road: Was wir aus den Ermittlungen lernen
URL: https://patrick-pehl.de/silk-road-was-wir-aus-den-ermittlungen-lernen/
Last updated: 2026-06-14T11:39:07.000Z
**Die spektakuläre Verhaftung von Ross Ulbricht und die Aufdeckung der Silk Road werfen ein scharfes Licht auf die Macht der Kryptografie und die Herausforderungen der Strafverfolgung im digitalen Zeitalter. Während die US-Behörden verzweifelt versuchten, das komplexe Netzwerk der Silk Road zu zerschlagen, stießen sie auf die unüberwindbare Hürde der verschlüsselten Kommunikation und Daten.**
Diese Ermittlungen enthüllen nicht nur die technischen Raffinessen und Risiken der Nutzung von Bitcoin und anderen anonymen Zahlungsmethoden, sondern zeigen auch, wie starke Kryptografie selbst die mächtigsten Ermittlungsbehörden der Welt in die Knie zwingen kann. Entdecken Sie, was die Jagd nach dem legendären Dread Pirate Roberts über Datenschutz und digitale Sicherheit lehrt.
S/MIME, PGP, GnuPG, oPenGP, VeraCrypt, AES 512 – es sind für viele Menschen kryptische und rätselhafte Aneinanderreihungen von Buchstaben, für andere sind sie eine Art von Religion(sersatz). Im sogenannten Deepweb sind das alltägliche Instrumente um sich vor etwaigen Verfolgern zu schützen.
Die genannten Begriffe sind allesamt Begriffe aus der Cryptoszene, sie gelten als ungebrochen und sind für viele das Allheilmittel gegen totale Überwachung. Sie verheißen absolute Privatsphäre und unbedingten Schutz. Auch beim Teleschirm widme ich mich den oben angegebenen Technologien und versuche die Technik ein bisschen zu verbreiten, zum Zwecke sie populärer zu machen. Auch ich glaube fest daran, dass GnuPG und seine Geschwister eine tolle Sache ist, auch ich habe es vielen Menschen installiert und auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele sie nicht oder nur sehr selten nutzen. Leider.
Aber was uns die [Ermittlungen gegen die Silk Road](https://web.archive.org/web/20160818132518/http://www.teleschirm.info/2014/11/ein-jahr-nach-dem-silk-road-bust/) und deren [Umfeld](https://web.archive.org/web/20160818132518/http://www.teleschirm.info/2015/05/silk-road-dea-agent-dient-zwei-herren-teil-1/) zeigen ist ein schlichter, aber dafür um so wichtigerer Fakt: An die **starke Kryptografie von PGP** wagt sich nicht einmal die *DEA* in Zusammenarbeit mit *FBI*, dem *US Secret Service* und *Homeland Security*. Es wurden auf den beschlagnahmten Rechnern mittels PGP verschlüsselte Daten gefunden – E-Mails, Dokumente und Chatverläufe. Doch selbst in einem so hoch priorisierten Fall, wie es die Bekämpfung der Silk Road für den US Saat war, haben sie sich nicht einmal die Mühe gemacht zu versuchen die verschlüsselten Dokumente zu entschlüsseln. Und das schreiben die ermittler sogar in ihre Ermittlungsakten hinein. Das ist die eigentliche und starke Aussage bei den Ermittlungen. Das Eingeständnis, dass das Land was die größte Armee der Welt hat, zwei Kriege gleichzeitig führen kann, den vermutlich finanzielle am besten ausgestatteten Geheimdienst – die NSA – hat nicht in der Lage ist ein für jeder Mann gratis erhältliches Tool zu knacken, das nebenbei auch noch vom Beginn der 90er Jahre stammt und somit aktuell knapp 25 Jahre alt ist.
Bei den Ermittlungen gegen Ross Ulbricht, der beschuldigt wird als DPR (Dread Pirate Roberts) die [Silk Road](https://web.archive.org/web/20160818132518/https://www.teleschirm.info/tag/silk-road/) geleitet zu haben, achteten die Ermittler peinlich genau darauf, dass sein Notebook nicht vom Strom genommen wird, er den Stecker nicht zieht und der Akku möglichst eingesetzt bleibt. Sie nahmen sogar in Kauf, dass er erfolgreich fliehen könnte, nur um die Festplatte seines Notebooks nicht zu verlieren. Denn eine ausgeschaltete Festplatte ist in dem Fall eine verschlüsselte Festplatte. Und eine Verschlüsselte Festplatte ist eine wertlose Festplatte, da sie niemand mehr auslesen könnte.
Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass die Kryptografie etwas bringt und von jedem leicht eingesetzt werden kann. Die Aussage „Ich habe nichts zu verbergen.“ gilt nicht länger. Also Freunde, [verschlüsselt Eure Mails](https://web.archive.org/web/20160818132518/https://www.teleschirm.info/82/email-verschluesseln-mit-gnupg-gpg/), [Dateien](https://web.archive.org/web/20160818132518/http://typo3.teleschirm.info/dateien-verschluesseln-signieren-mit-gpg/) und [Festplatten](https://web.archive.org/web/20160818132518/https://www.teleschirm.info/veracrypt/)! Denn es ist sicher, gar nicht so schwer und nebenbei noch nicht umsonst, aber kostenfrei.
### Silk Road: DEA Agenten dienen zwei Herren
URL: https://patrick-pehl.de/silk-road-dea-agenten-dienen-zwei-herren-teil-2/
Last updated: 2026-06-14T11:39:06.000Z
**Im Oktober 2013 hat die DEA, gemeinsam mit Homeland Security und dem FBI auf Geheiß des US Justizministeriums Ross Ulbricht in einer Bibliothek in San Francisco festgenommen und die Darknet Plattform Silk Road offline genommen. Aber im Zuge der Ermittlungen ist noch viel spannenderes Material gefunden worden. Der Silk Road Reallife-Krimi geht weiter!**
Es ist ein sonniger Tag, gut 10°C unter null – an einem Sonnabend. Die Stadt heißt Baltimore und befindet sich im US Bundesstaat Maryland. Um [1:35 Uhr wechseln 2’430 Bitcoin](https://www.blockchain.com/de/explorer/addresses/btc/1BnYoj218dcGhhgGcQBmbsimrh6GzJjrtB?ref=patrick-pehl.de) den Besitzer und in knapp 37 Wochen wird ein mit viel Aufwand gesuchter, junger Texaner in San Francisco festgenommen, was einen der Größten Strafprozesse der jüngeren US amerikanischen Geschichte auslösen wird.
## Was bisher geschah
Wie bereits im [ersten Teil](https://patrick-pehl.de/silk-road-dea-agent-dient-zwei-herren-teil-1/) geschrieben, bereicherte sich *Carl Marc FORCE* mit seiner Stellung als Ermittler der DEA gegen die Silk Road. Mitangeklagt ist ein gewisser **Shaun W. BRIDGES**. BRIDGES war – genau wie Marc FORCE – Agent bei der DEA. Er gehörte zu der Ermittlungsgruppe in Baltimore, welche unabhängig von der Ermittlungseinheit in New Yorck arbeitete. Beide Gruppen waren jedoch damit betraut, den Online- Schwarzmarkt Silk Road auszuheben und die Hintermänner einem Strafprozess in den USA beizuführen. Doch FORCE hatte irgendwie etwas anderes im Sinne, als er seinen Silk Road Nutzernamen „*French Maid*“ anlegte. So auch BRIDGES. Allerdings hat BRIDGES sich „*Flush*“ genannt.
### Der 20 Millionen Dollar Coup
Es ist der 25\. Januar 2013, als die Silk Road Community gewaltsam aufgerüttelt wird. Offenbar sind Hacker in das Silk Road System eingebrochen und haben und haben viele Tausend Bitcoin (BTC) gestohlen – genauer gesagt [*20’073 Bitcoin*](https://blockchain.info/address/127B3qwztPyA67uq63LG8G5izwhFcJ7j4A?ref=patrick-pehl.de). Am 25\. Januar 2013 waren diese 20’000 BTC ungefähr $ 350’000 wert. Zu den Hochzeiten des Bitcoinpreises waren es allerdings rund $ 20 Mio., heute sind sie noch immer ungefähr $ 4.7 Mio – ca. € 4.3 Mio. Wer diese 20’000 BTC gestohlen hatte, das wusste die Öffentlichkeit am 25\. Januar 2013 noch nicht. Aber es machte schnell das Gerücht die Runde, ein ehemaliger Admin der Deepweb Seite habe die Kryptowährung geklaut. *Dread Pirate Roberts* (DPR) wollte den Usern der Silk Road das Geld zurück geben und sie direkt für die den Raub entschädigen. Außerdem überlegten die Mitarbeiter der Silk Road wer es gewesen sein könnte und fanden schnell einen Schuldigen. Dieser sollte aus dem Weg geräumt werden und DPR heuerte einen Auftragsmörder an.
### Die Polizei ist der Einbrecher
Doch es ist nicht einfach ein krimineller, der sich an der treuhänderisch durch die Silk Road verwalteten Finanzmasse bereicherte. Es war kein geringerer als der Staat – die USA – der die Silk Road trocken legen wollen.
Die Ermittlergruppe aus Baltimore hatte eine Sendung mit Kokain überwacht, nahm den Empfänger dieser Lieferung hoch und arrestierte ihn. Sein Name wird in der [Anklageschrift](https://web.archive.org/web/20200813073651/http://www.teleschirm.info/wp-content/uploads/2015/05/Anklageschrift%5FSilk-Road%5FForce-IV%5Faka%5FFrench-Maid-Frenchmaid%5F-%5FOriginal.pdf) mit **C.G**. bezeichnet. (Beim googlen stößt man jedoch schnell auf seinen vollen Namen, dennoch möchte ich ihn hier unerwähnt lassen.) Kurz nach der Inhaftierung durch die DEA erklärte sich C.G. bereit mit den Ermittlern der *Baltimore Silk Road Task Force* zusammen zu arbeiten. C.G. hatte sogar seine Silk Road Anmeldedaten an die Ermittler heraus gegeben, mit denen sie sich dann einloggen konnten und administrative Rechte bekamen. Außerdem bekamen sie Zugang zu Bitcoin Wallets bei *MtGox* und *Dwolla*.
Sein Silk Road Admin-Acoount hieß „Flush“. *Flush* war ein *Support Mitarbeiter* bei *Silk Road*. Und hatte dadurch weitgehende Rechte auf dem Server und im Forum, er konnte Zahlungen freigeben und blockieren. Das Treuhandsystem ist ein wichtiger Bestandteil der Silk Road gewesen, da es den Usern Vertrauen gab. Eigentlich haben alle Deepweb Märkte ein solches Treuhandsystem aufgebaut, bei dem die Kunden sich beschweren können und ggf. Betrug melden um ihr Geld zurück zu erhalten, oder es möglich sein soll eine erneute Warenlieferung zu erwirken. Kurz um: Der User *Flush* saß auf hunderttausenden Dollars. Und genau diesen Account kontrollierte nun die DEA im Rahmen der *Ermittlungsgruppe in Baltimore*.
Am Morgen des 25\. Januar 2013 gab es innerhalb der DEA Dienststelle eine Besprechung in der C.G. alles weitere erklärte. Er zeigte BRIDGES wie man Passworte zurücksetzt, PIN löscht und Geldszahlungen freigibt. Dieses Wissen gab BRIDGES am Nachmittag an seine Kollegen weiter. In dieser wurden die neuen Ermittlungserfolge mitgeteilt.
Tags darauf, also am 26\. Januar 2013, ging BRIDGES früh Heim und DPR nahm Kontakt zu *Nob*, also dem offiziellen DEA Pseudonym von Carl FORCE ([erster Teil](https://patrick-pehl.de/silk-road-dea-agent-dient-zwei-herren-teil-1)) auf. Die übrigen Mitarbeiter der Silk Road und DPR kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass der Diebstahl durch *Flush*, also C.G., begangen wurde. Daru wurde der Account durch DPR deaktiviert um weitere Diebstähle durch ihn zu verhindern. In diesem Zusammenhang wandte sich DPR An *Nob* um den Mord an C.G. – alias *Flush*, in Auftrag zu geben. Allerdings nahm er auch Kontakt zu einem anderen User auf um *Flush* zu töten. *Nob* bekam von DPR circa $ 80’000 um den Mord auszuführen. Zur Erinnerung: „*Nob*“ ist das Pseudonym, von dem die DEA offiziell wusste.
FORCE, C.G. (alias Flush) und weitere DEA Agenten fingierten die Tötung an C.G. und inszenierten ein Beweisfoto für DPR, über das er sich später geschockt zeigen wird. BRIDGES half dabei das Bild möglichst echt aussehen zu lassen und den Beweis zu erbringen.
Die ersten Diebstähle wurden allerdings durch einen Silk Road User-Account mit dem Namen „*Number 13*“ lanciert, so die Staatsanwaltschaft in ihren Ermittlungsunterlagen. Das erklären sie sich daraus, dass am 25\. Januar 2013 das Benutzerkonto „*Number 13*“ eingerichtet wurde. Am Nachmittage des selben Tages bekam der Nutzer durch „*Flush*“ Verkäuferrechte (Vendor-Status). Ebenfalls am 25\. Januar 2013 wurden von *Flush* um die 900 Bitcoins in auf das Bitcoin Wallet von „Nuber 13“ überwiesen. Dies war laut Server-Log der erste Diebstahl in diesem Zusammenhang.
## Wie ist BRIDGES vorgegangen?

Geflecht aus Transaktionen © FBI
Die Staatsanwaltschaft hält zwei Indizien für die relevantesten. Am 23\. Januar 2013 überwies BRIDGES *60 Bitcoins*auf ein Benutzerkonto der Silk Road, welches von der DEA aktenkundig kontrolliert wurde und den Namen „**TrustUsJones**“ trug. Allerdings kamen die 60 Bitcoins nicht direkt aus der Silk Road Treuhand, sodern wurden über den Account „*Number 13*“ in den DEA Account „TrustUsJones“ gespühlt. In einer eMail von Carl FORCE an BRIDGES ist festgehalten, dass nun 60 BTC an „*TrustedUsJones*“ gezahlt wurden und der Rest weiter geschleust wird.
Am 26\. Januar 2013 wurden 2’430 Bitcoins von der Silk Road gestohlen, wie in dem Schema in der Anklageschrift, in der *Anlage F* (siehe Abbildung), vermerkt wurde. Dieses Wallet beafand sich beim damals größten Marktplatz für Bitcoins: [MtGox](https://web.archive.org/web/20240720190953/https://web.archive.org/web/20200813073651/http://de.wikipedia.org/wiki/Mt.Gox). Wie bereits dargelegt, stieß DPR eine interne Ermittlung bei der Silk Road an um herauszufinden wer der Täter sei und man schnell zu dem allgemeinen Konsens, dass *Flush* der Täter sei. Diese Chats sind durch die Staatsanwaltschaft gesichtet worden und belegen, dass die *Silk Road Mitarbeiter* bemerkten, dass der Account „Number 13“ eine Schlüsselrolle spiele, weil über ihn ungewöhnliche Zahlungen abgewickelt wurden.
Der User „Number 13“, also vermutlich FORCE und BRIDGES, meldete sich am 27\. Januar 2013 bei DPR und monierte, dass seine Bitcoins fehlen würden und er nicht wisse was los sei. Ein klassisches Ablenkungsmanöver.
**Number 13:** Was ist los …? Ich brauche wirklich mein Geld zurück. Was ist mit all meinen Bitcoins passiert? Innerhalb der etzten Tage hat jemand alle meine Bitcoin von meinem Konto gebucht. Ohne meine Erlaubnis! Der Umstand, dass die meine PIN hatten lässt mich vermuten, dass das welche von Eurer Seite waren.
**DPR:** Ich fürchte, dass Dein Account noch untersucht wird. In welcher Beziehung stehst Du zu dem Besitzer des Accounts „XXX“?
Nach einigem Hin und Her ging es dann weiter.
**Number 13:** Ich weiß nicht was der ganze andere Mist in meiner *History* ist. Schaut Euch meinen Verlauf an: Ich bin ein Käufer, kein Verkäufer. Was geht ab, man!?
**DPR:** Du bist fertig, Sorry für die Umstände.
Am 25 Januar 2013 war der Diebstahl beendet und BRIDGES schrieb an FORCE (als Ermittler „Nob“) eine Nachricht in der er fragt ob Force (als *Nob*) bei DPR eine Anleitung bekommen könnte wie er die vielen Bitcoins in Dollar tauscht, da so viel Drogengeld nicht einfach zu tauschen sei. Er, BRIDGES, wollt also wissen welche Tauschbörse er benutzt. Darauf hin antwortete FORCE, dass er diese Frage schon einmal gestellt habe und DPR ihm keine Informationen dazu gab. Darauf kam lediglich eine Nachricht von BRIDGES zurück in der in etwa stand: „*OK. Seltsam.*“
### Bemüht um Verschleierung des Betruges am US Staat
Ungefähr zwei Wochen später, am 12\. Februar 2013 gründete BRIDGES in Maryland eine Firma namens „Quantum International Investments“ (QUANTUM). Ähnlich wie FORCE dies mit seiner Firma „Engedi Ltd.“ machte. Und er eröffnete am 22\. Februar 2013 im Namen von *QUANTUM* einen Account bei Fidelity, einer Bitcoin -Börse. Dieser Account war verbunden mit BRIDGES Sozialversicherungsnummer, was wohl das Liquidieren der Bitcoins erleichtern sollte. Aber sie waren auch verquickt mit anderen, in seinem Namen errichteten Accounts. Bereits am 13\. Februar, also einen Tag später begannen die beiden (FORCE und BRIDGES) mit der Hilfe von C.G. Bitcoins zu transferieren und in US Dollar zu tauschen. Nun begann eine rege und verfängliche Kommunikation zwischen BRIDGES und FORCE:
**BRIDGES:** Wenn Du das nächste Mal im Büro bist, müssen wir reden. sagt, dass Du die Gabe hast C.G. zu überzeugen etwas zu tun. Wann immer Du Zeit hast, können wir ein bisschen plauern.
**FORCE:** Ich brauche Deine Hilfe mit *DPR*, wenn Du kannst. Ich versuche unsere Bitcoins zu übertragen. Sie werden nach über 30 Stunden nach dem Abschicken nicht angezeigt. Können Sie mit DPR in Kontakt treten und ihm über einen Silk Road Mitarbeiter, oder einem seiner Finanz-Jungs, sagen, dass die BTC nicht angezeigt werden? Ich werde hier eine Menge Ärger bekommen, wenn denen auffällt, dass das Geld fehlt. Nach 30 Stunden bin ich langsam wirklich besorgt! Kannst Du mir mit Deinem Wissen helfen? Ich habe den Transfer gesternfrüh abgeschickt.
Nach diesem Mailwechsel haben die beiden sehr genau den Bitcoin-Kurs verfolgt. Sie haben spekuliert zu welchem Zeitpunkt sie die BTC verkaufen sollen und freuten sich über steigende Kurse. In der Zeit vom 6\. März 2013 und dem 7\. Mai bekam sein Fidelity Account Einzahlung von MtGox – und nur von MtGox. Es waren insgesamt ungefähr $ 820’000.
Die letzte Transaktion zwischen MtGox und BRIDGES fand am 7\. Mai 2013 statt und nur zwei Tage darauf beschlagnahmt er $ 2.1 Millionen auf MtGox Konten. Um diese Beschlagnahme vorzubereiten benötigt man offenbar mehrere Tage, BRIDGES wusste also von der bevorstehenden Aktion *gegen MtGox*. Dadurch ist in den Augen der gegen BRIDGES und Carl FORCE ermittelnden Staatsanwaltschaft ein Interessenkonflikt eindeutig belegt.
Anfang 2015 führte BRIDGES eigene Untersuchungen im Bereich Bitcoins durch. Diese waren nicht von seinem Vorgesetzten in Auftrag gegeben, sondern er führte sie auf eigene Faust. So wie es *Hank Schrader in der Fernsehserie Breaking Bad* tat, als er *Gus Fring* eigenmächtig beschattete. BRIDGES jedoch interessierte sich für die Bitcoin – Börse *CoinBase*. Dort wollte er mehr darüber erfahren, wie man Zahlungen in Bitcoin am besten von *MtGox*zurück verfolgen könne und ob es getan werde. Allerdings wurde die *CoinBase* misstrauisch und interagierte erstmal weniger mit ihm.
Auf Grund der gegen BRIDGES gesammelten Beweise und Indizien kommt die ermittelnde Staatsanwaltschaft zu der vorläufigen Überzeugung, dass BRIDGES oder eine mit ihm zusammenarbeitende Person die Accounts auf der Silk Road „*Flush*“ und „*Number 13*“ benutzt hat um große Mengen der digitalen Währung Bitcoin zu ergaunern, diese dann in „echtes“ Geld umzuwandeln und einen großen eigenen Profit daraus zu schlagen. Eine Hauptverhandlung vor Gericht steht noch aus.
### Die Geldwäsche des Shaun Bridges
Wie jeder Kriminelle musste auch Bridges das Geld waschen um es in den Wirtschaftskreislauf zurück zu führen – also um es am Ende auch ausgeben zu können. BRIDGES hat es über seine Firma QUANTUM zu waschen. Er überwies $ 225’000 in kleineren Stückelungen vom BTC Konto bei *Fidelity*, welches auf QUANTUM läuft, auf ein Konto bei der *PNC Bank*. Das PNC Konto lief jedoch auf den Namen einer dritten Person. Nach einer Zeit wurde das PNC Konto allerdings mit BRIDGES’ Namen verknüpft, nun hatten die Ermittler den Fehler, den sie brauchen um jemanden aufzuspüren.
## Shaun BRIDGES & Carl FORCE – waren sie Komplizen?
Die Staatsanwaltschaft schätzt es so ein, dass die beiden, als Carl FORCE und Shaun BRIDGES, keine richtigen Komplizen waren. Sie hatten die Idee Kapital aus ihrer Tätigkeit in der *Silk Road Task Force in Baltimore* zu schlagen unabhängig von einander. BRIDGES schätzte FORCE gering und sah ihn als einen unvorsichtigen Stümper an. Selbst beschrieb BRIDGES sich jedoch als Experten für das Tor-Netzwerk und Bitcoins.
BRIDGES versuchte noch Beweise zu vernichten in dem er seine Computer in einen Schrank legte, welchen der *US Secret Service* als „*Wipe Station*“ nutzte. Ein solcher Ort ist eine Sammelstelle für Geräte, deren Festplatten endgültig zerstürt werden sollen. Und an einen solchen Ort legte er mehrere *Apple MacBooks*. Ein dienstliches *Dell* Notebook wurde ihm von seinem Vorgesetzten am 18\. März 2015 entzogen. Bei der anschließenden Sichtung der Daten fand man einen Ordner mit dem Namen „BitStamp“.
### Silk Road: DEA Agent dient zwei Herren
URL: https://patrick-pehl.de/silk-road-dea-agent-dient-zwei-herren-teil-1/
Last updated: 2026-07-14T11:39:54.000Z
**Ross Ulbricht, bekannt als der Drahtzieher hinter der berüchtigten Darknet-Plattform Silk Road, geriet ins Visier der US-Behörden, die seinen Computer und den Server der Silk Road in Reykjavik beschlagnahmten. Während die Ermittlungen in dem Fall bereits für Schlagzeilen sorgten, enthüllten sie noch viel mehr: Ein DEA-Agent namens Carl Mark Force IV wird nun des Diebstahls, Internetbetrugs und der Geldwäsche beschuldigt, da er sich Bitcoin im Wert von Hunderttausenden Dollar von der Silk Road angeeignet haben soll. Diese sensationelle Wendung zeigt, wie tief die Verstrickungen zwischen dem kriminellen Untergrund und der Strafverfolgung wirklich reichen – und das faszinierende Drama rund um Ulbricht, Silk Road und Bitcoin geht in die nächste Runde.**
Die US Justizbehörden haben Ross Ulbrichts Computer beschlagnahmt und diesen Rechner nach aufwendiger forensischer Analyse ausgewertet. Auch wurde der Silk Road Server beschlagnahmt, welcher sich physisch in einem Rechenzentrum mitten in der isländischen Hauptstadt Reykjavik befand. Das alles habe ich bereits im Oktober 2014 zusammengetragen und in diesem Bog berichtet. Dabei fanden die Ermittler schier unglaubliches heraus. Es gab einen Maulwurf in den eigenen Reihen, der zwei Herren diente: Der Justiz und dem den sie bekämpfen will – Ross Ulbricht. Wie es dazu kam, kann man im vorhergehenden Artikel „[Ein Jahr nach dem Silk Road Bust](https://www.freitag.de/autoren/patrick-pehl/ein-jahr-nach-dem-silk-road-bust?ref=patrick-pehl.de)“ nachlesen. Dem fraglichen DEA Agent wird nun separat der Prozess gemacht. Natürlich ist er zurzeit noch unschuldig, das wollen wir hier auch nicht vergessen, denn auch wenn es oft nicht so scheint, so sind die USA immer noch ein Rechtsstaat! Im Okober 2013 hat die DEA, gemeinsam mit Homeand Security und dem FBI auf Geheiß des US Justizministeriums Ross Ulbricht in einer Bibliothek in San Francisco festgenommen und die Darknet Plattform Silk Road offline genommen. Aber im Zuge der Ermittlungen ist noch viel spannenderes Material gefunden worden. Der Silk Road Reallifekrimi geht weiter!
## Verlockende Positionen laden zu Missbrauch ein
Der DEA Agent Carl Mark FORCE IV, kurz nur „*FORCE*“ genannt, wird aktuell durch die Staatsanwaltschaft des *Diebstahls von Regierungseigentum*, *Internetbetrug*, *Geldwäsche* und *Korruption* beschuldigt. Er soll einen Komplizen gehabt haben, welcher – [laut Anklageschrift](http://www.teleschirm.info/wp-content/uploads/2015/05/Anklageschrift%5FSilk-Road%5FForce-IV%5Faka%5FFrench-Maid-Frenchmaid%5F-%5FOriginal.pdf?ref=patrick-pehl.de) – Shaun W. Bridges heißen soll. Ungefähr 1000 Bitcoins (BTC) haben den Besitzer gewechselt, aber nicht wie es für einen Undercoverermittler der DEA vorgeschrieben ist zu Gunsten der US Staatskasse. Sondern FORCE steckte sich das Geld zum Teil selbst ein. Er behielt die Hälfte der ersten 800 Bitcoins in seinem eigenen Wallet. Zu der Zeit waren die Bitcoins, die er abzweigte, ungefähr $ 76’800 wert (400BTC; Kurs stand am 22.10.2013 bei ca. $ 210) und eine zweite Abzweigung war (laut Gerichtsakten) ca. $ 55’125 (525BTC; Kurs stand bei ca. $ 105) wert. Man kann also sagen, dass FORCE ein etwas zu hohes Einkommen hatte – für einen einfachen DEA Agenten.
FORCE nutzte seine Position in der DEA sogar soweit aus, dass er sich in ein Unternehmen einkaufte und dort Bitcoin Konten beschlagnahmte. Er beging Rechtsbeugung und bereicherte sich. So wies er die Firma CoinMKT an einen Account anzulegen der vorgeblich der DEA gehören soll. In Wahrheit wusste die DEA nichts von dem Account und FORCE transferierte die digitalen Währungen (Bitcoin, Litecoin, Worldcoin und Feathercoin) in sein eigenes, privates Wallet – mehr als $ 330’000.
FORCE hat sogar amtliche Ermittlungsformulare benutzt um sich Vorteile zu verschaffen. *Venmo* ist eine Tochter von PayPal über die man persönliche und direkte Zahlungen zu einer bestimmten Person vornehmen kann. Dort hat er sich angemeldet und versuchte hier Zahlungen zu empfangen. Das Betrugswarnsystem von Venmo sprang an und beide Nutze wurde gesperrt. Daraufhin nutzte FORCE offizielle DEA Vordrucke und seine DEA eMailadresse und behauptete fälschlich, dass er eine Undercoverermittlung gegen den ebenfalls in dem Zusammenhang gesperrten Nutzer „RR“ führe. Venmo hob die Sperre nicht auf und Informierte FORCEs Vorgesetzen bei der DEA über seine Bemühungen. Er war nun gewillt Venmo mit Zwangsmaßnahmen zu belegen und sie so dazu zu bewegen, dass das Geld transferiert wird. Dabei benutzte er sogar Signaturstempel seines Vorgesetzten – ohne dessen Wissen. Diese Unterlagen hat er dann versucht bei der DEA in den Aktenvernichten zu beseitigen. Sie wurde allerdings noch vor der Vernichtung, durch die Ermittler gegen FORCE, beschlagnahmt.
## Die Geschichte – ein Krimi vom besten Autor: der Realität

Silk Road has been seized Display-Screen © Screenshot / FBI
FORCE kommunizierte mit DPR offenbar zunächst unverschlüsselt, forderte ihn jedoch zeitnah auf Verschlüsselung einzusetzen – genauer gesagt [PGP](http://www.teleschirm.info/pgp?ref=patrick-pehl.de)einzusetzen. Im Folgenden konnte man über die unverschlüsselte Betreffzeile der eMails klar ablesen, dass reger Verkehr zwischen DPR und FORCE stattfand.
FORCE vermerkt den geheimen Schlüssel (private Key) seiner Scheinidentität nicht. Die DEA Agenten, welche gegen FORCE ermitteln, vermerken hier beiläufig etwas Wichtiges: *Weil FORCE den Key nicht in den DEA Akten vermerkt hat, ist es den Ermittlern unmöglich (!) die Nachrichten in absehbarer Zeit zu entschlüsseln.* Damit gibt die DEA öffentlich zu, dass sie mit all ihrer Rechenkraft unfähig ist starke und standardisierte Verschlüsselung zu brechen.
Die letzte chiffrierte Nachricht, welche aktenkundig bei der DEA vermerkt ist, ist die vom 4\. August 2013\. In dieser stand, dass die 525 Bitcoins niemals bei ihm angekommen seien. Die Mail verkehrte von FORCE’ offiziell in den DEA Akten eingetragenen Pseudonym „Kings’s“.
Die Staatsanwaltschaft vermutet (bzw.: unterstellt) ab hier, dass FORCE ein neues Pseudonym erstellt hat mit dem Namen „Nob“. *Nob*instruierte DPR nun nur noch mittels PGP zu kommunizieren und Kommunikationsdisziplin zu wahren. DPR überwies *Nob* nun die 525 Bitcoin an ein nicht offiziell verzeichnetes BTC-Wallet. Dies untermauert die Staatsanwaltschaft mit dem Fakt, dass FORCE in die DEA Unterlagen eine Notiz eintrug: „DPR made no such Payment“ (de: *DPR tätigte keine solche Zahlung.*) Am 4\. August 2013 trat zum ersten mal die Person „*Nob*“ auf. Das war der Tag an dem DPR 525 BTC überweisen sollte. Die erste Nachricht von *Nob* war die Anweisung „Use PGP!“, also: „Benutze PGP!“.
Bemerkenswert ist, dass die *Silk Road Task Force* in Baltimore seit Ende Juli 2013 wusste, dass das FBI versucht, ein Image (eine Kopie) der Silk Road Server zu machen. Offenbar hat FORCE befürchtet, dass jegliche Kommunikation zwischen sich und DPR, die jemals stattfand, dem FBI nun zugänglich würde. Dazu passt seine zeitnahe Nachricht, dass DPR doch gefälligst verschlüsseln sollte.
## 525 Bitcoin werden zu einem Problem
FORCE hat offenbar ganz klassisch eine Offshore Firma gegründet. Diese hieß *CampBX* und er betrieb diese nicht allein. Hierüber wickelte er alle BTC Zahlungen ab. Doch das nützte ihm leider nicht viel, da Bitcoin nicht wirklich anonym sind. Die Ermittler haben in einer Infografik die Zahlungsströme visualisiert und so DPR (evtl. Ross Ulbricht) mit FORCE in Verbindung gebracht. Und so muss man leider auch sagen, dass der Bitcoin Mixer der Silk Road wohl nicht richtig funktionierte – zumindest nicht in dem Maßstab und nicht mit dem Grad der Anonymität wie es sich viele Nutzer der Silk Road erhofften.
Die 525 BTC wurden vom Silk Road Server und in vier Tranchen, jeweils von einer anderen Adresse aus, transferiert – allesamt am 4\. August:
- 22:01 Uhr: 127 BTC
- 22:05 Uhr: 61 BTC
- 22:05 Uhr: 203 BTC
- 22:05 Uhr: 134 BTC
Dann wanderten sie in einen Bitcoin Mixer um die Zahlungen zu verschleiern, in dem sie am 1\. September 2013 ankamen. Von dort aus wurden sie dann in das persönliche Bitcoin Wallet von FORCE bei CampBX übertragen und von dort zu einem weiteren persönlichen Konto des FORCE bei *Bitstamp*. Dies stellt die o.g. Grafik („Beweisstück B“) in der Ermittlungsakte zum Fall dar:

Geflecht aus Transaktionen © FBI
Die 400 Bitcoin die FORCE im Juni hatte zu stehlen versucht tauchen nun plötzlich als förmlicher Aktenvermerk in den DEA Akten auf. Allerdings Monate nach der 400 BTC Zahlung von DPR im Juni 2013\. Im Januar 2014 versucht er die 400 Bitcoin glaubwürdig zu rekonstruieren, in dem er in einem anderen Fall eine Beschlagnahme von 400 BTC vorzunehmen versucht und diese so in den Ermittlungsunterlagen zu verzeichnen, dass diese stimmig ins Bild der Silk Road Ermittlungen passen. Ähnliches versuchte er wohl nicht mit den 525 Bitcoin zu machen.
Am 16\. Januar 2014 schrieb ihm der ermittelnde Bundesstaatsanwalt („federal procecutor“) eine Mail, in der er ihm viele Fragen stellte. Unter anderem wo die 400 BTC physisch nun seien. Daraufhin antwortet FORCE ihm später, dass die 400 BTC „*bei der DEA sind*“. Nach späterer Analyse des Blockchains durch den *Staatsanwalt in der Ermittlung gegen FORCE* stimmte diese Aussage nicht. Zu der Zeit (16\. Januar) wussten weder der ermittelnde Bundesstaatsanwalt, mit dem FORCE zusammenarbeitete, noch sein Vorgesetzter bei der DEA, irgendetwas von den 525 Bitcoin, die FORCE ergaunerte.
## Es wird eng für Carl M. FORCE
In Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen FORCE erwirkten die Ermittler einen Durchsuchungsbeschluss um seine persönlichen eMails durchsuchen zu können. Eines seiner eMailkonten enthält offenbar im Entwurf-Ordner eine automatisch erstellte Sicherung einer Mail („Beweisstück C“). In diesem Entwurf finden sich Hinweise, dass es im Juni und Juli jeweils eine Zahlung von DPR an FORCE gab. Diese Notiz machte er am 4\. August 2013\. Fügte sie aber offenbar nie den offiziellen Akten hinzu. Dort versucht er offenbar sein Handeln offenbar zu rechtfertigen und es so darzustellen, dass er dem Staat ja noch Geld eingebracht hätte, da der Kurs des Bitcoins in der Zeit stieg. Mit anderen Worten: Er könnte also in seinem eigenen Mailkonto notiert haben, dass er die Zahlung privat über 400 BTC bekommen hat – nicht als DEA Agent. Offenbar versucht er sich schönzureden, dass er dem US Staat so nun also den Gegenwert der damaligen Bitcons geben könne und den Profit aus dem Kursanstieg für sich behält.
„*Nob*“ war das einzige Pseudonym, welches der DEA bekannt war. Aber es war nicht das einzige mit dem FORCE agierte. Er nannte sich auch „*French Maid*“. Als DPR von den Ermittlern verhaftet wurde, hatte er die Silk Road gerade von seinem Notebook aus administriert. Das Notebook wurde forensisch analysiert und wurde als Beweismittel in seinem Prozess verwandt. Darauf befand sich ein Textdokument „LE counterintel“, also LE Spionageabwehr. Darin befanden sich Notizen bezüglich Insiderinfos aus der Strafverfolgung gegen ihn – bzw. Silk Road. Es waren wohl Auszüge aus Chats und Privatnachrichten von der Silk Road.
## **Die französische Hausdame Carla Sophia**
Einer dieser Gesprächspartner nutze den Decknamen „French Maid“. Eben jene Datei verzeichnet auch eine Notiz, das er *French Maid*$ 100’000 in Bitcoin gab um einen Namen zu erfahren. Der Name lautete: *Mark Karpeles*. Mark Karpels war damals CEO (Vorstand) der Bitcoinbörse MtGox. Mittlerweile ist [MtGox insolvent](http://www.faz.net/-gvz-7mw47?ref=patrick-pehl.de) und vom Markt verschwunden. Die Ermittler aus Baltimore hatten versucht über Karpels Informationen zu bekommen wer hinter der Silk Road stecken könnte.
In seinem Tagebuch auf dem Rechner vermerkte Ross Ulbricht am 13\. September 2013: „French Maid behauptet, dass Mark Karpels meinen Namen an Strafverfolger gab. Ich habe ihm $ 100’000 für den Namen geboten.“ Einige Tage später vermerkte er, dass er die $ 100’000 an French Maid gezahlt hätte. Die Staatsanwaltschaft vermerkt im Verfahren gegen FORCE: „Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass FORCE *French Maid* ist und Ulbrichts Insiderquelle ist.“ Das Image des Silk Road Servers, welches das FBI anfertigte, enthält private Nachrichten zwischen *French Maid* und *DPR*. Die meisten Nachrichten waren mittels PGP verschlüsselt und für die Ermittler nicht lesbar und auch nicht realistisch mit Brute Force angreifbar, aber einige erste Nachrichten waren unverschlüsselt. French Maids erste Nachricht lautete am 26\. August 2013: „Ich habe wichtige Informationen für Dich, die Du schnellst möglich erhalten solltest. Bitte gibt mir Deinen PGP Public Key. **Carl**.“ Einige wenige Stunden später versandt er eine Anschlussnachricht in der er schrieb, dass er sich vertippt hätte und sein Name *Carla Sophia* sei. Mit der Unterzeichnung als „Carl“ hat er seinen echten Namen benutzt.
### Der Tod kommt von oben
Aus den offiziellen Aufzeichnungen in den Ermittlungsakten von FORCE wird ersichtlich, dass ihm am 12\. November 2012 bekannt war, dass *Homeland Security* (HSI; US Heimatschutzbehörde) Ermittlungen zur Silk Road zu laufen hatte. Die Zielperson wurde von HSI als „*AA*.“ bezeichnet. Um den 1\. April 2013 wurde der Benutzer „*Death from Above*“ (dt.: Tod von Oben) bei *Silk Road*registriert. Auch hier scheint FORCE dahinter zu stehen. *Death from Above*machte DPR über die Nachrichtenfunktion auf der Silkroad ein Angebot. Er bot DPR den Namen von *AA* mit persönlichen Details zur Person dafür verlangte er eine Bezahlung von $ 250’000\. Er schrieb DPR außerdem: „Ich weiß, dass Du etwas mit dem Tod von *CG* zu tun hast. Ich wollte nur, dass Du weißt, dass ich zu Dir kommen werde. Du bist ein toter Mann. Glaube bloß nicht, dass Du mir entkommen kannst.“
Darauf antwortete DPR: „Ich weiß nicht wer Du bist und was Dein Problem ist. Lass mich Dir aber eins sagen: ‚Seit zwei Jahren halte ich meinen Arsch hin um diesen Ort zu dem zu machen was er ist. Ich halte meinen Kopf unten und will nicht in den hineingezogen werden, welchen einige Psychotiker hier fahren. Sie versuchen meine Haustür zu finden und mich zu bedrohen. Ich wäre gehackt worden und nun will ich Dir auf diese Weise danken. Ich weiß, dass ich eine gute Arbeit gemacht habe, denn diese Seite läuft. Du und die anderen Psychopaten da draußen versuchen mich einzuschüchtern in dem sie mir Nachrichten schicken.’“
Etwas später kam eine Antwort von Death from Above, in der er einige Infos zu AA fallen lässt und die Echtheit seines Wissens zu unterstreichen versucht und seinen Zugang zu vertraulichen Daten des FBI, der DEA und anderen im Ausland (GB und Australien) Strafverfolgern erklärt. Er sei ein ehemaliges Mitglied einer Spezial Einheit des US Militärs und sei eine Tötungsmaschine. Außerdem wollte Death from Abovewissen wo sich CG zu der Zeit befunden habe.
Am 10\. April 2013 schrieb Death from Above erneut. Er schrieb detaillierte Informationen zu AA und erhoffte sich Aufmerksamkeit von DPR. Er wiederholte seine Forderung nach $ 250’000 und forderte sie in bar. DPR glaubte Deth from Above nicht, was sein Tagebuch deutlich macht. Erschrieb im April 2013 hinein, dass er erneut versucht wurde zu erpressen und dass jemand vorgäbe seine Daten zu haben. Er, DPR, sei aber standhaft geblieben und die Erpressung sei ins Leere gelaufen. Am 11\. April 2013 vermerkte DPR „Ein Typ hat versucht mich zu erpressen. Er sagt er kennt meine Identität, aber sie ist falsch.“
Nun kommt aber der Knaller an Dummheit! FORCE nutzte seinen DEA Dienstrechner um sich als „Death from Above“ auf der Silk Road einzuloggen. Offenbar lief darauf eine Software, die die Aktivitäten auf dem Bildschirm filmte. Vermutlich zur kriminalistischen Dokumentation der offiziellen Ermittlungstätigkeiten. Dieses Filmmaterial speicherte er auf einer DVD, die FORCE seinen offiziellen Fallakten beifügte. Hier war auch ein Clip dabei in dem gefilmt wurde wie sich FORCE auf der Silk Road eben als Death from Above (!) einloggte und eine erpresserische Nachricht an DPR schickte. Natürlich war das Pseudonym Death from Above nicht bei seinen DEA Vorgesetzten oder der zuständigen Staatsanwaltschaft bekannt. Dieser Fund untermauert die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft gegen FORCE, denn damit ist bewiesen, dass er sich mit unbekannten Pseudonymen in die Silk Road einloggte, dass er Geld von DPR forderte und, dass er Ermittlungsgeheimnisse an DPR gab.

Screenshot von FORCEs Dienstrechner © FBI
## Interessenkonflikte des Carl M. Force
Dass Force in einen Interessenkonflikt mit seinen Ermittlungen kam ist soweit wohl klar. Er investierte als Privatperson in die Bitcoinbörse CoinMKT. Aber gleichzeitig führte er als Vollzeit DEA Agent auch Ermittlungen gegen Nutzer und Betreiber solcher Tauschbörsen. Aus seinem eMailverkehr investierte er ungefähr $ 110’000 in Bitcoin in die Plattform CoinMKT. Dies geschah in zwei Raten. $ 10’000 am 8\. November 2013 und eine weitere Rate in Höhe von ca. $ 100’000 am 25 November 2013\. Er war damit der fünft größte Investor bei CoinMKT. Als Investor hatte er versucht in den Vorstand der Firma zu kommen. Das war der DEA, also seinem Arbeitgeber, so auch nicht bekannt. Allerdings war CoinMKT bekannt, dass er bei der DEA angestellt war. Der Geschäftsführer der Firma wies sogar auf den möglichen Interessenkonflikt hin und verweigerte ihm eine Position im Unternehmen, so lange er noch bei der DEA angestellt sei. Auch wies CoinMKT das Angebot von FORCE zurück, dass er die Regierungsdatenbanken nach Steuerstrafverfahren oder Ähnlichem absuchen könne. Im Januar 2014 scheint FORCE dann im Kern der Firma angekommen zu sein. Firmenintern wird er als Nummer drei, hinter den beiden Firmengründern angegeben. Am 19\. Februar 2014 stellte er ein Profilbild zur Verfügung und eine Vita. CoinMKT hat ihn sogar beim zuständigen Handelsgericht als Vorstand angegeben. Später hat FORCE die eMails mit CoinMKT gelöscht und die Verbindung versucht zu vertuschen – allerdings nicht besonders gut.
### Sein Bitstamp Account
Am 12 Oktober 2013 hat sich FORCE einen Account bei Bitstamp geklickt und dabei versucht seine offiziellen DEA Undercover – Papiere zu benutzen. Der Betrugsalarm ging bei Bitstamp an und wies diese Identitätsnachweise als nicht valide zurück. Daraufhin nutzte er seine wahre Identität. Nun hatte er einen Bitstamp Account und verknüpfte ihn mit einem Bankkonto bei der *M&T Bank*und zwei eMailadressen – eine davon trug den Tarnnamen „*Fiat Broker*“. „Fiat“ ist der Ausdruck für virtuelles Geld – [Fiatgeld](https://de.wikipedia.org/wiki/Fiatgeld?ref=patrick-pehl.de). Um den 9\. November 2013 herum machte FORCE seine erste Buchung in einem Wert von circa $ 34’000 in Bitcoin. Am 13\. November 2013 ist der Betrag dann in seinem Bankkonto als internationale Überweisung verbucht worden. Nun machte FORCE eine weitere Einzahlung auf sein Konto bei Bitstamp. Es waren ca. $ 96’000 in Bitcoin. Bei einem so großen Betrag wollte Bitstamp eine genauere Prüfung der Identität. Daraufhin antwortete er von seinem privaten eMailkonto: „Ich bin ein DEA Spezialagent und habe von Bitcoin erfahren als ich gegen die *Silk Road*ermittelte.“ Er hing an die Mail eine Kopie seiner DEA Marke und seiner Meldedaten an, sowie seine Vita. Später, im Januar 2014, verzeichnete seine Bank zwei Zahlungseingänge. $ 57’000 und $ 50’000\. Am 18\. April 2014 versuchte FORCE $ 80’000 von seinem Bitstamp Account an sein Bankkonto bei der M&T Bank auszahlen. Daraufhin markierte das Bitstamp-System die Zahlung und Bitstamp kontrollierte die Userdaten erneut. Dabei fiel auf, dass Force den Account über das *Tor-Netzwerk* einrichtete. Daraufhin sperrte Bitstamp den Account.
Um seinen Account nun wieder frei zu schalten schickte er ein Supportticket über die Bitstamp Website ab. Darin versuchte er erneut darzulegen wieso er die Bitcoin besitzt und wozu er diese benutz(e). Er sei in der „*Silk Road Task Force*“ der DEA gewesen und habe gegen DPR ermittelt. Daraufhin fragten die Bitstamp Servicemitarbeiter warum er den Account denn über das Tor Netzwerk anlegte. Daruaf antwortete er, dass er das Tor Netz benutze, weil er seine Privatsphäre schützen wollte und nicht wollte dass ihm die DEA zu sehr über die Schulter schaut und schloss das mit einem 🙂 Smiley ab. Am folgenden Tag dachte sich der zuständige Mitarbeiter bei Bitstamp, dass eine solche Aussage von einem offiziellen DEA Ermittler wohl arg komisch ist und sperrte den Account erneut.
Am 28\. April 2014 versuchte FORCE wieder eine Auszahlung zu erwirken und diesmal um die $ 201’000 in Bitcoin. Sein Account wurde zu dieser Zeit ständig eingefroren und wieder aktiviert. Anschließend sprach Bitstamp nun mit einem anderen Agenten des Secret Service: **Shaun W. Bridges**. BRIDGES war nun sein Komplize und ist vor Kurzem festgenommen worden. Am 6\. Mai 2014 wurden die rund $ 201’000 nun auf FORCEs Konto bei der M&T Bank ausgezahlt. Am 2\. Mai 2014 gab er die Löschung seines Accounts bei Bitstamp und der kompletten Buchungshistorie in Auftrag. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass dies ein Versuch war seine Aktivitäten zu verschleiern.
### Wie sind die Silk Road Ermittler auf ihn aufmerksam geworden und haben ihn überführt?
Auf diese Schwachstelle der PGP Verschlüsselung von eMails wird eigentlich immer hingewiesen, weshalb es unverständlich ist nicht auf den Schutz der Zeile zu achten. Außerdem hatte FORCE einen weiteren Anfängerfehler in Zusammenhang mit PGP begangen. Er hatte den Versionstag seiner PGP Software nicht entfernt. Standardmäßig senden PGP Verschlüsselungsclients immer ihre Versionsnummer im Klartext mit, vor allem beim Erstellen der Schlüsselpaare, was dann in etwa so aussieht:
—–BEGIN PGP PUBLIC KEY BLOCK—–
Version: GnuPG 1.4.12
Comment: Hostname: pgp.mit.edu
Über die bereits anfangs erwähnten Nachrichten über die Silk Road fand die Staatsanwaltschaft auffällige Korrelationen. Beide FORCE, als offizieller DEA Agent mit der Undercoveridentität *Nob*, und sein mutmaßliches Pseudonym „French Maid“, nutzen die selbe veraltete GnuPG Version. Diese Korrelation der Fakten macht es wahrscheinlich jemanden zu enttarnen, bzw. sein Pseudonym mit seiner wahren Identität zu verknüpfen. Diese Information im Klartext ist wie der Vermerk „Von meinem iPhone gesandt.“ Am Ende einer Mail, nur dass er viel detaillierter ist. Quasi als würde dort stehen „Von meinem iPhone 5S,1 mit iOS 8.1.3 gesandt.“ Dass FORCE PGP Anfänger war lässt sich dadurch gut ableiten, denn in jedem Forum dazu wird empfohlen, dass der Tag entfernt werden sollte, da eine Identifikation daraus gut möglich ist. Auch haben beide, FORCE (als *Nob*) und *Frenchmaid* einen 2048 Bit Key benutzt. Das ist die Standardeinstellung bei der Windows Software. Um aber mehr Sicherheit vor Bruteforce oder anderen Angriffen zu bekommen wird eigentlich die höchste Verschlüsselungsstärke 4096 Bit empfohlen. Dass beide Identitäten, *Nob* und *French Maid*, nur einen 2048 Bit Key verwenden ist ebenfalls eine auffällige Parallele über die die Staatsanwaltschaft versucht FORCE nachzuweisen, dass es *French Maid* ist.
Die $ 100’000, welche DPR am 15\. September 2013 an *French Maid* übermittelte – also ca. 770 BTC – sind über den Blockchain rückverfolgbar. Auch wenn es einige Durchlaufkonten passiert um die Herkunft zu verschleiern, ist es der Staatsanwaltschaft ein leichtes gewesen zu sehen, dass das Geld bei FORCE im persönlichen Konto bei seiner Firma CampBX ankam. Auch war es zeitlich passend zum Eintrag des DPR in seinem Tagebuch, dass er die $ 100’000 an French Maid bezahlt hätte. Wie oben dargelegt hat die Zahlung in vier Stücken stattgefunden. Vierzehn Tage späte, also am 29\. September 2013 kam das Geld dann im Konto von *French Maid* an. Circa 600 der 770 BTC hat FORCE bi November 2013 in sein Bitcoinkonto bei Bitstamp übertragen können. Der Bitstamp Account war sogar mit seiner wahren Identität registriert worden. Seine wahre Anschrift, sein Namen, eMailadresse und Geburtsdatum, sowie seiner Bankverbidung stellten die Ermittler nun fest. Er hat bereits Er transformierte so hunderttausende Dollar von Bitcoin in Dollar.
Durch seine Angabe der wahren Identität bei Bitstamp konnte die Staatsanwaltschaft ihm sämtliche Geldeingänge nachweisen und diese leicht zu ihm verfolgen. Die Mail die er an Bitstamp schickte um seinen Account freizugeben, in der er darlegte, dass er DEA Agent sei und den Account dienstlich nutzen wolle, wurde ihm ebenfalls zum Fallstrick. Er sandte die Mail an einem Samstagabend – es war der 19\. April 2014\. Zu dieser Zeit arbeiten DEA Ermittler normaler weise nicht. Außerdem schickte er die Nachrichten nicht vom DEA Mailaccount, sondern von seinem Privaten.
Die Staatsanwaltschaft wurde natürlich auf seine überraschend sehr stark verbesserte Finanzlage aufmerksam. Vor seinen Ermittlungen gegen die *Silk Road* betrug sein Kontostand ungefähr *$ 250’000*. Im Mai 2014 jedoch betrug sein Kontostand circa **$ 776’000**. Dies ist eine direkte Folge des Auscashens / der Liquidation seiner Bitcoins, so folgert die Staatsanwaltschaft im Verfahren gegen FORCE. Am 17\. Februar 2012 begannen die Ermittlungen der *Silk Road Task Frorce* der DEA in Baltimore. Im Zeitraum 2013 bis 2014 hatten sich die Zahlungseingänge bei FORCE drastisch erhöht und die Staatsanwaltschaft ermittelte mehr als $ 776’000 Wert der Bitcoins. Allein bei Bitstamp betrug sein Auszahlungsvolumen $ 518’000\. Bei *Coinbase* betrug das Auszahlungsvolumen $ 118’000\. Außerdem bezahlte er neben seinem $ 110’000 Investment bei CoinMKT einen Kredit in Höhe von $ 22’000 ab. Am 2\. Dezember 2013 zahlte er seine Hypothek in voller Höhe von etwa $ 130’000 ab. Am 18\. Februar 2014 investierte er $ 15’000 in drei Grundstücke mit einem Gesamtwert von über 1 Mio. Dollar.
Am 8\. Mai 2014 erfuhr er vermutlich von den Ermittlungen gegen ihn und überwies $ 235’000 auf ein Offshore-Konto in Panama. Dieses Konto gehörte zu einer Bitcoin Börse, die nicht von den US Finanzbehören als Ort der Geldwäsche gelistet war – also nicht überwacht wurde. Dieses Geld stammt zu großen Teilen aus illegalen Aktivitäten, wie die Staatsanwaltschaft vermutet. Von Juni bis September 2014 überwies er zehntausende Dollar. Unter anderem für Franchise-Anteile und verschiedene Onlinehandelsplätze für Bitcoins und andere Finanzprodukte. Am 7\. Mai 2014 eröffnete FORCE ein Bankkonto bei der [*Gardener Bank*](https://gardnerbank.com/?ref=patrick-pehl.de) im Namen der [Engedi LLC](http://carl-41044.logogarden.com/?ref=patrick-pehl.de). Dies war eine Firma, die mittlerweile geschlossen ist und Carl Force eröffnete. Er zahlte 20 Tage später mittels Scheck $ 8’000 auf das Konto ein und am 28\. Juli 2014 zahlte er $ 93’000 auf das *Engedi* Konto ein. Beide Zahlungen wies er von seinem privaten Konto bei der *M&T Bank* an.
Die Staatsanwaltschaft wirft FORCE außerdem vor, dass er die legitimen Ermittlungen der *Silk Road Task Force* in Baltimore behinderte um seine eigenen Interessen durchzusetzen. Die Ziele der Task Force waren die *Silk Road* zu lokalisieren und *DPR* zu enttarnen und *Dread Pirate Roberts*, sowie andere *Silk Road* Nutzer zu verhaften.
*Anmerkung:*
*In diesem Artikel verwende ich das Pseudonym „DPR“ statt Ross Ulbricht, da zurzeit nicht davon ausgegangen werden kann, dass zur fraglichen Zeit wirklich Ross Ulbricht hinter dem Pseudonym des Silk Road Betreibers stand. Das Pseudonym wurde offenbar von mehreren Akteuren hinter der Silk Road genutzt.*